Ent­span­nung beim Grie­chen

Dresdner Neueste Nachrichten - - BLICKPUNKT - Von Mat­thi­as Koch

Am 3. No­vem­ber 2011 er­schien „Bild“mit der un­ver­ges­se­nen Auf­ma­cher­zei­le: „Nehmt den Grie­chen den Eu­ro weg!“Zeit­gleich schäum­te in Grie­chen­land Em­pö­rung über Ber­lin hoch: Fins­te­re Mäch­te, nicht bes­ser als Hit­ler-deutsch­land, woll­ten Grie­chen­land fi­nan­zi­ell kom­plett ent­mach­ten. Heu­te wis­sen wir: Es war gut, erst mal al­le Auf­wal­lun­gen ab­klin­gen zu las­sen und dann ganz nüch­tern nach Lö­sun­gen zu su­chen. Die deut­sche Kanz­le­rin und der grie­chi­sche Pre­mier muss­ten oft quer zum Wind se­geln. An­ge­la Mer­kel sorg­te für mehr So­li­da­ri­tät, Al­exis Tsi­pras für mehr So­li­di­tät – bei­de ver­wirr­ten da­mit ih­re je­weils ei­ge­nen An­hän­ger. Grie­chen­land aber konn­te auf die­se Art sie­ben dunk­le Jah­re über­ste­hen. Mehr noch: Es konn­te im vo­ri­gen Jahr so­gar, al­len Un­ken­ru­fen zum Trotz, den Eu­ro-ret­tungs­schirm ver­las­sen. Das Land steht zwar auf wa­cke­li­gen, aber neu­er­dings wie­der auf ei­ge­nen Bei­nen. Die fi­nan­zi­el­len Alt­las­ten blei­ben gi­gan­tisch. Und ja, die grie­chi­sche Wirt­schaft ist schwach, die Ju­gend­ar­beits­lo­sig­keit hoch, die Al­ters­ar­mut krass. Doch kei­nes die­ser Pro­ble­me wä­re ge­rin­ger, wenn sich im Jahr 2011 die Po­pu­lis­ten auf bei­den Sei­ten durch­ge­setzt

Mer­kel mar­kiert in At­hen nicht den Be­ginn, son­dern nur die Fort­set­zung ei­ner wun­der­ba­ren Freund­schaft.

und die Eu­ro-zo­ne zer­trüm­mert hät­ten. Zu­dem geht und ging es stets um viel mehr als nur um Geld. Stra­te­gisch und po­li­tisch, das zei­gen auch die Fort­schrit­te in der für die Na­to wich­ti­gen Ma­ze­do­ni­en-fra­ge, war und bleibt das pro­duk­ti­ve Nä­her­rü­cken von Mer­kel und Tsi­pras se­gens­reich: für Deutsch­land, für Grie­chen­land und für ganz Eu­ro­pa. Ein Her­aus­bre­chen Grie­chen­lands aus der Eu­ro-zo­ne hät­te über kurz oder lang auch das Her­aus­bre­chen aus der EU nach sich ge­zo­gen. Br­ex­it plus Gr­ex­it: Bei die­ser üb­len Ad­di­ti­on hät­ten al­le tri­um­phiert, die an der Zer­stö­rung der Eu­ro­päi­schen Uni­on in­ter­es­siert sind, vor­ne­weg die Staa­ten­len­ker in Mos­kau und Wa­shing­ton, die ih­re De­als welt­weit lie­ber mit klei­nen ein­zel­nen Na­tio­nen ma­chen, die sie nach Be­lie­ben un­ter Druck set­zen kön­nen. Un­ter­des­sen ha­ben vie­le Deut­sche mit den Grie­chen längst wie­der in­ner­lich Frie­den ge­schlos­sen. Dass Land und Leu­te sich kei­ne Mü­he ge­ben wür­den mit dem Neu­be­ginn, kann ja auch nie­mand ernst­haft be­haup­ten. Erst­mals seit lan­ger Zeit lie­gen zu­min­dest die ak­tu­el­len Staats­ein­nah­men in At­hen über den ak­tu­el­len Aus­ga­ben. Erst­mals sind auch die Wachs­tums­ra­ten ein­drucks­voll ge­stie­gen. Im Grun­de al­so ist es Zeit für ei­ne me­di­ter­ra­ne Va­ri­an­te der Ent­span­nungs­po­li­tik, für Ges­ten der Ver­söh­nung. Viel­leicht in der nächs­ten Ta­ver­ne? Bei ge­grill­tem Ok­to­pus und Za­zi­ki al­ler­dings fragt man sich schon bald: Wa­ren ei­gent­lich Deut­sche und Grie­chen je­mals ernst­haft aus­ein­an­der? Tat­säch­lich mar­kiert der Be­such Mer­kels in At­hen nicht den Be­ginn, son­dern nur die Fort­set­zung ei­ner wun­der­ba­ren Freund­schaft.

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