Asyl­streit es­ka­liert: CSU stellt Ul­ti­ma­tum, Sach­sen­cdu stützt Kurs von See­ho­fer

Kret­sch­mer, Wöl­ler und Kup­fer fa­vo­ri­sie­ren In­nen­mi­nis­ter-plan / Mer­kel lehnt na­tio­na­len Al­lein­gang wei­ter ab

Dresdner Neueste Nachrichten - - ERSTE SEITE - VON CHRIS­TIA­NE JA­CKE UND RO­LAND HEROLD

BERLIN/DRES­DEN. Im er­bit­tert ge­führ­ten Asyl­streit der Uni­on weist die CSU den Vor­schlag von Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU) zu­rück, auf ei­ne eu­ro­päi­sche Lö­sung zu war­ten – und setzt ihr ein Ul­ti­ma­tum. Csu-lan­des­grup­pen­chef Alex­an­der Do­brindt sag­te ges­tern, Tei­le des Mas­ter­pla­nes von In­nen­mi­nis­ter Horst See­ho­fer (CSU) stün­den „in der di­rek­ten Ver­ant­wor­tung des Bun­des­in­nen­mi­nis­ters“und soll­ten da­her um­ge­setzt wer­den, oh­ne erst auf ei­ne Ei­ni­gung auf Eu-ebe­ne zu war­ten. Die Csu-lan­des­grup­pe sei in der Fra­ge ei­nig und wol­le die­se Po­si­ti­on am Mon­tag in den Par­tei­vor­stand tra­gen, um dort zu ei­ner Ent­schei­dung zu kom­men.

Im Kern strei­ten CSU und CDU seit Ta­gen dar­über, ob auch Asyl­be­wer­ber oh­ne Pa­pie­re so­wie be­reits ab­ge­scho­be­ne Be­wer­ber – wie von der CSU ge­for­dert – nicht mehr über die deut­sche Gren­ze ge­lan­gen dür­fen. Bei der Zu­rück­wei­sung von be­reits in an­de­ren eu­ro­päi­schen Län­dern re­gis­trier­ten Flücht­lin­gen hat­te das Cdu-prä­si­di­um zu­vor Kom­pro­miss­be­reit­schaft si­gna­li­siert.

Mer­kel lehn­te ges­tern er­neut ei­nen na­tio­na­len Al­lein­gang bei Rück­wei­sun­gen be­stimm­ter Mi­gran­ten­grup­pen an der deut­schen Gren­ze ab. Sie wol­le die zwei Wo­chen bis zum Eu-gip­fel En­de Ju­ni in Brüssel nut­zen, um mit den am stärks­ten vom Mi­gra­ti­ons­druck be­trof­fe­nen Län­dern bi­la­te­ra­le Ab­kom­men zu schlie­ßen, sag­te sie in ei­ner gut vier­stün­di­gen Son­der­sit­zung der Cdu-ab­ge­ord­ne­ten zum Asyl­streit mit der Schwes­ter­par­tei.

Säch­si­sche Cdu-spit­zen­po­li­ti­ker stell­ten sich ges­tern al­ler­dings hin­ter See­ho­fer. So­wohl Mi­nis­ter­prä­si­dent Micha­el Kret­sch­mer al­so auch In­nen­mi­nis­ter Ro­land Wöl­ler und Frak­ti­ons­chef Frank Kup­fer er­klär­ten, be­stimm­te Mi­gran­ten müss­ten an den deut­schen Gren­zen zu­rück­ge­wie­sen wer­den. „Wir müs­sen be­stim­men, wel­che Men­schen nach Deutsch­land kom­men“, sag­te Kret­sch­mer. Das gel­te vor al­lem für Flücht­lin­ge, die ei­ne Ein­rei­se­sper­re nach Deutsch­land ha­ben, weil ihr Asyl­ver­fah­ren schon ein­mal ab­ge­lehnt wur­de oder weil sie in ei­nem an­de­ren Land Asyl be­an­tragt ha­ben. „Ich se­he vor al­lem in der Be­völ­ke­rung die­sen gro­ßen Wunsch, dass wir zu ei­ner Steue­rung und Ord­nung kom­men.“

Wöl­ler er­klär­te, es sei rich­tig, „jetzt end­lich eu­ro­päi­sches Recht durch­zu­set­zen“. „Das heißt, wir müs­sen be­reits ab­ge­lehn­te Asyl­be­wer­ber, die wie­der ein­rei­sen wol­len, zu­rück­wei­sen. Und auch die­je­ni- gen, die in ei­nem an­de­ren Eu-land ei­nen Asyl­an­trag ge­stellt ha­ben, dür­fen erst gar nicht nach Deutsch­land her­ein­ge­las­sen wer­den und ei­nen Asyl­an­trag stel­len.“Kup­fer wie­der­um ap­pel­lier­te, Deutsch­land sol­le jetzt ei­nen Ent­schluss fas­sen, „denn wir müs­sen in ers­ter Li­nie an un­se­re ei­ge­nen Bür­ger den­ken“.

