Jen­seits vom Ma­schi­nen­lärm

Ei­ne Wan­der­aus­stel­lung wid­met sich im Säch­si­schen Land­tag Sach­sens In­dus­trie­ar­chi­tek­tur

Dresdner Neueste Nachrichten - - KULTUR - VON PATRICK-DA­NI­EL BA­ER

Sach­sens In­dus­trie wächst. Im Jahr 2017 hat­te sie ei­nen Ge­samt­um­satz von 67,4 Mil­li­ar­den Eu­ro und er­ziel­te da­mit ei­ne Stei­ge­rung um 5,6 Pro­zent. Wenn sich Un­ter­neh­men in der Re­gi­on an­sie­deln wol­len, dann leuch­ten die „Au­gen“der Kom­mu­nen. Die Hal­len wer­den auf Kos­ten von Raum und Pro­por­ti­on rasch er­rich­tet, die Pro­duk­ti­on kommt schnell in die Gän­ge, das Ver­hält­nis von Mensch zu Ar­chi­tek­tur ge­rät aus dem Fo­kus. Ein Fest fürs Au­ge sind die­se neu­en Be­trie­be nicht, die nächs­ten Ge­ne­ra­tio­nen müs­sen je­doch kaum dar­un­ter lei­den, denn auf Lang­le­big­keit und Nach­hal­tig­keit wird beim Er­rich­ten der Pro­duk­ti­ons­räu­me heut­zu­ta­ge eben­falls sel­ten ge­setzt.

Seit der in­dus­tri­el­len Re­vo­lu­ti­on ist Sach­sen Stand­ort vie­ler In­dus­trie­zwei­ge, galt zum be­gin­nen­den 19. Jahr­hun­dert gar als Pio­nier der eu­ro­päi­schen In­dus­tria­li­sie­rung. Dres­den und sein Um­land wur­den ein Zen­trum der Nah­rungs- und Ge­nuss­mit­tel­in­dus­trie, auch wis­sen­schafts­ba­sier­te Zwei­ge wie die Phar­ma­in­dus­trie sie­del­ten sich hier an. Ma­schi­nen- und Berg­bau fand man im wei­te­ren Um­land. Das „säch­si­sche Man­ches­ter“Chemnitz, Plau­en und Süd­west­sach­sen gal­ten im 19. Jahr­hun­dert als Zen­trum der deut­schen Tex­til­in­dus­trie. Leip­zig er­ar­bei­te­te sich ei­nen Ruf im Ma­schi­nen-, aber auch im Mu­sik­in­stru­men­ten­bau. Zeit­wei­se und par­ti­ell wa­ren die in Sach­sen an­säs­si­gen Be­trie­be deutsch­land­weit füh­ren­de Un­ter­neh­men.

Zeu­gen die­ser gol­de­nen Wirt­schafts­zei­ten und des Struk­tur­wan­dels sind noch ver­blie­be­ne Ar­chi­tek­tu­ren. In ei­ni­gen die­ser In­dus­trie­bau­ten ver­stumm­te nach 1989 der Pro­duk­ti­ons­lärm, bei­spiels­wei­se in den 1911/12 aus ei­ner Ei­sen­be­ton­kon­struk­ti­on und Zie­gel­mau­er­werk er­rich­te­ten Ge­bäu­den der Zünd­holz­wer­ke Rie­sa. An­de­re In­dus­trie­en­sem­ble, wie die Leip­zi­ger Baum­woll­spin­ne­rei, wur­den mit ei­nem neu­en Nut­zungs­kon­zept wie­der­be­lebt. Die­se 1884 er­rich­te­te Fa­b­rik­stadt wur­de in den spä­ten 1990er Jah­ren zu ei­ner Stadt in der Stadt, be­völ­kert von Künst­lern und an­de­re Kul­tur­schaf­fen­den. Ei­ni­ge In­dus­trie­be­trie­be, wie die aus der 1871 er­rich­te­ten Ak­ti­en­braue­rei „Zum Berg­kel­ler“her­vor­ge­gan­ge­ne Ra­de­ber­ger Ex­port­bier­braue­rei, zäh­len auch heu­te noch zu den er­folg­reichs­ten Wirt­schafts­un­ter­neh­men der Re­gi­on. Über ei­ni­gen In­dus­trie­bau­ten wächst je­doch auch schon das Gras der Ge­schich­te. Die 1869 er­bau­te Al­ten­bur­ger Woll­spin­ne­rei in Mee­ra­ne wur­de trotz zahl­rei­cher Pro­tes­te 2012 ab­ge­ris­sen. Ein als Funk­mast ver­mie­te­ter Schorn­stein ist das ein­zi­ge er­hal­te­ne Ge­dächt­nis der in vie­len Ge­schos­sen ge­türm­ten Ma­schi­nen­sä­le der Spin­ne­rei.

