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„Wir soll­ten mehr Ecken und Kan­ten zu­las­sen“

Wird es fair mit Per? Das ZDF hat den frü­he­ren Na­tio­nal­spie­ler Per Mer­te­sacker in sei­ne Mann­schaft ge­holt, an die Sei­te von Jo­chen Brey­er. Der Ein­stand hat schon mal ge­klappt. Was pla­nen die zwei jetzt? Und vor al­lem: Was muss pas­sie­ren, da­mit das In­te­res

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Wie kam es ei­gent­lich da­zu, dass Sie aus­ge­rech­net bei dem Sen­der als Ex­per­te lan­den, bei dem Sie 2014 Ihr le­gen­dä­res Eis­ton­nen-interview ga­ben, Herr Mer­te­sacker?

Per Mer­te­sacker: Da schließt sich tat­säch­lich ir­gend­wie ein Kreis, den ich selbst nie ge­malt ha­be. Ich ha­be nach mei­ner ak­ti­ven Kar­rie­re zwei tol­le Jah­re bei DAZN ge­habt, aber die We­ge ha­ben sich dann nach ei­nem tol­len Cham­pi­ons­le­ague-fi­na­le 2020 ge­trennt. Das ZDF kam auf mich zu, und schon nach ei­nem Ge­spräch war klar für mich, dass ich die­se neue Her­aus­for­de­rung an­neh­men möch­te – auch, weil ich mit Jo­chen zu­sam­men­ar­bei­ten darf. Es ist ein tol­ler Schritt für mich, bei dem ich als Ex­per­te wei­ter wach­sen möch­te.

Bit­te nicht noch wei­ter wach­sen, Per. Mer­te­sacker: (lacht) Sie müs­sen eins wis­sen: Wir müs­sen uns schon hin­set­zen, da­mit der Grö­ßen­un­ter­schied nicht so krass ist.

Per ist ein­fach zu groß. Mit mei­nen 1,80 Me­ter war ich mit Ex­per­ten wie Oli­ver Kahn oder Chris­toph Kra­mer auf Au­gen­hö­he – jetzt krie­ge ich ei­nen stei­fen Na­cken, weil ich im­mer so nach oben schau­en muss.

Wie war das ers­te ge­mein­sa­me Mal mit Per, Herr Brey­er?

Brey­er: Ich kann­te Per vor­her nicht und ha­be ihn am Tag der Sen­dung auch zum ers­ten Mal ge­trof­fen. Es war di­rekt to­tal an­ge­nehm. Per kam an das Set und war ge­fühlt so­fort ei­ner von uns. Er mach­te über­haupt nicht den Ein­druck, als kä­me dort der Welt­meis­ter und Su­per­star, das ha­ben al­le ge­sagt – auch die Leu­te hin­ter der Ka­me­ra. Und ich glau­be, das hat man auch wäh­rend der Sen­dung ge­merkt. Ich ha­be mich je­den­falls gleich wahn­sin­nig wohl­ge­fühlt. Per hat sehr gut ana­ly­siert und war – für mich fast et­was über­ra­schend – gleich beim ers­ten Mal re­la­tiv kri­tisch.

Mer­te­sacker: Es hat mir na­tür­lich ge­hol­fen, dass ich schon ei­ni­ge Er­fah­rung als Tv-ex­per­te hat­te. Den­noch war es noch mal was an­de­res: Geis­ter­spiel, ein neu­er Part­ner, ein neu­es Team – und dann mal wie­der bei der Na­tio­nal­mann­schaft da­bei zu sein. Ich ha­be mich ge­freut, die Jungs und auch Jo­gi Löw mal wie­der zu se­hen.

Wie war das Feed­back, auch in­tern?

Brey­er: Sehr po­si­tiv. Nach dem Spiel ste­hen wir im­mer bei ei­nem Bier zu­sam­men und ana­ly­sie­ren die Sen­dung, da wur­de er schon schwer ge­lobt. In den in­ter­nen Nach­be­spre­chun­gen am nächs­ten Tag ge­nau­so. Was ich per­sön­lich su­per fand: dass er auch im Vor­feld der Sen­dung schon Ide­en ein­ge­bracht und mit­ge­dacht hat. Das hilft uns als Team enorm.

