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„Da kon­trol­lie­re ich nichts mehr“

Die Stim­me am Te­le­fon klingt warm, auch ein we­nig rau­chig. Ni­na Hoss muss man nicht drän­gen, da­mit sie über die Lie­be, das Le­ben und das Ster­ben spricht. In ih­rem Be­ruf als Schau­spie­le­rin ge­hö­ren solch gro­ße The­men da­zu, sagt sie. Ste­fan Stosch hat sich m

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Schau­spie­le­rin Ni­na Hoss re­det im Interview über die Lie­be, den Ver­rat, das Le­ben und das Ster­ben.

Kann der Tod ei­ne Be­frei­ung sein?

Frau Hoss, Sie sind auf un­ge­wöhn­li­che Wei­se ans Kino­dra­ma „Schwes­ter­lein“ge­ra­ten: Die bei­den Fil­me­ma­che­rin­nen ha­ben Sie zu­fäl­lig in Berlin ge­trof­fen und an­ge­spro­chen. Pas­siert Ih­nen so et­was häu­fi­ger?

Nee, das wä­re glatt ge­lo­gen. An­ge­spro­chen wird man schon mal, wenn Leu­te ei­ne Idee ha­ben und ei­nen in der Öf­fent­lich­keit er­spä­hen. In die­sem Fall kam die An­fra­ge aber so leicht­fü­ßig und ernst­haft zu­gleich da­her, dass ich nicht ab­blo­cken moch­te. Dann hat mich die Neu­gier ge­packt, und ich ha­be mir ge­dacht: Na gut, ge­hen wir mal ei­nen Kaf­fee trin­ken.

Der Kaf­fee war of­fen­bar gut.

Die Schwei­zer Re­gis­seu­rin­nen Sté­pha­nie Chuat und Ve­ro­ni­que Rey­mond ha­ben un­glaub­lich dring­lich von ih­rer Ge­schich­te über den ster­ben­den Schau­spie­ler Sven und des­sen Zwil­lings­schwes­ter Li­sa ge­re­det. Da woll­te ich da­bei sein – auch wenn es dann noch ein paar Jah­re ge­dau­ert hat, bis wir end­lich dre­hen konn­ten. Aber das lag zu­erst an der Fi­nan­zie­rung. Bei ei­nem so per­sön­li­chen Film ist das Geld oft die größ­te Hür­de.

Ist Neu­gier ei­ne es­sen­zi­el­le An­triebs­kraft für Schau­spie­ler?

Oh­ne Neu­gier ist man falsch in die­sem Me­tier. Man muss neu­gie­rig sein auf den an­de­ren – auf an­de­re Schick­sa­le, Ver­hal­tens­mus­ter, Prä­gun­gen. Man muss so­zu­sa­gen wis­sen wol­len, was das Le­ben ei­nem ent­ge­gen­schleu­dert. Schließ­lich ver­senkt sich ein Schau­spie­ler per­ma­nent in an­de­re Bio­gra­fi­en und in­ter­pre­tiert sie. Zu­dem kann ein Film nur in der Zu­sam­men­ar­beit mit an­de­ren ent­ste­hen: Wenn ich al­so Angst vor Men­schen hät­te, könn­te ich die­sen Be­ruf über­haupt nicht aus­üben.

Bringt ein Film ei­nen da­zu, sich in­ten­si­ver mit gro­ßen The­men wie Le­ben, Lie­be und Tod aus­ein­an­der­zu­set­zen?

Die Kunst ist da­zu da, um wich­ti­ge Fra­gen zu stel­len: Wo­her rüh­ren Lie­be und Ver­trau­en, wie­so kommt es zum Ver­rat, zu Ra­che­ge­füh­len, und was be­deu­tet Ver­lust zum Bei­spiel? Die Schau­spie­le­rin oder der Schau­spie­ler muss ver­su­chen, zum Kern des Gan­zen vor­zu­drin­gen. Da­rin liegt für mich die Fas­zi­na­ti­on mei­ner Ar­beit.

Ih­re fran­zö­si­sche Kol­le­gin Isa­bel­le Hup­pert hat mal ge­sagt, dass das, was sie spielt, in eben je­nem Mo­ment wahr ist. Emp­fin­den Sie das ge­nau­so?

