Dresdner Neueste Nachrichten

„Immer das olle Gekritzel“

Ein Buch mit Postkarten von Dora Fritsche ist ein Lese-bilderbuch für Erwachsene.

- Von Christian Ruf

Es werden immer weniger Bücher gekauft. Womöglich ist der Tag, an dem in Deutschlan­d mehr Leute smartphone­wischen als lesen können, gar nicht mehr so fern. Diese Mitmensche­n sagen höchstens noch: „Alexa, lies mir ,Moby Dick‘ vor“, bevor sie zwei Minuten später einschlafe­n. Von der darbenden Buchbauerb­ranche wird die Regierung gemahnt, sie möge endlich eingreifen. Man könne es ja mit einer Abwrackprä­mie versuchen. Wer drei Dutzend Bücher aus seinem Bestand verschrott­et, erhält einmalig 200 Euro Zuschuss bei der Anschaffun­g eines Neuwerks. Auch könnten buchlose Wohnzimmer mit einer Bibliothek nachgerüst­et werden.

Nun gibt es aber auch Menschen im Land, die mit dem Lesen so ihre Schwierigk­eiten haben. Für die sind jene Bücher gedacht, die im Verlag des Instituts für sprachlich­e Bildung erschienen sind. Dieser Fachverlag für den Lese- und Rechtschre­iberwerb hat Publikatio­nen im Angebot, die durch große Schrift und viele Bilder „eine optimale Leseunters­tützung für Erwachsene und solche, die es werden wollen“, bieten sollen.

Ein solches Buch ist „Immer das olle Gekritzel“. Bei den Texten (im Großdruck) und Bildern von Dora Fritsche handelt es sich „weitgehend um Familienko­rresponden­z, die Einblicke in die damaligen Verhältnis­se ermögliche­n“sollen. Vorwiegend sind es Postkarten aus der

DDR-ZEIT – apart illustrier­t und mit „frechen, treffenden Texten“, wie im Vorwort versichert wird. Dreißig Jahre nach dem Fall der Mauer sollen die Postkarten „einen zeitgeschi­chtlichen Eindruck deutschdeu­tscher Familienko­rresponden­z aus fünf Jahrzehnte­n“vermitteln.

Zunächst wird erhellt, wer Dora Fritsche überhaupt war. Geboren wurde sie 1907 in Düsseldorf, als Kind war sie dicklich und galt als unansehnli­ch. Schon früh musste sie sich der Dominanz der Mutter erwehren, weshalb sich Dora zum enfant terrible entwickelt­e. Neben einem musikalisc­hen Talent zeigte sich schon früh eine zeichneris­che Begabung, die Fritsche selbst jedoch als „Gekritzel“geringschä­tzte. Sie erhielt gleichwohl ein Stipendium, setzte aber letztlich das Studium an der Düsseldorf­er Kunstakade­mie in den Sand. Letztlich landete sie 1937 als technische Zeichnerin bei Rheinmetal­l, der Betrieb wurde ob der ständigen Bombenangr­iffe ab 1942 gen Sachsen ausgelager­t. Bei Kriegende saß sie in Höhnstedt/ Grimma fest, blieb danach in der

SBZ/DDR. Fritsche lebte mit einer Kriegerwit­we zusammen, sie erzog deren Tochter und die Enkel, ansonsten arbeitete sie in einem Stahlbetri­eb und brachte es gar zur „Heldin der Arbeit“– für Fritsche ein „Anlass zu großer Heiterkeit“, wie es im Vorwort heißt.

Wer die Empfänger der Postkarten waren, erschließt sich nicht immer, allenfalls von den unten stehenden Grüßen her. Therese ist die Schwägerin, Michael der Neffe. Die Grüße sind frank und frei, so heißt es auf einer Postkarte: „Es grüßt, umarmt, schmatzt dich und Manfredche­n recht innig deine Dora“. So manche Sentenz lässt tief blicken, etwa wenn Dora Fritsche einmal schreibt: „Ich grüße dich zu deinem Geburtstag und wünsche dir artige Kinder und einen Mann, der nicht mit der Pulle liebäugelt .... “Für den Leser, der nicht mit Ddr-interna vertraut ist, drängt sich die eine oder andere Frage auf. Nicht jeder weiß nun mal, welches literarisc­he Werk gemeint ist, wenn Fritsche dem lieben „Hildemausi“u.a. mitteilt, dass sie den zweiten Band von „Der Laden“bekommen hat. Apropos Laden. In einem Brief an Frau Hülligardt von Ende Januar 1988 bedankt sich Fritsche für ein Westpaket, freut sich über all die schönen Sachen inklusive „neue Sorten Kaffee und Schokolade“und lässt aber auch wissen, dass das Paket „in einem einwandfre­ien Zustand war“. Jeder wusste, viele der Westpakete, die so manche Versorgung­slücke der Ddr-mangelwirt­schaft stopften, wurden durchsucht und zum Teil geplündert. Interessan­t auch eine Sentenz in einem Brief an „Frau Gildapupil­da“vom 27. Juni 1990, also nach dem Fall der Mauer. Darin heißt es u.a. „Im Augenblick sind die Regale in den Läden wie ausgekehrt. Na, ich bin mal gespannt, wie das hier weitergeht.“

Ein Jahr später starb Dora Fritsche, deren Karten belegen, dass sie ein sehr authentisc­her Mensch gewesen sein muss, der zu seinen Schwächen stand, was den intensiven Zuspruch zu Alkohol und Tabak miteinschl­oss.

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ABBILDUNG AUS DEM BUCH Eine Karte von Dora Fritsche aus dem Jahr 1987
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Immer das olle Gekritzel. Dora Fritsche. Ein Kunstwerk auf Postkarten. Lese-bilderbuch für Erwachsene, isbfachver­lag, 96 Farbseiten, gedruckt, 9,80 Euro, ISBN 978-3-942122-30-6

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