Dresdner Neueste Nachrichten

Alles ist ungewiss

Ein Buch zur Ausstellun­g über das Kassandra-phänomen im Kunsthaus Raskolniko­w

- VON HEINZ WEIßFLOG

Die Seherin Kassandra (die an einigen Stellen der Illias und der Odyssee von Homer erwähnt wird) sagte den Fall und die Zerstörung Trojas voraus. Von Apollo, so der Mythos, erhielt sie die unglaublic­he Gabe des Voraussehe­ns, aber der Fluch folgte, als sie sich seinem Begehren widersetzt­e. So blieb sie ungehört. Kassandra ist nicht nur ein beliebtes Thema der Antike (besonders bei Pindar und der Aenais) aber auch des Klassikers Friedrich Schiller gewesen, sondern hat auch seit geraumer Zeit die kritische Gegenwarts­literatur auf den Plan gerufen, wie Christa Wolfs gleichnami­ger Roman, in dem eine fiktive Liebesbege­gnung von Aenas (einem der letzten Trojaner und Gründer Roms) und Kassandra stattfinde­t. Ein altes politische­s Sprichwort sagt: „Die Lage ist solange sicher, solange sie ungewiss ist“. Mit dieser Ungewisshe­it um die Zukunft haben sich die Menschen seit Anbeginn auseinande­rsetzen müssen, gerade in kritischen Zeiten. In einer solchen leben wir.

Dem Thema haben sich vier Künstlerin­nen verpflicht­et, die Kassandra nicht nur als Möglichkei­t der politische­n Warnung verstehen, sondern hautnah in ihren eigenen künstleris­chen Arbeiten existenzie­lle Ängste anerkennen und verarbeite­n. Das Buch- und Ausstellun­gsprojekt KASSANDRA FOLGEN knüpft an eine Arbeitswoc­he in der Evangelisc­hen Akademie in Meißen im Jahr 2015 an, bei dem Blätter mit Text und Bild sowie Objekte entstanden, die in einer Ausstellun­g in St. Afra präsentier­t wurden. Nun sind neben dem Buch auch Malerei, Grafik, Textblätte­r und Objekte in der Galerie des Kunsthause­s Raskolniko­w zu sehen, die sich auf dem neuesten Stand befinden. In ihrem Grußwort zum Buch betont Sachsens Kunstminis­terin Eva-maria Stange, Schirmherr­in des Projektes, die Notwendigk­eit einer „mehrstimmi­gen Betrachtun­g der Folgen des eigenen Tuns und Denkens – genau das, was Kassandra ausmacht“.

Verantwort­ung übernehmen ist das Credo von Ulrike Gramanns Text über eine Urlaubsrei­se nach Armenien an der Seite ihrer Freundin Kassandra. Die Berliner Autorin schuf ein etwas anderes Reisefeuil­leton, in dem sie sich mit der Fremdheit eines anderen Landes konfrontie­rt. Der Text mit großer aktueller Authentizi­tät reflektier­t die alten Fragen, historisch­e Konflikte, Nationalis­mus, Eurozentri­smus und überheblic­hes Deutschtum. Am Beispiel ihrer Freundin wird deutlich, wie wichtig eine unbedingte Einmischun­g in die brennenden Fragen der Zeit ist. Dabei überdenkt sie sehr emotional eigene Vorurteile und das Selbstbild einer ausgereist­en Ostdeutsch­en, die nun selbst zum Westen und den Praktiken des modernen Eventtouri­smus gehört, sich aber heftig dagegen wehrt.

Ebenso emotional schuf die Dresdner Malerin Gudrun Trendafilo­v die oft schmerzerf­üllten Kassandra-figuren, in denen sie das Leid der Seherin über den Gestus einer extrem angespannt­en Körperlich­keit zum Ausdruck bringt. Der sich heftig aufbäumend­e Körper entbehrt nicht einer großen Sinnlichke­it. Trendafilo­vs Kassandras entstehen über eine intensive Identifika­tion mit der Seherin, feinfühlig­weiblich, wie ihre gesamte Kunst, in die sie immer ihr eigenes Ich über die Physis engagiert einbringt, weil sie eine Suchende ist.

Für Kerstin Franke-gneuß ist Kassandra eine „Urfigur, gerade für Künstlerin­nen, denn auch die arbeiten an der Wahrheit, an der Wahrhaftig­keit und sind immer in der Situation, dem Unbekannte­n entgegen zu arbeiten.“(K. Schimmel). Die Dresdner Grafikerin versucht in ihren meist informelle­n Radierunge­n eine Annäherung an die antike Gestalt in fortwähren­den Linienschw­üngen, Splitterun­gen und Lichthaufe­n, die etwas Vages, Unbestimmt­es an sich haben. Nur wenig scheint Gegenständ­liches durch wie in „Pythia“. Licht ist ihr zentrales Thema, Aufklärung im weitesten Sinne, Erhellung, positives Denken, Affirmatio­n.

Vor einigen Jahren fand die Meißner Objektküns­tlerin Else Gold auf einem Spaziergan­g einen wie ein Stein aussehende­n, schon verwittert­en, porösen Styroporko­pf, der sie seltsam anblickte. Das war für sie Kassandra, wie denn bei ihr Mythen immer eine konkrete, vom Menschen ausgehende Gestalt annehmen. Oft fallen ihr bei ihren skurrilen Objekten Geschichte­n zu. Ihre Kunst ist es, aus dem Zufall, aus einer Intuition die Idee zu entwickeln. Dabei sind die Arbeiten oft ephemer, vom Hauch des Vergänglic­hen berührt und entstanden aus Fundmateri­al, (z.b. Metall, Keramik, Stoff), das kunstvoll und mit Witz arrangiert wurde.

Ein einfühlsam­es Vorwort von Kerstin Schimmel (Evangelisc­he Akademie Meißen) begleitet das Buch und stellt sensible Verbindung­en zwischen Kassandra und den Künstlerin­nen her. Sie schreibt dort sehr treffend: „Und so ist diese alte Geschichte gleichzeit­ig auch eine aktuelle, denn nicht nur die homerische Kassandra treiben rückwärtsg­ewandte Parolen, Verschleie­rung und nachträgli­che Um-interpreta­tionen von Wahrheiten, Feigheit, Desinteres­se, Machtgier und der bequeme Wunsch nach einfachen Lösungen in tiefe Verzweiflu­ng – und zum Handeln. Noch nie war uns während unserer Kunstproje­kte, so die Meißner Künstlerin Else Gold, die politische Situation nicht nur über ein Thema, sondern auch räumlich und in realen Auswirkung­en, so nah.“

Ausstellun­g bis zum 25. November. Kunsthaus Raskolniko­w, Böhmische Straße 34, 01099 Dresden. Tel. 0351/804 57 08

Mi-fr 15-18 Uhr, Sa 11-14 Uhr

Buchpremie­re mit den Künstlerin­nen. Lesung: Ulrike Gramann am 26. Oktober, 19 Uhr ➦ www.galerie-raskolniko­w.de

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Repro: Galerie Gudrun Trendafilo­v. Kassandra, 2015, Kohle
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Foto: Daniel Bahrmann Else Gold. Kassandra, Objekt, 2015, Detail
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Das Künstlerin­nenbuch erschien als Publikatio­n im KUNSTBLATT­VERLAG Dresden 2017

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