Sie ha­ben es an­ge­spro­chen, Herr Brey­er: Mer­te­sacker war gleich sehr mei­nungs­stark und hat bei­spiels­wei­se den Flug der Na­tio­nal­elf von Stuttgart nach Ba­sel deut­lich kri­ti­siert.

Was wir sehr gut fan­den. Ich war auch neu­gie­rig, wie viel sich Per trau­en wür­de, ge­ra­de bei sei­nem ers­ten Ein­satz. Ob er erst mal auf Si­cher­heit spie­len wür­de, zu­mal es ja nicht ganz ein­fach ist, die al­ten Weg­ge­fähr­ten zu kri­ti­sie­ren. Er hat sich da­von aber of­fen­bar schnell frei ge­macht.

Wie weit darf man ge­hen und wie weit wol­len Sie ge­hen als Ex­per­te?

Man merkt die­sen in­ne­ren Kon­flikt vor al­lem an sich selbst. Ich ha­be zum Bei­spiel von „wir“ge­spro­chen. Aber ei­gent­lich müss­te ich ja sa­gen „der DFB“oder „die Na­tio­nal­mann­schaft“. Ich wür­de den­noch ei­gent­lich gern da­bei blei­ben, da ich das so emp­fin­de, da ich lan­ge Zeit Na­tio­nal­spie­ler war und den größt­mög­li­chen Er­folg mit die­ser Mann­schaft ge­fei­ert ha­be. Den­noch will ich na­tür­lich auch ein we­nig aus dem Näh­käst­chen plau­dern, ei­nen Ein­druck ver­mit­teln, was so hin­ter den Ku­lis­sen ab­läuft. Aber ich will mich da­bei aufs Sport­li­che fo­kus­sie­ren und wer­de si­cher nicht ir­gend­wel­che pri­va­ten Din­ge preis­ge­ben oder je­man­den per­sön­lich at­ta­ckie­ren.

Wer­den Sie Ih­re per­sön­li­chen Kon­tak­te auch aus­nut­zen?

Mer­te­sacker: Ei­nen di­rek­ten Kon­takt, um vor­her et­was her­aus­zu­fin­den, wird es nicht ge­ben. Aber beim Interview mit Löw hat­te ich zum Bei­spiel das Ge­fühl, dass er re­la­tiv of­fen war und fast schon ins Plau­dern kam. Da hilft es si­cher­lich, dass wir vie­le Jah­re als Spie­ler und Trai­ner zu­sam­men­ge­ar­bei­tet ha­ben.

Mir hat gut ge­fal­len, dass Per nicht um den hei­ßen Brei her­um­re­det. Wie bei der frag­wür­di­gen Rei­se­pla­nung des DFB. Oder beim Spiel ge­gen Spa­ni­en, als er kri­ti­sier­te, dass auf dem Platz zu we­nig ge­re­det wer­de. Ich frag­te ihn, von wel­chen Spie­lern da mehr kom­men müs­se. Manch an­de­rer Ex­per­te hät­te sich da viel­leicht un­gern fest­ge­legt, aber er nann­te so­fort Na­men: Kroos und Gün­do­gan. Ich glau­be, dass die Nä­he, die Per zu den Spie­lern noch hat, da so­gar ein Vor­teil sein kann, weil die Jungs genau wis­sen: Wenn Per mich kri­ti­siert, meint er es nicht per­sön­lich.

Sie ha­ben zu­letzt lan­ge mit Oli­ver Kahn ein Ex­per­ten­duo ge­bil­det und wa­ren sehr eng mit ihm, Herr Brey­er. Gibt es aus die­ser Zu­sam­men­ar­beit et­was, was Sie Per als Rat mit auf den Weg ge­ge­ben ha­ben?

