Ein Fest des Un­ge­hör­ten

Die Schosta­ko­witsch Ta­ge in Gohrisch prä­sen­tie­ren drei Urauf­füh­run­gen – Ge­spräch mit To­bi­as Nie­der­schlag

Dresdner Neueste Nachrichten - - KULTUR -

Die Schosta­ko­witsch Ta­ge in Gohrisch vom 22. bis 24. Ju­ni prä­sen­tie­ren in die­sem Jahr gleich drei Urauf­füh­run­gen. Da­bei wird die noch nie ge­hör­te Mu­sik stets in greif­ba­ren Ge­schich­ten prä­sen­tiert – und wirft neue Bli­cke auf den rus­si­schen Kom­po­nis­ten. Ein Ge­spräch mit dem Künst­le­ri­schen Lei­ter des Fes­ti­vals, To­bi­as Nie­der­schlag.

Fra­ge: To­bi­as Nie­der­schlag: In ers­ter Li­nie ist das ein un­glaub­lich gro­ßes Glück! Al­le drei Urauf­füh­run­gen pas­sen per­fekt zu un­se­rem Kon­zept, Le­ben und Werk von Schosta­ko­witsch im­mer wie­der neu zu be­fra­gen. Die­se Idee stand schon vor neun Jah­ren, beim ers­ten Fes­ti­val, am An­fang un­se­rer Über­le­gun­gen: Wir woll­ten an je­nem Ort, an dem Schosta­ko­witsch mit dem ach­ten Streich­quar­tett et­was Neu­es ge­schaf­fen hat, eben­falls neue Bli­cke auf sein Schaf­fen er­öff­nen.

Nach un­ver­öf­fent­lich­ten Frag­men­ten aus der Oper „Die Na­se“im letz­ten Jahr ha­ben Sie 2018 er­neut ein bis­lang un­ge­spiel­tes Werk von Schosta­ko­witsch aus­ge­gra­ben – ei­ne Sen­sa­ti­on!

Die­ser Ruhm ge­bührt der rus­si­schen Mu­sik­wis­sen­schaft­le­rin Ol­ga Di­gons­ka­ya, die wir bei un­se­rem Fes­ti­val auch per­sön­lich er­war­ten. Eher zu­fäl­lig ist sie bei ih­rer per­ma­nen­ten Su­che nach un­ent­deck­ten Wer­ken von Schosta­ko­witsch im Mos­kau­er Staats­ar­chiv auf zwei Ma­nu­skript­sei­ten ge­sto­ßen, die bis­lang nie öf­fent­lich er­klun­gen sind: ein kur­zes Im­promp­tu für Vio­la und Kla­vier, das im Nach­lass des rus­si­schen Vio­la-vir­tuo­sen Va­dim Bo­ri­sovs­ky schlum­mer­te. Urauf­ge­führt wird die­ses „Al­bum­blatt“aus dem Jahr 1931 von Nils Mön­ke­mey­er und Ros­tis­lav Kri­mer – und wir stel­len es in ei­nen ganz be­son­de­ren Kon­text: Es er­klingt ne­ben der spä­ten Brat­schen­so­na­te, dem ein­zi­gen an­de­ren Werk, das Schosta­ko­witsch für die­se Be­set­zung ge­schrie­ben hat. Da­bei wer­den si­cher­lich auch Ent­wick­lun­gen er­kenn­bar.

Ist das ein „Ge­heim­nis“von Gohrisch – das Neue in greif­ba­re Kon­tex­te zu stel­len?

Ich bin fest da­von über­zeugt, dass Mu­sik am bes­ten dia­lo­gisch funk­tio­niert. Das gilt be­son­ders für neue Mu­sik oder für Mu­sik, die bis­lang noch un­be­kannt ist. Mich fas­zi­niert im­mer wie­der, wie be­geis­tert die Mu­si­ker und das Pu­bli­kum in Gohrisch auf Neu­es re­agie­ren. Das mag an die­sen Qu­er­ver­bin­dun­gen lie­gen. Gohrisch gilt in­zwi­schen als ein Ort, an dem Schosta­ko­witsch-ex­per­ten eben­so über­rascht wer­den kön­nen wie ein mit die­ser Mu­sik eher un­er­fah­re­ner Hö­rer. Und da­für bie­tet die Kon­zert­scheu­ne ei­ne idea­le, in­ti­me At­mo­sphä­re.

