Im­mer ganz Bos­tridge und ganz Schu­bert

„Win­ter­rei­se“im Pa­lais Gro­ßer Gar­ten

Dresdner Neueste Nachrichten - - KULTUR - VON MA­REI­LE HANNS

Ei­gent­lich war es wie im­mer: Wenn sich der bri­ti­sche Te­nor Ian Bos­tridge dem Lied­ge­sang wid­met, dann fas­zi­niert und po­la­ri­siert er glei­cher­ma­ßen. Man muss sich drauf ein­las­sen auf sei­ne sehr in­di­vi­du­el­le, äu­ßerst scharf­sin­ni­ge und aus­ge­klü­gel­te Aus­ein­an­der­set­zung ge­ra­de mit Schu­bert und ge­ra­de mit der „Win­ter­rei­se“. Da ist vie­les völ­lig an­ders, als man es ge­wohnt ist. Auch wer Bos­tridge und sei­ne Schu­bert­in­ter­pre­ta­tio­nen zum wie­der­hol­ten Ma­le hört, wird meis­tens über­rascht durch an­de­re ge­stal­te­ri­sche Ak­zen­te, dy­na­mi­sche Va­ri­an­ten, Aus­drucks­fi­nes­sen. Bos­tridge „spielt“mit Klang­far­ben, ist zu­wei­len in der Tem­powahl ziem­lich frei. Doch im­mer zeugt sein An­satz von tie­fer Schu­bert-lie­be und gro­ßer Ehr­furcht vor des­sen Werk, aber eben­so von in­tel­lek­tu­el­ler Durch­drin­gung bis zur letz­ten Phra­se – im­mer ganz Bos­tridge und ganz Schu­bert. Das al­les trifft ge­nau­so auf sein Re­ci­tal wäh­rend der Dresd­ner Mu­sik­fest­spie­le im Pa­lais Gro­ßer Gar­ten zu.

Mit dem Wan­dern griff Franz Schu­bert ei­nes der Lieb­lings­the­men der Ro­man­tik auf, wo­bei das kaum et­was mit fuß­läu­fi­ger Fort­be­we­gung und – im Fal­le der „Win­ter­rei­se“– mit der Jah­res­zeit zu tun hat. Man woll­te Dis­tanz ge­win­nen zum geis­ti­gen und emo­tio­na­len Um­feld, zu den Le­bens­um­stän­den, dem ge­sell­schaft­li­chen Kor­sett der Zeit. Manch­mal ging das für den Wan­de­rer glück­lich aus. Aber manch­mal ging er auch un­ter, schei­ter­te er an Sehn­sucht und Hei­mat­lo­sig­keit. So ging es auch Schu­berts sen­si­blen Wan­de­rer, ei­nem Sinn­bild er­schöpf­ter Trost­lo­sig­keit, ei­nem, der nie ei­ne Chan­ce hat­te (nicht in der Lie­be und nicht bei sei­nen Mit­men­schen) und dem am En­de nicht ein­mal die Er­lö­sung durch den Frei­tod (wie in der „Schö­nen Mül­le­rin“) ge­ge­ben ist. Er war und blieb ein Ge­trie­be­ner.

Ian Bos­tridges Te­nor wirkt nach wie vor schlank, ist ober­ton­reich, bieg­sam oh­ne En­de. Dass die Stim­me im Lau­fe der Jah­re auch dunk­ler und sat­ter ge­wor­den ist, tut sei­nem Vor­trag nur gut. Mit der gan­zen Kraft und Aus­strah­lung (mu­si­ka­lisch wie geis­tig) sei­ner Per­sön­lich­keit ver­tief­te er sich in die schick­sals­schwe­re Wan­de­rung, oft sorg­fäl­tig (aber nicht im­mer) in den De­tails, ef­fekt­voll cre­scen­di aus­kos­tend, eben­so sou­ve­rän im pia­no-be­reich wie im Zau­bern gro­ßer, dra­ma­ti­scher Bö­gen.

Bos­tridge nahm es sehr genau mit den dem Zy­klus in­ne­woh­nen­den Emo­tio­nen. Da nahm die Span­nung am En­de der „Er­star­rung“ge­fan­gen, wirk­te der „Lin­den­baum“al­les an­de­re als an­hei­melnd, son­dern eher fahl und be­ängs­ti­gend. So schnör­kel­los und un­mit­tel­bar ist der Ge­gen­satz zwi­schen se­li­gem Traum und bit­te­rem Er­wa­chen wie hier in die­sem „Früh­lings­traum“sel­ten zu er­le­ben. Manch­mal üb­te sich Bos­tridge in Sar­kas­mus („Die Post“), war die Er­schöp­fung („Ein­sam­keit“, „Wirts­haus“) re­gel­recht greif­bar. Er hör­te sich auf­brau­send an, be­tör­te durch Schön­ge­sang, konn­te aber auch bel­len („Im Dor­fe“) und „lus­tig“klin­gen und zwar so, dass ei­nem das Blut ge­fror („Mut“).

Seit fünf­und­zwan­zig Jah­ren bil­den Ian Bos­tridge und sein Pia­nist Ju­li­us Dra­ke ein „Dream-team“(um de­ren ei­ge­ne Be­schrei­bung auf­zu­grei­fen). Und na­tür­lich wis­sen bei­de nach so lan­ger Zeit, wo die aus­ge­spro­che­nen und die mehr ge­dach­ten, ge­stal­te­ri­schen wie mu­si­ka­li­schen In­ten­tio­nen des an­de­ren lie­gen. Dra­ke war als be­son­ders fle­xi­bler Part­ner zu hö­ren – zu­pa­ckend, mit Sinn für viel­schich­ti­ge Klang­far­ben, aber auch sanft und vor­wärts­trei­ben­de Ak­zen­te set­zend. Das pass­te zu­sam­men, wie man es sich hät­te nicht an­ders vor­stel­len kön­nen.

Das letz­te Lied „Der Lei­er­mann“en­det in ei­ner Lee­re, die auch hier die Hö­rer er­griff und zu­nächst zu gro­ßer Stil­le führ­te, be­vor dann Bei­fall aus­brach. Im Ge­spräch da­nach zeig­ten sich Ian Bos­tridge und Ju­li­us Dra­ke von den Kon­zert­be­su­chern und ih­ren Re­ak­tio­nen sehr an­ge­tan. Und das will bei dem „Win­ter­rei­sen“-ent­wöhn­ten Dresd­ner Pu­bli­kum (man muss sehr lan­ge zu­rück­den­ken, um sich hier an ei­ne gro­ße „Win­ter­rei­se“zu er­in­nern) schon et­was hei­ßen.

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