Kri­se im Kli­ni­kum Ober­bür­ger­meis­ter for­dert neu­es Kon­zept

Dnn-in­ter­view mit Ober­bür­ger­meis­ter Dirk Hil­bert (FDP) zu den Tur­bu­len­zen im Stadt­rat

Dresdner Neueste Nachrichten - - ERSTE SEITE - VON THO­MAS BAU­MANN-HART­WIG

DRES­DEN. Ober­bür­ger­meis­ter Dirk Hil­bert (FDP) hat die wirt­schaft­li­che Sa­nie­rung des Städ­ti­schen Kli­ni­kums als ei­ne der größ­ten Her­aus­for­de­run­gen für die Ver­wal­tung be­zeich­net. Der Ei­gen­be­trieb er­wirt­schaf­tet in die­sem Jahr ein Mi­nus von mehr als zehn Mil­lio­nen Eu­ro. Der Ge­schäfts­be­reich von So­zi­al­bür­ger­meis­te­rin Kris Kauf­mann (Die Lin­ke) müs­se die Ur­sa­chen in­ten­siv un­ter­su­chen. Die Ver­wal­tung müs­se wis­sen, wie­so das Kli­ni­kum nicht so vie­le Pa­ti­en­ten be­hand­le, wie es in der Wirt­schafts­pla­nung als Ziel ge­steckt wur­de. Wenn die­se Fra­gen ab­ge­ar­bei­tet sei­en, müs­se ein Kon­zept her, das ei­nen dau­er­haf­ten wirt­schaft­li­chen Be­trieb ge­währ­leis­te, so der OB im Dnn-in­ter­view.

Be­weg­te Zei­ten im Rat­haus: Im Stadt­rat gibt ist die La­ge oh­ne Mehr­heit un­über­sicht­lich ge­wor­den. Ober­bür­ger­meis­ter Dirk Hil­bert (FDP) bleibt trotz­dem ge­las­sen und zieht im Dnn-in­ter­view ei­ne po­si­ti­ve Jah­res­bi­lanz.

Fra­ge: War 2018 ein gu­tes Jahr für Dres­den?

Dirk Hil­bert: Wenn ich mir den Jah­res­zy­klus der Er­eig­nis­se be­trach­te – ein kla­res Ja. Das Jahr hat mit dem Ski-welt­cup schon gut be­gon­nen. Bosch hat die Bau­ge­neh­mi­gung er­hal­ten und den Grund­stein für sein Werk ge­legt. Wir hat­ten schö­ne For­ma­te wie das of­fe­ne Rat­haus oder die „Nacht­schicht“mit den 18-Jäh­ri­gen. Die Tech­ni­sche Uni­ver­si­tät ist die ein­zi­ge ost­deut­sche Uni­ver­si­tät au­ßer­halb Ber­lins, die beim Ex­zel­lenz­sta­tus noch im Ren­nen ist. Der Schul­cam­pus in Tol­ke­witz wur­de er­öff­net. Es gab ei­ne gan­ze Rei­he von po­si­ti­ven Er­eig­nis­sen für die Stadt, die das Jahr zu ei­nem gu­ten ge­macht ha­ben.

Wird 2019 ge­nau­so gut?

Die glo­ba­le Groß­wet­ter­la­ge trübt sich ein. Deutsch­land ist ei­ne Ex­port­na­ti­on. Auch wir in Dres­den sind in glo­ba­le Zu­sam­men­hän­ge ein­ge­bun­den und auf ei­ne gu­te welt­wei­te Ent­wick­lung an­ge­wie­sen. Die Vor­aus­set­zun­gen für ein gu­tes 2019 ha­ben wir ge­schaf­fen. Wir in­ves­tie­ren wei­ter in Schu­len und be­rei­ten die Be­wer­bung für die Kul­tur­haupt­stadt vor. Das Be­wer­bungs­kon­zept müs­sen wir am 30. Sep­tem­ber ab­ge­ben. Bei den Din­gen, die wir in der Hand ha­ben, ma­che ich mir we­ni­ger Sor­gen. Aber na­tür­lich müs­sen wir ei­nes im Blick ha­ben: 2019 wird von Wah­len auf fast al­len Ebe­nen ge­prägt sein.

Apro­pos Wah­len: Sie ha­ben bald die Hälf­te der Amts­zeit er­reicht. Ihr Fa­zit zum Berg­fest?

Die­se wer­de ich dann zie­hen, wenn es so­weit ist. Im März ha­be ich die Hälf­te ab­sol­viert.