Stel­len Ih­nen des­halb be­deu­ten­de Schosta­ko­witsch-for­scher die Urauf­füh­run­gen zur Ver­fü­gung?

Das spielt si­cher ei­ne Rol­le. Im Lau­fe der Zeit ha­ben wir en­ge Be­zie­hun­gen zu ver­schie­de­nen Ver­la­gen und zu den Schosta­ko­witsch-in­sti­tu­ten in Pa­ris und Mos­kau auf­ge­baut. Da ist ein schö­nes, freund­schaft­li­ches Netz­werk ent­stan­den. Und be­son­ders freut es mich, dass Iri­na Schosta­ko­witsch, die Wit­we des Kom­po­nis­ten, in die­sem Jahr wie­der nach Gohrisch kom­men wird. Sie möch­te sich die Urauf­füh­rung des Im­promp­tus auf kei­nen Fall ent­ge­hen las­sen.

Als wei­te­re Urauf­füh­rung wird ei­ne Be­ar­bei­tung der be­kann­ten „Ciac­co­na“von Kr­zy­sz­tof Pen­der­ecki zu er­le­ben sein, der eben­falls per­sön­lich nach Gohrisch kom­men wird...

Wir bli­cken in die­sem Jahr in Rich­tung Os­ten und un­ter­su­chen die viel­fäl­ti­gen Be­zie­hun­gen Schosta­ko­witschs zur pol­ni­schen Mo­der­ne. Da darf ein Kom­po­nist wie Kr­zy­sz­tof Pen­der­ecki na­tür­lich nicht feh­len! Schosta­ko­witsch ist für den Kom­po­nis­ten und Di­ri­gen­ten Pen­der­ecki ein ganz wich­ti­ger Ein­fluss. Die bei­den sind sich 1959 beim Fes­ti­val „War­schau­er Herbst“zum ers­ten Mal be­geg­net, und dar­über wird Pen­der­ecki in Gohrisch auch in ei­nem öf­fent­li­chen Künst­ler­ge­spräch be­rich­ten.

Ist es schwie­rig, ei­nen Mu­si­ker wie Pen­der­ecki nach Gohrisch zu lo­cken?

Das war er­staun­lich ein­fach! Als Pen­der­ecki über die Hin­ter­grün­de des Fes­ti­vals in­for­miert wur­de, über die Ent­ste­hung des ach­ten Streich­quar­tetts, war er so­fort Feu­er und Flam­me und woll­te die­sen Ort un­be­dingt mit sei­ner Frau be­su­chen. Die­se Er­fah­rung ma­che ich auch in Ge­sprä­chen mit vie­len Künst­lern, die in Gohrisch auf­tre­ten und da­für nach wie vor auf ein Ho­no­rar ver­zich­ten. Gohrisch hat in­zwi­schen ei­nen klin­gen­den Na­men in der Mu­sik­welt – als ein Ort, an dem es vor al­lem um die Mu­sik geht, an dem wir uns ei­nem Gi­gan­ten wie Schosta­ko­witsch im­mer wie­der und aus ver­schie­de­nen Blick­win­keln nä­hern.

Au­ßer­dem ste­hen die pol­ni­schen Kom­po­nis­ten Wi­told Lu­to­sław­ski und Kr­zy­sz­tof Mey­er im Fo­kus …

Ja, das sind ins­ge­samt drei Kom­po­nis­ten, die die pol­ni­sche Mu­sik in den letz­ten 50 Jah­ren maß­geb­lich ge­prägt ha­ben. Kr­zy­sz­tof Mey­er ist in­zwi­schen ein en­ger Freund, Ide­en­ge­ber und Stamm­gast in Gohrisch. Mit sei­ner Schosta­ko­wit­schMo­no­gra­phie hat er schon vor Jahr­zehn­ten ein Stan­dard­werk ge­schrie­ben. Als Kom­po­nist ist er da­ge­gen eher durch die fran­zö­si­sche Schu­le ge­prägt, er war Schü­ler von Na­dia Bou­lan­ger in Pa­ris und schlägt in sei­nen Wer­ken ei­nen ganz an­de­ren Weg als Schosta­ko­witsch ein. Dies wird auch bei der Pre­mie­re sei­nes 15. Streich­quar­tetts zu hö­ren sein, der drit­ten Urauf­füh­rung in die­sem Jahr, die von den Mu­si­kern des Lu­toslaw­ski Quar­tet aus Wro­cław ge­stal­tet wird.

