So isst Deutsch­land

Dresdner Neueste Nachrichten - - BLICKPUNKT - Von Tho­ralf Cle­ven

Bra­ten, Schnit­zel oder Gu­lasch: Beim Lieb­lings­es­sen be­vor­zu­gen die Deut­schen noch im­mer Klassiker. Zum All­tag vie­ler ge­hört auch, dass längst nicht mehr je­de Mahl­zeit selbst ge­kocht wird – und das Ver­trau­en in die Qua­li­tät der Le­bens­mit­tel schwin­det. Das zeigt der Ernährungsreport 2019.

Beim Es­sen, sagt Bun­des­er­näh­rungs­mi­nis­te­rin Ju­lia Klöck­ner (CDU), sei sie kei­ne Dog­ma­ti­ke­rin. Zu Hau­se in Rhein­land-pfalz kauft sie Fleisch, Obst und Ge­mü­se auf dem Markt. Im Job in Ber­lin isst sie un­re­gel­mä­ßig und „was sie ge­ra­de kriegt“. Die Er­näh­rung sei ihr aber wich­tig, be­tont Klöck­ner bei der Vor­stel­lung des Er­näh­rungs­re­ports 2019. „Leu­te, die nicht gern es­sen und trin­ken, sind oft spaß­frei.“Spaß ist kei­ne Ka­te­go­rie, die das Mei­nungs­for­schungs­in­sti­tut For­sa in Klöck­ners Auf­trag im Ok­to­ber und No­vem­ber 2018 bei 1000 Bun­des­bür­gern ab 14 Jah­ren ab­ge­fragt hat. Bei Es­sen und Trin­ken geht es vor al­lem um Ge­schmack – und der ist 99 Pro­zent der Be­frag­ten das Wich­tigs­te am Es­sen. Am we­nigs­ten wich­tig (32 Pro­zent) soll den Be­frag­ten laut Be­fra­gung der Preis sein – ein Trend, der sich seit drei Jah­ren fort­setzt. 2015 hat­ten noch 40 Pro­zent an­ge­ge­ben, beim Es­sens­ein­kauf vor al­lem aufs Geld zu schau­en. Je­der Drit­te nennt Fleisch­ge­rich­te wie Rou­la­den oder Schnit­zel als per­sön­li­ches Lieb­lings­ge­richt, 17 Pro­zent be­vor­zu­gen Nu­del­ge­rich­te, je­der Zehn­te isst am liebs­ten Ge­mü­se­ge­rich­te wie Sa­la­te. Je­weils 6 Pro­zent ge­ben Fisch­ge­rich­te und Ein­töp­fe als ih­re Fa­vo­ri­ten an. Das zeigt schon: Ein Volk von Ve­ge­ta­ri­ern und Ve­ga­nern sind die Deut­schen bei­lei­be nicht. Nur 6 Pro­zent ge­ben an, sich ve­ge­ta­risch zu er­näh­ren, ein Pro­zent ve­gan. Den­noch, sagt Klöck­ner: Das In­ter­es­se an fleisch­frei­en Pro­duk­ten wach­se. So ge­ben mit ak­tu­ell 28 Pro­zent (2015: 34) im­mer we­ni­ger Ver­brau­cher an, täg­lich Fleisch und Wurst zu es­sen. Al­ler­dings ver­zeich­net der täg­li­che Ver­zehr von Obst und Ge­mü­se kei­ne Zu­wäch­se – er fiel von 76 Pro­zent auf 71. Ku­ri­os: Im Os­ten fällt der Obst­kon­sum mit 80 Pro­zent ge­gen­über dem Wes­ten (69) ge­nau­so über­durch­schnitt­lich aus wie der täg­li­che Fleisch­ver­zehr mit 43 Pro­zent (26). For­sa-chef Man­fred Güll­ner warnt vor Über­in­ter­pre­ta­tio­nen der vor­ge­leg­ten Zah­len. „Zwi­schen dem Be­wusst­sein und dem tat­säch­li­chen Ver­hal­ten im All­tag der Be­frag­ten liegt ei­ne Kluft.“So liegt in der Selbst­aus­kunft der Deut­schen wohl auch ein Stück weit Selbst­be­trug. 91 von 100 Be­frag­ten ge­ben an, dass es bei der Er­näh­rung auf die Ge­sund­heit an­kom­me. 50 Pro­zent ach­ten nach ei­ge­nen An­ga­ben auf das Bio­sie­gel. Die Ab­satz­zah­len zei­gen, dass es bei Vie­len beim Vor­satz bleibt. Ver­brau­cher­or­ga­ni­sa­tio­nen wie Food­watch for­dern des­halb schon lan­ge ge­setz­lich ver­ord­ne­te Zwangs­maß­nah­men wie ein Ver­bot für die Ver­mark­tung un­ge­sun­der Le­bens­mit­tel für Kin­der oder ei­ne „Li­mo-steu­er“, da­mit Her­stel­ler ei­nen An­reiz ha­ben, we­ni­ger Zu­cker in ih­re Ge­trän­ke zu mi­schen. Er­näh­rungs­mi­nis­te­rin Klöck­ner hält da­von we­nig. „Ge­set­ze müs­sen Wir­kung zei­gen. Beim Es­sen ent­schei­det je­der selbst. Dar­um set­ze ich auf die Wis­sens­ver­mitt­lung, wie man ge­sund isst, spä­tes­tens ab Ki­ta und Schu­le.“Die Mi­nis­te­rin ver­spricht sich viel von der im De­zem­ber auf den Weg ge­brach­ten, frei­wil­li­gen Selbst­ver­pflich­tung der Le­bens­mit­tel­in­dus­trie zur Re­du­zie-

