Hit­ler hät­te ge­gen ei­ne par­la­men­ta­ri­sche Mon­ar­chie we­nig Chan­cen ge­habt

Der His­to­ri­ker Lot­hör Möch­tön schlägt ei­nen Bo­gen von Köi­ser Wil­helm II. ü(er Wei­mör zur Nö­zi-herr­schöft

Dresdner Neueste Nachrichten - - DNN SPEZIAL − GESCHICHTE -

In sei­nem neu­en Buch „Kai­ser­sturz. Vom Schei­tern im Her­zen der Macht“(wbg Darm­stadt 2018) be­schreibt Lothar Mach­t­an das En­de der Mon­ar­chie im Deut­schen Reich und be­zeich­net es als ein Re­sul­tat von Un­zu­läng­lich­kei­ten. Der re­nom­mier­te His­to­ri­ker ist Au­tor meh­re­rer er­folg­rei­cher Wer­ke über die jün­ge­re deut­sche Ge­schich­te. Kürz­lich zeig­te das ZDF zur bes­ten Sen­de­zeit zum The­ma ein Do­ku-dra­ma – ein Film­pro­jekt, das Pro­fes­sor Mach­t­an mit­ent­wi­ckelt hat. Mach­t­an (69) ist Eme­ri­tus, war frü­her Pro­fes­sor für Neue­re Ge­schich­te an der Uni­ver­si­tät Bremen.

Wes­halb kom­men Sie zur Beur­tei­lung, dass sich die deut­sche Mon­ar­chie selbst ent­krön­te ?

Weil von den po­li­tisch maß­geb­li­chen Kräf­ten im Reich bis No­vem­ber 1918 nie­mand die Ab­schaf­fung der Mon­ar­chie ge­for­dert hat. Die Mehr­heits­par­tei­en des Par­la­ments mit der So­zi­al­de­mo­kra­tie als stärks­ter Kraft er­streb­ten ei­ne Über­ein­kunft von Mon­ar­chie und bür­ger­li­cher De­mo­kra­tie, al­so ei­ne par­la­men­ta­ri­sche Mon­ar­chie. Aber we­der die re­gie­ren­den Mon­ar­chen mit Kai­ser Wil­helm II. an der Spit­ze noch die von ih­nen ein­ge­setz­ten Staats­män­ner zeig­ten sich wil­lens und in der La­ge, sich glaub­haft zu öff­nen hin zu de­mo­kra­ti­schen For­de­run­gen und Wer­ten. Un­ter die­sen Be­din­gun­gen be­wirk­te der Ma­tro­sen­auf­stand in den ers­ten No­vem­ber­ta­gen ei­nen zu­neh­men­den Kon­troll­ver­lust der Mon­ar­chie, der zu po­li­ti­schem Cha­os in der Ber­li­ner Re­gie­rungs­zen­tra­le führ­te. Das pro­vo­zier­te den Volks­auf­stand vom 9. No­vem­ber, und noch be­vor über­haupt ein Schuss fiel, war die als un­beug­sam gel­ten­de mon­ar­chi­sche Ord­nung be­reits ein­ge­knickt, und die Mi­li­tär­mon­ar­chie räum­te kampf­los das Feld.

Be­müh­ten sich die Kö­ni­ge in den Län­dern Sach­sen, Bay­ern und Würt­tem­berg, ih­re Kro­nen zu ret­ten?

Nein, das war nicht der Fall. Al­le drei Mon­ar­chen ver­ab­schie­de­ten sich zwi­schen dem 8. und 13. No­vem­ber fast laut­los von der po­li­ti­schen Büh­ne und über­lie­ßen das Feld wi­der­stands­los den No­vem­ber­re­vo­lu­tio­nä­ren.

Wie­so er­folg­te der Sturz der Herr­scher so ra­sant und in ei­ner Art Do­mi­no-ef­fekt?

Der ehe­ma­li­ge Groß­her­zog Ernst-lud­wig von Hes­sen-darm­stadt hat im Rück­blick auf die­sen Vor­gang ein­mal ge­sagt: „Sie wur­den hin­weg­ge­fegt, oh­ne ir­gend­et­was zu­rück­zu­las­sen, weil sie doch zu gro­ße Nul­len wa­ren.“Die­ses pro­mi­nen­te Zeit­zeug­nis kol­lek­ti­ven Ver­sa­gens spricht für sich selbst.

