Die vie­len Ge­sich­ter der Fo­to­gra­fie

Elf zeit­ge­nös­si­sche fo­to­gra­fi­sche Po­si­tio­nen im Dresd­ner Rat­haus

Dresdner Neueste Nachrichten - - Kultur / Bühne Dresden - VON TE­RE­SA EN­DE Aus­stel­lung „Ge­sich­ter in der Stadt – Fo­to­gra­fie“. bis 28. Sep­tem­ber in der Ga­le­rie 2. Stock im Dresd­ner Rat­haus, Dr.-külz-ring 19, ge­öff­net Mon­tag bis Frei­tag, au­ßer an Fei­er­ta­gen, 9 bis 18 Uhr

Ein fo­to­gra­fi­sches Por­trät ist im­mer das Por­trät von min­des­tens zwei Men­schen in ih­rer Zeit: Die Re­ak­ti­on des Fo­to­gra­fen auf die Per­son vor der Ka­me­ra und die Re­ak­ti­on der Per­son auf die­sen Pro­zess. So be­schreibt der deut­sche Fo­to­graf Wolf­gang Till­mans den dua­len Cha­rak­ter von Por­trät­fo­to­gra­fie, der sich der­zeit auch ei­ne Aus­stel­lung in der Ga­le­rie 2. Stock im Dresd­ner Rat­haus wid­met. Ge­zeigt wer­den fo­to­gra­fi­sche Ar­bei­ten von elf zeit­ge­nös­si­schen Dresd­ner Künst­le­rin­nen, die sich mit den Mög­lich­kei­ten und Gren­zen fo­to­gra­fi­scher Men­schen­dar­stel­lung aus­ein­an­der­set­zen.

Die Aus­stel­lung be­schließt die Rei­he „Ge­sich­ter in der Stadt“des Ver­eins Freie Aka­de­mie Kunst+bau. Nach Gra­fik und Ma­le­rei in den bei­den vor­an­ge­gan­ge­nen Ex­po­si­tio­nen sind nun aus­schließ­lich Fo­to­gra­fi­en zu se­hen, so­wohl ana­lo­ge als auch di­gi­ta­le Bil­der. Ob­wohl mehr­heit­lich schwarz-weiß, ver­mit­teln sie ein bun­tes Bild ei­ner Stadt und un­se­rer Ge­sell­schaft ins­ge­samt. Schließ­lich sind die be­tei­lig­ten Künst­ler un­ter­schied­li­cher Ge­ne­ra­tio­nen und Prä­gun­gen, die un­ter­schied­li­che Aus­drucks- und Stil­mit­tel ver­wen­den, um Men­schen un­ter­schied­li­chen Al­ters, Be­rufs, Ge­schlechts und Hin­ter­grunds zu zei­gen.

My­thos der un­be­stech­li­chen Wie­der­ga­be

Por­träts wer­den bis heu­te als Mit­tel der Iden­ti­täts­fest­stel­lung mit Ver­tre­tungs­an­spruch ge­nutzt. Gleich­wohl ist ein Por­trät stets ver­bun­den mit be­stimm­ten In­ter­es­sen und In­ter­pre­ta­tio­nen, auf Sei­ten des Mo­dells wie auch des Schöp­fers. Die­ses Span­nungs­ver­hält­nis von Rea­li­tät, Fik­ti­on und Ab-bild ent­fal­tet sich beim fo­to­gra­fi­schen Por­trät in poin­tier­ter Form: Schließ­lich trägt ei­ne Fo­to­gra­fie als Licht-ab­druck den My­thos der un­be­stech­li­chen Wie­der­ga­be der Welt und des Ge­gen­übers im­mer mit sich, ob­wohl wir uns ih­rer Ge­macht­heit und Ma­ni­pu­lier­bar­keit be­wusst sein soll­ten.

Dies gilt erst recht im Zeit­al­ter di­gi­ta­ler (Sel­fie-)bil­der, in dem die neu­en tech­ni­schen und me­dia­len Mög­lich­kei­ten die Vor­stel­lung da­von, was ein Por­trät ist, tief­grei­fend ver­än­dern. Da­her ist „Ge­sich­ter in der Stadt“nicht nur als Ein­blick in das fo­to­gra­fi­sche Schaf­fen der elf Be­tei­lig­ten zu ver­ste­hen, son­dern regt zum Nach­den­ken über das Me­di­um Fo­to­gra­fie und den Por­trät­be­griff an.

Das Por­trät ist bis heu­te ei­ne der we­sent­lichs­ten künst­le­ri­schen Auf­ga­ben. Ein kon­stan­tes Mo­tiv al­ler Por­trät­dar­stel­lung ist der Me­mo­ri­al­as­pekt, al­so der Wunsch nach dau­er­haf­ter Fi­xie­rung der Ge­gen­wart ei­ner Per­son. Dem Me­mo­ri­al­ge­dan­ken kön­nen wir uns nicht ent­zie­hen bei Por­träts in­zwi­schen Ver­stor­be­ner, wie Günter Star­kes Halb­fi­gu­ren­bild­nis des kürz­lich ver­stor­be­nen A. R. Penck in der Aus­stel­lung. Da­ne­ben zeigt Star­ke un­ter an­de­rem das Dop­pel­por­trät ei­nes Ge­schwis­ter­paars: zwei kon­trä­re Per­sön­lich­kei­ten, die zu­gleich tief ver­bun­den sind.

