Impf­ex­per­te: Co­ro­na­schutz ist über­zo­gen

Bei ei­ner bes­se­ren Da­ten­la­ge hät­te es nicht zum Shut­down kom­men müs­sen, meint Prof. Dr. Sieg­wart Bigl. Und zum Ver­gleich: „Die Zahl der Grip­pe­kran­ken war 2017 viel hö­her“.

Dresdner Neueste Nachrichten - - ERSTE SEITE - Von Andre­as Dun­te In­ter­view: Andre­as Dun­te

Dres­den. Die Co­ro­na-schutz­maß­nah­men sei­en über­zo­gen. Bei ei­ner bes­se­ren Da­ten­la­ge hät­te es nicht zum Shut­down kom­men müs­sen. Das sagt der Chem­nit­zer Me­di­zi­ner Prof. Dr. Sieg­wart Bigl. Er ist Mit­glied in der Säch­si­schen Impf­kom­mis­si­on (Si­ko). Bigl, der die in den letz­ten Jah­ren zu­sam­men­ge­spar­te Dia­gnos­tik im Land kri­ti­siert, hält ei­nen Ver­gleich von Co­ro­na mit der In­flu­en­za für zu­läs­sig. In man­chen Jah­ren sei die Zahl der an Grip­pe Er­krank­ten und To­ten weit hö­her als der­zeit im Fall von Co­ro­na. So dras­ti­sche Maß­nah­men wie jetzt sei­en da nicht er­grif­fen wor­den.

Dres­den. Bei ei­ner bes­se­ren Da­ten­la­ge hät­te es nicht zum Shut­down kom­men müs­sen. Das sagt der Chem­nit­zer Me­di­zi­ner Prof. Dr. med. ha­bil. Sieg­wart Bigl, Mit­glied in der Säch­si­schen Impf­kom­mis­si­on (Si­ko) und frü­he­re Prä­si­dent der Lan­des­un­ter­su­chungs­an­stalt für das Ge­sund­heits- und Ve­te­ri­när­we­sen in Sach­sen. Er kri­ti­siert, dass die Dia­gnos­tik im Frei­staat ra­di­kal zu­sam­men­ge­stri­chen wur­de.

Herr Pro­fes­sor Bigl, hal­ten Sie die Ein­schnit­te im öf­fent­li­chen Le­ben bis hin zum Fast-still­stand vie­ler Tei­le der Wirt­schaft für rich­tig?

Nein. Für so dras­ti­sche Maß­nah­men feh­len schlicht­weg die Zah­len. Dass man Pa­ti­en­ten mit Vo­r­er­kran­kun­gen und äl­te­re Men­schen in Al­ten­und Pfle­ge­ein­rich­tun­gen be­son­ders schützt, ist völ­lig in Ord­nung und er­for­der­lich. Grip­pe und Co­ro­na­vi­ren, das ist be­kannt, ge­fähr­den Äl­te­re be­son­ders. Das Her­un­ter­fah­ren vie­ler Be­trie­be, die Schlie­ßung von Schu­len und Kin­der­gär­ten und so­gar Aus­gangs­be­schrän­kun­gen – für all das gibt es aber aus me­di­zi­ni­scher Sicht kei­nen Grund.

So soll doch aber die Aus­brei­tung der Pan­de­mie ver­hin­dert wer­den...

...das ist kei­ne Pan­de­mie. Ei­ne Pan­de­mie ist für be­son­ders vie­le To­des­fäl­le ver­ant­wort­lich. Die se­he ich nicht. Die Be­griff­lich­keit ist al­so nicht an­ge­bracht. Dann müss­ten wir auch bei der Grip­pe je­des Jahr so dras­ti­sche Maß­nah­men er­grei­fen.

Ein Ver­gleich mit der Grip­pe, so sagt das Ro­bert-koch-in­sti­tut (RKI), ver­bie­tet sich, da das Co­ro­na­vi­rus Sar­scov-2 weit töd­li­cher sei.

