„Wir wer­den ge­mein­sam laut sein“

Ein Jahr nach dem An­schlag von Hal­le kommt die De­bat­te über die Fol­gen der Atta­cke erst ins Rol­len. Das liegt vor al­lem an den Über­le­ben­den. Sie schmie­den neue Al­li­an­zen – und las­sen sich nicht in die Ecke der schwei­gen­den Op­fer drän­gen.

Dresdner Neueste Nachrichten - - BLICKPUNKT - Von Jan Sternberg

Die Schwei­ge­mi­nu­te hat nie­mand ge­plant, sie ist so­zu­sa­gen ein­fach pas­siert. Zu­sam­men ste­hen sie auf der klei­nen Büh­ne, der Re­gen pras­selt auf die Über­da­chung, die ge­ra­de ent­zün­de­ten Ge­denk­ker­zen fla­ckern leicht. Die Män­ner und Frau­en rü­cken eng zu­sam­men, da­mit al­le Platz ha­ben. Da steht Sa­b­ri­na Slip­chen­ko, ei­ne jun­ge Jü­din, die vor ei­nem Jahr in Hal­le die Sy­nago­ge be­sucht hat und den An­griff des rechts­ex­tre­men At­ten­tä­ters er­leb­te. Ne­ben ihr steht Is­met Te­kin, der mit sei­nem Bru­der im „Kiez-dö­ner” ar­bei­te­te, wo der Mör­der den Ma­ler­lehr­ling Ke­vin S. er­schoss. Da ist Ser­pil Ter­miz aus Ha­nau, de­ren Sohn Fer­hat Un­var von ei­nem an­de­ren ras­sis­ti­schen Mör­der er­schos­sen wur­de, nicht am 9. Ok­to­ber 2019, son­dern am 19. Fe­bru­ar 2020. Ne­ben ihr wie­der­um ste­hen eben­falls schwei­gend wei­te­re An­ge­hö­ri­ge der Er­mor­de­ten von Ha­nau.

Oben quietscht die Hoch­bahn und un­ter­bricht das Ge­den­ken.

In Ber­lin, in ei­nem Bier­gar­ten am Gleis­drei­eck, ist in die­ser Wo­che et­was ge­sche­hen, das es in Deutsch­land so bis­her noch nicht gab. Ein Jahr nach dem An­schlag von Hal­le ver­bin­den sich die Über­le­ben­den rechts­ex­tre­men Ter­rors. Sie stüt­zen sich ge­gen­sei­tig in ih­rer Trau­er – und sie ver­bün­den sich ge­gen das, was sie als Gleich­gül­tig­keit von Po­li­tik und Mehr­heits­ge­sell­schaft emp­fin­den. Sie wol­len nicht mehr Op­fer, Über­le­ben­de oder Hin­ter­blie­be­ne sein, son­dern Ak­teu­re, die laut­stark Ta­ten ein­for­dern.

Sie nen­nen es das „Fes­ti­val of Resi­li­ence“, das Fes­ti­val der Wi­der­stands­fä­hig­keit. Or­ga­ni­siert wird es von der jü­di­schen Ge­mein­schaft Ba­se Ber­lin, zeit­gleich mit dem Laub­hüt­ten­fest. Die Rab­bi­ner von Ba­se Ber­lin sind Re­bec­ca Bla­dy und Je­re­my Bo­ro­vitz, zwei jun­ge Ame­ri­ka­ner aus Brook­lyn, die eben­falls vor ei­nem Jahr in Hal­le wa­ren und im Pro­zess ge­gen den At­ten­tä­ter auch als Ne­ben­klä­ger aus­ge­sagt ha­ben.

An die­sem Frei­tag wird das of­fi­zi­el­le Ge­den­ken in Hal­le statt­fin­den. Bun­des­prä­si­dent Frank-wal­ter St­ein­mei­er wird spre­chen, Jo­sef Schus­ter, Vor­sit­zen­der des Zen­tral­rats der Ju­den, Rei­ner Ha­seloff, Mi­nis­ter­prä­si­dent von Sach­sen-an­halt. Sie al­le wa­ren vor ei­nem Jahr, di­rekt nach dem An­schlag, schon ein­mal in Hal­le und ha­ben der jü­di­schen Ge­mein­de der Stadt ih­re So­li­da­ri­tät er­klärt. Sie wer­den es wie­der tun. Aber wird sich da­durch et­was än­dern?

