Bil­dungs­lü­cke zum An­fas­sen

Das Dresd­ner Bi­bel­haus möch­te mehr Schü­ler für das Buch der Bü­cher be­geis­tern

Dresdner Neueste Nachrichten - - KIRCHE - VON TO­MAS GÄRT­NER

Von sich aus hät­te die an­ge­hen­de Leh­re­rin das Dresd­ner Bi­bel­haus si­cher­lich nie be­tre­ten. Das gab sie un­um­wun­den zu. Doch nach dem für die Re­fe­ren­da­re ob­li­ga­to­ri­schen Be­such war sie so an­ge­tan, dass sie Si­mo­na Mie­lich, der Lei­te­rin, be­kann­te: „Wä­re ich nicht ge­kom­men, hät­te ich et­was Wich­ti­ges ver­passt.“Auch ein Sport­leh­rer gab Si­mo­na Mie­lich zu ver­ste­hen, er ha­be be­grif­fen, welch gro­ße Bil­dungs­lü­cke er hier ha­be schlie­ßen kön­nen, auch wenn er nicht Christ sei. „Die Bi­bel ist eben ein we­sent­li­cher Teil un­se­res All­tags“, sagt Si­mo­na Mie­lich. Christ­li­cher Glau­be sei nicht un­be­dingt nö­tig, um das zu be­grei­fen. „Es reicht, wenn man kul­tu­rell und künst­le­risch in­ter­es­siert ist.“

Von selbst al­ler­dings spricht sich die­se Er­kennt­nis nicht her­um. Das war schon Pfar­rern wie Carl Fried­rich Adolf St­ein­kopf oder Ro­bert Pin­ker­ton An­fang des 19. Jahr­hun­derts klar, als sie an ver­schie­de­nen Or­ten in Deutsch­land Bi­bel­ge­sell­schaf­ten in­iti­ier­ten. So auch 1814 in der Dresd­ner Woh­nung des Gra­fen von Ho­hen­thal auf Kö­nigs­brück, wo 27 ver­sam­mel­te Män­ner von ho­her ge­sell­schaft­li­cher Stel­lung nach bri­ti­schem Ri­tus mit er­ho­be­ner rech­ter Hand die Grün­dung der spä­te­ren Säch­si­schen Haupt-bi­bel­ge­sell­schaft (SHBG) be­sie­gel­ten.

Über 200 Jah­re lang hat die alt­ehr­wür­di­ge Ge­sell­schaft Ver­brei­tung und Ver­ständ­nis des Bu­ches der Bü­cher ge­för­dert. Nach dem po­li­ti­schen Um­bruch vor al­lem mit dem 1992 in Dres­den-bla­se­witz er­öff­ne­ten Bi­bel­haus. Im Zeit­al­ter elek­tro­ni­scher Kom­mu­ni­ka­ti­on su­chen die fünf Vor­stands­mit­glie­der der SHBG nun nach neu­en We­gen.

Wen wol­len und kön­nen wir er­rei­chen, heu­te, wo nicht mal mehr ein Vier­tel der Sach­sen Kir­chen­mit­glie­der sind?, fra­gen sie sich. Leh­rer und Re­fe­ren­da­re kom­men ins Bi­bel­haus zu Wei­ter­bil­dun­gen, Schu­len ver­le­gen ih­re Pro­jekt­ta­ge gern hier­her. Denn im Zeit­al­ter der Com­pu­ter­bild­schir­me er­weist sich ei­ne Be­son­der­heit als Vor­teil: „Hier kann man al­les an­fas­sen und da­mit im wort­wört­li­chen Sinn be­grei­fen, selbst ei­ne wert­vol­le Kur­fürs­ten-bi­bel“, sagt Vor­stands­mit­glied Christian von der Her­berg.

Das fas­zi­niert. Re­gel­mä­ßig auch be­ob­ach­tet das der ehe­ma­li­ge Dresd­ner Be­zirks­ka­te­chet, in­zwi­schen im Ru­he­stand, wenn er mit ei­ner nach­ge­bau­ten Gu­ten­berg-dru­cker­pres­se zwi­schen Weih­nach­ten und Neu­jahr im Foy­er des Volks­kunst­mu­se­ums steht und Be­su­cher die Weih­nachts­ge­schich­te der Evan­ge­lis­ten Lu­kas oder Mat­thä­us dru­cken lässt.

