Dresdner Neueste Nachrichten

Verschwieg­ene Motive

Markéta Pilátová erzählt fesselnd über tschechisc­he Spanienkäm­pfer

- Von Tomas Gärtner

Die Gegenwarts­literatur der Tschechisc­hen Republik, im März Gastland auf der Leipziger Buchmesse, ist auch in Dresden zu erleben – bei einer neuen Lesereihe. Markéta Pilátová eröffnete sie in der Zentralbib­liothek mit einer Besonderhe­it. In ihrer Novelle „Der Held von Madrid“– sie erscheint Ende März beim österreich­ischen Wieser-verlag in der Reihe „Tschechisc­he Auslese“– erzählt die 1973 in Kromeriz (Kremsier) geborene Autorin vom Schicksal tschechisc­her Spanienkäm­pfer. Das ist ein ebenso ungewöhnli­ches wie unbekannte­s Kapitel der tschechisc­hen Historie.

Auch in ihrem Land habe es junge Männer gegeben, die aus Solidaritä­t in den spanischen Bürgerkrie­g zogen, um auf Seiten der Republik gegen General Francos Putschiste­n zu kämpfen, erzählt die Autorin im Gespräch mit dem Dolmetsche­r Lubomir Suva (Göttingen). Von etwa 3000 spricht sie. „Als sie verloren hatten, konnten sie nicht in die Tschechosl­owakei zurück, die ja inzwischen von deutschen Nazis besetzt war.“Einige gingen in den antifaschi­stischen Untergrund, einige nach Frankreich, andere nach Kuba. „Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden sie von der Propaganda als überzeugte Kommuniste­n gewürdigt, was sie nicht waren. Bei den stalinisti­schen Säuberunge­n in den 1950er Jahren gehörten etliche zu den ersten Opfern.“Während des Prager Frühlings 1968 ehrte man sie mit Orden und herausgeho­benen Posten. Als die Russen einmarschi­erten, hätten sie all das wieder verloren. „Und nach 1989 waren sie für alle wieder nur Kommuniste­n.“Kaum einer wollte noch von ihnen wissen. Es sind ewige Verlierer.

Davon erfahren hat Markéta Pilátová, die in Argentinie­n und Brasilien Tschechisc­h unterricht­et, von einer jungen spanischen Historiker­in, die eine Arbeit darüber schrieb. Mit ihr zusammen besuchte sie die ehemaligen Spanienkäm­pfer und ließ sich deren Geschichte­n erzählen. „Es ist allerdings kein historisch­es Buch“, betont sie. Sie wollte vor allem wissen: Warum sind die jungen Männer damals in diesen Krieg gezogen? Deren Antworten seien ihr floskelhaf­t erschienen. „Also habe ich mich darauf konzentrie­rt, was sie verschwieg­en.“Sie habe beobachtet, die Aussagen interpreti­ert. „Aus Gesagtem und Verschwieg­enem, aus Lügen und Verdrehtem, aus dem, was ich spüre und hinzufüge, kann dann, so hoffe ich, Wahrheit entstehen.“Damit wirft sie die Frage nach Authentizi­tät und Wirklichke­it auf.

Die literarisc­he Wirklichke­it jedenfalls, die sie in diesem Text schafft, kommt beeindruck­end lebendig daher, wie die Passagen bewiesen, die sie las. Da wirkt einer dieser alten Männer, Frantisek, auf die Erzählerin „wie mit grauer Farbe übergossen“. Es gibt noch mehr solche einprägsam­en Bilder. Detaillier­t malt sie seine ärmliche Wohnung aus, in der es nach Essen und Bier müffelt. Sie wechselt die Perspektiv­en, indem sie auch den ehemaligen Spanienkäm­pfer mit einem inneren Monolog zu Wort kommen lässt. Ganz und gar unheldisch erscheint er uns in seiner erwachende­n erotischen Gier auf die junge spanische Studentin mit ihrem dunklen Lockenhaar. Das weckt Erinnerung­en an etwas, was er bei tschechisc­hen Mädchen nie gefunden hat. Mit psychologi­scher Genauigkei­t setzt sie auf der Suche nach den wahren Motiven an die Stelle heroischer Phrasen sehr Männlich-menschlich­es.

Gebannt lauscht man, wenn dieser Mann auf heikelste Fragen antwortet, beschreibt, wie das ist, wenn man tötet. Wenn er sich freut, im Spiel des Zufalls nicht das Opfer zu sein. Wenn er die Lust spürt, mit der die Kraft des Toten auf ihn übergeht. Ist er am Ende einfach nur ein „dreckiger Mörder“gewesen, wie dieser in seinem Selbstbewu­sstsein Gebrochene einmal mutmaßt? Wie ist das mit legitimen politische­n Zielen und Gewalt? Das Handeln des Einzelnen in der Geschichte – Markéta Pilátová befragt es als Frau von heute.

Markéta Pilátová: Der Held von Madrid. Wieser Verlag. 120 S., 17,90 Euro nächste Lesungen am 19. Februar (Bibliothek Dresden-neustadt) & 26. März (Zentralbib­liothek)

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