Rot-grün-rot hat die Mehr­heit im Stadt­rat ver­lo­ren. Wie wirkt sich das auf Sie als Stadt­ober­haupt aus?

Der Ober­bür­ger­meis­ter ist noch stär­ker ge­fragt, für die ent­spre­chen­den Mehr­hei­ten zu sor­gen. Das be­trifft we­ni­ger die Vor­la­gen der Stadt­ver­wal­tung, die meist mit gro­ßer Mehr­heit im Stadt­rat be­schlos­sen wer­den. Die Her­aus­for­de­rung be­steht dar­in, die gro­ßen Punk­te über die Büh­ne zu brin­gen. Der Haus­halt, das Ver­wal­tungs­zen­trum oder ein neu­er Stand­ort für die Uni­ver­si­täts­schu­le – in die­sen De­bat­ten ist der Ober­bür­ger­meis­ter eher ge­stärkt als ge­schwächt, weil er zum viel ge­frag­ten Ge­sprächs­part­ner wird.

Wie soll Dres­den oh­ne sta­bi­le Mehr­heit zu ei­nem Haus­halt kom­men?

Bis ver­gan­ge­ne Wo­che war Zeit für die Frak­tio­nen, mit der neu­en Si­tua­ti­on zu­recht­zu­kom­men. Jetzt wer­de ich mich ver­stärkt ein­schal­ten. Ich will jetzt nicht vor­grei­fen und über mög­li­che Mehr­hei­ten spe­ku­lie­ren, aber ich ver­wei­se auch dar­auf, dass die Ver­wal­tung ei­nen Haus­halt vor­ge­legt hat, der aus­ge­wo­gen ist.

Glau­ben Sie, dass zum ers­ten Mal ein Haus­halt der Ver­wal­tung un­ver­än­dert be­schlos­sen wird?

Wenn es kei­nen Haus­halt gibt, stärkt das die Rol­le des Ober­bür­ger­meis­ters und des Fi­nanz­bür­ger­meis­ters. Un­ser Stan­dard­ge­schäft läuft wei­ter. Aber je spä­ter ein Haus­halt be­schlos­sen wird, um­so spä­ter kann er von der Lan­des­di­rek­ti­on ge­neh­migt wer­den und um­so spä­ter kön­nen neue Pro­jek­te be­gon­nen wer­den. Das soll­ten sich al­le Par­tei­en vor Au­gen hal­ten – ge­ra­de in ei­nem Wahl­jahr.

Es heißt, Sie hät­ten vor­ge­schla­gen, am neu­en Ver­wal­tungs­zen­trum zu spa­ren. Wie wich­tig ist Ih­nen der Neu­bau?

Das Ver­wal­tungs­zen­trum ist ei­ne ganz wich­ti­ge The­ma­tik, die mir am Her­zen liegt. Es ist ei­ne von drei Be­din­gun­gen für mei­ne Zu­stim­mung zu ei­nem ge­än­der­ten Haus­halt. Ich ha­be le­dig­lich die Fra­ge in die De­bat­te ein­ge­bracht, ob wir den Neu­bau in ei­nem Schritt rea­li­sie­ren und bei­de Ge­bäu­de gleich­zei­tig bau­en oder uns zu­erst nur das gro­ße Ge­bäu­de vor­neh­men.

Was sind Ih­re an­de­ren bei­den Be­din­gun­gen für den Haus­halt?

Kei­ne Schul­den oder Steu­er­er­hö­hun­gen und kei­ne po­li­ti­schen Spiel­chen wie vor zwei Jah­ren. Da wur­de viel Por­zel­lan zer­schla­gen, wenn ich nur an die Phil­har­mo­nie den­ke.

War­um ein neu­es Rat­haus? War­um nicht zu­sätz­li­che Flä­chen im World Tra­de Cen­ter mie­ten?