Es stimmt, dass das Co­ro­na­vi­rus nicht iden­tisch ist mit In­flu­en­za­vi­ren, aber die Er­re­ger wech­seln ge­nau­so in der An­ti­ge­ni­tät wie Grip­pe­vi­ren. Ein Ver­gleich ist al­so durch­aus zu­läs­sig. Schau­en wir uns doch die In­flu­en­za-ty­pen an. Wir ha­ben ak­tu­ell drei da­von: B, H1N1 und H3N2. Es gibt da­von aber un­end­lich vie­le Va­ri­an­ten, die in der Ver­gan­gen­heit zum Teil auch in Deutsch­land hef­tig ge­wü­tet ha­ben. Die Aus­brei­tung der In­flu­en­za hat in man­chen Jah­ren für vol­le Arzt­pra­xen und Kli­ni­ken ge­sorgt. Die An­zahl der Er­krank­ten war weit hö­her als die, die ak­tu­ell an Co­ro­na er­kran­ken. In der Sai­son 2018/2919 gab es bun­des­weit 182 000 In­flu­en­za-mel­dun­gen, ein Jahr da­vor so­gar 334000 In­fi­zier­te mit ge­schätzt 25 100 In­flu­en­za-to­ten.

Die Po­li­tik ist si­cher, dass die Schutz­maß­nah­men heu­te Schlim­me­res ver­hin­dert ha­ben.

Hy­gie­ne­schutz ist die rich­ti­ge Ant­wort. Aber die Maß­nah­men müs­sen in ei­nem ver­tret­ba­ren Rah­men blei­ben. Wir ha­ben es mit ei­ner Tröpf­chen­in­fek­ti­on zu tun. Um nicht falsch ver­stan­den zu wer­den: Die Er­kran­kung an Cor­a­na­vi­ren kann schwe­re und schwers­te Ver­läu­fe ha­ben – haupt­säch­lich bei Men­schen mit Vo­r­er­kran­kun­gen. Bei der In­flu­en­za ist das aber nicht an­ders.

Es gibt doch aber ge­gen Co­ro­na kei­nen Impf­stoff, ge­gen Grip­pe schon, oder?

Das ist rich­tig und auch wie­der nicht, denn auch bei der In­flu­en­za gibt es nicht den ei­nen Impf­stoff ge­gen al­le gras­sie­ren­den Vi­ren. Aus­lö­ser grip­pa­ler In­fek­te sind doch ei­ne gan­ze Mas­se Er­re­ger. Es geht mit Rhi­no­vi­ren, haupt­ver­ant­wort­lich für Schnup­fen, los. Dann gibt es Ade­no­vi­ren, ver­schie­de­ne Pa­rain­flu­en­za­vi­ren, Rs-vi­ren, HMP und wei­te­re. Auch ge­gen sie hat man kei­nen Impf­stoff. Durch den mög­li­chen häu­fi­gen Wech­sel des Ge­noms vie­ler Vi­ren müs­sen auch die Impf­stof­fe im­mer dem an­ge­passt wer­den; ins­be­son­de­re wenn die Pa­tho­ge­ni­tät des Vi­rus sich ver­schlech­tert hat. Da­zu ge­hö­ren auch die Co­ro­na­vi­ren, so dass jetzt ein Impf­stoff drin­gend er­for­der­lich ist, eben­so wie ei­ne rou­ti­ne­mä­ßi­ge Te­s­tung.

Seit wann tre­ten Co­ro­na­vi­ren auf?

In den Lehr­bü­chern für „Me­di­zi­ni­sche Mi­kro­bio­lo­gie und In­fek­tio­lo­gie“ist zu le­sen: „In­fek­tio­nen mit den hu­ma­nen Co­ro­na­vi­ren tre­ten in den Win­ter­mo­na­ten auf und sind für et­wa 5 bis 30 al­ler ak­tu­el­len aku­ten re­spi­ra­to­ri­schen Er­kran­kun­gen ver­ant­wort­lich….“Das weiß man al­so seit Jahr­zehn­ten, aber erst seit die­sem Jahr, ge­nau seit der fünf­ten Ka­len­der­wo­che, wird im In­flu­en­za­sen­ti­nel der zu­stän­di­gen Ar­beits­ge­mein­schaft am RKI auch auf Co­ro­na ge­tes­tet. Aus­lö­ser da­für ist die welt­wei­te Aus­brei­tung der Krank­heit. Das Sen­ti­nel ist ein Er­he­bungs­sys­tem, bei dem Ärz­te mit­wir­ken, die dia­gnos­ti­sche Wer­te lie­fern.