Chris­ti­ne Star­ke prä­sen­tiert Ar­bei­ten aus der Se­rie „Ge­ne­ra­tio­nen“, in der sie in Grup­pen­por­träts den fa­mi­liä­ren Bin­dun­gen und da­mit der Ver­or­tung des Ein­zel­nen nach­geht. Wir se­hen ei­nen jun­gen Va­ter mit Ba­by auf dem Arm, El­tern mit ih­ren her­an­wach­sen­den oder selbst schon er­wach­se­nen Kin­dern. An­ders als bei Fa­mi­li­en­bil­dern, die wir aus der äl­te­ren Ma­le­rei ken­nen, ver­zich­tet die Fo­to­gra­fin auf die Re­prä­sen­ta­ti­on des so­zia­len Sta­tus und kon­zen­triert sich al­lein auf die Men­schen in ih­ren Be­zie­hun­gen zu­ein­an­der.

Da­mit ist das The­ma der Le­bens­al­ter im Por­trät auf­ge­ru­fen, dem sich auch Ga­b­rie­le Seitz wid­met. Von ihr sind Al­ter­spor­träts der Re­li­gi­ons­päd­ago­gin Mag­da­le­na Kup­fer (2002) und der Tanz­päd­ago­gin Char­lot­te Loßnit­zer (2014) aus­ge­stellt, aus de­nen zu­gleich Wis­sen und Ge­las­sen­heit spre­chen. Da­ne­ben prä­sen­tiert Seitz zwei Bild­nis­se klei­ner Mäd­chen mit leuch­ten­den Au­gen, de­ren Ti­tel „Asyl I“und „-II“auf das bü­ro­kra­ti­sche Ver­fah­ren ver­wei­sen, das sie durch­lau­fen und das dem in­di­vi­du­el­len Men­schen­schick­sal kaum ge­recht zu wer­den ver­mag.

Il­lu­si­on: Wan­del im Bild fest­hal­ten

Dass der ver­brei­te­te Wunsch, ei­ne stän­dig im Wan­del be­grif­fe­ne Per­son in ih­rer Au­gen­blick­lich­keit im Bild fest­zu­hal­ten, ei­ne Il­lu­si­on blei­ben muss, führt mit ganz an­de­ren Mit­teln Micha­el Me­ler­ski in drei „Ca­put“(lat. Kopf) be­zeich­ne­ten di­gi­ta­len Bild­nis­sen jun­ger Frau­en aus der gleich­na­mi­gen Se­rie von 2012 vor. Durch Über­blen­dung zei­gen sie je­weils meh­re­re An­sich­ten ei­nes Kop­fes, der auf die­se Wei­se wie in Be­we­gung be­grif­fen er­scheint und die Zeit­lich­keit von fo­to­gra­fi­scher Auf­nah­me und dar­ge­stell­tem Sub­jekt zu­gleich un­ter­gräbt und un­ter­streicht.

Die al­te Vor­stel­lung, dass Iden­ti­tät im und durch das Ab­bild äu­ße­rer Zü­ge ge­stif­tet wer­de, hat bis heu­te über­dau­ert, wur­de aber längst durch an­de­re Pa­ra­me­ter, wie das So­zia­le, er­wei­tert. So be­zie­hen sich gleich meh­re­re Künst­ler der Aus­stel­lung auf den Weg­be­rei­ter der mo­der­nen Fo­to­gra­fie mit so­zia­ler Po­si­tio­nie­rung Au­gust San­der und sein Pro­jekt „Men­schen des 20. Jahr­hun­derts“. In ei­nem Ak­tua­li­sie­rungs­ver­such zeigt Mar­tin Her­trampf 15 Por­träts von „Men­schen im 21. Jahr­hun­dert“, die vom Kind über Haus­frau, Bau­er, Schmied bis zum Dich­ter und Künst­ler rei­chen. Her­trampf stellt sich der Fra­ge, wie aus die­sem Stück vi­su­el­ler Er­in­ne­rungs­schrei­bung ein Zeit­bild ge­ne­riert wer­den kann.

Die acht Fo­to­gra­fi­en von Ka­ren Wei­nert und Tho­mas Bach­ler aus der un­ab­ge­schlos­se­nen Rei­he „Men­schen des 21. Jahr­hun­derts“, dar­un­ter ei­ne ganz neue Ar­beit, ge­hen eben­falls von San­ders Mo­nu­men­tal­werk aus. Al­ler­dings of­fen­ba­ren be­reits die Ti­tel, wie „Be­rufs­de­mons­tran­tin“, „Pla­gia­tor_in“und „To­tal­aus­stei­ger“, dass es hier jen­seits von Be­ru­fen vor al­lem um das Ver­hält­nis von mensch­li­chem Han­deln und der Iden­ti­fi­ka­ti­on da­mit geht.