Re­si­denz­städ­ten wur­de mas­si­ver Wi­der­stand ge­gen die re­vo­lu­tio­nä­ren Ar­bei­ter und Sol­da­ten ge­leis­tet?

So et­was wie bür­ger­kriegs­ähn­li­che Zu­stän­de hat es im No­vem­ber 1918 auch in den mit­tel­deut­schen Re­si­denz­städ­ten nir­gend­wo ge­ge­ben. Wo­hin man blickt: Mehr ein frei­wil­li­ger Macht­ver­zicht der Dy­nas­ten nebst ver­mö­gens­recht­li­cher Scha­dens­ab­wick­lung als ei­ne re­vo­lu­tio­nä­re Über­wäl­ti­gung von Herr­schafts­bas­tio­nen.

Wä­re, um die Mon­ar­chie zu er­hal­ten, ei­ne „eng­li­sche Va­ri­an­te“– al­so ei­ne par­la­men­ta­ri­sche Mon­ar­chie – mög­lich ge­we­sen?

Ja, bis Sep­tem­ber/ok­to­ber 1918 hat es die­se po­li­ti­sche Op­ti­on ge­ge­ben. Und sie hat­te vie­le nam­haf­te Be­für­wor­ter von So­zi­al­de­mo­kra­ten wie Fried­rich Ebert bis zu Kon­ser­va­ti­ven wie Hans Del­brück. Vor­aus­set­zung da­für war je­doch der frei­wil­li­ge Rück­zug ins­be­son­de­re des Reichs­mon­ar­chen aus der ope­ra­ti­ven Po­li­tik. Aber zur Ein­sicht in die­se his­to­ri­sche Not­wen­dig­keit wa­ren Wil­helm II. und die an­de­ren ge­krön­ten Häup­ter in Deutsch­land par­tout nicht zu brin­gen. Auch die­ser Plan war da, nur be­saß En­de Ok­to­ber 1918 nie­mand das er­for­der­li­che Maß an Ent­schluss­kraft, an Mut und Ver- ant­wor­tungs­be­wusst­sein, ihn kon­se­quent durch­zu­füh­ren. Des­halb hat es in Deutsch­land 1918 kei­ne po­li­ti­sche Trans­for­ma­ti­on der Mon­ar­chie ge­ge­ben, son­dern ei­ne Fürs­ten­däm­me­rung, die sämt­li­che Thro­ne zum Ein­sturz brach­te.

Hät­te der Fort­be­stand der Mon­ar­chie nach 1918 Deutsch­land die ver­häng­nis­vol­le Na­zi-herr­schaft er­spart?

Nach mei­ner fes­ten Über­zeu­gung hät­te Hit­ler ge­gen ei­ne de­mo­kra­tisch ein­ge­frie­de­te Mon­ar­chie mit ei­nem volks­na­hen Thron­in­ha­ber kaum ei­ne Chan­ce ge­habt. Ei­ne im Volk auch nur halb­wegs be­lieb­te Mon­ar­chie hät­te sei­nen po­li­ti­schen Mög­lich­keits­spiel­raum ganz si­cher be­grenzt.

Sei­nen rück­sichts­lo­sen Wil­len zur ge­walt­sa­men Macht konn­te die­ser „Füh­rer“ja nur des­halb so wirk­sam zur Gel­tung brin­gen, weil vie­le Deut­sche noch jah­re­lang un­ter dem Phan­tom­schmerz des plötz­li­chen Ver­falls von staat­li­cher Au­to­ri­tät lit­ten, wie sie der kol­lek­ti­ve po­li­ti­sche Selbst­mord der ge­krön­ten Häup­ter her­vor­ge­ru­fen hat­te. Die po­li­ti­sche Kul­tur der Wei­ma­rer De­mo­kra­tie er­wies sich als zu schwach und in­sta­bil, um die­ses Va­ku­um auf­zu­fül­len.

In­ter­view: Bernd Lähne

Fo­to: pri­vöt

Gab es mar­kan­te Un­ter­schie­de bei der Ent­mach­tung der re­gie­ren­den Fürs­ten­häu­ser in Mit­tel­deutsch­land? In wel­chen Pro­fes­sor Lothar Mach­t­an mit sei­nem neu­en Buch „Kai­ser­sturz“.

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