Wir müs­sen dar­auf ach­ten, die Stadt mit­te­lund lang­fris­tig von Aus­ga­ben­po­si­tio­nen zu be­frei­en. Wir wol­len uns un­ab­hän­gig ma­chen von Ent­wick­lun­gen auf dem Im­mo­bi­li­en­markt. Wich­ti­ger aber ist es mir, mit ei­nem Neu­bau die Chan­ce zu nut­zen, al­te Struk­tu­ren auf­zu­bre­chen und zu ei­ner ganz neu­en Form von Ver­wal­tung zu kom­men. Ich will er­rei­chen, dass die Dresd­ner stolz auf ih­re Stadt­ver­wal­tung sind. Des­halb wol­len wir erst den Neu­bau er­rich­ten und dann das Rat­haus sa­nie­ren. Es geht dar­um, die ei­ge­nen Pro­zes­se kri­tisch zu hin­ter­fra­gen, sich zu­kunfts­ori­en­tiert auf­zu­stel­len und in ei­ne It-welt ein­zu­bet­ten. Das ist ein grund­sätz­li­cher Wan­del und ei­ne Rie­sen­auf­ga­be. Ich kämp­fe ve­he­ment für ein neu­es Ver­wal­tungs­zen­trum, weil wir heu­te für Jahr­zehn­te ent­schei­den, wie die Ar­beit läuft. Hier geht es um mehr als ei­ne Ein­spa­rung von 3,50 Eu­ro bei der Mie­te.

Sie ha­ben vom Bund der Steu­er­zah­ler we­gen Ih­rer vie­ler Di­enst­rei­sen den Ne­ga­tiv­preis „Schleu­der­sach­se“ver­lie­hen be­kom­men. Zu Recht?

Rund 15 000 Eu­ro Rei­se­bud­get pro Jahr sind viel Geld. Aber ein Drit­tel der Kos­ten wer­den für Klau­su­ren mit den Bür­ger­meis­tern und manch­mal so­gar Frak­ti­ons­vor­sit­zen­den aus­ge­ge­ben. Wir ha­ben das Geld nicht mit vol­len En­den raus­ge­wor­fen. Dres­den ist ei­ne Me­tro­po­le die­ses Lan­des, da wird es von uns er­war­tet, dass wir uns stär­ker in ver­schie­dens­te Gre­mi­en ein­brin­gen. Das er­for­dert Prä­senz. Mir ist es auch wich­tig, Dresd­ner zu un­ter­stüt­zen, die wich­ti­ge Ti­tel ge­win­nen. Des­halb war ich am Wo­chen­en­de in Ber­lin bei der Preis­ver­lei­hung des Bun­des­wett­be­werbs schöns­te Klein­gar­ten­an­la­gen, des­halb fah­re ich zum Po­kal­fi­na­le der Dresd­ner Vol­ley­ball­da­men oder un­ter­stüt­ze ei­ne Mit­ar­bei­te­rin des Hein­rich-schütz-kon­ser­va­to­ri­ums bei der Wahl zur Deut­schen Wein­kö­ni­gin. Als Ober­bür­ger­meis­ter bin ich auch für das reis­ein­ten­si­ve The­ma Wirt­schaft zu­stän­dig. Dres­den soll ei­nes der welt­weit wich­tigs­ten Zen­tren der Halb­lei­ter­in­dus­trie sein. Es wird in der Bran­che re­gis­triert, wenn der Ober­bür­ger­meis­ter zu Ter­mi­nen kommt. Für uns ist es wich­tig zu wis­sen, in wel­chem Un­ter­neh­men Ent­wick­lun­gen kom­men, wer ei­ne In­ves­ti­ti­on oder ei­ne An­sied­lung plant, da­mit wir die Vor­zü­ge des Stand­orts prä­sen­tie­ren kön­nen. Wir müs­sen noch viel stär­ker Un­ter­neh­men aus der USA und Asi­en mit der Bot­schaft er­rei­chen, dass in Dres­den et­was geht. Üb­ri­gens ist Rei­sen nicht nur ein Ver­gnü­gen. Je­der fünf­te Rei­se­tag fiel auf ein Wo­chen­en­de oder ei­nen Fei­er­tag.

Kri­ti­ker sa­gen, die Ar­beit im Rat­haus bleibt lie­gen, wenn Sie her­um­rei­sen. Wie groß ist der Sta­pel der un­er­le­dig­ten Auf­ga­ben?

In wel­cher Welt le­ben die­se Kri­ti­ker? Wir spre­chen von Di­gi­ta­li­sie­rung. Wenn der Ober­bür­ger­meis­ter nicht im Rat­haus ist, steht die Welt doch nicht still. Es gibt E-mail, Ta­blet und Te­le­fon. Wenn ich nicht im Rat­haus bin, bin ich trotz­dem in der La­ge, das Haus zu füh­ren. Da muss ich die Kri­ti­ker tief ent­täu­schen: Ich bin prä­sen­ter als sie den­ken.

Wann wird der Fern­seh­turm er­öff­net?

