Wenn der Ter­ror im Kopf be­ginnt

Der At­ten­tä­ter von Bot­trop und Es­sen ist of­fen­bar psy­chisch krank. Was heißt das für sei­ne Tat? Wel­che Rol­le spielt sein Aus­län­der­hass? Und war­um stellt sich bei so vie­len Ter­ro­ris­ten her­aus, dass sie ge­stört sind? Über schwie­ri­ge Ab­gren­zung von Wahn und

Dresdner Neueste Nachrichten - - BLICKPUNKT - Von Thors­ten Fuchs

Hass und Men­schen­ver­ach­tung fär­ben ir­gend­wann durch.

Andre­as Heinz, Di­rek­tor der Kli­nik für Psych­ia­trie der Cha­rité

Andre­as N. re­det viel. Und er hält sei­ne Aus­sa­gen ge­gen­über der Po­li­zei für so über­zeu­gend, dass er auf ei­nen Rechts­an­walt erst mal ver­zich­tet hat. Es sei­en „Schwarz­fü­ße“und „Ka­na­ken“ge­we­sen, die er mit sei­nem Au­to in der Sil­ves­ter­nacht in Bot­trop und Es­sen über­fah­ren woll­te, er­klär­te er den Be­am­ten bei der Ver­neh­mung. Man sol­le doch auf­hö­ren, ihm ei­nen An­schlag vor­zu­wer­fen, sag­te er wei­ter. Denn es sei ihm doch ge­ra­de im Ge­gen­teil dar­um ge­gan­gen, An­schlä­ge zu ver­hin­dern. Mög­li­cher­wei­se, so soll er in den Ver­neh­mun­gen eben­falls an­ge­deu­tet ha­ben, sei sein Au­to ja auch fern­ge­lenkt ge­we­sen. Von ei­ner hö­he­ren Macht. Es ist ei­ner­seits be­mer­kens­wert of­fen, was Andre­as N. seit sei­ner Tat ge­gen­über den Er­mitt­lern zu Pro­to­koll gibt: Hass auf Aus­län­der, in ei­ner pu­ren, völ­lig un­ver­hoh­le­nen Va­ri­an­te. Es ist aber an­de­rer­seits auch reich­lich wirr, was der 50-Jäh­ri­ge über sei­ne Tat sagt. In ge­wis­sem Sin­ne ist es auch: ver­rückt. Aber was sagt das dann über die­se Tat? Das Ver­bre­chen, das Andre­as N. in der Sil­ves­ter­nacht in Bot­trop und Es­sen be­gan­gen hat, lässt sich äu­ßer­lich sehr ein­deu­tig be­schrei­ben. Ins­ge­samt fünf­mal steu­er­te der ar­beits­lo­se Ge­bäu­de­rei­ni­ger sei­nen sil­ber­grau­en Mer­ce­des-kom­bi in Grup­pen von fei­ern­den Mi­gran­ten hin­ein. Neun Men­schen hat er da­mit ver­letzt, zum Teil schwer, auch Kin­der. Das Mo­tiv: Ras­sis­mus. Ein Ter­ror­akt al­so, Ter­ror von rechts. Doch zugleich ist der 50-Jäh­ri­ge wohl auch psy­chisch krank. Nach Angaben aus Jus­tiz­krei­sen lei­det er seit Jahr­zehn­ten un­ter Schi­zo­phre­nie, war vor 13 Jah­ren in der ge­schlos­se­nen Psych­ia­trie und bis zu­letzt in Be­hand­lung. Sei­ne Angaben ge­gen­über den Er­mitt­lern klin­gen zu­min­dest teil­wei­se wahn­haft. Ist sein Ver­bre­chen al­so doch kein Ter­ror­an­schlag? Son­dern die Tat ei­nes Kran­ken? Lässt sich bei­des über­haupt so klar von­ein­an­der tren­nen? Im­mer neue Bei­spie­le zei­gen, wie mitt­ler­wei­le die Gren­zen mehr denn je ver­schwim­men.

■ Der Mann,

der Mit­te Ok­to­ber im Köl­ner Haupt­bahn­hof ei­nen Mo­lo­tow­cock­tail zün­de­te und in ei­ner Apo­the­ke ei­ne Frau als Gei­sel nahm, hat­te of­fen­bar schwe­re psy­chi­sche Pro­ble­me. Er soll Psy­cho­phar­ma­ka we­gen ei­ner De­pres­si­on ge­nom­men ha­ben und ta­blet­ten­so­wie spiel­süch­tig ge­we­sen sein. Ein is­la­mis­ti­sches Mo­tiv, das die Er­mitt­ler zu­nächst ver­mu­tet hat­ten, gilt in­zwi­schen als aus­ge­schlos­sen.