Ih­re Kri­tik in der Co­ro­na-kri­se rich­tet sich ge­gen die mi­se­ra­ble Da­ten­la­ge. Wor­auf be­zieht sich das ge­nau?

Tag­täg­lich wird von an Co­ro­na Er­krank­ten, Ge­ne­se­nen und Ver­stor­be­nen ge­spro­chen. Die­sen Zah­len sind die Grund­la­ge für das Han­deln der Po­li­tik. Aber die Da­ten­la­ge ist doch völ­lig un­zu­rei­chend. Er­fasst sind doch nur die Er­krank­ten, die auf Co­ro­na ge­tes­tet wur­den. Es gibt kei­ne zu­ver­läs­si­ge Aus­sa­ge über die An­zahl der In­fi­zier­ten. Und das liegt dar­an, dass nicht aus­rei­chend ge­tes­tet wer­den kann. In Sach­sen ist das so, weil vor­han­de­ne Test­ka­pa­zi­tä­ten schlicht dem Spar­wahn frü­he­rer Jah­re zum Op­fer ge­fal­len sind.

Sie spre­chen von den Ka­pa­zi­tä­ten im öf­fent­li­chen Ge­sund­heits­we­sen?

Vor 17 Jah­ren hat­ten wir mit der Sars Co­vi 1-Pro­ble­ma­tik ei­ne ähn­li­che Si­tua­ti­on wie heu­te, auch wenn da­mals die An­zahl der In­fi­zier­ten weit ge­rin­ger war. 2003 konn­ten wir auf die vor­han­de­ne Dia­gnos­tik zu­rück­grei­fen. Am Stand­ort Chem­nitz der Lan­des­un­ter­su­chungs­an­stalt, kurz LUA, wo ich tä­tig war, konn­ten wir so­fort die not­wen­di­gen La­bor­nach­wei­se mit­tels PCR, was für Po­ly­me­ra­se­ket­ten­re­ak­ti­on steht, vor­neh­men. Heu­te ist kei­ne so schnel­le und um­fang­rei­chen Dia­gnos­tik vor­han­den, um Aus­sa­gen über Sars Co­vi 2 zu tref­fen. Und das, weil am Stand­ort Chem­nitz das Per­so­nal um zwei Drit­tel re­du­ziert und der Lua­stand­ort Leip­zig so­gar kom­plett ge­schlos­sen wur­de. Ein­zig der in Dres­den exis­tiert noch. Im Ver­gleich zu heu­te hät­ten wir un­ter den al­ten Be­din­gun­gen mehr als drei­mal so vie­le Tests ma­chen kön­nen.

Wie ist das in an­de­ren Bun­des­län­dern?

Dort wur­den vie­le Ka­pa­zi­tä­ten zu ge­ring be­ach­tet oder gar nicht erst auf­ge­baut, ob­wohl im Grund­ge­setz Ar­ti­kel 74 Nr.19 ge­nau ver­an­kert ist, dass der Staat für Maß­nah­men ge­gen ge­mein­ge­fähr­li­che oder über­trag­ba­re Krank­hei­ten zu­stän­dig ist und die drit­te Säu­le des Ge­sund­heits­we­sens, den Öf­fent­li­chen Ge­sund­heits­dienst, mit ge­nü­gend Per­so­nal ar­beits­fä­hig – al­so ein­schließ­lich Dia­gnos­tik – zu ge­stal­ten hat.

Was wä­re bei ei­ner bes­se­ren Da­ten­la­ge mög­lich?

