Wie die No­vem­ber­re­vo­lu­ti­on die Fürs­ten­tü­mer in Mit­tel­deutsch­land hin­weg­feg­te

Söch­sens König dönk­te mit ei­nem Sötz ö( / Re­gent von Söch­sen-al­ten(urg le(te spä­ter öls Ddr-bür­ger

Dresdner Neueste Nachrichten - - DNN SPEZIAL − GESCHICHTE - VON BERND LÄHNE

Die No­vem­ber­re­vo­lu­ti­on 1918 hat ei­ne schein­bar über vie­le Jahr­hun­der­te hin­weg fest­ge­füg­te Adels­herr­schaft in Deutsch­land be­en­det. Die Aus­ru­fung der Re­pu­blik in Mün­chen am 7. No­vem­ber 1918 lei­te­te ei­nen re­gel­rech­ten Damm­bruch ein, der die Kö­nigs-, Groß­her­zogs-, Her­zogs- und Fürs­ten­kro­nen von den Köp­fen der deut­schen Bun­des­fürs­ten feg­te. Na­he­zu wi­der­stands­los brach das wil­hel­mi­ni­sche Kai­ser­reich in we­ni­gen Ta­gen zu­sam­men – auch in Mit­tel­deutsch­land.

In Sach­sen un­ter­schrieb König Fried­rich Au­gust III. (1865 bis 1932) am

13. No­vem­ber sei­ne aus ei­nem Satz be­ste­hen­de Ab­dan­kung: „Ich ver­zich­te auf den Thron.“Aus­drück­lich ver­zich­te­te er nicht im Na­men sei­ner Kin­der, um ih­nen im Fal­le ei­ner Wie­der­her­stel­lung der Mon­ar­chie die Thron­be­stei­gung zu er­mög­li­chen.

Mit der Bil­dung ei­nes Sol­da­ten­ra­tes in Gro­ßen­hain am 6. No­vem­ber hat­te der re­vo­lu­tio­nä­re Fun­ke auch das Mi­li­tär in Sach­sen er­reicht. In der Lan­des­haupt­stadt schien die La­ge den­noch ru­hig zu blei­ben. Noch am Nach­mit­tag des

8. No­vem­ber hat­te der König mit sei­ner Schwes­ter Mat­hil­de ei­ne Spa­zier­fahrt durch die Dresd­ner Hei­de un­ter­nom­men. Als kurz dar­auf Re­vo­lu­tio­nä­re in der Haupt­stadt die po­li­ti­sche Füh­rung be­an­spruch­ten, ver­ließ Fried­rich Au­gust III. die Stadt und floh zu­nächst nach Mo­ritz­burg. In Dres­den wur­de in­des­sen am

10. No­vem­ber im Zir­kus Sar­ra­sa­ni vom Ar­bei­ter- und Sol­da­ten­rat die Re­pu­blik aus­ge­ru­fen. Am 15. No­vem­ber über­nah­men sechs „Volks­be­auf­trag­te“die Re­gie­rungs­ge­walt in Sach­sen

Über­lie­fert ist, dass der ent­thron­te König bei den säch­si­schen So­zi­al­de­mo­kra­ten ein so ho­hes An­se­hen ge­noss, dass sie ihn zum ers­ten Staats­prä­si­den­ten des neu­en Frei­staa­tes Sach­sen wäh­len woll­ten. Nach sei­ner Ab­dan­kung hat­te sich der König am 14. No­vem­ber auf sein Schloss Si­byl­len­ort bei Bres­lau in Schle­si­en zu­rück­ge­zo­gen. Dort starb er am

18. Fe­bru­ar 1932. Bei­ge­setzt wur­de Fried­rich Au­gust III. fünf Ta­ge dar­auf in der Ka­tho­li­schen Hof­kir­che Dres­den, in der Fa­mi­li­en­gruft des kö­nig­li­chen Hau­ses Wet­tin – al­ber­ti­ni­sche Li­nie. Zu den Trau­er­fei­er­lich­kei­ten er­wie­sen ihm mehr als ei­ne hal­be Mil­li­on Men­schen die letz­te Eh­re. Dass der po­pu­lä­re König an­ge­sichts der Re­vo­lu­tio­nä­re ver­är­gert aus­ge­ru­fen ha­ben soll „macht eu­ren Drägg al­le­e­ne“, ist in­des­sen nicht ver­bürgt und le­dig­lich ei­ne gern er­zähl­te An­ek­do­te.

Mit der No­vem­ber­re­vo­lu­ti­on en­de­te eben­so die jahr­hun­der­te­lan­ge Herr­schaft der thü­rin­gi­schen Her­zogs- und Fürs­ten­häu­ser. Es ent­stan­den die Frei­be­zie­hungs­wei­se Volks­staa­ten Sach­sen­wei­mar-ei­se­nach, Sach­sen-go­tha, Sach­sen-co­burg (im Jahr 1919 Tren­nung von Go­tha), Sach­sen-mei­nin­gen, Sach­sen-al­ten­burg, Schwarz­burg-ru­dol­stadt, Schwarz­burg-sondershausen und Reuß (1919 Zu­sam­men­schluss von Gera und Greiz).