■ Der 27-jäh­ri­ge Sy­rer,

der 2016 in Ans­bach auf ei­nem Kon­zert­ge­län­de ei­ne Ruck­sack­bom­be zün­de­te, soll zwei Sui­zid­ver­su­che und Auf­ent­hal­te in psych­ia­tri­schen Kli­ni­ken hin­ter sich ge­habt ha­ben. Zur Tat kam es im Ju­li 2016, im Fe­bru­ar des glei­chen Jah­res war we­gen Un­klar­hei­ten über die Kos­ten­über­nah­me ei­ne The­ra­pie ab­ge­bro­chen wor­den.

■ Der Amok­läu­fer von Mün­chen,

der 18-jäh­ri­ge Da­vid S., der 2016 im Olym­pia-ein­kaufs­zen­trum neun Men­schen tö­te­te, litt seit sei­ner Kind­heit un­ter schwe­ren psy­chi­schen Pro­ble­men und stand auch zur Tat­zeit un­ter dem Ein­fluss von Psy­cho­phar­ma­ka.

■ Ah­mad A.,

der in ei­nem Su­per­markt in Ham­burg ei­nen Mann er­stach, er­schien im Pro­zess schuld­fä­hig, war aber im Zei­t­raum vor der Tat so auf­fäl­lig, dass der Ver­fas­sungs­schutz ei­ne psych­ia­tri­sche Be­gut­ach­tung emp­foh­len hat­te.

■ Der Axt-at­ten­tä­ter,

der in ei­ner Re­gio­nal­bahn bei Würz­burg fünf Men­schen ver­letz­te und von der Po­li­zei er­schos­sen wur­de, ent­pupp­te sich ei­ner­seits als An­hän­ger des „Is­la­mi­schen Staats“– aber auch als ein­sam und psy­chisch la­bil: Zwei Ta­ge vor der Tat hat­te er, wie sich spä­ter her­aus­stell­te, die Nach­richt vom Tod ei­nes Freun­des im hei­mi­schen Af­gha­nis­tan er­hal­ten. Im­mer häu­fi­ger sto­ßen Po­li­zei und Psy­cho­lo­gen auf „ein­sa­me Wöl­fe“. Bei ih­nen wir­ken zwei de-

