Schwe­ben­der Ku­bus

Das Block­haus wird für das Ar­chiv der Avant­gar­den um­ge­baut – wei­te­re Schen­kung von Eg­idio Mar­zo­na

Dresdner Neueste Nachrichten - - KULTUR - VON PATRICK-DA­NI­EL BA­ER

Ein wun­der­ba­res Ge­schenk. Da­mit mein­te Eva-ma­ria Stan­ge, Säch­si­sche Staats­mi­nis­te­rin für Wis­sen­schaft und Kunst, nicht das Ar­chiv der Avant­gar­den, son­dern das Block­haus am Gol­de­nen Rei­ter, das die­ses Ar­chiv be­her­ber­gen wird. Das Ge­bäu­de ge­hört dem Frei­staat Sach­sen und steht seit 2013 leer. Nun kön­nen die Staat­li­chen Kunst­samm­lun­gen Dres­den (SKD) dank der groß­zü­gi­gen Schen­kung der Sammlung von Eg­idio Mar­zo­na im De­zem­ber 2016 und des­sen Wunsch, das ge­stif­te­te Ar­chiv im Block­haus un­ter­zu­brin­gen (DNN be­rich­te­ten), ih­re Ar­beits­und Prä­sen­ta­ti­ons­flä­chen von bis­her 80 000 Qua­drat­me­ter um knapp 2000 Qua­drat­me­ter er­wei­tern. Mit dem zwi­schen Volks­kunst­mu­se­um und Ja­pa­ni­schem Pa­lais ge­le­ge­nen Block­haus sind die Kunst­samm­lun­gen jetzt auch auf der Neu­städ­ter Elb­sei­te auf ei­ner Ach­se prä­sent.

Den Wett­be­werb zur Um­ge­stal­tung der eins­ti­gen Neu­städ­ter Wa­che zum Ar­chiv der Avant­gar­den ge­wann im Fe­bru­ar die­ses Jah­res das Ar­chi­tek­tur­bü­ro Nieto So­be­ja­no Ar­qui­tec­tos mit Sitz in Ber­lin und Ma­drid. Seit­dem be­fin­det sich das Pro­jekt in der Ent­wurfs­pla­nung. Die Vi­si­on von ei­nem schwe­ben­den Ku­bus in der Hül­le des be­ste­hen­den Ge­bäu­des hat die Bau­pla­ner vor ei­ni­ge an­spruchs­vol­le Fra­gen ge­stellt. Kern­pro­blem der In­ge­nieu­re und Sta­ti­ker war hier­bei, wie man oh­ne Zau­be­rei den Ku­bus zum Schwe­ben bringt. Den Ein­bau auf Stüt­zen zu set­zen, kam nicht in­fra­ge, da solch ei­ne Kon­struk­ti­on auf Kos­ten des leich­ten und schwe­ben­den Cha­rak­ters der Ar­chi­tek­tur ge­gan­gen wä­re.

Jetzt prä­sen­tier­te Die­ter Ja­nosch, Tech­ni­scher Ge­schäfts­füh­rer des Staats­be­trie­bes Säch­si­sches Im­mo­bi­li­en- und Bau­ma­nage­ment, im Block­haus die ein- drucks­vol­le wie sim­ple Lö­sung. Die Zau­ber­wör­ter hei­ßen Ablei­tung und Hy­bridkon­struk­ti­on aus Stahl und Be­ton. Links und rechts gibt es im Ge­bäu­de für das Trep­pen­haus und den Auf­zug zwei Be­ton­schäch­te, die durch ei­ne ex­trem stei­fe Stahl­kon­struk­ti­on mit­ein­an­der ver­bun­den wer­den. Über Stüt­zen kann die Last nach un­ten ge­lei­tet wer­den. Dies führt im­mer­hin zu ei­ner Ver­rin­ge­rung des Ge­wichts um 60 Pro­zent. Die rest­li­chen 40 Pro­zent wer­den über Kon­so­len an den Ecken des Ku­bus ab­ge­lei­tet.

Die ge­schätz­ten 20 Mil­lio­nen Eu­ro Bau­kos­ten wer­den sehr wahr­schein­lich über­zo­gen. Dies hat zum ei­nen mit der ak­tu­el­len Markt­la­ge zu tun, zum an­de­ren birgt die reiz­vol­le La­ge des Block­hau­ses an der El­be auch ei­ne Ge­fahr, der man pro­ak­tiv be­geg­nen muss. Ein Hoch­was­ser­schutz ist nach den Er­fah­run­gen der SKD mit den Aus­wir­kun­gen der Jahr­hun-

