Frank­reich wird wie­der ner­vös

Re­gie­rung ver­kün­det Ge­sund­heits­not­stand und Aus­gangs­sper­ren – Me­di­zi­ni­sche Ver­sor­gung ge­rät an Gren­zen

Dresdner Neueste Nachrichten - - BLICKPUNKT - Von Bir­git Holzer

Pa­ris. Bis zu 27 000 Co­ro­na-neu­in­fek­tio­nen an ei­nem Tag in Frank­reich – nun zieht die Re­gie­rung die Reiß­lei­ne. Die Bür­ger müs­sen sich auf neue Be­schrän­kun­gen ein­stel­len. Von die­sem Sams­tag an gilt im ge­sam­ten Land wie­der der Ge­sund­heits­not­stand. Die Mit­te-re­gie­rung hat nun die Mög­lich­keit, Be­schlüs­se schnell per Ver­ord­nung um­zu­set­zen.

Und: Aus­gie­bi­ges Fei­ern bis in die Nacht hin­ein ist den meis­ten Fran­zo­sen künf­tig nicht mehr mög­lich. Von Sams­tag an gilt in der Haupt­stadt­re­gi­on so­wie acht wei­te­ren Me­tro­po­len, dar­un­ter Lil­le, Lyon und Mar­seil­le, ei­ne Aus­gangs­sper­re zwi­schen 21 Uhr und 6 Uhr – und das für min­des­tens vier Wo­chen. Da­mit sol­len pri­va­te Fei­ern re­du­ziert wer­den, die als Haupt­ur­sa­che für die star­ke Ver­brei­tung des Co­ro­na­vi­rus gel­ten.

Das wa­ren die Haupt­bot­schaf­ten, die Prä­si­dent Em­ma­nu­el Ma­cron ges­tern Abend in ei­nem Fern­seh­in­ter­view ver­kün­de­te. Ei­ne Ver­schär­fung der be­ste­hen­den Re­geln war be­fürch­tet wor­den – vor al­lem von den Gas­tro­no­men und Be­schäf­tig­ten in der Kul­tur­bran­che. Ma­cron ver­sprach staat­li­che Hil­fen für Bars und Re­stau­rants, Ki­nos, Thea­ter und an­de­re kul­tu­rel­le Ein­rich­tun­gen, über die Auf­recht­er­hal­tung der groß­zü­gi­gen Kurz­ar­bei­ter­re­ge­lun­gen hin­aus. „Wir ha­ben die Kon­trol­le nicht ver­lo­ren“, be­ton­te der Prä­si­dent, aber die Si­tua­ti­on sei „be­sorg­nis­er­re­gend“.

Die ak­tu­el­le Ent­wick­lung mit stän­dig stei­gen­den In­fek­ti­ons­zah­len ist tat­säch­lich be­ängs­ti­gend: Im

Schnitt wer­den täg­lich rund 20 000 Men­schen po­si­tiv auf das Co­ro­na­vi­rus ge­tes­tet. Frank­reich führt der­zeit 1,3 bis 1,4 Mil­lio­nen Tests pro Wo­che durch, doch die Er­geb­nis­se las­sen auf­grund der ho­hen Ar­beits­be­las­tung für die La­bo­re meist meh­re­re Ta­ge auf sich war­ten. Knapp 33 000 Men­schen, die sich mit dem Co­ro­na­vi­rus in­fi­ziert ha­ben, sind seit Aus­bruch der Pan­de­mie ge­stor­ben.

Das größ­te Pro­blem des rei­chen Frank­reich: Es kann die me­di­zi­ni­sche Ver­sor­gung sei­ner Be­völ­ke­rung vie­ler­orts nicht mehr ga­ran­tie­ren. In man­chen gro­ßen Städ­ten sind be­reits 40 Pro­zent der Bet­ten auf den In­ten­siv­sta­tio­nen mit Co­vid-19-pa­ti­en­ten be­legt. Die Kran­ken­häu­ser war­nen vor na­hen­den Eng­päs­sen, wie es sie be­reits bei der ers­ten Wel­le gab. Das Ver­spre­chen, die Zahl der In­ten­siv­bet­ten bis zum Herbst auf 12 000 zu er­hö­hen, konn­te die Re­gie­rung nicht hal­ten; auch fehlt es an Pfle­ge­per­so­nal.

Be­son­ders die Si­tua­ti­on in der Haupt­stadt be­rei­tet gro­ße Sor­ge. Dort steigt die Zahl der Co­vid-19pa­ti­en­ten auf den In­ten­siv­sta­tio­nen im­mer wei­ter an. Der für das gan­ze Land ver­häng­te Ge­sund­heits­not­stand räumt den zu­stän­di­gen Prä­fek­ten nun weit­rei­chen­de Kom­pe­ten­zen, dar­un­ter auch die Ent­schei­dung über lo­ka­le Lock­downs, ein.

Zu­gleich steigt das Miss­trau­en der Be­völ­ke­rung ge­gen­über der Re­gie­rung. Nur gut ein Drit­tel der Men­schen be­schei­nigt ihr ein gu­tes Kri­sen­ma­nage­ment. Auch ein un­ab­hän­gi­ger Ex­per­ten­be­richt stellt der Re­gie­rung im in­ter­na­tio­na­len Ver­gleich kein gu­tes Zeug­nis aus. Dem­nach herr­sche in Frank­reich ein Man­gel an Ab­stim­mung zwi­schen Me­di­zi­nern, Wis­sen­schaft­lern und Po­li­ti­kern. Die „Rich­tig­keit man­cher Maß­nah­men“wer­de nicht ver­mit­telt. Dem ver­such­te Ma­cron ges­tern ent­ge­gen­zu­wir­ken. Ob es ihm ge­lun­gen ist, wer­den die nächs­ten Ta­ge und Wo­chen zei­gen.

Wir ha­ben die Kon­trol­le nicht ver­lo­ren, aber die Si­tua­ti­on ist be­sorg­nis­er­re­gend.

Em­ma­nu­el Ma­cron, fran­zö­si­scher Staats­prä­si­dent

FOTO: HANS LU­CAS/IMAGO IMAGES

Schwört die Fran­zo­sen auf har­te Ein­schnit­te ein: Prä­si­dent Em­ma­nu­el Ma­cron am Mitt­woch­abend in ei­nem Fern­seh­in­ter­view.

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