An­griff mit dem Klapp­s­pa­ten Erst am Sonn­tag er­eig­ne­te sich vor ei­ner an­de­ren deut­schen Sy­nago­ge ei­ne Ge­walt­tat, die für die Über­le­ben­den von Hal­le wie ein Déjà-vu ge­wirkt ha­ben muss: Ein Mann in Ar­mee­klei­dung at­ta­ckiert ei­nen Gläu­bi­gen. Es gab kei­ne To­ten, denn er war nicht mit Schuss­waf­fen und Spreng­gra­na­ten be­waff­net wie der An­grei­fer von Hal­le, son­dern schlug mit ei­nem Klapp­s­pa­ten auf ei­nen jü­di­schen Stu­den­ten ein und ver­letz­te ihn schwer.

Noch am Abend des An­schlags schrieb Ham­burgs Lan­des­rab­bi­ner Shlo­mo Bis­tritz­ky: „Wir möch­ten jetzt kei­ne So­li­da­ri­tät, wir wol­len Ta­ten!” Und auch Hal­les Ge­mein­de­vor­ste­her Max Pri­voroz­ki for­dert mehr als nur war­me Wor­te von sei­nen hoch­ran­gi­gen Gäs­ten aus der Po­li­tik, die er am Frei­tag in der Sy­nago­ge emp­fan­gen wird. „Wenn An­ti­se­mi­tis­mus ei­ne Krank­heit der Ge­sell­schaft ist, muss man sie nach­hal­tig hei­len. Man braucht lan­ge Zeit und die rich­ti­ge The­ra­pie”, sagt er. „Wir müs­sen in Bil­dung in­ves­tie­ren und den Hass ab­bau­en. Und da wur­den von den Re­gie­run­gen vie­le Feh­ler ge­macht.”

Das ver­gan­ge­ne Jahr hat Pri­voroz­ki ver­än­dert. Der wuch­ti­ge Ma­the­ma­ti­ker, der aus Odes­sa nach Sach­sen-an­halt kam, ist an der Auf­ga­be ge­wach­sen, nicht mehr nur ei­ne Ge­mein­de, son­dern ein Sym­bol zu lei­ten – ein Sym­bol für den Um­gang der nicht­jü­di­schen Deut­schen mit ei­ner be­droh­ten Min­der­heit in ih­rer Mit­te. Mit For­de­run­gen an die Po­li­ti­ker in Hal­le, Mag­de­burg und Ber­lin hat er sich lan­ge zu­rück­ge­hal­ten, auch mit Kri­tik an der Po­li­zei, die beim Ein­satz vor ei­nem Jahr schwe­re Feh­ler be­ging.

Kurz vor dem Jah­res­tag aber spricht Pri­voroz­ki Kl­ar­text. Es geht aus sei­ner Sicht nicht mehr an­ders. Denn in der Wo­che vor dem Jah­res­tag gab es nicht nur die Atta­cke in Hamburg, son­dern auch ei­ne Aus­sa­ge des sach­sen-an­hal­ti­schen In­nen­mi­nis­ters Hol­ger Stahl­knecht. Die Lan­des­re­gie­rung stellt in die­sem und im nächs­ten Jahr ins­ge­samt 2,4 Mil­lio­nen Eu­ro zur Ver­fü­gung, um jü­di­sche Ge­mein­den bes­ser zu schüt­zen, die Ver­ein­ba­run­gen wur­den ge­ra­de un­ter­zeich­net. Al­ler­dings hat­te der Cdu-po­li­ti­ker Stahl­knecht bei ei­nem Be­such in Des­sau auch her­vor­ge­ho­ben, dass die Be­am­ten 1500 Ar­beits­stun­den zu­sätz­lich leis­ten, um die Be­wa­chung jü­di­scher Ein­rich­tun­gen in Des­sau ab­zu­si­chern. Es kön­ne des­halb sein, dass die Po­li­zei nicht bei je­der an­de­ren An­for­de­rung pünkt­lich zur Stel­le sei, sag­te Stahl­knecht.

„Die­se Wor­te sind un­trag­bar”, sagt Pri­voroz­ki. „Das war ei­ne Pro­vo­ka­ti­on. Es ist ein­deu­tig an­ti­jü­disch, dass der In­nen­mi­nis­ter solch ei­ne Aus­re­de für den Per­so­nal­man­gel bei der Po­li­zei ver­wen­det. Er hät­te ja auch auf­rech­nen kön­nen, wel­chen Auf­wand die Be­wa­chung der vie­len rechts­ex­tre­men Kund­ge­bun­gen auf dem Markt­platz in Hal­le ver­ur­sacht. Oder wie vie­le Ar­beits­stun­den sei­ne ei­ge­nen Per­so­nen­schüt­zer ab­rech­nen.“

Stahl­knecht hat­te da­nach von ei­nem „Miss­ver­ständ­nis“ge­spro­chen, der Schutz jü­di­scher Ein­rich­tun­gen sei für ihn nicht ver­han­del­bar. Aber die Ge­duld des Ge­mein­de­vor­ste­hers Pri­voroz­ki mit sol­chen „Miss­ver­ständ­nis­sen“ist ein Jahr nach dem An­schlag ein­fach am En­de.