Dann hät­te man bei­spiels­wei­se die Schu­len und Kin­der­gär­ten nicht schlie­ßen müs­sen. Da­mals – al­so vor der Wen­de und auch lan­ge Jah­re da­nach – ha­ben wir Ver­dachts­fäl­le so­fort un­ter­sucht. Bei Nach­weis ei­ner In­fek­ti­on wur­den die Schü­ler ei­ner Klas­se nach Hau­se ge­schickt, nicht die kom­plet­te Schu­le dicht ge­macht. Ei­ne bes­se­re Dia­gnos­tik wä­re zugleich der Schlüs­sel da­für, zu ver­ste­hen, wie sich Co­ro­na aus­brei­tet. Dann hät­te man die Zahl der In­fi­zier­ten ins Ver­hält­nis set­zen kön­nen zu den an Co­ro­na Ver­stor­be­nen – und ver­nünf­ti­ge Aus­sa­gen über die Ge­fähr­lich­keit er­hal­ten. Was nicht zu den dras­ti­schen Maß­nah­men ge­führt hät­te.

Der Shut­down wä­re un­nö­tig ge­we­sen?

Mit ei­nem bes­se­ren öf­fent­li­chen Ge­sund­heits­we­sen, per­so­nell bes­ser aus­ge­stat­te­ten Ge­sund­heits­äm­tern, wä­re er ver­mut­lich nicht nö­tig ge­we­sen. An­ders ge­sagt: Die Ver­ant­wort­li­chen hät­ten nicht auf Ver­dacht han­deln müs­sen, son­dern an­hand aus­sa­ge­fä­hi­ger Da­ten. Die Le­ta­li­täts­ra­te ist, wie sich jetzt nach und nach her­aus­stellt, in Deutsch­land viel zu hoch an­ge­setzt. Und noch et­was kri­ti­sie­re ich: Es fehlt die Fall­de­fi­ni­ti­on für den To­des­fall. Um fest­zu­stel­len, ob ein Pa­ti­ent an ei­ner Co­ro­na­vi­rus-in­fek­ti­on ver­stor­ben ist, sind meh­re­re Nach­wei­se nö­tig – bei Un­klar­hei­ten hilft nur ei­ne Obduktion. Dies er­folgt nicht in aus­rei­chen­dem Ma­ße. Mit dem jet­zi­gen Vor­ge­hen wird nur Angst ge­schürt. Um Ih­re Aus­sa­gen für die Le­ser bes­ser ein­ord­nen zu kön­nen: Sie sind Mit­glied der Säch­si­sche Impf­kom­mis­si­on (SI­KO). War­um leis­tet sich Sach­sen als ein­zi­ges Bun­des­land ei­ne sol­ches Be­ra­ter­gre­mi­um?

Viel­leicht, weil sich die SI­KO durch ei­ne her­vor­ra­gen­de wis­sen­schaft­li­che Ar­beit aus­zeich­net und sich des­halb be­haup­ten konn­te. Ein Bei­spiel: Be­vor die SI­KO 1991 ge­grün­det wur­de, hieß es, dass wir in Sach­sen den in den al­ten Bun­des­län­dern gül­ti­gen Impf­ka­len­der zu über­neh­men ha­ben. Als von der CDU 1990 be­ru­fe­ner Ver­tre­ter des Be­zirks­arz­tes im da­ma­li­gen Be­zirk Karl-marx­stadt, jetzt wie­der Chem­nitz, ha­be ich mich ge­wei­gert und dar­auf ver­wie­sen, dass wir ei­nen weit wirk­sa­me­ren ha­ben. Ge­gen Ma­sern wur­de bei uns zwei­mal ge­impft, in den al­ten Län­dern nur ein­mal. Bei uns wur­de ge­gen Keuch­hus­ten ge­impft, im Wes­ten nicht – erst viel spä­ter hat man das ge­än­dert.

Beim Impf­schutz und im Um­fang des ge­sam­ten Auf­ga­ben­spek­trums der Hy­gie­ne wa­ren wir in der DDR fort­schritt­li­cher. Das konn­ten wir er­folg­reich den Po­li­ti­kern der ers­te St­un­de in Sach­sen ver­mit­teln. So hat Sach­sen ei­ne ei­ge­ne Impf­kom­mis­si­on ge­grün­det mit mir als ers­ten Vor­sit­zen­den.

FOTO: PRIVAT

Pro­fes­sor Sieg­wart Bigl (81) kri­ti­siert, dass in Sach­sen Test­ka­pa­zi­tä­ten ra­di­kal weg­ge­spart wur­den.

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