„Das In­ter­net bie­tet Pro­jek­ti­ons­flä­chen“

Ter­ro­ris­mus­ex­per­te Pe­ter R. Ne­u­mann vom King’s Col­le­ge über Ur­sa­chen der Ge­walt – und Fak­to­ren, die den Ex­tre­mis­mus ver­stär­ken

Dresdner Neueste Nachrichten - - BLICKPUNKT - In­ter­view: Mar­kus De­cker

Herr Ne­u­mann, der At­ten­tä­ter von Bot­trop gilt als psy­chisch krank. Zugleich soll er ei­nen Hass auf Aus­län­der ge­habt ha­ben. Schließt das ei­ne das an­de­re aus?

Über­haupt nicht. Es kann gut sein, dass er ein Ter­ro­rist und Aus­län­der­feind war und zugleich ver­wirrt und psy­chisch krank. Es kommt auf die Schwe­re der psy­chi­schen Er­kran­kung und die Steue­rungs­fä­hig­keit des je­wei­li­gen At­ten­tä­ters an, ob er al­so über­haupt ge­wusst hat, was er tat. Wenn er das nicht mehr wuss­te, dann ist er auch kein Ter­ro­rist. Wie das im Bot­tro­per Fall war, das kann ich nicht be­ur­tei­len.

Wenn er wuss­te, was er tat – ist er dann ein Ter­ro­rist?

Dann stellt sich ei­ne zwei­te Fra­ge, näm­lich die nach dem be­ab­sich­tig­ten Ef­fekt. Denn es gibt ei­nen Un­ter­schied zwi­schen Hass­ge­walt und Ter­ro­ris­mus. Hass­ge­walt ist et­was eher Im­pul­si­ves – wenn sich al­so Neo­na­zis abends be­trin­ken und ei­nen Aus­län­der ver­prü­geln. Wenn sie ei­nen Aus­län­der ge­zielt ver­prü­geln, um al­le an­de­ren Aus­län­der ein­zu­schüch­tern, da­mit sie den Ort ver­las­sen, dann ist das ein Akt des Ter­rors. Die Gren­zen zwi­schen Hass­ge­walt und Ter­ror sind al­ler­dings flie­ßend.

Der nor­we­gi­sche At­ten­tä­ter An­ders Brei­vik gilt als psy­chisch krank.

Die Gren­zen zwi­schen Hass­ge­walt und Ter­ror sind flie­ßend.

Dar­über gab es in Nor­we­gen ei­ne De­bat­te. Ein zwei­tes Gut­ach­ten ist im Ge­gen­satz zu ei­nem ers­ten Gut­ach­ten zu dem Er­geb­nis ge­kom­men, dass Brei­vik zum Zeit­punkt der Tat zu­rech­nungs­fä­hig war – auch wenn er sich ge­wis­se Sa­chen ein­ge­bil­det hat. Und an­ders als of­fen­bar der Mann in Bot­trop hat er sehr lan­ge und in­ten­siv über sei­ne Tat nach­ge­dacht. Es gab zu­dem ei­ne ganz kla­re Ideo­lo­gie da­hin­ter, die Brei­vik in ei­nem Ma­ni­fest von 1500 Sei­ten auf­ge­schrie­ben hat. Sei­ne Ide­en äh­neln de­nen von rechts­po­pu­lis­ti­schen Par­tei­en.

Pe­ter Ne­u­mann, King’s Col­le­ge, Lon­don

Was ist mit dem Se­ri­en­mör­der vom Münch­ner Olym­pia-ein­kaufs­zen­trum, Da­vid S., der als Amok­läu­fer ge­führt wird?

Er äh­nelt eher dem Tä­ter von Bot­trop. Auch Da­vid S. war ein Ein­zel­tä­ter mit ei­ner dif­fu­sen rech­ten Ori­en­tie­rung. Er tö­te­te am Jah­res­tag des Brei­vik-at­ten­tats. Ich fin­de es nicht falsch, ihn als Rechts­ter­ro­ris­ten zu be­zeich­nen. Da­vid S. hat sich die Tat ge­nau über­legt – auch wenn er nicht Teil ei­ner Or­ga­ni­sa­ti­on war. Aber das ist oh­ne­hin vor­bei. Die Rechts­ex­tre­mis­ten spre­chen schon seit den 1990er-jah­ren vom füh­rer­lo­sen Wi­der­stand. Und auch der „Is­la­mi­sche Staat“er­mu­tigt die so­ge­nann­ten ein­sa­men Wöl­fe, die ei­ge­ne Mar­ke für sich zu re­kla­mie­ren. Das ist kein ent­schei­den­der Punkt mehr.

