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Die Na­tur er­zählt uns was

Vo­gel­be­ob­ach­tung, Wan­dern und Ge­nie­ßen: An der Meck­len­bur­gi­schen Se­en­plat­te ist der Herbst da­für die idea­le Jah­res­zeit

- Von Hans-mar­tin Koch www.rei­se­re­por­ter.de Animals · Wildlife · Germany · A.C. Milan · Schloss Groß-Siegharts · Bunker Roy · Plau am See · Wolfgang Tillmans

Grus Grus kommt.“Was, wer, wie bit­te? „Grus Grus, das ist das Wort für Kra­nich“, sagt der Mann mit Tarn­fleck­wes­te und ver­rückt das Sta­tiv sei­ner Ka­me­ra. Erst ist nur ein Trom­pe­ten, ein Schrei­en zu hö­ren. Nie­mand spricht mehr in der Hüt­te, die auf Stel­zen am Re­der­ang­see im Mü­rit­zna­tio­nal­park steht. An­däch­ti­ge Stil­le herrscht. Der See öff­net sich dem Blick wie ein Breit­wand­ki­no.

Es ist Br­unft­zeit. Eben noch hat der Wind das Röh­ren der Hir­sche über den See ge­weht. Jetzt aber naht Grus Grus, der Kra­nich. Erst krei­sen 20 über dem See, bald zieht ein Zug von 200 Vö­geln vor­über, mal sind es mehr, mal we­ni­ger. Die Son­ne ver­schwin­det lang­sam am Ho­ri­zont, die Kra­ni­che su­chen sich Schlaf­plät­ze.

Herbst an der Meck­len­bur­gi­schen Se­en­plat­te ist ide­al für Wan­der­ur­laub, Na­tur­be­ob­ach­tung, Ak­ti­vi­tät und Ge­nuss. 3000 Kra­ni­che sind an die­sem Abend bis zur Dun­kel­heit über den See ge­zo­gen, schätzt Ran­ger Uwe Lem­ke. Nur zehn, zwölf sind am sump­fi­gen Ufer ge­lan­det, schla­fen dort im Ste­hen. „Das sind sehr we­nig heu­te“, sagt Lem­ke auf dem Rück­weg nach Fe­de­row, dem nörd­li­chen Ein­gangs­tor zum Na­tio­nal­park.

Lem­ke trägt seit 2003 den Ran­ger­hut mit der Fe­der des Ei­chel­hä­hers. „Viel­leicht ha­ben sie den See­ad­ler am Ufer ge­se­hen und sind des­we­gen wei­ter­ge­zo­gen“, mut­maßt er und er­zählt vom Som­mer, der kein gu­ter war für den Kra­nich – zu tro­cken. Rund 80 Brut­paa­re hat­ten sie im Na­tio­nal­park, nur ein Vier­tel brü­te­te.

Die Mü­ritz ist der größ­te See, der voll­stän­dig zu Deutsch­land zählt. Der Mü­ritz-na­tio­nal­park ist Deutsch­lands größ­ter Na­tio­nal­park. Ste­phan Kin­ke­le in­ter­es­sie­ren sol­che Su­per­la­ti­ve nicht. Er kennt rund um die Mü­ritz je­de Pflan­ze, je­den Baum, je­den Vo­gel, die gan­ze Ge­schich­te und je­de An­ek­do­te. Lan­ge hat er auf Ky­thi­ra ge­lebt, ei­ner klei­nen grie­chi­schen In­sel. Seit zwölf Jah­ren lebt er im hü­ge­li­gen, grü­nen und wind­durch­zo­ge­nen Meck­len­burg, das er liebt. An­ge­kom­men sei er, sagt der 63-jäh­ri­ge Eth­no­lo­ge, Au­tor und Rei­se­füh­rer.