rung von Zu­cker, Fet­ten und Sal­zen in den Pro­duk­ten und neu­en An­ge­bo­ten. „Ge­sund funk­tio­niert nur, wenn es auch schmeckt.“Aus die­sem Grund ko­chen 40 Pro­zent der Deut­schen noch je­den Tag selbst, wird im Re­port an­ge­ge­ben. 37 Pro­zent im­mer­hin zwei- bis drei­mal in der Wo­che. 10 Pro­zent ge­ben an, nie selbst zu ko­chen. 20 Pro­zent der Be­frag­ten es­sen nor­ma­ler­wei­se ein­mal in der Wo­che oder häu­fi­ger in ei­ner Kan­ti­ne. 19 Pro­zent be­su­chen min­des­tens ein­mal in der Wo­che ei­ne Gast­stät­te. Über­ra­schend: Mit 6 Pro­zent der Be­frag­ten las­sen sich nur we­ni­ge re­gel­mä­ßig fer­ti­ge Ge­rich­te nach Hau­se lie­fern. Im ver­gan­ge­nen Jahr ging das Ver­trau­en dar­an zu­rück, dass in Deutsch­land ver­kauf­te Le­bens­mit­tel ge­sund­heit­lich un­be­denk­lich und, was In­halts­stof­fe, Zu­satz­stof­fe und mög­li­che Rück­stän­de an­be­langt, si­cher sind. 72 Pro­zent fin­den das heu­te so, 2015 wa­ren es noch 77. 16 Pro­zent al­ler Be­frag­ten lei­den nach ei­ge­nen An­ga­ben un­ter ei­ner Nah­rungs­mit­te­lun­ver­träg­lich­keit oder Nah­rungs­mit­tel­all­er­gie wie an ei­ner Lak­to­s­ein­to­le­ranz oder an All­er­gi­en ge­gen be­stimm­te Nah­rungs­mit­tel. Gleich­zei­tig steigt das Be­wusst­sein für ge­sun­de Er­näh­rung. Die Ver­brau­cher schau­en im­mer ge­nau­er auf In­halts­an­ga­ben und Gü­te­sie­gel. 84 Pro­zent der Be­frag­ten fan­den die An­ga­ben zu In­halts-, Zu­sat­zund Hilfs­stof­fen wich­tig, 2015 wa­ren es noch 77 Pro­zent. Her­kunfts­land oder -re­gi­on wol­len 80 Pro­zent der Be­frag­ten wis­sen. Ge­gen­über Be­fra­gun­gen aus den Vor­jah­ren ist das In­ter­es­se an Nähr­wert­an­ga­ben auf Le­bens­mit­tel­ver­pa­ckun­gen ge­stie­gen. Laut Ernährungsreport ge­nie­ßen für Ver­brau­cher trotz des un­über­sicht­li­chen

Ge­sune funk­tio­niert nur, wenn es Much schmeckt

Ja­lig Klöck­ner (CDU), Bun­des­mi­nis­te­rin für Er­näh­rung und Land­wirt­schaft

Dschun­gels ent­spre­chen­der An­ge­bo­te die Gü­te­sie­gel im Le­bens­mit­tel­be­reich viel Ver­trau­en. 50 Pro­zent der Be­frag­ten ge­ben an, dass sie beim Ein­kauf von Le­bens­mit­teln auf das Bio­sie­gel ach­ten, mit dem Pro­duk­te ge­kenn­zeich­net sind, die nach den Eu-rechts­vor­schrif­ten für den öko­lo­gi­schen Land­bau er­zeugt wur­den. Je­weils 42 Pro­zent su­chen beim Ein­kauf von Le­bens­mit­teln das Fai­rer-han­del-siegel, das Pro­duk­te kenn­zeich­net, bei de­ren Her­stel­lung be­stimm­te so­zia­le und teil­wei­se auch öko­lo­gi­sche Kri­te­ri­en ein­ge­hal­ten wer­den. Auf das Bio­sie­gel so­wie das Fai­rer-han­del-siegel ach­ten West­deut­sche häu­fi­ger als Ost­deut­sche. Und Män­ner schau­en häu­fi­ger als Frau­en auf das Ablauf­da­tum von Le­bens­mit­teln. Ei­ne Mehr­heit der Be­frag­ten von 81 Pro­zent be­für­wor­tet ein staat­li­ches Tier­wohl-la­bel. Das von Klöck­ner be­trie­be­ne und von Food­watch als Mo­gel­pa­ckung be­zeich­ne­te Pro­jekt soll Pro­duk­te eti­ket­tie­ren, die von Nutz­tie­ren stam­men, die bes­ser ge­hal­ten wer­den, als es ge­setz­lich vor­ge­schrie­ben ist. Da­für wür­de die Hälf­te der Deut­schen für ein Ki­lo­gramm Fleisch, das aus her­kömm­li­cher Pro­duk­ti­on 10 Eu­ro kos­tet, bis zu 15 Eu­ro be­zah­len. 22 Pro­zent wür­den da­für bis zu 20 Eu­ro be­zah­len, für 8 Pro­zent wä­re der For­sa-um­fra­ge zu­fol­ge so­gar ein Preis von mehr als 20 Eu­ro ak­zep­ta­bel. Und was ist mit den Fleisch-al­ter­na­ti­ven? Die deut­li­che Mehr­heit der Be­frag­ten wür­de kei­ne kau­fen. 38 Pro­zent lie­ßen sich noch auf Flei­scher­satz­pro­duk­te ein. Im­mer­hin fast ein Drit­tel (31 Pro­zent) kön­ne sich vor­stel­len, aus In­sek­ten her­ge­stell­te Nah­rungs­mit­tel statt Fleisch zu kau­fen. Üb­ri­gens deut­lich mehr Män­ner als Frau­en.

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