Wie dicht lie­gen po­li­ti­scher Ter­ror und Wahn­sinn ge­ne­rell bei­ein­an­der?

Bis vor zehn Jah­ren wa­ren sich al­le Ter­ro­ris­mus­for­scher ei­nig, dass Ter­ro­ris­ten nicht mehr und nicht we­ni­ger ver­rückt sind als der Rest der Be­völ­ke­rung. Das hat sich durch die ein­sa­men Wöl­fe und das In­ter­net ge­än­dert. Be­son­ders bei Ein­zel­tä­tern ha­ben Stu­di­en ge­zeigt, dass stark über­pro­por­tio­nal psy­chi­sche Er­kran­kun­gen vor­lie­gen – so­wohl auf der ji­ha­dis­ti­schen als auch auf der rechts­ex­tre­mis­ti­schen Sei­te. Das In­ter­net bie­tet Pro­jek­ti­ons­flä­chen an für Leu­te, die ein­schlä­gi­ge Ten­den­zen ha­ben. Ex­tre­mis­ti­sche Grup­pen ma­chen sich das zu­nut­ze.

Das heißt, es wächst die Ge­fahr, dass sich psy­chisch la­bi­le oder kran­ke Leu­te Ter­ror als Aus­weg su­chen, um ihr per­sön­li­ches Pro­blem mit ei­ner über­ge­ord­ne­ten Idee zu ver­bin­den und zu ver­edeln.

Ja, ge­nau­so ist es. Und das gilt für al­le Ex­tre­mis­ten.

Was be­deu­tet das für die Ter­ror­prä­ven­ti­on?

Das be­deu­tet zum Bei­spiel, dass bei den Prä­ven­ti­ons­pro­gram­men der letz­ten Jah­re ver­stärkt Psy­cho­lo­gen und Psych­ia­ter zum Ein­satz ge­kom­men sind. Das war vor 20 Jah­ren nicht der Fall.

Man­che Ex­per­ten sa­gen, Psych­ia­ter soll­ten den Er­mitt­lungs­be­hör­den Hin­wei­se ge­ben auf et­wai­ge Ri­si­ken, die von Pa­ti­en­ten aus­ge­hen könn­ten. Tei­len Sie das?

Ja. Das kann für Psy­cho­lo­gen und Psych­ia­ter na­tür­lich ein Pro­blem sein, weil sie das Arzt­ge­heim­nis wah­ren müs­sen. Aber wenn ei­ner da­von spricht, dass er Aus­län­der um­brin­gen möch­te, dann gibt es ei­ne Ver­ant­wor­tung, den Be­hör­den Be­scheid zu sa­gen. Denn es kann eben Fäl­le ge­ben, in de­nen tat­säch­lich et­was pas­siert.

Wir le­ben auch sonst in Zei­ten, in de­nen der emo­tio­na­le An­teil an der Po­li­tik steigt – bis hin zu je­nem of­fe­nen Hass, von dem schon die Re­de war. Steckt hier ei­ne Qu­el­le für zu­sätz­li­chen Ter­ror?

Na­tür­lich ha­ben sich un­se­re Ge­sell­schaf­ten zu­letzt stark po­la­ri­siert. Dar­an do­cken Ex­tre­mis­ten und po­li­tisch la­bi­le Leu­te an. Da­bei ko­pie­ren sie Hand­lungs­wei­sen. Denn mit dem Au­to in ei­ne Men­ge rein­zu­fah­ren wie in Bot­trop, das wur­de ja vom „Is­la­mi­schen Staat“er­fun­den. Die ge­sell­schaft­li­che Po­la­ri­sie­rung un­se­rer Zeit ist die Be­gleit­mu­sik, die zu­sätz­li­chen Ter­ror er­mög­licht.

FO­TO: IPON/IMAGO

Pe­ter R. Ne­u­mann, Pro­fes­sor am King’s Col­le­ge in Lon­don, gilt als ei­ner der füh­ren­den Ex­per­ten für is­la­mis­ti­schen Ter­ror. Der 44-Jäh­ri­ge ist Au­tor meh­re­rer Bü­cher zum The­ma und Di­rek­tor des In­ter­na­tio­nal Cen­ter for the Stu­dy of Ra­di­ca­li­sa­ti­on, das er 2008 ge­grün­det hat.

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