Es geht al­so im­mer auch um die Viel­falt?

Wir hat­ten in den letz­ten Jah­ren Ur- und Erst­auf­füh­run­gen von Le­ra Au­er­bach, Ar­vo Pärt und So­fia Gu­bai­du­li­na, die schon zwei­mal beim Fes­ti­val zu Gast war. Be­son­ders wich­tig ist mir auch die Aus­ein­an­der­set­zung mit der Mu­sik des Schosta­ko­witsch-freun­des Miec­zysław Wein­berg, von dem wir in Gohrisch schon Erst- und Urauf­füh­run­gen prä­sen­tiert ha­ben, als ihn noch we­ni­ge kann­ten. In­zwi­schen hat sei- ne Mu­sik wei­te Krei­se ge­zo­gen, nicht zu­letzt durch die groß­ar­ti­ge Auf­füh­rung sei­ner Oper „Die Pas­sa­gie­rin“an der Sem­per­oper. Und ich muss zu­ge­ben: Dar­auf sind wir auch ein biss­chen stolz. Ja, die Viel­falt und die un­ter­schied­li­chen Per­spek­ti­ven auf Schosta­ko­witsch – da­für steht das Fes­ti­val in Gohrisch.

Gleich­zei­tig zei­gen Sie mit drei deut­schen Erst­auf­füh­run­gen in die­sem Jahr auch Schosta­ko­witschs Blick auf an­de­re gro­ße Meis­ter­wer­ke der Mu­sik …

Das Kla­vier­duo Grau­schu­ma­cher wird drei Be­ar­bei­tun­gen von Schosta­ko­witsch zum ers­ten Mal in Deutsch­land auf­füh­ren: Ar­thur Ho­neggers drit­te Sym­pho­nie für zwei Kla­vie­re, Stra­wins­kys „Psal­men­sym­pho­nie“und das Ad­a­gio aus Mah­lers zehn­ter Sym­pho­nie – bei­de für Kla­vier vier­hän­dig. Das Span­nen­de an die­sen Be­ar­bei­tun­gen ist, dass Schosta­ko­witsch sie für den Un­ter­richt in sei­ner Kom­po­si­ti­ons­klas­se ge­schrie­ben hat. Er woll­te die­se Wer­ke, de­ren Par­ti­tu­ren in der So­wjet­uni­on nicht er­hält­lich wa­ren, sei­nen Schü­lern na­he­brin­gen und of­fen­bar­te da­bei na­tür­lich auch sei­nen Blick auf die­se Meis­ter­wer­ke.

Gibt es noch Kar­ten?

Das Er­öff­nungs­kon­zert ist rest­los aus­ver­kauft. Für al­le an­de­ren Ver­an­stal­tun­gen, auch für die Ma­ti­nee mit der Schosta­ko­witsch-urauf­füh­rung, gibt es noch Rest­kar­ten.

Interview: Axel Brüg­ge­mann

. Ab­bil­dung: Zen­tra­les Staats­ar­chiv, Mos­kau (CGAM); Pu­bli­ka­ti­on: Ol­ga Di­gons­ka­ya

Ma­nu­skript (Vio­la­stim­me) des Im­promp­tus für Vio­la und Kla­vier von Schosta­ko­witsch: Ek­s­prompt (Im­promp­tu), oben rechts: „D. Schosta­ko­witsch op. 33 2 V 1931“. Die Wid­mung un­ten lau­tet: „Dem lie­ben Alex­an­der Mich­ailo­witsch zum An­den­ken an un­se­re Be­kannt­schaft. Schosta­ko­witsch 2 V 1931 Le­nin­grad“. Hin­ter die­sem Na­men ver­birgt sich höchst­wahr­schein­lich der Brat­scher Alex­an­der Mich­ailo­witsch Ryv­kin, ein Grün­dungs­mit­glied des be­rühm­ten Gla­su­now-quar­tetts. Ge­fun­den wur­de das Ma­nu­skript aber im Nach­lass des Brat­schen-vir­tuo­sen Va­dim Bo­ri­sovs­ky.) Zen­tra­les Staats­ar­chiv, Mos­kau (CGAM); Pu­bli­ka­ti­on: Ol­ga Di­gons­ka­ya

Die Schosta­ko­witsch Ta­ge ha­ben auch in die­sem Jahr wie­der meh­re­re Urauf­füh­run­gen im Pro­gramm. Ist das Mut oder Kon­zept? To­bi­as Nie­der­schlag

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