Was den Le­ser in Mi­chel Hou­el­l­e­bec­qs neu­em Ro­man er­war­tet

Heu­te er­scheint der Ro­man „Se­ro­to­nin“des fran­zö­si­schen Schrift­stel­lers Mi­chel Hou­el­l­e­becq

Dresdner Neueste Nachrichten - - ERSTE SEITE - Von Ja­ni­na Flei­scher

Im zwei­ten Teil des Ro­mans gibt es ei­ne Sze­ne, bei der man an gar nichts an­de­res den­ken kann als an die Pro­tes­te der „Gelb­wes­ten“die­ser Ta­ge in Frank­reich. In Pont-l’évêque, wo die A 1342 auf die A 13 trifft, es­ka­liert der Wi­der­stand nor­man­ni­scher Bau­ern ge­gen die Milch­quo­ten. Dies ist ei­ne von zwei Ge­schich­ten, die der fran­zö­si­sche Schrift­stel­ler Mi­chel Hou­el­l­e­becq (62) in sei­nem neu­en Ro­man er­zählt, der heu­te er­scheint. „Se­ro­to­nin“heißt das Werk, so wie ein Glücks­hor­mon, das ge­knüpft ist an Selbst­wert­ge­fühl und „An­er­ken­nung sei­tens der Grup­pe“. Weil bei­des ihm fehlt, schluckt der Ich-er­zäh­ler das Me­di­ka­ment Cap­to­rix. Und so, wie sich die „klei­ne wei­ße, ova­le, teil­ba­re Ta­blet­te“hal­bie­ren lässt, so be­steht der Ro­man aus zwei Tei­len. Nur dass die­se je­weils für sich stär­ker wir­ken als zu­sam­men. Was bei­de ver­bin­det, ist die Ver­ket­tung von Um­stän­den, die wie­der­um „den ei­gent­li­chen Ge­gen­stand die­ses Bu­ches dar­stel­len“. Um­stän­de, die sich aus Welt­wirt­schaft, Fern­seh­pro­gramm und se­xu­el­ler Ener­gie er­ge­ben. Der Ro­man be­ginnt in ei­ner Nu­dis­ten­ko­lo­nie an der Küs­te Spa­ni­ens als Zi­vi­li­sa­ti­ons-ko­mö­die, in de­ren Zen­trum ein in sei­nem Ver­druss kli­schee­haft al­tern­der Mann steht. Flo­rent-clau­de La­b­rous­te heißt er, ist 46 Jah­re alt, „breit­schult­rig und ge­drun­gen, mit ei­nem leich­ten Hang zum Al­ko­ho­lis­mus“. Als Agrar­in­ge­nieur ver­dient er im Land­wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um ganz gut, hat 700 000 Eu­ro aus der Erb­schaft sei­ner El­tern in der Hin­ter­hand. Das Glück ist lan­ge her. Ei­gent­lich al­les in sei­nem Le­ben emp­fin­det er als wi­der­lich und de­mü­ti­gend. Das be­ginnt mit sei­nem Na­men. Er könn­te sei­nen zwei­ten Vor­na­men, Pier­re, nut­zen, doch da­für feh­len ihm Kraft und Schneid, eben die, Par­don, Eier. Über das durch­hän­gen­de Se­xu­al­le­ben des Hel­den er­fah­ren die Le­ser in et­wa so viel wie über Milch­quo­ten: nicht aus­rei­chend, um sich tat­säch­lich ein Bild zu ma­chen – und doch zu viel. Ei­ne Kom­bi­na­ti­on aus Fach- und Fuck­ge­schich­ten ist das, was von Hou­el­l­e­becq („Ele­men­tar­teil­chen“, „Un­ter­wer­fung“) er­war­tet wer­den darf, da­zu Aus­schwei­fun­gen über die Na­tur der Din­ge so­wie die Na­tur des Man­nes. In bei­den Fäl­len ist es der Ver­fall. Zu­nächst rückt der Held ei­ner Erek­ti­on „mit den üb­li­chen Mit­teln zu Lei­be“, ist aber schon nicht mehr in der La­ge, sein Le­ben in die Hand zu neh­men. Als Ne­ben­wir­kun­gen die er­höh­te Se­ro­to­ninaus­schüt­tung dank Cap­to­rix be­glei­ten, ist das „Vö­geln“bald nur noch ein Akt der Er­in­ne­rung. Was er über die abend­li­chen „Zer­streu­un­gen“sei­ner ja­pa­ni­schen Le­bens­ge­fähr­tin Yu­zu (26) her­aus­fin­det, hat hin­ge­gen viel mit Grup­pen­sex und