sta­bi­li­sie­ren­de Fak­to­ren zu­sam­men: so­zia­le und mensch­li­che Iso­la­ti­on plus Ra­di­ka­li­sie­rung. Psy­chi­sche Krank­hei­ten, ob Wahn­vor­stel­lun­gen, De­pres­sio­nen oder Nar­ziss­mus, las­sen oft bei­de Fak­to­ren gleich­zei­tig un­heil­voll wach­sen – wie et­wa im Fall des Nor­we­gers An­ders Brei­vik, der 2011 auf der In­sel Utoya 77 Men­schen tö­te­te, die aus sei­ner Sicht ei­ne zu wei­che Li­nie ge­gen­über dem Is­lam ver­folg­ten. Dass bei Brei­vik die Ge­fahr ei­ner psy­chi­schen Stö­rung be­steht, schrieb ein Psych­ia­ter erst­mals in ei­nem Gut­ach­ten im Jahr 1983. Da­mals war An­ders vier Jah­re alt, das wohl­ha­ben­de El­tern­haus war zer­rüt­tet. Jahr­zehn­te­lang glaub­ten Psych­ia­trie und Psy­cho­lo­gie, dass psy­chisch Kran­ke ge­nau­so ge­walt­tä­tig oder fried­lich sind wie Nicht-ge­stör­te, dass es in die­ser Hin­sicht al­so kei­nen Un­ter­schied gibt. Doch die Wahr­heit ist kom­pli­zier­ter. „Ge­ne­rell sind psy­chisch Kran­ke nicht ge­walt­tä­ti­ger als an­de­re Men­schen“, be­tont Pro­fes­sor Andre­as Heinz, Di­rek­tor der Kli­nik für Psych­ia­trie und Psy­cho­the­ra­pie der Cha­rité und Prä­si­dent der Deut­schen Ge­sell­schaft für Psych­ia­trie und Psy­cho­the­ra­pie, Psy­cho­so­ma­tik und Ner­ven­heil­kun­de. Auch wür­den psy­chisch Kran­ke deut­lich häu­fi­ger Op­fer von Ge­walt, als dass sie selbst Men­schen an­grei­fen. Doch für ei­ne be­stimm­te Dia­gno­se gilt dies nur zum Teil. „Es gibt psy­chi­sche Er­kran­kun­gen, bei de­nen ag­gres­si­ves Ver­hal­ten häu­fi­ger auf­tritt“, sagt Andre­as Heinz. Dies sei­en vor al­lem Sucht- und be­stimm­te psy­cho­ti­sche Er­kran­kun­gen. Jens Hoff­mann, Lei­ter des In­sti­tuts für Psy­cho­lo­gie und Be­dro­hungs­ma­nage­ment in Darmstadt, hat für ei­ne Un­ter­su­chung mit Kol­le­gen die Fal­l­ak­ten von An­schlä­gen auf öf­fent­li­che Per­so­nen in Deutsch­land un­ter­sucht. Der Be­fund ist aus sei­ner Sicht klar: „Wenn man sich an­schaut, wer schwe­re ziel­ge­rich­te­te Ge­walt­ta­ten be­geht, dann sind dar­un­ter auf­fal­lend vie­le, die kri­sen­haft psy­cho­tisch, de­pres­siv oder auf an­de­re Wei­se in­sta­bil sind.“Zu den psy­cho­ti­schen Er­kran­kun­gen ge­hört die Schi­zo­phre­nie, un­ter der der Bot­tro­per Andre­as N. of­fen­bar lei­det. Zu ihr kön­nen Pha­sen ge­hö­ren, in de­nen die Be­trof­fe­nen wie im Wahn le­ben, Stim­men hö­ren, zwi­schen Fan­ta­sie und Rea­li­tät nicht mehr un­ter­schei­den kön­nen. Die Fan­ta­sie zum Bei­spiel, ihr Au­to wür­de fern­ge­steu­ert in ei­ne Grup­pe von Zu­wan­de­rern ra­sen. Doch so deut­lich die Hin­wei­se sind: Die De­bat­te über den Zu­sam­men­hang von psy­chi­scher Krank­heit und Ge­walt ist ei­ne schwie­ri­ge. Ers­tens, weil sie in ober­fläch­li­cher Les­art Vor­ur­tei­len ge­gen­über psy­chisch Kran­ken neue Nah­rung zu ge­ben droht – ob­wohl doch ge­ra­de de­ren so­zia­le In­te­gra­ti­on nö­tig wä­re. Zwei­tens, weil sie den Blick auf ein paar ein­fa­che Wahr­hei­ten ver­stel­len könn­te: Je­ne Ge­walt­tä­ter, die in Grup­pen or­ga­ni­siert sind und ih­re Mor­de ge­mein­sam mit lan­gem Vor­lauf pla­nen, sind fast im­mer psy­chisch ge­sund. Uwe Böhn­hardt und Uwe Mund­los, die Nsu-at­ten­tä­ter, wa­ren ex­tre­me Cha­rak­te­re mit men­schen­ver­ach­ten­den An­sich­ten – psy­chisch krank wa­ren sie, nach al­lem, was man weiß, nicht. Drit­tens schließ­lich wirkt es fälsch­lich be­ru­hi­gend, wenn die psy­chi­sche Krank­heit von Tä­tern be­tont wird, ganz so, als hät­ten ih­re Ver­bre­chen nichts mit po­li­ti­schen De­bat­ten, mit Hass und Het­ze zu tun, nach dem Mot­to: Seht her, al­les nur die Ta­ten von Ver­rück­ten. Doch auch das wä­re zu ein­fach. Denn tat­säch­lich kom­men auch die Wahn­ide­en von Psy­cho­ti­kern nicht aus dem luft­lee­ren Raum. „Men­schen, die psy­chisch krank oder