Ge­gen die ei­ge­ne Ge­brech­lich­keit

Die Show „The Bar at Bue­na Vis­ta“be­schwor im Kul­tur­pa­last die gol­de­ne Ära ku­ba­ni­scher Mu­sik

Dresdner Neueste Nachrichten - - BÜHNE DRESDEN - VON CHRIS­TI­AN RUF

Com­pay Se­gun­do, Ru­bén Gon­zaléz, Ibra­him Fer­rer – so nach und nach reih­te sich in der Ver­gan­gen­heit Nach­ruf an Nach­ruf, war der Bue­na Vis­ta So­ci­al Club ein Club oh­ne noch le­ben­de Mit­glie­der. Aber sie­he da, es fan­den sich im­mer noch ein paar Mu­si­ker auf Kuba, die die gro­ße Zeit der hei­mi­schen Mu­sik mit­er­lebt ha­ben und nun auf ih­re al­ten Ta­ge noch­mal zei­gen dür­fen, was sie so drauf ha­ben.

Das Gros der Ak­teu­re der Show „The Bar at Bue­na Vis­ta“, die am Mon­tag­abend im Kul­tur­pa­last zu er­le­ben war, hat auch schon et­li­che Jähr­chen auf dem Bu­ckel. Auch in die­sem Fall ist das Al­ter vie­ler Ak­teu­re das ent­schei­den­de Mar­ken­zei­chen. Da wä­re et­wa Sän­ger Re­ne Pé­rez Az­cuy, ge­bo­ren 1940, Sän­ger Ig­na­cio „Ma­za­cote“Car­ril­lo, Jahr­gang 1924, der vor al­lem mit der Rum­ba auf Du und Du ste­hen­de Tän­zer Lu­is Chacón Men­di­ve, Jahr­gang 1932, oder auch die mit ei­ner macht­vol­len wie rau­chig-le­bens­in­ni­gen Stim­me ge­seg­ne­te Di­va Sio­ma­ra Air­lia Val­dés Le­scay, über de­ren Al­ter im Pro­gramm­heft nichts ver­ra­ten wird – et­was mehr als 29 an Jah­ren wer­den es wohl sein. Die Her­ren sind per­fekt ge­klei­det, ganz Gen­tlemn der al­ten Schu­le, in­klu­si­ve Ja­ckett, Kra­wat­te und Hut.

Laut Pro­gramm­heft geht es zu­rück in die „gol­de­ne Ära ku­ba­ni­scher Mu­sik“, in ei­ne Zeit al­so, in der der So­zia­lis­mus sich al­len­falls als Sil­ber­streif am Ho­ri­zont ab­zeich­ne­te. Freun­de der Rum­ba, des Son, des Mam­bo so­wie ka­ri­bi­scher Klän­ge wie zeit­ge­mä­ßer Jazz-har­mo­ni­en kom­men bei die­ser Zei­t­rei­se in die Vier­zi­ger und Fünf­zi­ger des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts auf ih­re Kos­ten. Die lin­ke Sei­te der Büh­ne zeigt das Am­bi­en­te ei­ner ku­ba­ni­schen Kn­ei­pe, in der fla­schen­tech­nisch mehr zu be­kom­men wä­re als die Tou­ri-brau­se Mo­ji­to; rechts agie­ren die Mu­si­ker (wo­bei vor al­lem Trom­pe­ter El­pidio Ch­ap­pot­tin Del­ga­do un­glaub­lich gut ist); über al­lem liegt Zi­gar­ren­rauch in der Luft.

