Schrei nach Wür­de

Dresdner Neueste Nachrichten - - BLICKPUNKT - Von Chris­ti­an Schüle

Als Um­stürz­ler be­schimpft die Re­gie­rung in Pa­ris jetzt die im­mer noch re­vol­tie­ren­den Gelb­wes­ten.

Da­bei hat die Be­we­gung we­der Ide­en noch Vor­schlä­ge, we­der ein­heit­li­che For­de­run­gen noch ei­ne Ideo­lo­gie. Ihr An­lie­gen ist weit sch­lich­ter: Die Men­schen füh­len sich miss­ach­tet. Aus­tausch­bar, über­flüs­sig, igno­riert. Wo­mög­lich ging und geht es bei all den Pro­tes­ten und Be­we­gun­gen der ver­gan­ge­nen Jah­re nur um eins: das Ver­lan­gen nach Wür­de. Es ist ein Auf­schrei ge­gen den Selbst­wert­ver­lust. Das Ge­fühl ver­letz­ter Wür­de – „un­ten“zu sein und „un­ten“blei­ben zu müs­sen – lässt sich nicht per Ablass­han­del mit 100 Eu­ro Ein­mal­zah­lung süh­nen. Um Geld geht es nur mit­tel­bar. Für im­mer mehr Men­schen lö­sen die li­be­ra­len De­mo­kra­ti­en das heh­re Ver­spre­chen von Auf­stieg durch Leis­tung nicht mehr ein. Feh­len­de Wert­schät­zung könn­te auch die wach­sen­de Pro­test­wäh­ler­schaft in Deutsch­land trei­ben. Ne­ben un­säg­li­cher Ge­schichts­klit­te­rung und of­fe­ner Frem­den­feind­lich­keit bie­tet die AFD ja vor al­lem ei­ne re­stau­ra­ti­ve Ro­man­tik an: ei­nen Ge­bor­gen­heits­raum, der die be­re­chen­ba­re Welt von ges­tern ver­spricht (die sie nie war) und den Ein­zel­nen vor den fremd­be­stim­men­den Mäch­ten der Glo­ba­li­sie­rung und der Mas­sen­mi­gra­ti­on zu schüt­zen vor­gibt. Wer den er­staun­li­chen Er­folg von Po­pu­lis­ten in Eu­ro­pa struk­tu­rell stop­pen will, muss rasch gu­te und gut ent­lohn­te Er­zie­her und Leh­rer auf­bie­ten, um die An­ge­hö­ri­gen der kom­men­den Ge­ne­ra­ti­on im Wis­sen dar­um aus­zu­bil­den, dass je­der Ein­zel­ne zählt – als hu­ma­nis­ti­sches Sub­jekt, nicht als kon­su­mie­ren­des Ob­jekt. Chris­ti­an Schüle ist frei­er Au­tor in Ham­burg.

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