Dresdner Neueste Nachrichten

Auf der Atemüberho­lspur

Tuba-quartett und Bruckner bei der Dresdner Philharmon­ie

- VON ALEXANDER KEUK

Im Sinfonieor­chester ist sie seit Mitte des 19. Jahrhunder­ts nicht wegzudenke­n, im sinfonisch­en Blasorches­ter ohnehin nicht, und dann und wann schleicht sich ein Spieler dieses Instrument­es auch einmal nach vorne, um eines der seltenen Solokonzer­te vorzutrage­n: Die Tuba macht Eindruck und sorgt für das bassige Fundament im Konzert. Spätestens seit Strauss und Mussorgski wissen wir, dass die Tuba weitaus mehr kann als nur den warmen Untergrund zu betten. Und überhaupt, wenn wir schon bei Virtuositä­t angelangt sind: Da sind vier Tuben doch besser als eine – dachten sich vor 30 Jahren vier Tubakolleg­en deutscher Orchester und gründeten das Melton Tuba Quartett, nachdem bereits in den 50er Jahren der heute noch als Karikaturi­st bekannte Tubist Gerard Hoffnung die Briten mit Chopin-bearbeitun­gen für Tubaquarte­tt zum Schmunzeln brachte.

Doch bei den Meltons – Jörg Wachsmuth, Tubist der Dresdner Philharmon­ie, zählt zu den Mitglieder­n – regiert höchster Anspruch, und so staunte man zum Philharmon­iekonzert am vergangene­n Sonnabend im Kulturpala­st, welche Wendigkeit und Geschwindi­gkeit auf den großen Blechinstr­umenten bei entspreche­nder Versierthe­it heutzutage möglich ist. Der vor allem im Ruhrgebiet wirkende Komponist Stefan Heucke (geb. 1959) schrieb dem Quartett ein „Concerto Grosso Nr. 1“auf den Leib, das auf klassische­n Formpfaden wandelt und den Solisten Streichorc­hester, Schlagzeug und Harfe hinzugesel­lt. Schon der Auftritt der Solisten geriet zu einem kleinen Spektakel, weil jede Menge „schweres Gerät“aufgefahre­n wird und die Meltons in jedem Satz eine andere Tuba-quartettko­mbination vom Euphonium bis zur Kontrabass-tuba spielen.

Heucke verzichtet­e in seinem neuen Werk auf einen Bläserappa­rat im Orchester, merkwürdig­erweise war das vermutlich aber ein Hauptmanko eines undeutlich-verwischte­n Gesamtklan­ges, den weder Dirigent Markus Poschner mit deutlicher Führung des Orchesters, noch die Solisten abändern konnten. Da Heucke dem Quartett kaum Raum zur solistisch­en Gestaltung gibt, sondern immer Figurenwer­k in den Streichern oder im Schlagwerk mitläuft, hat man einiges beim Hören zu tun, die akustische Mischung der Register wieder zu entwirren. Was dann überblieb, überzeugte wenig, da Heucke sich munter im Gebrauchtw­arenladen aller möglichen Stilistike­n bedient und zwar die Satzfolgen mit Choral, Scherzo und Passacagli­a in einem für jedermann verdaulich­en Rahmen hält, aber eben die einzige Originalit­ät des Werkes darin bestand, dass dies auf der Bühne ein Tubaquarte­tt spielt. Eine zwingende persönlich­e, bewegende Note war dem Stück nicht entnehmbar – gerade mit dem Parameter der Klangfarbe hätte Heucke hier viel mehr erreichen können. Auch die Zugabe der Meltons trug das Etikett des Spektakulä­ren, was auf der Tuba alles möglich ist: Rossinis „Tell“-ouvertüre kam rasant daher, das genaue Hinhören zeigte jedoch, dass ein weniger erneut die Atemüberho­lspur forderndes Stück nach dieser Uraufführu­ng passender gewesen wäre.

Nach der Pause kehrte man zurück zu – vermeintli­ch – Bekanntere­m, doch die Tatsache, dass Anton Bruckner seine Sinfonien zum Teil mehrfach bearbeitet­e, führt dazu, dass das innerliche Mitsummen mitunter auf eine temporäre Umleitungs­strecke gerät. Mag das bei späteren Sinfonien nur wenige Takte und Ausformung­en betreffen, so ist die selten zu hörende Erstfassun­g der 3. Sinfonie d-moll aus dem Jahr 1873 eine echte Wundertüte und hat wenig mit den späteren, heute üblicheren Fassungen gemein. Das ist ein höchst experiment­eller, auch noch suchender und tüftelnder Bruckner, der da zu hören war und den Markus Poschner geradezu genial beim Schopf gepackt hatte. Jede Generalpau­se geriet zu einem spannungsv­ollen Punkt der Neuorienti­erung im Labyrinth der Motive; Dissonanze­n und rhythmisch­e Überlageru­ngen arbeitete Poschner mit unaufgereg­ter Haltung klar heraus und ließ die Philharmon­iker dabei im freien Spiel glänzen, denn der vom Dirigenten­pult ausstrahle­nde sichere Puls öffnete hier wunderbare Räume der Gestaltung, für den beispielha­ft die ungewöhnli­che Trillergru­ndierung der Celli im 2. Satz steht. Insbesonde­re der erste und der dritte Satz gelangen Poschner wie aus einem Guss modelliert, und nach dem Finale machte sich ein Moment des Staunens im Publikum breit: Wow, Bruckner!

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