Du­del­sack­tref­fen am Ta­ge­bau­rand

Spie­ler aus fünf Län­dern mu­si­zie­ren am Wo­che­n­en­de im Lau­sitz­dorf Schlei­fe

Dresdner Neueste Nachrichten - - SACHSEN UND MITTELDEUTSCHLAND - VON MI­RI­AM SCHÖNBACH

SCHLEI­FE/BAUTZEN. Mit dem rech­ten El­len­bo­gen pumpt Han­ka Sar­od­nik Luft in den Bla­se­balg. Ganz lang­sam bläst sich der Wind­sack aus Zie­gen­fell auf. Schon we­ni­ge Au­gen­bli­cke spä­ter er­klingt der so­no­re Ton des „Ko­zoł“(die Zie­ge), wie der gro­ße Du­del­sack auf sor­bisch ge­nannt wird. Die Tra­di­ti­on sei­nes Spiels reicht rund um das Dorf Schlei­fe im Land­kreis Görlitz 500 Jah­re zu­rück. „Un­ser Kirch­spiel ist die ein­zi­ge Re­gi­on in Deutsch­land, in der seit Jahr­hun­der­ten bis heu­te un­un­ter­bro­chen Du­del­sack ge­spielt wird“, sagt Wolf­gang Ko­tis­sek, Lei­ter des Sor­bi­schen Folk­lo­re­en­sem­bles.

Auf des­sen Ein­la­dung ma­chen sich an die­sem Wo­che­n­en­de (15. bis 17. Ju­ni) Du­del­sack-spie­ler aus fünf Län­dern auf den Weg an den Rand des Ta­ge­baus Noch­ten. In der Luft liegt ein leich­ter Ge­ruch von Braun­koh­le, bei ent­spre­chen­dem Wind ist im Schlei­fer Kul­tur­zen­trum das Rat­tern der Ab­raum­bag­ger im Koh­le­feld zu hö­ren. Der Spree­wäl­der Ko­tis­sek kommt Mit­te der 1970er-jah­re in die­se ab­ge­le­ge­ne Ecke der DDR. Sein Nach­bar heißt Hans Schus­ter (1910–1984). Der Tre­ben­dor­fer war sei­ner­zeit der be­kann­tes­te Du­del­sack-spie­ler der Ge­gend. Er steckt den Leh­rer mit sei­ner Lei­den­schaft für die al­ten Mu­sik­in­stru­men­te der kleins­ten sla­wi­schen Min­der­heit an.

Zum Du­del­sack von Han­ka Sar­od­nik stim­men Emi und Jos Pan­nasch so­wie So­phie Leh­mann mit den klei­nen, drei­sai­ti­gen sor­bi­schen Gei­gen ei­ne Volks­wei­se an. „Das Zu­sam­men­spiel von Du­del­sack und klei­ner drei­sai­ti­ger Gei­ge ge­hör­te von Al­ters her zu Hoch­zei­ten und an­de­ren fei­er­li­chen An­läs­sen bei uns. Viel­leicht hat sich des­halb das Blas­in­stru­ment hier an­ders als in an­de­ren Ge­gen­den er­hal­ten“, sagt Ko­tis­sek. Am schöns­ten Tag des Jah­res ka­men gleich zwei Du­del­sä­cke zum Einsatz, sagt der 66-Jäh­ri­ge. Den Gang in die Kir­che be­glei­te­te der Mecha­wa, des­sen schwar­zer, glän­zen­der Sack dem An­lass ent­sprach, denn auch das Braut­paar war schwarz ge­klei­det. Zum Hoch­zeit­stanz spiel­te dann der zot­ti­ge, gro­ße Du­del­sack, die Zie­ge, auf.

Ihm ent­lockt ge­ra­de Han­ka Sar­od­nik fröh­li­che Tö­ne. Die 16-Jäh­ri­ge hat sich das Spiel auf dem brum­mi­gen Kol­le­gen von ih­rer Schwes­ter ab­ge­schaut, die der­zeit in Ka­na­da ist. Doch sie ist längst nicht die jüngs­te Du­del­sack-spie­le­rin im Schlei­fer Folk­lo­re­en­sem­ble. Die zwölf­jäh­ri­ge Gre­ta Schulz reist ex­tra zu je­der Pro­be aus dem bran­den­bur­gi­schen Forst an. „Ich fand schon im­mer die Band In­ex­tre­mo toll und woll­te un­be­dingt Du­del­sack­spie­len ler­nen“, sagt sie und pumpt mit ih­rem Bla­se­balg in ein et­was klei­ne­res Zie­gen­ex­em­plar Luft.

Zwi­schen 20 und 30 Spie­ler, schätzt To­masz Naw­ka, mus­zie­ren noch mit sor­bi­schen Du­del­sä­cken. Mit­te der 1980er-jah­re be­geg­net dem Sor­ben das In­stru­ment mit dem mar­kan­ten Klang erst­mals bei sei­ner Ar­beit im Haus der sor­bi­schen Volks­kul­tur in Bautzen. Die ers­te Du­del­sack-werk­statt gibt es 1984 un­ter an­de­rem mit Spie­lern aus Tsche­chi­en Po­len. Die­ses Tref­fen ist die Wie­ge des heu­ti­gen In­ter­na­tio­na­len Du­del­sack­fes­ti­vals. Naw­ka selbst spielt seit 1989 die sor­bi­schen Du­del­sä­cke. Sein ers­tes In­stru­ment ließ er sich vom tsche­chi­schen Volks­mu­si­kan­ten Jo­sef Režný ma­chen. Doch was braucht man ei­gent­lich für den Bau ei­nes Du­del­sacks? Ko­tis­sek schmun­zelt. „Ei­nen Pflau­men­baum, ein männ­li­ches Haus­schwein, ei­ne Kuh und ei­ne Zie­ge“, sagt er und er­klärt, dass aus dem Obst­baum­holz die Bor­dun­pfei­fe ge­schnitzt wird, aus dem Kuh­horn ent­steht der Schall­trich­ter, die Zäh­ne des Ebers sind Schmuck und stel­len die Hör­ner der Zie­ge dar. Das Zie­gen­fell selbst ist der Wind­sack der so­ge­nann­ten Sack­pfei­fe.

Die äl­tes­te be­kann­te Darstel­lung ei­nes wen­di­schen Du­del­sack­spie­lers fin­det man in der Kir­che zu Brie­sen bei Cottbus. Un­ter den spät­go­ti­schen Fres­ken im Kir­chen­in­ne­ren aus dem Jahr 1486 ist das Bild ei­nes Mu­si­kan­ten mit Du­del­sack zu se­hen. „Er muss­te da­mals noch mit dem Mund auf­ge­bla­sen wer­den. Der Bla­se­balg wird erst im 16. Jahr­hun­dert er­fun­den“, sagt der Schlei­fer En­sem­ble­lei­ter Ko­tis­sek und feu­ert die jun­gen Spie­ler an, das Tem­po zu hal­ten. Auch sie wer­den beim Du­del­sack­fes­ti­val ihr Kön­nen un­ter Be­weis stel­len.

Foto: dpa

Wolf­gang Ko­tis­sek, Lei­ter des Schlei­fer Folk­lo­re­en­sem­bles, und die zwölf­jäh­ri­ge Nach­wuchs-du­del­sack­spie­le­rin Gre­ta Schulz spie­len im Du­ett.

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