Die Tanz­ein­la­gen sind recht be­acht­lich, zum Teil mit Fi­gu­ren, die man viel­leicht beim Eis­kunst­lauf ver­mu­tet, aber nicht auf der Büh­ne, wo­bei es hier die Her­ren sind, die sich lang ma­chen. Vor al­lem Tän­zer Eric Tur­ro Mar­tí­nez, schon mal gern als „Hur­ri­ca­ne del Ca­ri­be“apo­stro­phiert, weiß, wie ei­ne flot­te Soh­le aus­sieht. Ein­mal legt er mit drei jun­gen Tän­ze­rin­nen ei­nen „flot­ten Vie­rer“hin, oder soll man an­ge­sichts der drei „Pferd­chen“, die er da an der „Lei­ne“führt, na­ja, ei­nem Tuch, von ei­nem Troi­ka-ge­spann spre­chen? Hier und da wer­den ein­zel­ne Leu­te aus dem Pu­bli­kum tanz­tech­nisch mit ein­ge­spannt, was bei ei­nem Mann dar­auf hin­aus­läuft, dass er zwar von ei­ner jun­gen La­ti­na ge­lockt wird, es dann aber die rüs­ti­ge Sio­ma­ra Air­lia Val­dés Le­scay ist, die ihm Nach­hil­fe in Sa­chen Schritt­fol­ge er­teilt. Son co­sas que pa­san, sol­che Sa­chen pas­sie­ren, heißt es da wohl im Spa­ni­schen. Als Ent­schä­di­gung wird dem sich wa­cker schla­gen­den „Ale­mán“an­schlie­ßend ein Ge­tränk ser­viert, ein Cu­ba Li­bre, wie ich mal ver­mu­ten wür­de.

Die An­sa­gen er­fol­gen – de fac­to ei­ne Schmach für So­zia­lis­ten wie Na­tio­na­lis­ten – in der Spra­che der Grin­gos: auf Eng­lisch, ei­nem sehr schlech­ten Eng­lisch, um es ge­nau zu neh­men. Über­haupt stellt sich zu­neh­mend bei al­ler Freu­de an der Mu­sik ein un­gu­tes Ge­fühl ein. Man gönnt es ja den Bue­na-vis­ta­ve­te­ra­nen, dass sie mit ein paar nost­al­gi­schen Songs und Tanz­ein­la­gen ge­treu dem Spa­ghet­ti-wes­tern-mot­to „Für ein paar Dol­lar mehr“dank der sich noch leid­lich hal­ten­den Kuba-wel­le auf ih­re al­ten Ta­ge ih­re spär­li­che so­zia­lis­ti­sche Ren­te auf­bes­sern kön­nen, aber manch­mal er­in­nert das auch an Tanz­bä­ren, die am Na­sen­ring durch die Are­na ge­führt wer­den. Wenn er nicht im Fo­kus des Ge­sche­hens steht, dann sitzt Car­ril­lo bei­spiels­wei­se in ei­nem Schau­kel­stuhl, pafft an ei­ner Zi­ga­ret­te wie einst Hel­mut Schmidt auf sei­ne al­ten Ta­ge, und blinkt wie geis­tes­ab­we­send ins Lee­re. Wenn er das Mi­kro hält, dann zit­tert es in sei­ner Hand. Will man Mick Jag­ger oder Bru­ce Springs­teen mal so auf der Büh­ne se­hen? Nein, ganz ent­schie­den nein.

Aber gut, es gibt auch Mo­men­te, da wird sich sei­tens der „Groß­vä­ter“der „Cu­ban Mu­sic“auch schon mal lus­tig ge­macht über die ei­ge­ne Ge­brech­lich­keit. Bei ei­ner Ge­le­gen­heit tut bei­spiels­wei­se Lu­is Chacón Men­di­ve so, als wür­de er ei­nen Geh­stock brau­chen, ver­jüngt sich dann aber ra­pi­de. Den Geh­stock rhyth­misch um­her­schwin­gend, dann weg­wer­fend, ver­trau­te er sei­nen Kör­per ver­son­nen lä­chelnd dem Rhyth­mus an. Gut, die Be­we­gun­gen und Schrit­te sind si­cher­lich we­ni­ger raum­grei­fend als noch in sei­ner Ju­gend, im Ver­gleich zu uns hüft­stei­fen Deut­schen hat er es aber de­fi­ni­tiv noch drauf.

Fo­to: Dietrich Flecht­ner

Re­ne Pé­rez Az­cuy (r.) ge­hört mit sei­nen 77 Jah­ren noch zu den „jün­ge­ren Ei­sen“auf der Büh­ne.

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