Brey­er: Nein, die bei­den kann und soll­te man nicht ver­glei­chen. Je­der

Ex­per­te ist an­ders, und nie­mand soll­te ei­nen an­de­ren ko­pie­ren. Ich glau­be, dass es auch für Ol­li Kahn fa­tal ge­we­sen wä­re, wenn er am An­fang ver­sucht hät­te, Jür­gen Klopp zu ko­pie­ren. Das hät­te nur schief­ge­hen kön­nen. Per soll­te Per blei­ben. Und wir müs­sen uns als Duo auch erst mal ent­wi­ckeln. Es wä­re ge­nau­so zum Schei­tern ver­ur­teilt, wenn wir jetzt ver­su­chen wür­den, wie Del­ling und Net­zer zu sein. Und wenn schon, müss­test du Net­zer sein, Per. (lacht)

Ha­ben Sie denn vor, ei­ne ähn­li­che Rol­len­ver­tei­lung vor­zu­neh­men, al­so „good cop, bad cop“?

Mer­te­sacker: Wir ha­ben uns jetzt nicht zu­sam­men­ge­setzt und da ir­gend­wel­che Rol­len ver­teilt. Ich den­ke, das muss sich si­tua­tiv er­ge­ben. Jo­chen hat mir aber schon ge­zeigt, wann er mehr von mir will oder we­ni­ger, wann kür­ze­re oder wann län­ge Ant­wor­ten. Das ist ein Fin­dungs­pro­zess. Wir wol­len da­bei aber vor al­lem spon­tan blei­ben.

Glau­ben Sie, dass es auch mal knal­len wird?

Brey­er: Ich glau­be, es ge­hört schon da­zu, dass man sich ab und zu ein we­nig foppt. Del­ling und Net­zer ha­ben das ja über Jah­re per­fek­tio­niert. Es war ihr Mar­ken­zei­chen, sich ge­gen­sei­tig zu pie­sa­cken. So ein Duo lebt schon auch da­von, dass nicht im­mer Har­mo­nie herrscht – zu­min­dest in­halt­lich. Dass es mal un­ter­schied­li­che Mei­nun­gen und et­was Rei­bung gibt. Genau wie bei den Zu­schau­ern zu Hau­se auf dem So­fa: Da sind sich ja auch nicht im­mer al­le ei­nig, ob der Schi­ri beim Elf­me­ter rich­tig lag oder nicht.

Ne­ben dem Eis­ton­nen-interview gab es noch die le­gen­dä­re Sze­ne, als Sie ein Re­por­ter beim Län­der­spiel mit Mar­cell Jan­sen ver­wech­selt hat, Herr Mer­te­sacker. Ha­ben Sie Angst, dass Ih­nen so et­was jetzt auch pas­sie­ren könn­te?

Mer­te­sacker: Das war in der Tat ein High­light. Ich wuss­te da­mals gar nicht, wie ich re­agie­ren soll­te und ha­be ein­fach an mei­ner Trink­fla­sche ge­nu­ckelt. Selbst­ver­ständ­lich kann so et­was im­mer und auch mir pas­sie­ren. Dann muss man da­mit um­ge­hen, auch mit den Re­ak­tio­nen. Man be­kommt ja heut­zu­ta­ge in Se­kun­den­schnel­le Feed­back über die so­zia­len Me­di­en. Das kann mit­un­ter schon hef­tig sein.

Brey­er: Al­len kann man es eh nie recht ma­chen, das soll­te auch nicht das Ziel sein. Ir­gend­wer be­schwert sich im­mer – ob über die Kla­mot­ten des Ex­per­ten oder die Fri­sur des Mo­de­ra­tors. Da­mit müs­sen wir le­ben, das ist Teil un­se­res Jobs.

Herr Mer­te­sacker, als ak­ti­ver Spie­ler ha­ben Sie teil­wei­se Ex­per­ten ver­flucht, vor al­lem ehe­ma­li­ge Pro­fis, die ge­schlau­mei­ert ha­ben. Jetzt sind Sie selbst ei­ner.