Kin­ke­le will nicht nur von sei­ner Wahl­hei­mat er­zäh­len, er rät auch zum „acht­sa­men Wan­dern“, zum stil­len Hin­schau­en, zum be­wuss­ten Wahr­neh­men. „Die Na­tur er­zählt uns et­was“, sagt er beim Gang vom Zu­cker­dorf Dah­men, des­sen Zu­cker­fa­brik längst ge­schlos­sen ist, zum Mal­chiner See, auf dem im Herbst

Hier­her kom­men Men­schen, die ab­seits von Se­en­plat­te und Küs­te et­was er­le­ben wol­len.

Ralf Koch, Lei­ter des Na­tur­parks Nos­sen­ti­ner/ Schwin­zer Hei­de

Tau­sen­de Grau-, Bläss- und Saat­gän­se ras­ten, be­äugt vom See­ad­ler, der hier wie am ge­deck­ten Tisch sitzt. Ein Mi­lan kreist, ein Storch stakst über ei­ne Wie­se. Kin­ke­le zer­brö­selt ei­ne Wildhop­fen­dol­de. Was für ein aro­ma­ti­scher Duft!

Kein Trom­pe­ten, kein Schnat­tern, höchs­tens mal ein bol­lern­der Tre­cker stört die Stil­le we­ni­ge Ki­lo­me­ter wei­ter im Na­tur­park Nos­sen­ti­ner/ Schwin­zer Hei­de im Wes­ten der Se­en­plat­te – dem schöns­ten Na­tur­park Meck­len­burgs. „Hier­her kom­men Men­schen, die ab­seits von Se­en­plat­te und Küs­te et­was er­le­ben wol­len“, sagt Ralf Koch.

Das muss er sa­gen, der 56-jäh­ri­ge Mann mit Voll­bart und ro­ter Strick­müt­ze ist Lei­ter des Na­tur­parks und führt zu Tie­ren, de­ren Kom­mu­ni­ka­ti­on Men­schen nicht hö­ren. Koch ist Spe­zia­list für Fle­der­mäu­se.

Auf ei­nem frü­he­ren Mi­li­tär­ge­län­de ha­ben sie ei­nen at­trak­ti­ven Lehr­pfad rund um die Fle­der­maus an­ge­legt. 17 Ar­ten gibt es in Deutsch­land, elf da­von ja­gen in der Nos­sen­ti­ner Hei­de Mü­cken und Co. In auf­ge­las­se­nen Bun­kern und in schwar­zen und wei­ßen Käs­ten an den Kie­fern fin­den die Fle­der­mäu­se idea­le Schutz- und Schlaf­räu­me. Mit­mach­sta­tio­nen und der Gang in meh­re­re der Bun­ker we­cken Sym­pa­thie für die klei­nen Säu­ge­tie­re – und für ih­ren Schutz.

Ralf Koch wirkt wie je­mand, der sich ei­nen Traum er­füllt hat. Meck­len­burg bie­tet da­für viel Platz.

Bernd Kleist im 65-Ein­woh­ner­ort Ges­sin zählt auch zu die­ser Spe­zi­es. Der Mann hat sei­ne Le­bens­auf­ga­be ge­fun­den: „Wir zei­gen, dass sich ei­ne Re­gi­on weit­ge­hend selbst er­näh­ren kann.“Kleist hat „in the midd­le of now­he­re“ei­nen Bio-la­den samt Ca­fé auf­ge­macht, der wei­test­ge­hend Pro­duk­te der Re­gi­on an­bie­tet. „Re­gi­on, das sind im Qu­er­schnitt in et­wa 50 Ki­lo­me­ter“, sagt er. Hier ha­ben sie ei­ne Ge­nos­sen­schaft ge­grün­det, zu der rund 80 Pro­du­zen­ten ge­hö­ren. Per App wird die Ver­mark­tung be­darfs­ge­recht ge­steu­ert. Ge­lie­fert wird mit zwei E-trans­por­tern.

