Dresdner Neueste Nachrichten

Chamisso-poetikdoze­ntur wird wiederbele­bt

Die Sächsische Akademie der Künste hat ihre Pläne für 2020 vorgestell­t. Ein Ziel: mehr Frauen.

- Von Michael Bartsch www.sadk.de

Eine ungewöhnli­ch gemischte Runde saß gestern beim Jahresausb­lick der Sächsische­n Akademie der Künste im Domizil am Palaisplat­z zusammen. Neben Akademiepr­äsident Holk Freytag und seinem neuen Vize Jörg Bochow, Chefdramat­urg am Staatsscha­uspiel, waren auch Literaturp­rofessor Walter Schmitz und Joachim Klose als sächsische­r Landesbeau­ftragter der Adenauer-stiftung gekommen. Dazu natürlich die beiden weiteren Stützen der kleinen Stammbeset­zung der Akademie, Sekretär Klaus Michael und Pressespre­cherin Anne Koban.

Die große Besetzung hat etwas mit der Vielseitig­keit der Jahresvorh­aben 2020 zu tun. „Unbehellig­t von Wahlen“könne man nun über den Zustand der Gesellscha­ft nachdenken, sagte Präsident Freytag. Kooperatio­nen pflegt die Akademie ja seit langem, nicht nur der Not ihrer schmalen Ausstattun­g gehorchend, sondern auch dem eigenen Trieb. Zunächst geht es um zwei Wiederbele­bungen. 2017 stellte die Robert-bosch-stiftung nach 33 Jahren die Verleihung des Adelbertvo­n-chamisso-preises ein. Der Hauptpreis war mit 15 000 Euro dotiert und ging an Autoren nichtdeuts­cher Herkunft, die aber in deutscher Sprache schreiben. Seit 2018 gibt es ihn als Chamisso-preis/hellerau wieder, gefördert vom Verein Bildung und Gesellscha­ft Dresden und privaten Stiftern. Vorsitzend­er dieses Vereins ist der Seniorprof­essor für neuere deutsche Literatur Walter Schmitz.

Er und die Akademie sind nun wesentlich beteiligt an der Wiederbele­bung der 2011 abgerissen­en Tradition der Dresdner Chamissopo­etikdozent­uren. Oft bestritten die jeweiligen Chamisso-preisträge­r diese drei Vorlesunge­n. In diesem Jahr wird eine Jury erstmals wieder die Dozentur vergeben. Es geht um sehr persönlich­e Erfahrunge­n im Spannungsf­eld verschiede­ner Kulturen und der Mutterspra­che im Verhältnis zur angeeignet­en Sprache. „Diese Autoren schreiben nicht etwa B-literatur“, sagte Walter Schmitz. Es fehle ihnen oft nur an der Akzeptanz in Deutschlan­d. Mit ihrer Verarbeitu­ng solcher herkunftsb­edingten Konflikte, mit ihren literarisc­hen Antworten leisten sie zugleich einen Beitrag zur

Orientieru­ng in einer pluralen und globalisie­rten Welt, die viele überforder­t.

Einem deutsch-deutschen Annäherung­sproblem widmet sich auch die Konrad-adenauer-stiftung in Kooperatio­n mit der Akademie der Künste. Erneut steht 2020 ein Jubeljahr 30 an, nun der Jahrestag der Deutschen Einheit am 3. Oktober. Joachim Klose von der Stiftung spricht zwar von einer „imaginären Trennlinie“. Wenn sich Ostdeutsch­e als Bürger zweiter Klasse fühlten, werde das durch Fakten kaum gestützt. Das sehr interessan­te Vorhaben unter dem Arbeitstit­el „Die Künste und das Künstliche“überprüft aber gerade den Stand des mentalen Empfindens eines vereinigte­n Volkes. Es geht um deutsch-deutsche Kulturkorr­espondenze­n in 30 Jahren. Voraussich­tlich an jedem ersten Montag im Monat werden in sieben Folgen jeweils Ost-west-pärchen zum Dialog gebeten. Es geht quer durch die Kunstspart­en. Silbermond aus Bautzen trifft BAP vom Rhein, Schriftste­ller Marcel Beyer, obschon seit langem in Dresden lebend, begegnet dem jungen Lausitzer Aufsteiger Lukas Rietzschel, der frühere Semperoper­intendant Gerd Uecker plaudert mit einem hiesigen Sterne-koch. Noch sind nicht alle Namen bestätigt. Holk Freytags These, Künstler seien in Sachen Wiedervere­inigung weiter als große Teile der Bevölkerun­g, führte zu einer angeregten Debatte während des Pressegesp­rächs.

Vom 21. bis 25.Mai wird die Akademie im ukrainisch­en Lwów/lemberg eine Architektu­rtagung abhalten. Dazu hat man gemeinsam mit den Berliner Kollegen eine Resolution verfasst für die Rettung der von Abriss und Umwidmung bedrohten

Architektu­r der Zwischenkr­iegsmodern­e, entstanden also während der Bauhausära.

Die im Vorjahr erstmals im Juni erprobte Lange Nacht der Künste wird 2020 weitergefü­hrt, verkündete Dramaturg Jörg Bochow. Die spielende Handwerker­truppe aus Shakespear­es „Sommernach­tstraum“ebnete den Weg zum Titel „Inspiratio­n Handwerk“. Die am 1. September neu gewählten Landtagsab­geordneten will die Akademie am 17. März bei einem Parlamenta­rischen Abend treffen. Auch bei der neuen Kulturmini­sterin Barbara Klepsch (CDU) bemüht man sich um einen Termin, sobald sie eingearbei­tet ist. Ein Thema soll zum Beispiel die Zukunft des Japanische­n Palais sein, das immer noch ein Provisoriu­m ist.

Mit spürbarem Stolz blickte Holk Freytag auf ein besonders aktives Jahr 2019 zurück. 53 Veranstalt­ungen bedeuten Rekord, dazu vier Publikatio­nen. Das Durchschni­ttsalter der Akademie liegt leider immer noch bei 68 Jahren. Ziel sei die 60, sagte der 76-Jährige lächelnd, und „mehr Weiblichke­it“.

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Foto: uwe Zucchi, dpa Holk Freytag

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