Mer­te­sacker: Es ist schon so, dass man als Spie­ler oft sehr sen­si­bel auf sol­che Ex­per­ten­mei­nun­gen re­agiert und sich fürch­ter­lich auf­regt. Aber das mo­ti­viert auch ein biss­chen. So wie vor der WM 2006, als öf­fent­lich ei­ne to­ta­le Ne­ga­ti­vi­tät herrsch­te. Als wir dann ge­gen Po­len wei­ter­ge­kom­men wa­ren, hat sich rich­tig was ent­la­den, auch bei mir. Da hat man ei­nen ge­wis­sen Trotz ent­wi­ckelt, der ei­nem auch was ge­ge­ben hat. Wahr­schein­lich hät­te ich da­mals aber ge­sagt, dass ich nie­mals Ex­per­te wer­den möch­te und so tue, als hät­te ich selbst nie ein schlech­tes Spiel ge­macht. Das ist ei­ne Auf­ga­be für mich, jetzt nicht so rü­ber­zu­kom­men, wie ich es als Spie­ler emp­fun­den ha­be, dass man­cher Ex­per­te rü­ber­kam. Ich ver­su­che, mich eher an Leu­ten zu ori­en­tie­ren, die es rich­tig klas­se ge­macht ha­ben, wie zum Bei­spiel Mat­thi­as Sam­mer.

Es ist schon so, dass man als Spie­ler oft sehr sen­si­bel auf sol­che Ex­per­ten­mei­nun­gen re­agiert und sich fürch­ter­lich auf­regt.

Per Mer­te­sacker, Ex-na­tio­nal­spie­ler und Tv-ex­per­te

Ei­ner Ih­rer Vor­gän­ger, Meh­met Scholl, sag­te 2012 bei der EM, Ma­rio Go­mez ha­be sich „wund­ge­le­gen“. Ist das in Ord­nung oder ei­ner zu viel?

Mer­te­sacker: Für mich gin­ge es nicht, hät­te auch nicht mei­nem Wort­schatz ent­spro­chen. Aber Meh­met Scholl ist ein an­de­rer Typ, der sei­nen ei­ge­nen Weg geht. Ich hät­te das nicht ge­sagt, weil ich

glau­be, dass es Ma­rio Go­mez schon als per­sön­li­chen An­griff wahr­ge­nom­men hat, und das wür­de ich nicht wol­len.

In En­g­land ge­hen die vie­len pro­mi­nen­ten Tv-ex­per­ten noch deut­lich här­ter zur Sa­che. Neh­men Sie da­von auch was mit?

Mer­te­sacker: En­g­land ist da wirk­lich noch mal ei­ne ganz an­de­re Haus­num­mer. Die neh­men kein Blatt vor den Mund – Leu­te wie Roy Kea­ne, Ja­mie Car­rag­her, Ga­ry Ne­vil­le, die gna­den­los auf­de­cken und sich nicht vor Mei­nungs­ma­che scheu­en und da­vor, zu po­la­ri­sie­ren. In der Rol­le se­he ich mich ehr­li­cher­wei­se nicht. Auch die Jour­na­lis­ten müs­sen durch den ex­trem li­mi­tier­ten Zu­gang zu den Klubs und den Spie­lern na­tür­lich viel mehr Ge­rüch­te streu­en, mehr im Pri­vat­le­ben rum­schnüf­feln. Und die Ex­per­ten sind in ei­ner Rol­le, in der sie mit Ver­trä­gen aus­ge­stat­tet wer­den, bei de­nen es ei­nem so vor­kommt, als stün­den Klau­seln da­rin, wo­nach sie hier und da ei­nen raus­hau­en müs­sen.

Mist! Das ha­ben wir ver­ges­sen, in dei­nen Ver­trag zu schrei­ben, Per.

Beim ZDF wünscht man sich manch­mal tat­säch­lich ein we­nig mehr Frech­heit und Schär­fe. Se­hen Sie das auch so, Herr Brey­er?

Ag­gres­siv soll­te es auf kei­nen Fall wer­den, aber Rei­bung scha­det nicht. So­lan­ge es mensch­lich re­spekt­voll bleibt, ist es doch für den Zu­schau­er toll, wenn es auch mal knallt. Wir ha­ben über Pers Eis­ton­nen-interview ge­spro­chen – da gab es in Deutsch­land zwei Ta­ge kein an­de­res The­ma. Ich ha­be die­se Er­fah­rung mit Jür­gen