Der säch­si­sche Lin­ken-frak­ti­ons­chef Ri­co Geb­hardt da­ge­gen mach­te sich für ei­ne eu­ro­päi­sche Lö­sung stark und kri­ti­sier­te den Te­nor in der Uni­on. Die­ser wür­de Sach­sen in die Zeit vor 2004 zu­rück­wer­fen und wie­der zu Gren­zen al­ten Typs zu den Nach­barn Po­len und Tsche­chi­en füh­ren.

Afd-vi­ze-lan­des­chef Sieg­bert Droese pro­gnos­ti­zier­te: „Am En­de wird wie­der ir­gend­ein Kom­pro­miss ste­hen – als po­li­ti­sche Le­bens­ver­län­ge­rung zu­guns­ten von Mer­kel.“

BERLIN. Es ist ein un­ge­wohn­tes Bild, das sich bei den Son­der­sit­zun­gen der Bun­des­tags­frak­tio­nen zeigt. Erns­te Ge­sich­ter bei der Uni­on, lä­cheln­de Men­schen bei der SPD. Meist war es in den ver­gan­ge­nen Mo­na­ten um­ge­kehrt. Der Rie­sen­krach in der Uni­on ver­schafft den Ge­nos­sen ei­ne Atem­pau­se.

Frak­ti­ons- und Par­tei­che­fin Andrea Nah­les hat lan­ge zu dem Zwist ge­schwie­gen. Sol­len CDU und CSU sich doch erst ein­mal ei­ni­gen, so die Pa­ro­le. Don­ners­tag aber muss­te auch Nah­les Far­be be­ken­nen. Zu­min­dest ein we­nig. Es ge­be um­fang­rei­che Ver­ein­ba­run­gen im Ko­ali­ti­ons­ver­trag, sagt sie. Rück­füh­run­gen, An­ker­zen­tren und Ein­wan­de­rungs­ge­setz. „Da­zu ste­hen wir aus- drück­lich.“Dass Nah­les die Ab­wei­sung re­gis­trier­ter Asyl­be­wer­ber nicht nennt, kann man als Un­ter­stüt­zung für Mer­kel wer­ten. Wo­bei sie ein kla­res Be­kennt­nis ver­mei­det.

An­de­re sind mu­ti­ger. „Ein­sei­ti­ge Schrit­te sind Gift für den eu­ro­päi­schen Zu­sam­men­halt und wä­ren in der jet­zi­gen an­ge­spann­ten La­ge in Eu­ro­pa hoch­gra­dig ge­fähr­lich“, sagt Achim Post, Frak­ti­ons­vi­ze und Chef der mäch­ti­gen Nrw-lan­des­grup­pe im Ge­spräch mit dem Re­dak­ti­ons­netz­werk Deutsch­land (RND). „Nie­mand kann ein In­ter­es­se dar­an ha­ben, ei­ne Kas­ka­de in Gang zu set­zen, an de­ren En­de der Schen­genraum mit frei­en Gren­zen in Eu­ro­pa in Trüm­mern lie­gen könn­te“, sagt Post. Auf dem be­vor­ste­hen­den Eu-gip­fel müs­se es ver­nünf­ti­ge Lö­sun­gen ge­ben – auch beim Schutz der Au­ßen­gren­zen.

Spd-in­nen­po­li­ti­ker Burk­hard Lisch­ka glaubt, dass es der Uni­on nicht mehr um die Sa­che geht. „Im Kern geht es in­zwi­schen ganz of­fen­sicht­lich nicht mehr um die Fra­ge, wie Deutsch­land mit Flücht­lin­gen um­geht, die be­reits in ei­nem an­de­ren eu­ro­päi­schen Staat ei­nen Asyl­an­trag ge­stellt ha­ben, son­dern wir er­le­ben ei­nen uni­ons­in­ter­nen Macht­kampf zwi­schen der Kanz­le­rin und ih­rem In­nen­mi­nis­ter über die ge­sam­te Mer­kel­sche Flücht­lings­po­li­tik der letz­ten Jah­re“, sag­te Lisch­ka dem RND. „Die­se Es­ka­la­ti­on in der Uni­on ist un­ver­ant­wort­lich, weil sie da­zu führt, dass die Bun­des­re­gie­rung ins­ge­samt und da­mit das Ge­wicht Deutsch­lands in Eu­ro­pa ge­schwächt wird.“

Of­fi­zi­ell ist die SPD an der Sei­te Mer­kels. Und trotz­dem sind die Ge­nos­sen froh, dass es ge­ra­de nicht so auf sie an­kommt. Denn auch in der SPD ist der Kurs in der Flücht­lings­po­li­tik hoch um­strit­ten. Die Par­tei­lin­ke for­dert Of­fen­heit, Par­tei­che­fin Nah­les schlug zu­letzt här­te­re Tö­ne an. Soll­ten Mer­kel und See­ho­fer sich ei­ni­gen, rückt die SPD wie­der ins Blick­feld. „Ich hof­fe, wir win­ken das dann fix durch“, sagt ein Ab­ge­ord­ne­ter ges­tern. „Ein Plat­zen­las­sen der Ko­ali­ti­on we­gen der Flücht­lings­fra­ge wä­re doch auch für uns po­li­ti­scher Selbst­mord.“

Foto: Epa

Ab­war­ten und schwei­gen: Spd-che­fin Andrea Nah­les.

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