ei­ni­ges mit So­do­mie zu tun und führt, zu­sam­men mit der Tv-do­ku­men­ta­ti­on „Vor­sätz­lich ver­schwun­den“, da­zu, dass Flo­ren­tClau­de La­b­rous­te aus ih­rem und sei­nem Le­ben ver­schwin­det. Der Mann taucht un­ter in ei­ner Ho­tel-exis­tenz, al­le „ir­di­schen Gü­ter“pas­sen in ei­nen Kof­fer, und un­ter­nimmt Aus­flü­ge in die Ver­gan­gen­heit, in­dem er sich mit ei­ner ehe­ma­li­gen Ge­lieb­ten trifft und sei­ne gro­ße Lie­be Ca­mil­le be­schat­tet, wo­bei sich psy­cho­pa­thi­sche Zü­ge durch­aus sta­bi­li­sie­ren. Die Lie­be, der er nach­tau­melt, ver­gleicht er mit „ei­ner Art Traum zu zweit“, in dem es „zwar ge­wis­se Au­gen­bli­cke des in­di­vi­du­el­len Träu­mens gibt, klei­ne Spiel­chen der Ver­ei­ni­gung und Ver­schrän­kung, der aber in je­dem Fall ei­nen Weg dar­stellt, un­se­re ir­di­sche Exis­tenz zu ei­nem er­träg­li­chen Mo­ment zu ma­chen – der ei­gent­lich das ein­zi­ge Mit­tel da­zu ist“. Er reist zum einst ein­zi­gen ech­ten Freund, je­nem Ay­me­ric d’har­cour­to­lon­de, der in der Nor­man­die als Milch­bau­er schei­tert. Zu­grun­de aber geht Ay­me­ric an ei­ner Frau be­zie­hungs­wei­se der Ab­we­sen­heit die­ser „Schlam­pe“. Nach und nach kom­men Schuss­waf­fen, Pä­do­phi­lie und re­gio­na­le Kä­se­sor­ten ins Spiel, fal­len die Stich­wor­te Monsan­to und Frei­han­del. Wo­bei Hou­el­l­e­becq über vie­le Sei­ten un­scharf aufs Ge­sche­hen blickt. In der Bei­läu­fig­keit kö­chelt das Mon­s­trö­se, das ei­gent­lich ex­plo­si­ve Ge­misch von Dro­ge, Mensch und Zeit, so vor sich hin. Als töd­lich er­weist sich in die­sem Dra­ma des ver­letz­ten Man­nes we­ni­ger die „to­xi­sche Be­zie­hung“als ei­ne Über­do­sis Zer­stö­rungs­wut. Die Zu­mu­tun­gen der Welt füh­ren bei Hou­el­l­e­becq in nicht ir­gend­ei­nen, son­dern in ei­nen „abend­län­di­schen Li­bi­do­ver­lust“. Der Zu­stand der De­pres­si­on ist der Zu­stand der Ge­sell­schaft: „Ei­ne Zi­vi­li­sa­ti­on stirbt am blo­ßen Über­druss, am Ab­scheu vor sich selbst.“Der Au­tor muss das Rad nicht er­fin­den, an dem sein Held dreht. La­b­rous­te ba­det in Trau­er und Leid, ist oh­ne Freun­de, oh­ne An­ge­hö­ri­ge, oh­ne Pro­jek­te, oh­ne In­ter­es­sen, oh­ne Grund zu le­ben und oh­ne Grund zu ster­ben. Er treibt in ei­ner Stim­mung „fried­vol­ler, ge­fes­tig­ter Trau­rig­keit“. Wenn er „vor Kum­mer zu ster­ben“droht oder wenn „die Leu­te“selbst „den Mecha­nis­mus ih­res ei­ge­nen Un­glücks“her­stel­len, wä­ren fünf Eu­ro ins Pa­thos­schwein fäl­lig. Im Strom des Be­kla­gens­wer­ten, an der Gren­ze wi­schen So­zi­al-do­ku und Ge­sell­schafts-gro­tes­ke, ver­liert Mi­chel Hou­el­l­e­becq sei­nen Hel­den bei­na­he aus den Au­gen. Der zün­det schließ­lich die letz­te Stu­fe der Ein­sam­keit. Fast sehnt man sich zu­rück in die Nu­dis­ten­ko­lo­nie an der spa­ni­schen Küs­te, wo sie si­cher auch beim Ster­ben erst ein Hand­tuch un­ter­le­gen.

Mi­chel Hou­el­l­e­becq: Se­ro­to­nin. Ro­man. Aus dem Fran­zö­si­schen von Ste­phan Klei­ner. Du­mont; 336 Sei­ten, 24 Eu­ro

FO­TO: AND­REU DAL­MAU/DPA

Der fran­zö­si­sche Schrift­stel­ler Mi­chel Hou­el­l­e­becq.

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