Klopp ge­macht. Da­mals woll­te ich als jun­ger Jour­na­list am liebs­ten im Bo­den ver­sin­ken. Aber selbst jetzt kom­men noch Leu­te auf mich zu und sa­gen: „Das war ein groß­ar­ti­ger Mo­ment, dar­an er­in­ne­re ich mich heu­te noch.“Letzt­lich geht’s ja auch um En­ter­tain­ment. Und Nul­lacht­fünf­zehn-in­ter­views gibt’s doch ge­nug. Ich fin­de, wir kön­nen im deut­schen Sport­fern­se­hen ru­hig noch mehr kon­tro­ver­se Dis­kus­sio­nen ge­brau­chen. Wenn Roy Kea­ne sagt, Li­ver­pool ha­be schlam­pig ge­spielt, und Klopp fragt, ob er ein an­de­res Spiel ge­se­hen ha­be, kommt da­bei doch nie­mand zu Scha­den. Wir soll­ten nicht im­mer al­les rund­lut­schen, son­dern ein we­nig mehr Ecken und Kan­ten zu­las­sen.

Wür­den Sie sich das auch von der heu­ti­gen Spiel­er­ge­ne­ra­ti­on wün­schen, Herr Mer­te­sacker?

Mer­te­sacker: Als Spie­ler ver­sucht man na­tür­lich schon, sol­chen Si­tua­tio­nen aus dem Weg zu ge­hen. Weil man weiß, dass es dann auch im Nach­gang ein The­ma bleibt. Und nach ei­nem Spiel, in dem man al­les raus­ge­hau­en hat, möch­te man ei­gent­lich nur re­ge­ne­rie­ren und sei­ne Ru­he ha­ben. Aber manch­mal kann man es ein­fach auch nicht mehr ka­na­li­sie­ren, wie ich 2014 nach dem Al­ge­ri­en-spiel. Da bricht es aus ei­nem her­aus.

Brey­er: Aber das ist doch au­then­tisch und da­her gut! Ich ver­ste­he je­den Spie­ler – ge­ra­de im Zeit­al­ter von So­ci­al Me­dia –, der ei­nen Shits­torm ver­mei­den will, aber den­noch fin­de ich es scha­de. In­ter­views wie die von Per blei­ben in Er­in­ne­rung, weil ech­te Emo­tio­nen im Spiel wa­ren.

Mer­te­sacker: Es wird wahr­schein­lich trotz­dem da­bei blei­ben, dass acht von zehn Ant­wor­ten weich­ge­spült sind.

Ist das auch ein Grund, war­um sich ei­ni­ge Fans vom Fuß­ball ab­wen­den? Zu­letzt sind die Ein­schalt­quo­ten spür­bar ge­sun­ken. Ha­ben Sie auch den Ein­druck, dass das In­ter­es­se ak­tu­ell deut­lich zu­rück­geht?

Brey­er: Wir sind uns ja al­le ei­nig, dass der Fuß­ball als Ge­samt­er­leb­nis ge­ra­de sehr un­ter den Geis­ter­spie­len lei­det und da­durch we­ni­ger at­trak­tiv ist. Da­für, dass sich die Spie­le aber wie Be­triebs­sport­fes­te an­hö­ren, schau­en im­mer noch sehr, sehr vie­le zu, fin­de ich. Ich bin mir nicht si­cher, ob der Fuß­ball wirk­lich nach­hal­tig Fans ver­liert. Wenn die Kri­se noch über ein, zwei Jah­re an­hal­ten soll­te, kann ich mir aber schon vor­stel­len, dass sich ei­ni­ge Men­schen ent­wöh­nen.

Mer­te­sacker: Auch in En­g­land wur­de ja schon oft the­ma­ti­siert, dass sich der Fuß­ball im­mer wei­ter von der Ba­sis ent­fernt, un­ter an­de­rem durch die Sum­men, die un­ter­wegs sind. Dass man nun et­was se­riö­ser haus­hal­ten muss, tut dem Fuß­ball eher gut. Aber man merkt ak­tu­ell enorm, wie sehr man von die­sem Mit­ein­an­der und den Fans lebt und dar­auf an­ge­wie­sen ist. Wie groß das In­ter­es­se und wie ge­ra­de die Stim­mung ist, hängt mei­ner Mei­nung nach üb­ri­gens auch im­mer ex­trem vom sport­li­chen Er­folg der Na­tio­nal­mann­schaft ab.

