Com­pu­ter ler­nen, über den Tel­ler­rand zu gu­cken

In­for­ma­ti­ker Cey­lan für sei­ne „Of­fe­ne Welt“-dis­ser­ta­ti­on an der TU Dres­den mit 3m5-preis ge­ehrt

Dresdner Neueste Nachrichten - - WIRTSCHAFT - VON HEI­KO WECKBRODT

DRES­DEN. Wie sehr kön­nen wir uns heu­te noch dar­auf ver­las­sen, dass die Ma­schi­nen uns rich­ti­ge Ant­wor­ten ge­ben? Der In­for­ma­ti­ker Dr. Is­mail Il­kan Cey­lan hat sich sol­cher Fra­gen an­ge­nom­men: Er ver­sucht Com­pu­tern bei­zu­brin­gen, ähn­lich wie Men­schen mit un­si­che­ren Fakten klar­zu­kom­men und dar­aus wahr­schein­li­che Ant­wor­ten zu drech­seln. Für sei­ne her­vor­ra­gen­de Dok­tor­ar­beit zu die­sem The­ma an der TU Dres­den hat er nun den mit 3000 Eu­ro do­tier­ten „Ex­cel­lence Award 2018“der Dresd­ner Soft­ware­schmie­de 3m5 be­kom­men.

Es han­de­le sich um ei­ne „her­aus­ra­gen­de Dis­ser­ta­ti­on“, die „in der in­ter­na­tio­na­len For­scher­ge­mein­de auf sehr gro­ßes In­ter­es­se ge­sto­ßen“sei, lob­te In­for­ma­tik-de­kan Prof. Uwe Aß­mann von der TU Dres­den. 3m5-chef Micha­el Eck­stein wür­dig­te den in­zwi­schen 32-jäh­ri­gen For­scher: „Un­ser Preis­trä­ger hat wich­ti­ge Grund­la­gen für die Ar­beit mit gro­ßen Da­ten­men­gen ge­schaf­fen.“

Um zu ver­ste­hen, war­um die Dis­ser­ta­ti­on aus Dres­den sol­che in­ter­na­tio­na­le Re­so­nanz ge­fun­den hat, muss man an die Ge­burts­jah­re der ers­ten Elek­tro­nen­hir­ne zu­rück­den­ken. „Com­pu­ter ir­ren nie“, glaub­te man da­mals noch, weil der Mensch als der ein­zi­ge Un­si­cher­heits­fak­tor er­schien: Nur wenn der den Rech­ner falsch be­dien­te, ihn mit Quatsch füt­ter­te, lie­fer­te der Com­pu­ter spä­ter gar kei­ne oder fal­sche Ant­wor­ten.

Das hat sich im Zeit­al­ter von In­ter­net und ent­fes­sel­ten Da­ten­flu­ten („Big Da­ta“) ge­än­dert: Heu­te spei­sen vie­le Ma­schi­nen ih­re Wis­sen­sDa­ten­ban­ken auch aus selbst­ge­won­ne­nem „Wis­sen“: aus In­for­ma­tio­nen, die sie sich au­to­ma­tisch aus dem In­ter­net ge­saugt, die sie von den all­ge­gen­wär­ti­gen Wär­me-, Druck-, Herz­schla­goder Tem­pe­ra­tur­sen­so­ren aus­ge­le­sen ha­ben. Die so ent­ste­hen­den Da­ten­ban­ken nennt man „pro­ba­bi­lis­tisch“(wahr­schein­lich­keits­ori­en­tiert), weil die ent­hal­te­nen In­for­ma­tio­nen nur mit ei­ner ge­wis­sen Wahr­schein­lich­keit zu­tref­fen. Wäh­rend der Mensch dar­an ge­wöhnt, der­ar­ti­ge Un­si­cher­hei­ten aus­zu­hal­ten, ist Un­ge­wiss­heit für die Elek­tro­nen­hir­ne ein völ­lig frem­des Kon­zept. Sie nei­gen da­zu, al­les als „falsch“ein­zu­stu­fen, was sie nicht si­cher wis­sen, was jen­seits ih­rer klei­nen Welt der 100-pro-fakten liegt. Und hier kommt Cey­lan ins Spiel: Er ver­sucht den Ma­schi­nen bei­zu­brin­gen, über den Tel­ler­rand zu bli­cken. Tech­ni­scher aus­ge­drückt, er ent­wi­ckelt „Of­fe­ne-welt-mo­del­le“für die Com­pu­ter. Die Fol­ge: Wenn ein Mensch solch ei­nem Sys­tem kniff­li­ge Fra­gen vor­legt, spuckt ein „of­fe­ner“Com­pu­ter auch je­ne Ant­wor­ten aus, über die er sich nicht si­cher ist, die aber wahr­schein­lich rich­tig sind.

Ei­ne sol­che Fra­ge könn­te sein: Wel­cher Kom­po­nist kann­te so­wohl Mo­zart wie auch Beet­ho­ven per­sön­lich? „Die Ant­wort ,Haydn’ steckt zwar in den Wis­sen­sda­ten­ban­ken ir­gend­wo drin“, er­klärt Cey­lan. Die Kunst sei aber, die­se Qu­er­ver­bin­dung bin­nen Mil­li­se­kun­den als wahr­schein­lich zu­tref­fend her­aus­zu­fin­den – und so et­was kön­nen „Of­fe­ne Welt“-mo­del­le im bes­ten Fal­le leis­ten.

Cey­lan wur­de 1986 im tür­ki­schen Bur­dur ge­bo­ren. Er stu­dier­te in An­ka­ra und Dres­den In­for­ma­tik. 2017 pro­mo­vier­te er in Sach­sen. Der­zeit forscht er in Ox­ford.

Foto: Hei­ko Weckbrodt

Dr. Is­mail Il­kan Cey­lan

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