Mit Va­nil­la­sex ge­gen Miet­wu­cher

Neue The2­ter­grup­pe Bl2ck­out wid­met sich „Mut­pro­be“

Dresdner Neueste Nachrichten - - BÜHNE DRESDEN - VON ANDRE­AS HERR­MANN

„Wir sind ei­ne Grup­pe von Freun­den, die al­le­samt den Drang ha­ben, in ei­ner un­ab­hän­gi­gen, fle­xi­blen Thea­ter­grup­pe zu ar­bei­ten, die ein­zig und al­lein aus Lei­den­schaft Thea­ter­stü­cke auf die Büh­ne bringt.“So steht es auf der schi­cken Netz­prä­senz der Thea­ter­grup­pe Black­out Dres­den, die sich un­ter Lei­tung von Ani­ko Na­gy und Erik Barth An­fang des Jah­res grün­de­te und jetzt im Thea­ter­haus Ru­di ih­re ers­te Pre­mie­re als „Mut­pro­be“fei­er­te und durch­aus be­stand.

Im Ori­gi­nal heißt Alan Ayck­bourns Stück „Ga­me­plan“und führt in ei­ne Zeit, als das In­ter­net noch Neu­land, Mer­kel nur Kohls Mäd­chen war und als die ers­ten bör­sen­er­hitz­ten Netz­träu­me platz­ten – und spielt in der Lon­do­ner Ci­ty in ei­nem Ap­par­te­ment mit Bal­kon überm Fluss. Hier wohnt Ly­net­te Sa­xon (42) mit dem be­gab­ten Töch­ter­lein Sor­rel (16), bei­de knab­bern an der Plei­te von Mann und Va­ter, der sich an­geb­lich mit ei­ner Ge­schäfts­part­ne­rin ins Aus­land ab­ge­setzt hat, wäh­rend die Mut­ter nun zwölf St­un­den put­zen geht, um den Miet­wu­cher zu tra­gen, und par­al­lel un­glaub­li­che Jo­b­an­ge­bo­te er­hält. Da­r­ob er­scheint die glor­rei­che Zu­kunft der Toch­ter als ein­zi­ge Lö­sung wie Ziel.

Die nimmt sich ein Bei­spiel an ei­ner Ex­schul­ka­me­ra­din, die er­folg­reich im Sex­ge­schäft zu­gan­ge ist, um der Mut­ter ein we­nig bei der Mie­te zu hel­fen. Na­tür­lich nur per sanf­tem Va­nil­la­sex in der ei­ge­nen Woh­nung an­statt S/M oder Stra­ßen­strich. Die Sa­che ge­lingt der­ma­ßen gut, dass be­reits der ers­te Kun­de, ein Wit­wer na­mens Leo aus der Rei­ni­gungs­bran­che, nach der ers­ten Num­mer per Herz­in­farkt stirbt. Da­mit ist die Ge­schäfts­idee hin­über, aber dank per­ver­ser Ver­wer­fun­gen der Post­de­mo­kra­tie gibt es Hoff­nung auf ei­ne Art hap­py En­de ...

Ani­ko Na­gy, Pir­nae­rin Jg. 1987, lern­te Erik Barth bei der Phil­har­mo­nie Fe­chen­heim ken­nen und lie­ben, sie ha­ben be­reits ge­mein­sam Re­gie ge­führt und die „Fe­chen­hei­mer Thea­ter­ta­ge“or­ga­ni­siert, nun ge­ben bei­de die Lei­tung der Thea­ter­grup­pe. Sie spielt mu­tig die Haupt­rol­le, er führt recht klas­sisch und in Ru­he Re­gie, wo­bei die drei Da­men die Haupt­last tra­gen und die an­de­ren vier Ak­teu­re je­weils über­ra­schen­de In­ter­ven­tio­nen und da­mit die La­cher lie­fern. Die­se ge­sche­hen, auch dank des Dia­lek­tes, eher in Come­dy-art, wäh­rend die in­ne­woh­nen­de Dra­ma­tik des Ge­sche­hens in der Ge­schich­te von Mut­ter und Toch­ter und de­ren Freun­din­nen­schaft zur Nach­bar­s­toch­ter bleibt.