Brey­er: Was die Re­form­be­reit­schaft an­geht, bin ich et­was skep­ti­scher. Ich wür­de mir wün­schen, dass sich der Fuß­ball wie­der der Ba­sis an­nä­hert, ge­wis­se Ex­zes­se ver­hin­dert, aber mir fehlt der Glau­be, dass es tat­säch­lich pas­siert. Es gibt ja schon heu­te In­stru­men­te wie das Fi­nan­ci­al Fair­play, doch die Klubs ver­sto­ßen rei­hen­wei­se da­ge­gen und kom­men trotz­dem da­mit durch. Ich fürch­te: Selbst wenn die Ver­bän­de Re­for­men an­sto­ßen wol­len, gibt es im­mer ge­wis­se Klubs oder ge­wis­se Li­gen, die sich da­ge­gen sper­ren wer­den.

Auch beim Deut­schen Fuß­ball-bund wur­de in den ver­gan­ge­nen Jah­ren viel Kre­dit ver­spielt. Ha­ben Sie auch den Ein­druck, dass das In­ter­es­se an der Na­tio­nal­elf ex­trem nach­ge­las­sen hat?

Mer­te­sacker: Durch die jah­re­lan­gen sport­li­chen Er­fol­ge seit 2006 bis 2016 war im­mer ein po­si­ti­ver Vi­be da, das hat sehr ge­hol­fen. Nun steht man nach der ver­patz­ten WM und dem Um­bruch ex­trem un­ter Druck und wird bei al­len Ent­schei­dun­gen kri­tisch be­äugt. Man muss erst wie­der da­hin kom­men, ei­ne Be­geis­te­rung und Un­ter­stüt­zung zu ent­fa­chen – und das geht nur über Er­fol­ge auf dem Platz und ei­ne Mann­schaft, die Spaß macht und ver­mit­telt. Da kannst du re­den und ma­chen, so viel du willst. Das ist nun mal so. Und Din­ge wie der un­nö­ti­ge Flug nach Ba­sel oder jetzt der Ver­dacht der Steu­er­hin­ter­zie­hung hel­fen na­tür­lich nicht da­bei, das Image des DFB zu ver­bes­sern. In ei­ner Pha­se, in der es sport­lich auch nicht so rund­läuft, ist es dann dop­pelt schwer, ei­ne po­si­ti­ve Stim­mung zu ent­fa­chen. Dann ist das Image ein­fach ka­putt. Sich wie­der mit dem DFB zu iden­ti­fi­zie­ren muss jetzt der nächs­te Schritt sein.

Sind die han­deln­den Per­so­nen die rich­ti­gen, um dies zu schaf­fen?

Mer­te­sacker: Ja, das glau­be ich. Ich war lan­ge ge­nug da­bei, um zu wis­sen, dass so­wohl Joa­chim Löw als auch Oli­ver Bier­hoff die Bes­ten sind, um den Neu­an­fang hin­zu­be­kom­men, mit ei­nem kla­ren Kon­zept. Ich fin­de, die­se Chan­ce ha­ben die bei­den ver­dient. Ich ha­be sie selbst er­lebt und ge­se­hen, wel­ches Top­ni­veau sie ha­ben. Des­halb ist mein Ap­pell, ih­nen zu ver­trau­en.

Interview: Hei­ko Os­ten­dorp

Ich wür­de mir wün­schen, dass sich der Fuß­ball wie­der der Ba­sis an­nä­hert, ge­wis­se Ex­zes­se ver­hin­dert, aber mir fehlt der Glau­be, dass es tat­säch­lich pas­siert.

Jo­chen Brey­er, Sport­re­por­ter

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FO­TO: TEAM2/IMA­GO IMAGES Acht Jah­re ge­mein­sam auf Sen­dung: Oli­ver Kahn war von 2012 bis 2020 der Ex­per­te an Brey­ers Sei­te beim ZDF.
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FO­TO: SVEN SI­MON/IMA­GO IMAGES Der größ­te Er­folg sei­ner Pro­fi­kar­rie­re: Per Mer­te­sacker mit dem Wm-po­kal 2014 in Rio de Janei­ro.

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