„Män­ner mit zu viel Wut“

Netz­ex­per­te Be­cke­dahl über Do­xing als neue Ge­fahr

Dresdner Neueste Nachrichten - - BLICKPUNKT -

Herr Be­cke­dahl, ein 20-Jäh­ri­ger soll für den Ha­cker­an­griff ver­ant­wort­lich sein, der die Re­pu­blik in Atem hielt. Hal­ten Sie das für mög­lich?

Ja, das hal­te ich für ab­so­lut plau­si­bel. Und das ha­ben wir schon am Frei­tag ge­sagt. Wir wa­ren des­halb re­la­tiv über­rascht, dass der Vor­gang zum größ­ten Ha­cker­an­griff in der Ge­schich­te der deut­schen De­mo­kra­tie hoch­ge­jazzt wur­de.

Wie tickt denn die­se Do­xing-sze­ne – al­so die Sze­ne de­rer, die ver­trau­li­che Da­ten er­beu­ten und ver­brei­ten?

Es sind in der Re­gel jun­ge Män­ner mit zu viel Wut, die viel­leicht frü­her mal ei­ne Bus­hal­te­stel­le an­ge­zün­det hät­ten und jetzt im Netz mög­li­cher­wei­se aus Wut über man­geln­de Auf­merk­sam­keit oder an­de­ren Grün­den an­de­ren Men­schen Scha­den zu­fü­gen. Man hat häu­fig das Ge­fühl, dass sich die Tä­ter nicht be­wusst sind, wel­ches Leid sie bei ih­ren Op­fern hin­ter­las­sen. Das ist für die eher Hob­by, Spiel und Spaß.

Ge­hen Sie da­von aus, dass die­ses Do­xing noch zu­neh­men wird?

Ja, lei­der. Das ist ein welt­wei­ter Trend nicht nur in re­pres­si­ven Re­gi­men als Mit­tel des An­griffs ge­gen un­ge­lieb­te Op­po­si­tio­nel­le, son­dern im Rah­men von pri­va­tem Mob­bing oder Stal­king. Die über­wäl­ti­gen­de Mehr­heit der Do­xin­gfäl­le ist eher pri­va­ter Na­tur. Es geht ge­gen Men­schen, die man nicht mag, oder Stars und Stern­chen, de­nen man ih­ren Ruhm nei­det. Aber wir wis­sen auch, dass Do­xing im po­li­ti­schen Um­feld sehr ge­zielt ein­ge­setzt wird. Das be­le­gen Stu­di­en von in­ter­na­tio­na­len Men­schen­rechts­grup­pen. Da geht es vor al­lem ge­gen pro­gres­siv und fe­mi­nistisch den­ken­de Men­schen. Es dient der Ein­schüch­te­rung und der Be­schrän­kung der Mei­nungs­frei­heit. Und es sind mög­li­cher­wei­se Vor­bo­ten ei­nes zu er­war­ten­den In­for­ma­ti­ons­krie­ges.

Wel­che Ge­gen­maß­nah­men sind aus Ih­rer Sicht er­for­der­lich?

Man soll­te zu­al­ler­erst die Stei­ge­rung der Di­gi­tal­kom­pe­ten­zen al­ler Nut­ze­rin­nen und Nut­zer er­mög­li­chen. Hier ist vor al­lem der Staat ge­fragt, gro­ße Pro­gram­me zur För­de­rung der Di­gi­tal­kom­pe­tenz auf den Weg zu brin­gen und auch zu fi­nan­zie­ren. Seit 20 Jah­ren ver­mis­se ich in den Haus­hal­ten von Bund und Län­dern aus­rei­chen­de Mit­tel da­für. Das ist ei­ne rie­si­ge ge­sell­schaft­li­che Auf­ga­be – ver­gleich­bar mit der Ver­kehrs­er­zie­hung. Dar­über hin­aus brau­chen wir noch mehr di­gi­ta­le Werk­zeu­ge, die ver­trau­ens­wür­dig, si­cher und quell­of­fen sind, so wie Pass­wort­ma­na­ger, die ein­fach zu nut­zen sind.

Von ei­ner Stär­kung der Si­cher­heits­be­hör­den hal­ten Sie da­ge­gen nichts?

Das muss man sich im De­tail an­schau­en. Aber es ist erst mal wie­der sehr viel Ak­tio­nis­mus und Un­kennt­nis da­bei. Es wür­de si­cher Sinn ma­chen, wenn end­lich mal der Fach­kräf­te­man­gel in den ein­schlä­gi­gen In­sti­tu­tio­nen an­ge­gan­gen wür­de. In Deutsch­land dis­ku­tie­ren noch viel zu vie­le Ju­ris­ten über Fra­gen der IT­Si­cher­heit statt tech­nisch kom­pe­ten­te Men­schen. Das ist ein haus­ge­mach­tes Pro­blem. In­ter­view: Mar­kus De­cker

FOTO: BRIT­TA PE­DER­SEN/DPA

Mar­kus Be­cke­dahl, Grün­der des Blogs Netz­po­li­tik.org.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.