In Ber­lin, kurz vor dem An­zün­den der Ge­denk­ker­zen, tritt Ana­stas­sia Ple­touk­hi­na auf die Büh­ne. Auch sie war von ei­nem Jahr zu Gast in der Sy­nago­ge in Hal­le, ist ei­ne Über­le­ben­de des At­ten­tats. „Wir wer­den ge­mein­sam laut­stark sein“, ruft sie, „wir wer­den uns ge­gen die Kon­ti­nui­tät der Ge­walt auf­leh­nen.“Und um zu zei­gen, wie lan­ge die Kon­ti­nui­tät rechts­ex­tre­mer Ge­walt­ta­ten zu­rück­reicht, bit­tet sie Fa­ruk Ars­lan aus Mölln auf die Büh­ne. 1992 zün­de­ten Neo­na­zis das Haus sei­ner Fa­mi­lie an. Sei­ne zehn­jäh­ri­ge Toch­ter Ye­liz, sei­ne Mut­ter Bahi­de und sei­ne Nich­te Ay­se star­ben.

Ars­lan hat vor der Ge­denk­ver­an­stal­tung zwei Ta­ge mit den jun­gen jü­di­schen Ak­ti­vis­ten das Laub­hüt­ten­fest mit­ge­fei­ert. „Ihr habt mich auf­ge­nom­men wie ei­nen Bru­der”, sagt er, „ihr seid star­ke Men­schen. Und wir blei­ben stark, weil wir un­se­re Stim­men wei­ter­ge­ben“. Ser­pil Ter­miz aus Ha­nau stimmt zu: „Wir sind ei­ne gro­ße Fa­mi­lie ge­wor­den.“Ei­ne Fa­mi­lie der Wi­der­stän­dig­keit und des Wi­der­stands. Sie sind kei­ne Op­fer mehr, son­dern Ak­ti­vis­ten. Sie for­dern Si­cher­heit in der of­fe­nen Ge­sell­schaft und über­win­den da­für sel­ber Gren­zen.

Am nächs­ten Tag über­ge­ben Ver­tre­ter der Jü­di­schen Stu­die­ren­den­uni­on in Hal­le ei­nen Scheck an Is­met Te­kin, der mit sei­nem Bru­der Ri­fat den „Kiez-dö­ner” über­nom­men hat. Das Ge­schäft lief so

Wenn An­ti­se­mi­tis­mus ei­ne Krank­heit der Ge­sell­schaft ist, muss man sie nach­hal­tig hei­len.

Max Pri­voroz­ki, Vor­ste­her der Jü­di­schen Ge­mein­de Hal­le

schlecht, dass sie in fi­nan­zi­el­le Schwie­rig­kei­ten ka­men. Fast 30 000 Eu­ro ka­men nun als Un­ter­stüt­zung zu­sam­men. Und auch Max Pri­voroz­ki greift sei­nem mus­li­mi­schen Schick­sals­ge­nos­sen Te­kin un­ter die Ar­me: Die Jü­di­sche Ge­mein­de Hal­le be­zahlt Es­sens­gut­schei­ne im Wert von 1000 Eu­ro. „So kann er hof­fent­lich neue Kun­den ge­win­nen”, sagt der Ge­mein­de­vor­ste­her.

Kurz da­nach ruft auch Bun­des­prä­si­dent Frank-wal­ter St­ein­mei­er bei Te­kin an, um mit ihm im Vor­feld des Jah­res­tags in Ru­he zu spre­chen. Vi­el­leicht hat der Im­biss­be­trei­ber dem Prä­si­den­ten auch von der Fei­er ei­ni­ge Zeit zu­vor in Ber­lin er­zählt, an des­sen En­de der schma­le, stil­le Mann so glück­lich da saß wie im gan­zen ver­gan­ge­nen Jahr nicht: „Das ist das Bild ei­ner Ge­sell­schaft, die wir wol­len”, sag­te Te­kin da. „Ver­schie­de­ne Na­tio­na­li­tä­ten, ver­schie­de­ne Re­li­gio­nen, ver­schie­de­ne Spra­chen – aber wir hal­ten zu­sam­men.”