In der Re­si­denz­stadt Wei­mar zwang der Sol­da­ten­rat Groß­her­zog Wil­helm Ernst von Sach­sen-wei­mar-ei­se­nach (1876–1923) am 9. No­vem­ber 1918 zur Ab­dan­kung. Die Er­eig­nis­se in Wei­mar sorg­ten in den Nie­der­lan­den bis An­fang der 1920er-jah­re für er­heb­li­che Un­ru­he, denn der Groß­her­zog war ein En­kel der nie­der­län­di­schen Prin­zes­sin So­phie von Ora­ni­en-nas­sau und stand in der nie­der­län­di­schen Thron­fol­ge hin­ter Kö­ni­gin Wil­hel­mi­na. Mit ei­ner Ver­fas­sungs­än­de­rung, die ver­füg­te, dass sich die Thron­fol­ge künf­tig aus­schließ­lich auf Nach­fah­ren Her­zog­tum (Re­si­denz Sondershausen) (Re­si­denz Wei­mar) (Re­si­denz Ru­dol­stadt) Er­furt von Kö­ni­gin Wil­hel­mi­na be­schränkt, wur­de schließ­lich al­len Spe­ku­la­tio­nen ein En­de be­rei­tet.

Am 13. No­vem­ber dank­te als letz­ter Re­gent des Her­zog­tums Sach­sen-al­ten­burg Her­zog Ernst II. (1871–1955) ab. Der eins­ti­ge Mon­arch wur­de als ein­zi­ger ehe­ma­li­ger deut­scher Bun­des­fürst im Jahr 1949 Ddr-bür­ger und leb­te bis zu sei­nem Tod in sei­nem ehe­ma­li­gen Herr­schafts­ge­biet.

Im Her­zog­tum Sach­sen-mei­nin­gen un­ter­zeich­ne­te zwei Ta­ge nach dem Rück­tritt von Fürst Bern­hard III. (1851–1928) am 10. No­vem­ber auch der Thron­fol­ger Prinz Ernst (1859–1941) die Ab­dan­kungs­ur­kun­de. Im Fürs­ten­tum Sach­sen-co­burg und Go­tha hat­te der Ar­bei­ter- und Sol­da­ten­rat die Gotha­er Re­pu­blik pro­kla­miert und Her­zog Carl Edu­ard (1884–1954) für ab­ge­setzt er­klärt. Fünf Ta­ge spä­ter, am 14. No­vem­ber, auf der letz­ten ge­mein­schaft­li­chen Land­tags­sit­zung von Sach­sen-co­burg und Sach­sen-go­tha in Go­tha, ließ der Her­zog sei­nen Rück­tritt be­kannt ge­ben. Hal­le (Saa­le) l ) (Re­si­denz Go­tha) Jena (Re­si­denz Mei­nin­ren) Kö­nig­reich Leip­zir (Re­si­denz Gera) (Re­si­denz Des­sau) Chem­nitz (Re­si­denz Al­ten­burr) (Re­si­denz Greiz) Her­zog­tum Cott­bus (Haupt­stadt Dres­den)

Hein­rich XXVII. (1858–1928), der letz­te Re­gent des Hau­ses Reuß, dank­te am 10. No­vem­ber 1918 für das Fürs­ten­tum Reuß jün­ge­re Li­nie und am 11. No­vem­ber 1918 te­le­gra­fisch für das Fürs­ten­tum Reuß äl­te­re Li­nie ab. Am 23. No­vem­ber 1918 leg­te der in Per­so­nal­uni­on re­gie­ren­de Her­zog Gün­ther Vik­tor (1852–1925) die Amts­ge­schäf­te für Schwarz­burg-ru­dol­stadt und zwei Ta­ge spä­ter für Schwarz­burg-sondershausen nie­der. Der Schwarz­bur­ger Her­zog war der letz­te deut­sche Bun­des­fürst, der dem Thron ent­sag­te.

Be­reits am 12. No­vem­ber war das Haus An­halt den For­de­run­gen der Re­vo­lu­tio­nä­re ge­folgt. Da Her­zog Joa­chim Ernst (1901–1947) noch min­der­jäh­rig war, führ­te sein On­kel, Prinz Ari­bert (1864–1933), die Re­gent­schaft. Er ver­zich­te­te im Na­men des Her­zogs und der ge­sam­ten an­hal­ti­ni­schen Fürs­ten­fa­mi­lie auf den Thron. Joa­chim Ernst, der 47-jäh­rig im so­wje­ti­schen Spe­zi­al­la­ger Bu­chen­wald starb, war der ein­zi­ge im 20. Jahr­hun­dert ge­bo­re­ne pro­kla­mier­te deut­sche Bun­des­fürst.

Fo­to: dpö

Nach Kai­ser Wil­helm II. (Mit­te) – hier mit Ge­ne­ral­feld­mar­schall Paul von Hin­den­burg (l.) und Ge­ne­ral Erich Lu­den­dorff – dank­ten vor 100 Jah­ren auch die mit­tel­deut­schen Fürs­ten ab.

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