Im Säch­si­schen Land­tag in Dres­den ist der­zeit die Aus­stel­lung „In­dus­trie­ar­chi­tek­tur in Sach­sen“zu se­hen. Der Un­ter­ti­tel „er­hal­ten – er­le­ben – er­in­nern“wur­de mit Be­dacht ge­wählt. Katja Mar­ga­re­the Mieth, Ku­ra­to­rin die­ser Wan­der­aus­stel­lung und Di­rek­to­rin der Säch­si­schen Lan­des­stel­le für Mu­se­ums­we­sen, sieht die Be­deu­tung der his­to­ri­schen In­dus­trie­bau­ten nicht nur in der Prä­gung der Stadt­bil­der. Mit dem Ab­riss der Ge­bäu­de ver­schwin­den die Ar­beits- und Er­werbs­bio­gra­fi­en vie­ler Men­schen, die Iden­ti­tä­ten vor al­lem klei­ne­rer Or­te und Kom­mu­nen ge­hen ver­lo­ren. „Manch­mal hilft auch zu­nächst ei­ne nie­der­schwel­li­ge Sa­nie­rung, wenn das Geld für ei­ne Top­sa­nie­rung fehlt“. In der Re­gel wird für ei­nen Ab­riss der Ge­bäu­de ent­schie­den, Mieth plä­diert hin­ge­gen für Not­hil­fe­fonds zur Ge­bäu­de­si­che­rung und da­für, die Nut­zungs­ent­schei­dung doch lie­ber künf­ti­gen Ge­ne­ra­tio­nen zu über­las­sen. Manch­mal brau­chen Ide­en auch Zeit.

Das 2010 er­schie­ne­ne Buch „In­dus­trie­ar­chi­tek­tur in Sach­sen. Er­hal­ten durch neue Nut­zung“von Bernd Si­ko­ra mit Fo­to­gra­fi­en von Ber­tram Ko­ber gab den Im­puls zur Aus­stel­lung „In­dus­trie­ar­chi­tek­tur in Sach­sen“, die – auf die­sem Über­blick auf­bau­end – ei­nen um­fang­rei­chen Ab­riss zur säch­si­schen In­dus­trie­ar­chi­tek­tur und Bau­sub­stanz bie­tet.

Der Dresd­ner Land­tag ist mitt­ler­wei­le die elf­te Sta­ti­on der Aus­stel­lung, die 2011 im In­dus­trie­mu­se­um Chemnitz zum ers­ten Mal ge­zeigt und da­nach in Sach­sen, u.a. Freiberg, Ra­de­berg und Rie­sa, auf Rei­sen ge­schickt und für je­de Sta­ti­on leicht mo­di­fi­ziert wur­de. Die fas­zi­nie­ren­den Ar­chi­tek­tur­auf­nah­men des Leip­zi­ger Fo­to­gra­fen Ber­tram Ko­ber wer­den von ei­ni­gen Pro­dukt­ver­wei­sen aus den In­dus­trie­be­trie­ben und spe­zi­ell in Dres­den durch die Fo­to­se­rie „Ar­beits­wel­ten in der DDR“des u.a. für die NBI und Freie Welt ar­bei­ten­den frei­be­ruf­li­chen Bild­re­por­ters Wolf­gang Gün­ther Schrö­ter flan­kiert. Schrö­ter grün­de­te mit Ko­ber u.a. 1990 in Leip­zig die Bild­agen­tur „punc­tum.fo­to­gra­fie“.