Das kann ich schwer be­ur­tei­len. Wir sind nicht der Bau­herr, das ist die Deut­sche Funk­turm Gmbh. Aus den Er­fah­run­gen des Un­ter­neh­mens mit dem Ham­bur­ger Funk­turm ist da­von aus­zu­ge­hen, dass das ge­sam­te Pro­ze­de­re in der Ab­stim­mung mit dem För­der­mit­tel­ge­ber noch an­dert­halb Jah­re in An­spruch neh­men könn­te. Ziel ist es, nächs­tes Jahr im Herbst auf der Im­mo­bi­li­en­mes­se Ex­po­re­al nach ei­nem Be­trei­ber zu su­chen. Wenn die­ser fest­steht, kön­nen wir in die Ge­neh­mi­gungs­pla­nung ein­tre­ten, um Bau­recht zu er­hal­ten. Das Ge­neh­mi­gungs­ver­fah­ren dau­ert ei­ne ge­wis­se Zeit. Es gibt noch Hür­den zu neh­men wie die Ver­kehrs­an­bin­dung und den Brand­schutz, da ist der Ein­bau von zwei Fahr­stüh­len noch die leich­tes­te Auf­ga­be. Wir sind da­bei, die The­ma­ti­ken so zü­gig wie mög­lich ab­zu­ar­bei­ten. Aber es kann den ei­nen oder an­de­ren Mo­nat län­ger dau­ern, als man es sich wünscht.

Das Städ­ti­sche Kli­ni­kum ent­wi­ckelt sich mit ei­nem zwei­stel­li­gen Mil­lio­nen­ver­lust zum erns­ten Pro­blem­fall. Was ist aus Ih­rer Sicht zu tun?

Es ist ei­ne der größ­ten Her­aus­for­de­run­gen für uns, das Kli­ni­kum zu­kunfts­fä­hig auf­zu­stel­len. Das muss vom zu­stän­di­gen Ge­schäfts­be­reich in­ten­siv un­ter­sucht wer­den. Die Ver­wal­tung muss wis­sen, wie­so nicht die Fall­zah­len er­reicht wer­den, die in der Wirt­schafts­pla­nung als Ziel ge­steckt wur­den. Die­se Fra­gen müs­sen ab­ge­ar­bei­tet wer­den. Dann muss ein Kon­zept her, das ei­nen dau­er­haf­ten wirt­schaft­li­chen Be­trieb ge­währ­leis­tet.

Der Stadt­rat hat ei­nen Hoch­haus­neu­bau mit So­zi­al­woh­nun­gen in Jo­hann­stadt ge­kippt. Wie be­wer­ten Sie die De­bat­te zum so­zia­len Woh­nungs­bau?

Die Ver­wal­tung hat­te sich Zie­le ge­steckt, die durch die Po­li­tik hoch­ge­schraubt wur­den. Jetzt wer­den wahr­schein­lich nicht mal die rea­lis­ti­sche­ren Zie­le er­reicht. Da wur­den po­li­tisch gro­ße Feh­ler ge­macht, das muss der Wäh­ler nächs­tes Jahr be­wer­ten. Je wei­ter die Stadt ver­dich­tet wer­den soll, um­so mehr In­ter­es­sen­la­gen tref­fen auf­ein­an­der. Da gibt es An­woh­ner, die die Vor­ha­ben nicht so toll fin­den. Wenn wir dann aber je­des Mal ein­kni­cken, wer­den wir nicht an­nä­hernd den so­zia­len Woh­nungs­bau vor­an­trei­ben. Mei­ne Per­spek­ti­ve ist das Jahr 2036. Dann braucht Dres­den ei­nen Be­stand von 10 000 Wohn­ein­hei­ten, ob nun selbst ge­baut oder er­wor­ben. Mit den Schwie­rig­kei­ten im Mo­ment wer­den wir das Ziel um Grö­ßen­ord­nun­gen ver­feh­len. Wenn jetzt tau­send­mal ab­ge­stimm­te Pro­jek­te wie­der in Fra­ge ge­stellt oder gar ge­stri­chen wer­den, kom­men wir nicht wei­ter. Po­pu­lis­mus baut kei­ne Woh­nun­gen.

Wie sieht es bei der Su­che nach ei­nem Er­satz­grund­stück für Glo­bus aus?

Wir sind auf ei­nem gu­ten Weg.

Fo­to: Dietrich Flecht­ner

„Der Ober­bür­ger­meis­ter ist noch stär­ker ge­fragt, für die ent­spre­chen­den Mehr­hei­ten zu sor­gen“: Dirk Hil­bert.

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