la­bil sind, grei­fen schnel­ler Din­ge auf, die in der Ge­sell­schaft dis­ku­tiert wer­den“, sagt Jens Hoff­mann. Ganz so, als hät­ten Kran­ke ein be­son­ders fei­nes Sen­so­ri­um für die Stim­mun­gen und Schwin­gun­gen in ei­ner Ge­sell­schaft – und be­son­ders we­nig Kraft, sich ih­nen zu wi­der­set­zen. Die psych­ia­tri­sche Fach­li­te­ra­tur, er­läu­tert Cha­rité-psych­ia­ter Andre­as Heinz, sei noch im­mer do­mi­niert von Bei­spie­len re­li­giö­sen Wahns. In der Pra­xis je­doch kom- men re­li­giö­se Mo­ti­ve kaum mehr vor. Statt­des­sen be­han­del­te Heinz vor Kur­zem ei­nen Pa­ti­en­ten, der da­von be­ses­sen war, dass An­ge­la Mer­kel in un­ter­ir­di­schen Mo­sche­en deut­sche Frau­en von aus­län­di­schen Män­nern miss­han­deln las­se – ein Bei­spiel da­für, wie sich Hass und Het­ze heu­te ih­ren Weg in die Köpfe bah­nen. „Wenn es in der Ge­sell­schaft ei­ne so tief­grei­fen­de Ent­wer­tung von be­stimm­ten Men­schen­grup­pen gibt, dann füh­len sich man­che Men­schen da­von an­ge­spro­chen“, sagt Heinz. „Hass und Men­schen­ver­ach­tung auf Dau­er zu igno­rie­ren fällt schwer. Das färbt ir­gend­wann durch.“Jens Hoff­mann, der mit sei­nem In­sti­tut Be­hör­den und Fir­men im Um­gang mit Be­dro­hun­gen schult, hält vie­le Ta­ten tat­säch­lich für ver­meid­bar. „In den al­ler­meis­ten Fäl­len gibt es vor­her Auf­fäl­lig­kei­ten“, er­klärt er. Alarm­si­gnal sei zum Bei­spiel die Kom­bi­na­ti­on aus fa­na­ti­scher Über­zeu­gung und psy­cho­ti­scher Er­kran­kung. Das Pro­blem sei je­doch, dass die In­for­ma­tio­nen nicht wei­ter­ge­ge­ben wür­den und zum Bei­spiel in Fall­kon­fe­ren­zen von Po­li­zei und an­de­ren Be­hör­den mün­de­ten. „Bei der pro­fes­sio­nel­len Ri­si­ko­ein­schät­zung sind wir in Deutsch­land deut­lich hin­ter­her, et­wa im Ver­gleich mit der Schweiz. Das ist hoch­pro­ble­ma­tisch.“Hoff­mann plä­diert da­für, auch die in Deutsch­land be­son­ders ho­hen Hür­den für Zwangs­ein­wei­sun­gen in be­stimm­ten Fäl­len zu­min­dest et­was zu lo­ckern. „Da gibt es ei­nen recht­li­chen Fort­ent­wick­lungs­be­darf.“Nur birgt auch das neue Pro­ble­me. Sol­len The­ra­peu­ten ih­re Schwei­ge­pflicht im Ver­dachts­fall schon frü­her bre­chen dür­fen als bis­her? Vie­les deu­tet je­den­falls dar­auf hin, dass die Deut­schen nicht mehr nur über Schlei­er­fahn­dung und Vor­rats­da­ten­spei­che­rung dis­ku­tie­ren soll­ten, son­dern auch über mehr The­ra­pie­an­ge­bo­te und über ei­ne neue Sen­si­bi­li­tät ge­gen­über mo­der­ner Ver­ein­sa­mung. Nicht nur man­ches, was als Ter­ror da­her­kommt, lie­ße sich da­mit brem­sen. Auch die Zahl der we­der po­li­tisch noch re­li­gi­ös be­wim­pel­ten so­ge­nann­ten er­wei­ter­ten Sui­zi­de lie­ße sich auf die­se Art viel­leicht sen­ken. Al­lein im Fall des Pi­lo­ten Andre­as Lu­bitz, der den Ger­m­anwings-flug 9525 am 24. März 2015 laut Un­ter­su­chungs­be­richt „kon­trol­liert und be­wusst“ge­gen ei­nen Berg steu­er­te, hät­te ei­ne recht­zei­ti­ge und wirk­sa­me The­ra­pie 150 Men­schen das Le­ben ge­ret­tet.

Men­schen, die psy­chisch krank sind, grei­fen Din­ge auf, die in der Ge­sell­schaft dis­ku­tiert wer­den Lei­ter des In­sti­tuts für Psy­cho­lo­gie und Be­dro­hungs­ma­nage­ment Jens Hoff­mann,

Or­te von Ver­bre­chen, bei de­nen wohl Krank­heit ei­ne Rol­le spiel­te: Die Apo­the­ke im Köl­ner Haupt­bahn­hof nach der Gei­sel­nah­me im Ok­to­ber (oben links), Ans­bach nach dem Bom­ben­an­schlag 2016 (oben Mit­te), das Olym­pia-ein­kaufs­zen­trum Mün­chen nach dem Amok­lauf 2016 (oben rechts), Hal­te­stel­le in Es­sen nach der Amok­fahrt in der Sil­ves­ter­nacht.

FO­TO: CLAU­DE PA­RIS/DPA

„Er­wei­ter­ter Selbst­mord“oh­ne po­li­ti­sche oder re­li­giö­se Be­wim­pe­lung: Ger­m­anwings-wrack im März 2015 in den Al­pen.

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