Die Rück­kehr in den Kri­sen­mo­dus

Dresdner Neueste Nachrichten - - BLICKPUNKT - Von Ma­ri­na Korm­baki

Wie­der­se­hen macht kei­ne Freu­de. Je­den­falls wirk­ten die Bun­des­kanz­le­rin und die Mi­nis­ter­prä­si­den­ten im An­schluss an die ers­te phy­si­sche Be­geg­nung der Run­de seit vier Mo­na­ten er­schöpft und auch frus­triert. An­ge­la Mer­kel hat­te denn auch kei­ner­lei gu­te Nach­rich­ten zu ver­kün­den. An­ge­sichts stei­gen­der In­fek­ti­ons­zah­len ver­schär­fen Bund und Län­der die Maß­nah­men zur Ein­däm­mung des Co­ro­navi­rus.

Es ist of­fen­bar un­ver­meid­lich, die kri­ti­sche Mar­ke an wö­chent­li­chen Neu­in­fek­tio­nen pro 100 000 Ein­woh­ner ab­zu­sen­ken – von ehe­mals 50 auf jetzt 35. Ei­ni­ge Ex­per­ten hiel­ten den ers­ten Richt­wert von An­fang an für zu hoch. Doch er er­wies sich im Som­mer, als sich das Le­ben größ­ten­teils im Frei­en ab­spiel­te und die An­ste­ckungs­ge­fahr so­mit ge­ring blieb, als prak­ti­ka­bel. Jetzt aber, da der All­tag im Job oder mit der Fa­mi­lie in oft schlecht be­lüf­te­ten In­nen­räu­men statt­fin­det, ist die Mar­ke po­ten­zi­ell ge­fähr­lich.

Der viel be­schwo­re­ne mün­di­ge Bür­ger hat jetzt die Chan­ce zu be­wei­sen, dass er mün­dig ist.

Das Vi­rus ballt sich nicht mehr in Hots­pots, son­dern brei­tet sich bun­des­weit aus. Das Ge­sund­heits­we­sen nä­hert sich der Be­las­tungs­gren­ze – das gilt für die Kon­takt­nach­ver­fol­gung in den Ge­sund­heits­äm­tern und mit­un­ter auch für Test­ka­pa­zi­tä­ten. Zu­dem steigt die Zahl der Covid-19-pa­ti­en­ten in in­ten­siv­me­di­zi­ni­scher Be­hand­lung. Jetzt kann früh­zei­ti­ges Han­deln Le­ben ret­ten. Die Rück­kehr in den Kri­sen­mo­dus ist ge­recht­fer­tigt.

Ei­ni­ge Re­gel­ver­schär­fun­gen sind plau­si­bel – et­wa die Aus­wei­tung der Mas­ken­pflicht und ei­ne Be­gren­zung der Teil­neh­mer­zahl von Ver­an­stal­tun­gen. An­de­re sind frag­wür­dig – et­wa Sperr­stun­den in der Gas­tro­no­mie, wo auch ein kon­se­quen­tes Hy­gie­ne­kon­zept die Aus­brei­tung des Vi­rus be­hin­dern könn­te. Und ei­ni­ge Ide­en sind un­ver­hält­nis­mä­ßig – al­len vor­an das in ver­wir­ren­der Viel­falt ver­füg­te Be­her­ber­gungs­ver­bot. Die Po­li­tik wird ih­rer Vor­bild­funk­ti­on ge­wiss nicht im­mer ge­recht. Dies aber darf nicht als Aus­re­de die­nen für ei­ne la­xe Aus­le­gung der All­tags­re­geln zur Be­kämp­fung der Pan­de­mie. Die Po­li­tik muss den Rah­men lie­fern für ei­nen ver­ant­wor­tungs­vol­len Um­gang mit dem Ri­si­ko – sei es durch krea­ti­ve Kon­zep­te an Ki­tas und Schu­len, durch die Ent­las­tung des Per­so­nen­nah­ver­kehrs und die Stär­kung des Ge­sund­heits­we­sens. Aber sie kann und darf nicht in den per­sön­li­chen All­tag der Men­schen hin­ein­re­gie­ren.

Ob wir uns bei der Ar­beit, in der Frei­zeit oder im Ur­laub an die An­ti-co­ro­na-re­geln hal­ten und so­mit die Ge­fahr klein­hal­ten, ent­schei­den wir selbst. Der viel be­schwo­re­ne mün­di­ge Bür­ger hat jetzt die Chan­ce und die Ver­pflich­tung zu be­wei­sen, dass er mün­dig ist. Da­für braucht es nicht viel mehr als Mas­ke tra­gen, Ab­stand hal­ten, Hän­de wa­schen und ab und zu mal lüf­ten. Sel­ten war es so leicht und auch so wich­tig, staats­po­li­ti­sche Ver­ant­wor­tung zu zei­gen.

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