In Hal­le sei der Weg bis zu die­ser

Ge­sell­schaft aber noch weit, meint Igor Mat­viy­ets, als er an ei­nem an­de­ren Tag vor dem „Kiez-dö­ner” sitzt, ein Glas Tee vor sich. Mat­viy­ets, 29, ist Mit­glied der Jü­di­schen Ge­mein­de und der SPD. Er ist Di­rekt­kan­di­dat für die Land­tags­wahl im kom­men­den Früh­jahr.

Der ers­te Mi­grant im Land­tag? Mat­viy­ets rückt erst ein­mal die Ver­hält­nis­se zu­recht: „Wenn ich nächs­tes Jahr in den Land­tag ge­wählt wer­den soll­te, dann wer­de ich nicht nur der ein­zi­ge Ju­de sein. Ich wer­de dort auch der ein­zi­ge Mi­grant sein. In Sach­sen-an­halt ist es un­glaub­lich ein­fach, un­se­re Per­spek­ti­ve nicht zu se­hen, nicht zu ken­nen, nicht ein­zu­be­zie­hen – weil wir so we­ni­ge sind, wir Mi­gran­ten und wir Ju­den so­wie­so.”

Ge­bo­ren wur­de Mat­viy­ets in der Ukrai­ne. Als er neun Jah­re alt war, kam die Fa­mi­lie als jü­di­sche Kon­tin­gent­flücht­lin­ge nach Deutsch­land. Er wuchs in Saarbrücke­n und Hei­del­berg auf, vie­le sei­ner Schul­freun­de wa­ren Mus­li­me.

Die Ge­duld des 57-jäh­ri­gen Max Pri­voroz­ki kam im ver­gan­ge­nen Jahr lang­sam an ein En­de – Igor Mat­viy­ets hat­te von An­fang an kei­ne mehr. Er hält sich nicht zu­rück. Täg­lich setzt er Dut­zen­de Tweets ab, for­dert jetzt uner­müd­lich den Rück­tritt von In­nen­mi­nis­ter Stahl­knecht. „Sei­ne Wor­te ge­fähr­den ak­tiv un­se­ren Schutz”, sagt er. „Er ist als In­nen­mi­nis­ter für die Si­cher­heit ver­ant­wort­lich, aber er stellt die Si­cher­heit be­stimm­ter Grup­pen im Land in Fra­ge.”

Mat­viy­ets pro­phe­zeit: „Ob die AFD an die Macht kommt, ent­schei­det sich hier in Sach­sen-an­halt. Und vi­el­leicht kommt die AFD gar nicht selbst an die Macht, son­dern durch ei­ne CDU, die schlei­chend ih­re Po­si­tio­nen über­nimmt.”

Hal­le sei ei­ne tol­le Stadt, er le­be ger­ne hier, sagt Mat­viy­ets. Aber auch in Hal­le wer­de es den Rech­ten im­mer noch zu leicht ge­macht. Schwei­gen aber wird er des­we­gen nicht.

Schwei­gen wer­den sie al­le nicht mehr.

Wir wer­den uns ge­gen die Kon­ti­nui­tät der Ge­walt auf­leh­nen.

Ana­stas­sia Ple­touk­hi­na, Über­le­ben­de des At­ten­tats von Hal­le

FO­TO: JAN STERNBERG

„Ihr habt mich auf­ge­nom­men wie ei­nen Bru­der“: Fa­ruk Ars­lan aus Mölln bei der Ver­an­stal­tung jü­di­scher Ak­ti­vis­ten in Ber­lin.

FO­TO: FLO­RI­AN KORB

„Weil wir so we­ni­ge sind“: Igor Mat­viy­ets stammt aus der Ukrai­ne, ist Ju­de und kan­di­diert in Hal­le für den Land­tag.

FO­TOS: J. STERNBERG, W. LANGENSTRA­SSEN, H. HAHNENSTEI­N/DPA, S. SCHELLHORN/IM­A­GO IMAGES

„Wir sind ei­ne gro­ße Fa­mi­lie ge­wor­den“: Hin­ter­blie­be­ne der Op­fer der An­schlä­ge von Mölln, Hal­le und Ha­nau ha­ben in den ver­gan­ge­nen Mo­na­ten zu­sam­men­ge­fun­den.

FO­TO: HENDRIK SCHMIDT/DPA

„Ein­deu­tig an­ti­jü­di­sche Äu­ße­rung“? Hol­ger Stahl­knecht (CDU), In­nen­mi­nis­ter von Sach­sen-an­halt.

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