In der Aus­stel­lung im Bür­ger­foy­er des Land­tags sind vor al­lem gro­ße, groß­ar­ti­ge Fo­to­gra­fi­en zu se­hen. Ber­tram Ko­ber hat in sei­nen sach­lich­wert­schät­zen­den wie emo­tio­nal-me­lan­cho­li­schen Auf­nah­men ei­ne Spra­che ge­fun­den, die den In­dus­trie­bau­ten ih­re Wür­de lässt. Die ab­ge­lich­te­ten Or­te, ak­ti­ve Pro­duk­ti­ons­stät­ten wie die „Dresd­ner Müh­le“und neu ge­nutz­te wie die ehe­ma­li­gen „As­tra-wer­ke“Chemnitz, strah­len Ru­he aus, kün­den von ver­gan­ge­nen Zei- ten und tra­gen idyl­li­schen, ein­sam-ver­las­se­nen Cha­rak­ter in sich. Meist wer­den die In­dus­trie­bau­ten über ih­re Fas­sa­den de­fi­niert dar­ge­stellt, nüch­tern ar­bei­tet der Fo­to­graf hier­bei mit Geo­me­trie und Rhyth­mus, sehr schön bei­spiels­wei­se auf den Ab­bil­dun­gen des „Ro­bo­tron-ge­län­des“an der Gr­u­na­er Stra­ße zu se­hen. Die Viel­sei­tig­keit und Ent­wick­lung des „säch­si­schen Fa­b­rik­stils“, aus­ge­hend von Ar­beit­s­pa­läs­ten (1800 bis 1840), schmuck­lo­sen Fa­b­rik­bau­ten (bis 1870), In­dus­trie­bau­ten mit re­prä­sen­ta­ti­ven his­to­ri­sie­ren­den Schau­fas­sa­den (bis 1900) über ei­nen Tech­nik­sym­bo­lis­mus (bis 1930) und Funk­ti­ons­bau­ten (bis 1990) bis hin zu den Leicht­bau­hül­len der Ge­gen­wart, las­sen sich in der Aus­stel­lung ab­le­sen. Nur sel­ten be­schränkt sich Ko­ber auf ar­chi­tek­to­ni­sche und bild­haue­ri­sche De­tails wie beim „Elek­tri­zi­täts­ver­band Grö­ba“. Ei­ni­ge In­nen­auf­nah­men zeu­gen von frü­he­rer Nut­zung, z.b. die Schalt­war­te des „Kraft­werk Mit­te“Dres­den.

Be­glei­tet wird die Aus­stel­lung durch den Bild­band „Sach­sens In­dus­trie­ar­chi­tek­tur“und die kos­ten­freie Bro­schü­re „In­dus­trie­ar­chi­tek­tur in Sach­sen“. bis 4. Ja­nu­ar, Bür­ger­foy­er, Säch­si­scher Land­tag, Mo-fr 10-18 Uhr (au­ßer an Fei­er­ta­gen so­wie vom 22.12. bis 2. 1.) Der Ein­tritt ist frei.

Fo­to: Ber­tram Ko­ber/punc­tum, 2017

Mus­ka­tor-wer­ke Rie­sa (Be­triebs­ge­bäu­de der OHG Müh­len­wer­ke & Co., Be­triebs­ge­bäu­de der Mus­ka­tor-wer­ke Bar­ne­witz/moll Gm­bh, Werk Rie­sa)

W.G. Schrö­ter: Mon­ta­ge der Fern­seh­röh­ren für Mo­dell „Rembrandt“, Sach­sen­werk Ra­de­berg. Säch­si­sche Lan­des­stel­le für Mu­se­ums­we­sen (Aus­stel­lungs-nr. 17)

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