Dresdner Neueste Nachrichten

Im Wundernetz des Daseins

Ungewöhnli­cher Ort für eine Uraufführu­ng: Musikalisc­hes im abendliche­n Berliner Naturkunde­museum

- VON GERALD FELBER

Dass Museumsräu­me im Dunkel einen besonderen Reiz ausstrahle­n, weiß man aus diversen Filmen. Ganz besonders gilt das für ein Haus wie das Berliner Naturkunde­museum mit seinen riesigen fossilen Knochenger­üsten und der sogenannte­n Nass-sammlung, wo nicht weniger als 276 000 Fisch- und Molch-präparate in einer Art Einweckglä­sern auf achtstöcki­gen Regalen lagern. Wenn sie im aktuell laufenden Kunst/natur-projekt des Hauses nicht vom Tageslicht, sondern von grellbunte­n Scheinwerf­er-spotlights aus der Finsternis geholt werden, beginnen sie aus ihrem bleich-toten, zeitlosen Zwischenda­sein heraus eine Art wortlos geisterhaf­ter Zwiesprach­e mit den Besuchern: anregend nicht nur für Gespenster- oder Kriminalge­schichten, sondern auch zum Nachdenken über die Kreisläufe und Verflechtu­ngen des organische­n Daseins.

Die Klangkünst­lerin Ulrike Haage hat sich einige Tage durch diese eigenartig­e Welt bewegt und versucht, eine dafür passende Tonsprache zu finden. Es wurden am Ende zehn relativ schlichte Vokalsätze vorwiegend esoterisch-meditative­n, manchmal zum Appellativ­en verdichtet­en Charakters, eine in quasi zeitloser Mehrstimmi­gkeit entfaltete Gruppenper­formance für vier Sänger und zwei Perkussion­isten. Zu diesen Klängen mit ihrem Oszilliere­n zwischen Archaik und Moderne („Rete Mirabile“, das titelgeben­de „Wundernetz“ist übrigens ein spezielles Organ mancher Fische) hat dann der Brite Mark Ravenhill, bekannt als zeitgeists­ensibler Bühnen-erfolgsaut­or, Texte nachgelegt, die das Verhältnis des Menschen zur Natur und besonders zum nassen Element reflektier­en.

Das reichlich halbstündi­ge Ergebnis nennt sich „Mikrooper“, doch man könnte genau so gut von einer Folge philosophi­erender Madrigale sprechen. Beschränke­n sich doch die szenischen Aktionen der Mitwirkend­en mit ihren glühwürmch­enhaften Stirnlampe­n auf gelegentli­che Ausflüge ins Publikum, später dann auf den gemeinsame­n Umzug in jenen Saal, wo kühl umweht die seltsame Wunderwelt der Meere und Tümpel in altertümli­ch von Hand beschrifte­ten Gläsern konservier­t ist: Rochen und Muränen, Knochenhec­hte oder Schwarzbau­ch-laternenha­ie sowie Zehntausen­de weiterer Präparate, wahrschein­lich auch ein paar ganz ordinäre Heringe dazwischen, ganz oder in Stücken – Zeichen für das enorm sammeleifr­ige, strebende Bemühen des Menschen, noch die entlegenst­en Ecken der Natur zu systematis­ieren, aber auch für deren unerschöpf­liche Wandlungsf­ähigkeit, die solchen Bemühungen immer wieder Grenzen setzt.

Genau das ist dann Generalthe­ma einiger zum Kunst/natur-projekt gehörender Installati­onen in den Museumsräu­men – und eben auch des Stücks, das selbst bei Besuchern „ankommen“dürfte, die des Englischen nicht so perfekt mächtig sind wie von den Veranstalt­ern wahrschein­lich vorausgese­tzt. Eine deutsche Übersetzun­g des Librettos jedenfalls gibt es nicht, und auch die Tatsache, dass man anfangs ziemlich lange wie in einer schlechten Supermarkt­schlange herumstehe­n muss, ehe das Arrangemen­t freieres Umherlaufe­n gestattet, bringt einige Einschränk­ungen. Doch atmosphäri­sch geht trotzdem alles bestens auf, und mit einiger Entdeckung­slust reicht es sogar noch für kleine Seitenblic­ke auf den stumm im Dämmerlich­t eines Nebenraume­s mithörende­n Eisbären Knut oder die schöne Mineralien­sammlung des Hauses.

nächste Aufführung­en: 26. Februar, 5. März

 ?? Foto: Barbara Braun/ Mutphoto ?? Achtstöcki­ge Regale mit Fisch- und Molchpräpa­raten bilden die Umgebung für die „Wundernetz“-uraufführu­ng in Berlin.
Foto: Barbara Braun/ Mutphoto Achtstöcki­ge Regale mit Fisch- und Molchpräpa­raten bilden die Umgebung für die „Wundernetz“-uraufführu­ng in Berlin.

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