Luc Saal­feld ist mit fünf Fo­to­gra­fi­en ver­tre­ten. Dar­un­ter sind Iden­ti­fi­ka­ti­ons­bil­der, die die Por­trä­tier­ten mit ih­rer Pas­si­on und den für sie be­stim­men­den Tä­tig­kei­ten zei­gen, um sie in mehr­fa­cher Hin­sicht „tref­fend“dar­zu­stel­len. So wird der Kunst­samm­ler Eg­idio Mar­zo­na (2010) um­ge­ben von Bü­chern beim auf­merk­sa­men Stu­die­ren von Ex­po­na­ten aus sei­ner Samm­lung ge­zeigt. Der Por­trä­tier­te scheint den Foto- gra­fen über­haupt nicht zu be­mer­ken, so ver­tieft ist er. Sein Werk – die Samm­lung – steht für die Per­son des Por­trä­tier­ten.

Fol­ker Fuchs wie­der­um spielt in aus­ge­klü­gel­ten, von geo­me­tri­schen For­men do­mi­nier­ten Kom­po­si­tio­nen mit den To­poi von Be­rufs­dar­stel­lun­gen, et­wa wenn die „An­wäl­tin“mit him­meln­dem Blick halb im Licht, halb im Schat­ten steht oder sich der „Künst­ler“im Ate­lier ein gro­ßes Bild vors Ge­sicht hält, so dass Ant­litz und Per­so­na des Künst­lers hin­ter dem Werk ver­schwin­den bzw. mit­ein­an­der ver­schmel­zen.

Auch (Selbst-)ins­ze­nie­rung klingt an

Das The­ma der (Selbst-)ins­ze­nie­rung, das hier be­reits an­klingt, ist für die Ar­bei­ten der fol­gen­den Künst­ler auf un­ter­schied­li­che Wei­se be­stim­mend: Frank Höh­ler prä­sen­tiert zehn Bil­der aus der farb­fo­to­gra­fi­schen Se­rie „Me­di­clowns“von 2008/09. Dar­in wer­den die Mo­del­le je­weils ein­mal in All­tags­klei­dung, ein­mal als Clowns ver­klei­det ge­zeigt, was zum ei­nen auf die Rol­len ver­weist, die wir al­le spie­len, zum an­de­ren auf die Un­mög­lich­keit, ei­ne Per­son im fo­to­gra­fi­schen Bild ad­äquat ab­zu­bil­den.

Ro­bert Va­nis stellt zwei Wer­ke aus, dar­un­ter „Fei­er­abend“von 2014, ei­ne bis­lang un­ver­öf­fent­lich­te Ar­beit. In sei­nem Ge­brauch von Klei­dung, Ku­lis­se, Spie­ge­lung und Über­blen­dung schei­nen sich die Darstel­lungs­ebe­nen hier zu ei­ner un­ent- scheid­ba­ren Mi­schung aus Set­fo­to, Film­still, Per­si­fla­ge oder Traum­se­quenz zu ver­bin­den.

Mit an­de­rer In­ten­ti­on treibt Sa­rah See­fried die Ins­ze­nie­rung auf die Spit­ze: Ih­re fünf groß­for­ma­ti­gen Bil­der aus der „En­ti­tä­ten“be­ti­tel­ten Rei­he brin­gen rät­sel­haf­te, der Kunst­ge­schich­te ver­pflich­te­te Darstel­lungs­ty­pen in Über­schär­fe mit der Tra­di­ti­ons­li­nie in­sze­nier­ter Fo­to­gra­fie zu­sam­men. Be­reits die zwei­tei­li­gen Ti­tel, wie „Apoll oder die Schlach­tung des mut­wil­li­gen Re­zen­sen­ten“, ver­wei­sen auf die in­ten­dier­te Mehr­deu­tig­keit jen­seits klas­si­scher Por­träts.

Das fo­to­gra­fi­sche Ab­bild in sei­nen höchst un­ter­schied­li­chen For­men kann der Kom­ple­xi­tät ei­ner Per­son nicht ge­recht wer­den, und das muss es auch nicht. Das Por­trät­bild steht für sich und wird doch, zu­mal als Teil ei­ner Aus­stel­lung, stets im Ver­bund mit an­de­ren, ei­ge­nen und frem­den Bil­dern wahr­ge­nom­men. In der Zu­sam­men­schau erst kann das ein­zel­ne Por­trät den An­spruch er­he­ben, zu­min­dest ei­ne Ah­nung von der Viel­falt der Welt zu ge­ben.

Fo­tos/col­la­ge: Stadt Dres­den

Aus­wahl aus den in der Ga­le­rie 2. Stock ge­zeig­ten Fo­to­gra­fi­en.

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