Eg­idio Mar­zo­na, Kunst­samm­ler und Stif­ter

dert­flut 2002 un­um­gäng­lich. 2013 wur­de das Block­haus selbst durch Hoch­was­ser mas­siv be­schä­digt, was als Kon­se­quenz die Schlie­ßung des Ge­bäu­des mit sich brach­te. Die Kos­ten für den Hoch­was­ser­schutz, die „wei­ße Wan­ne“im So­ckel­ge­schoss, müs­sen noch zu den Pla­nungs­kos­ten da­zu­ge­rech­net wer­den. Die al­ten Mau­ern wer­den für den Schutz in­nen mit wei­ßen Be­ton­wän­den ver­schalt, das Ma­te­ri­al ist was­se­r­un­durch­läs­sig. Auch das The­ma Brand­schutz wird bei den Pla nern heiß dis­ku­tiert. Ei­ne schö­ne Lö­sung ist, den Zu­gang zur Au­gus­tus­brü­cke, der En­de der 1970er Jah­re im Zu­ge des Wie­der­auf­baus des im Zwei­ten Welt­krieg voll­stän­dig aus­ge­brann­ten Block­hau­ses zu­ge­mau­ert wur­de, als Flucht­weg wie­der zu öff­nen.

Bau­be­ginn ist Herbst 2019, als Fer­tig­stel­lungs­ter­min wird Som­mer 2022 avi­siert, so dass die Kunst­samm­lun­gen 2023 das Haus er­öff­nen könn­ten. Ein sport­li­cher Plan, des­sen Ein­hal­tung si­cher­lich noch ei­ni­ge Hür­den meis­tern muss.

Die 1900 Qua­drat­me­ter Flä­che des Block­haus sol­len zu 37 Pro­zent durch das Ar­chiv (im Ku­bus), zu 39 Pro­zent als Ak­ti­ons­flä­chen für Ausstellungen, Vor­trä­ge und die For­schung (im Erd­ge­schoss) und zu 24 Pro­zent für Ar­beits­räu­me (auf der Em­po­re) und das Foy­er ge­nutzt wer­den. Die leich­te Ar­chi­tek­tur, der Dia­log zwi­schen his­to­ri­scher Ge­bäu­de­hül­le und neu­en Ele­men­ten und die gi­gan­ti­schen Be­stän­de des Ar­chi­ves wer­den ei­ne ein­drucks­vol­le Ver­bin­dung ein­ge­hen, das Haus als Gan­zes wahr­nehm­bar ma­chen und den Be­su­cher zu ei­nem län­ge­ren Ver­wei­len ein­la­den. Bis es al­ler­dings so weit ist, ist das Ar­chiv der Avant­gar­den zu Gast im Ja­pa­ni­schen Pa­lais und kann nach Vor­an­mel­dung be­reits ge­nutzt wer­den.

Das cir­ca 1,5 Mil­lio­nen Kunst­wer­ke, Mö­bel, Ar­chi­tek­tur­plä­ne und wei­te­re Ob­jek­te aus den ver­schie­de­nen avant­gar­dis­ti­schen Strö­mun­gen des 20. Jahr­hun­derts um­fas­sen­de Ar­chiv der Avant­gar­den wur­de nun durch ei­ne zwei­te Schen­kung von Eg­idio Mar­zo­na be­rei­chert. Ge­stif­tet wur­den wei­te­re 200 000 Do­ku­men­te und Ob­jek­te, dar­un­ter ein 12 000 Ob­jek­te um­fas­sen­des Mu­si­k­ar­chiv, ei­ne Sammlung von 2000 Künst­ler­schall­plat­ten und das kom­plet­te Kun­st­ar­chiv des pol­ni­schen Kon­zept­künst­lers Wlod­zi­mierz Bo­row­ski. Ei­ne drit­te Schen­kung ist be­reits im Gespräch. Das Ar­chiv wird al­so nie­mals kom­plett sein, son­dern stän­dig wach­sen und auch durch an­de­re Stif­ter er­gänzt wer­den. Ei­ne le­ben­di­ge Sammlung von an­ge­wand­ter und bil­den­der Kunst, er­gänzt um An­ge­bo­te für Vi­sio­nen und Ein­drü­cke, zum Nach­den­ken und Dis­ku­tie­ren, zu­künf­tig be­wahrt im Block­haus an ei­nem öf­fent­li­chen Ort. Ei­nem Ort, an dem Avant­gar­den zu Hau­se sind.

Fotos (2): Dietrich Flecht­ner

Noch lässt der In­nen­raum des Block­hau­ses nur va­ge er­ah­nen, wie die mo­der­ne Kon­struk­ti­on für das Ar­chiv der Avant­gar­den aus­se­hen könn­te. Ge­fun­den wur­de für den ge­plan­ten schwe­ben­den Ku­bus in der Hül­le des be­ste­hen­den Ge­bäu­des ei­ne ein­drucks­vol­le wie sim­ple Lö­sung.

Ru­dolf Fi­scher, künf­tig Lei­ter des Ar­chivs der Avant­gar­den in den SKD

Fo­to: Mo­ni­ka Skolimowska/dpa

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