Im Bi­bel­haus in­des sind weit über die Hälf­te der Be­su­cher Schul­kin­der bis zur 5.Klas­se, wie Si­mo­na Mie­lich be­rich­tet. Sie fin­den hier ei­ne zeit­ge­mäß ge­stal­te­te Aus­stel­lung. In der kann man nicht nur Ge­gen­stän­de zur Ge­schich­te, Ver­brei­tung und In­hal­ten der Bi­bel be­trach­ten, son­dern sich Wis­sen dar­über an Mit­mach-sta­tio­nen, in ei­ner Bi­bel­werk­statt und mit ei­nem Quiz ak­tiv er­wer­ben. Sie kön­nen Schrift auf Ton­scher­ben be­trach­ten, mit Tin­te und Gän­se­kiel schrei­ben oder Bi­bel­sei­ten dru­cken.

Leh­rer schät­zen das mitt­ler­wei­le und ver­le­gen ih­re Pro­jekt­ta­ge, im Ge­schichts­un­ter­richt bei­spiels­wei­se oder zum The­ma Buch, ins Bi­bel­haus. 1152 Schü­ler ka­men im Jahr 2017, 328 mehr als im Jahr da­vor. Auf die soll­ten sie sich kon­zen­trie­gen. ren, meint Christian von der Her­berg. Das wer­de das Haus auch für Äl­te­re at­trak­tiv ma­chen, ist er über­zeugt.

Doch wie fin­den In­ter­es­sier­te erst ein­mal den Weg ins Bi­bel­haus? „Den ers­ten Kon­takt mit der Bi­bel kön­nen wir nicht ver­mit­teln“, räumt Mar­tin Teub­ner ein, Vor­stands­mit­glied und Got­tes­diens­t­re­fe­rent der Lan­des­kir­che. „Hier ist der Ort, wo man ihn ver­tie­fen kann.“Da­zu je­doch braucht es Hin­wei­se. Die könn­ten heu­te nur über das In­ter­net an die Öf­fent­lich­keit ge­lan­gen, be­tont Christian von der Her­berg. „Wenn uns ei­ner im Netz su­chen wür­de, kä­me er ge­gen­wär­tig nicht zwangs­läu­fig auf un­se­re In­ter­net­sei­te. Doch vor al­lem Jün­ge­re kli­cken nun ein­mal zu­erst an.“

Die Deut­sche Bi­bel­ge­sell­schaft zum Bei­spiel prä­sen­tie­re sich mit ei­ner aus­ge­zeich­ne­ten In­ter­net­sei­te, sagt Teub­ner. Ih­nen je­doch feh­le da­für ein Ex­per­te. Der müss­te so­wohl tech­nisch be­wan­dert sein als auch theo­lo­gi­sches In­ter­es­se mit­brin- Ge­gen Ho­no­rar be­schäf­ti­gen oder gar an­stel­len kön­nen sie kei­nen. In Ver­ein und Vor­stand sind al­le eh­ren­amt­lich ak­tiv. Ein­zig Lei­te­rin Si­mo­na Mie­lich ist an­ge­stellt. Auch drin­gend ver­jün­gen müs­se sich die Bi­bel­ge­sell­schaft, so von der Her­berg – durch neue Mit­glie­der. Grund­schul­päd­ago­gen und Er­zie­her et­wa könn­ten sich be­tei­li­gen. Von den 35 Mit­glie­dern jetzt sind fast die Hälf­te Kirch­ge­mein­den, der Rest Per­so­nen. Und un­ter de­nen do­mi­nier­ten die Äl­te­ren.

Fo­to: To­mas Gärt­ner

Christian von der Her­berg, Mar­ti­na Schur, Si­mo­na Mie­lich und Mar­tin Teub­ner (v.l.) vom Vor­stand der Säch­si­schen Haupt-bi­bel­ge­sell­schaft in der Aus­stel­lung des Dresd­ner Bi­bel­hau­ses.

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