Ei­ne Be­grü­ßungs­kis­te mit ty­pisch Meck­len­bur­gi­schem von Brot bis Bier lie­fern sie Ur­lau­bern in Ap­part­ments und Fe­ri­en­häu­sern.

Es lohnt sich, die Ge­schmä­cker Meck­len­burg-vor­pom­merns ken­nen­zu­ler­nen. In Zeis­lers Ess­zim­mer in Plau am See wis­sen sie, wie man Steck­rü­ben­sup­pe zum Ge­nuss er­hebt, und sie be­rei­ten den Ta­ges­fang des Mü­ritz­fi­schers zu.

Noch bes­ser: selbst ko­chen. Mit zei­ti­ger An­mel­dung lässt sich ein Platz beim Koch­kurs in Jana Schä­fers Kräu­ter-er­leb­nis­haus er­gat­tern. Die 50-Jäh­ri­ge kommt aus Lu­plow, ei­nem der schöns­ten Dör­fer der Se­en­plat­te. 160 Kräu­ter, nicht al­le aus hei­mi­schem Gar­ten, ver­wen­det sie in ih­rem Ei­ne-frau-un­ter­neh­men. Sie schwärmt beim Kräu­ter­ko­chen von Schot­ti­schem Lieb­stö­ckel statt Pe­ter­si­lie und vom chi­ne­si­schen Ge­mü­se­baum.

Was tun, wenn es nass ist in Meck­len­burg mit Land­re­gen, grau­em Him­mel und Ne­bel­luft? Auch für Na­tur­su­cher gibt es ein Schlecht­wet­ter­pro­gramm: Das Mü­rit­ze­um in Wa­ren in­sze­niert Wald und Se­en, Fisch- und Vo­gel­welt auf sinn­li­che und sin­ni­ge Wei­se. Bei Re­gen aber wird es voll im Haus der 1000 Se­en, ide­al eig­net sich der Be­such zum Ein­stieg in die Re­gi­on.

Bei Schiet­wet­ter gibt es trotz­dem viel zu se­hen und zu ent­de­cken, und da­für lohnt ein Weg zur Kunst – ins Schloss Kum­me­row. In die ba­ro­cke An­la­ge des Her­ren­hau­ses soll­te ein Ho­tel ein­zie­hen. Die Plä­ne platz­ten. Der mitt­ler­wei­le ver­stor­be­ne Ber­li­ner Un­ter­neh­mer Tors­ten Ku­nert kauf­te das Schloss am See und re­stau­rier­te be­hut­sam das Haupt­haus. Heu­te ist – von April bis Ok­to­ber – auf 3500 Qua­drat­me­tern ei­ne der bes­ten deut­schen Samm­lun­gen zeit­ge­nös­si­scher Fo­to­gra­fie zu se­hen. Stars von Andre­as Gurs­ky über Wolf­gang Till­mans bis Can­di­da Hö­fer sind mit groß­for­ma­ti­gen Wer­ken ver­tre­ten. Meck­len­burg über­rascht.

Mehr über Se­hens­wer­tes in Meck­len­burg-vor­pom­mern auf

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FO­TOS: HANS-MAR­TIN KOCH (3), UWE ENG­LER; GRA­FIK: OPENSTREET­MAP-MITWIRKEND­E Breit­wand­ki­no am Re­der­ang­see: Kommt die Däm­me­rung, be­ginnt das War­ten auf die Kra­ni­che, die ih­re Schlaf­plät­ze auf­su­chen (run­des Bild). Aus der Hüt­te am Ufer hat man den bes­ten Blick (1). Bernd Kleist zeigt im 65-Ein­woh­ner-dorf Ges­sin, wie sich ei­ne Re­gi­on auf ei­ge­ne Pro­duk­te be­sin­nen kann (2). Die Kräu­ter­päd­ago­gin Jana Schä­fer nutzt bei den Kur­sen in ih­rer Kü­che ei­ne Aus­wahl aus 160 Kräu­tern (3).
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