Ein biss­chen in der Tra­gik oder in der Nai­vi­tät über­zeich­net ge­ra­ten an­fangs die Mut­ter von Chris­ti­na Piel und die harm­lo­se Kel­ly von Mad­len Pe­ter, bei­de ha­ben aber zum Schluss, bei der Be­geg­nung mit dem Po­li­zis­ten­pär­chen (Lin­da Kos­bi-rein­wald und Jo­han­nes Vo­gel) oder dem trot­te­li­gen Bou­le­vard-re­por­ter (Ste­fan Retsch) gro­ße Auf­trit­te, wäh­rend Ani­ko Na­gy gut die Ba­lan­ce zwi­schen taf­fer bis pu­ber­tie­ren­der Toch­ter und lie­be­vol­ler Freun­din wahrt. Fe­lix Rüh­le stirbt als Leo her­vor­ra­gend und spielt auch den mehr­fach über die Büh­ne ge­zerr­ten Leich­nam mit Hin­ga­be.

Das Stück ist vol­ler Gags, krankt aber ein we­nig an bou­le­var­des­ker Sch­licht­heit und vor­her­seh­ba­ren Wen­dun­gen, auf­grund de­rer die Sto­ry ei­ne recht sim­ple mo­ra­li­sche Zei­ge­fin­ger­men­ta­li­tät of­fen­bart. Barth be­setzt die Rol­len op­ti­mal, ein­zig die bei­den Schü­le­rin­nen kann man sich gut auch ge­tauscht vor­stel­len. Vor al­lem um zu se­hen, wie sehr Kel­lys Nai­vi­tät und Sor­rels Ge­ris­sen­heit nur ge­spielt wa­ren. Die Ko­s­tü­me von Eli­sa Belg sind sehr sorg­fäl­tig er­wählt und ge­nau an­ge­passt.

Selt­sam, aber ge­fei­ert, dann die Schluss­an­spra­che von Re­gis­seur Erik Barth – nach ei­nem zu­vor doch un­ge­recht kur­zen Bei­fall und zwei aus­ver­kauf­ten Vor­stel­lun­gen mit je 60 durch­aus Über­zeug­ten: Man ha­be sich vor­ge­nom­men, erst nach die­sen bei­den Vor­stel­lun­gen zu über­le­gen, ob man wei­ter­ma­che und die Ins­ze­nie­rung vi­el­leicht An­fang des kom­men­den Jah­res wie­der­auf­neh­me. Da kann man nur hof­fen, dass Freund- und Lei­den­schaft den ga­ran­tiert har­ten wie dif­fe­ren­zier­ten Pro­ben­be­trieb samt Dop­pel­pre­mie­re oh­ne Black­out über­stan­den und die Wie­der­auf­nah­me im Ja­nu­ar wirk­lich zu­stan­de kommt.

Vi­el­leicht auch, um die per lus­ti­gem Pro­gramm­zet­tel sug­ge­rier­te Ko­mö­di­en­tri­lo­gie Ayck­bourns, der die­se 2001 „Ver­folg­te Un­schuld“nann­te und nach „Mut­pro­be“noch „Um­tausch“und „Rol­len­spiel“für die je­weils glei­che Be­set­zung und als Klam­mer „jun­ge Da­men in Be­dräng­nis“vor­sah, zu ver­voll­komm­nen Denn die Aus­gangs­la­ge, zi­tiert nach Netz­prä­senz, bleibt: „Je­der ist tag­ein tag­aus selbst ein Ak­teur in die­sem ver­rück­ten Stück na­mens Le­ben – mal Pos­se, mal Dra­ma, mal Roman­ze, mal Kla­mauk – wer bit­te hat denn da Re­gie ge­führt?“

Fo­to: Bl2ck­out / PR

Ani­ko „Sor­rell“Na­gy und Mad­len „Kel­ly“Pe­ter

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