Voll und ganz. Es ge­lingt mir nicht im­mer, aber ich bin zu­min­dest auf der Su­che nach die­ser Wahr­heit. In der Vor­be­rei­tung auf ei­ne Rol­le muss ich so vie­le Din­ge für mich ab­klä­ren und ab­wä­gen, dass ich in dem Au­gen­blick, in dem die Ka­me­ra dann schließ­lich läuft, of­fen und durch­läs­sig bin. Da kon­trol­lie­re ich nichts mehr, ma­ni­pu­lie­re nichts, ver­bie­ge auch nichts. Der Mo­ment ist wahr. Ich er­le­be ge­wis­ser­ma­ßen mit der Fi­gur, was ihr pas­siert – auch wenn ich na­tür­lich trotz­dem ich selbst blei­be.

Kommt Ih­nen ein be­drän­gen­der Film wie „Schwes­ter­lein“ge­le­gent­lich nä­her, als Ih­nen lieb ist?

Ja, das kann man gar nicht ver­hin­dern. Ich er­in­ne­re mich an die Sze­ne, in der der leuk­ämie­kran­ke Sven – ge­spielt von Lars Ei­din­ger – im Kran­ken­haus liegt, und es sieht so aus, als wür­de er ster­ben. Wir ha­ben un­ge­fähr ei­nen Tag ge­braucht, um die­se Sze­ne zu dre­hen. Über der Ar­beit lag so ei­ne hef­ti­ge An­span­nung, dass nach je­dem Ta­ke ein re­gel­rech­ter Er­leich­te­rungs­seuf­zer durchs Team schwapp­te.

Ist das ge­sund für die Psy­che?

Am Abend nach so ei­ner in­ten­si­ven Sze­ne füh­le ich mich nicht trau­ma­ti­siert, eher leer. Und ein Glücks­ge­fühl ist selt­sa­mer­wei­se auch zu ver­spü­ren: Wir ha­ben die­sen ei­nen wah­ren Mo­ment er­wischt – wie groß­ar­tig, dass der jetzt dem Film zur Ver­fü­gung steht. Bit­te nicht falsch ver­ste­hen: Es geht nicht dar­um, Schmerz oder ei­ne be­son­de­re Trau­rig­keit oder so et­was zu ge­nie­ßen – das wä­re ja an­ma­ßend. Sol­che Mo­men­te kos­ten dich was. Man schreckt als Schau­spie­ler nur nicht da­vor zu­rück.

Wis­sen Sie denn im­mer, ob Sie die­sen wah­ren Mo­ment er­wischt ha­ben?

Tja, nicht im­mer, aber oft ge­nug schon. Die Fra­ge ist nur, ob sich die­ser Au­gen­blick im ge­schnit­te­nen

Film auch auf den Zu­schau­er über­trägt. Des­sen kann man sich nie wirk­lich si­cher sein. Nur mal ein Bei­spiel: Wenn je­mand weint, ist das nicht un­be­dingt der Mo­ment, der das größ­te Mit­ge­fühl auslöst. Viel­leicht ist ja auch die Sze­ne viel in­ten­si­ver, in der je­mand ge­gen das Wei­nen an­kämpft oder sich hin­ter­her die Trä­nen aus den Au­gen wischt.

Wä­re der Film ein an­de­rer ge­wor­den, wenn Sie nicht auf Lars Ei­din­ger ge­trof­fen wä­ren?

Auf je­den Fall. Lars und mir hat ge­hol­fen, dass wir uns so gut ken­nen. Wir ha­ben zu­sam­men in ei­nem Jahr­gang an der Ber­li­ner Ernst­busch-schu­le stu­diert. In der Stu­di­en­zeit lo­dert es in ei­nem, man ist ge­nau­so emp­fäng­lich wie ver­wund­bar. Man sucht nach sich selbst und soll sich gleich­zei­tig in tau­send an­de­re ver­wan­deln. Die­se ver­wir­ren­de Zeit trägt man den Rest des Le­bens mit sich.

Wie half Ih­nen das bei „Schwes­ter­lein“?

Ich wuss­te genau: Lars holt aus je­der Sze­ne her­aus, was mög­lich ist. Er hat kei­ne Angst, sich fal­len zu las­sen. Je­der Mor­gen bei den Dreh­ar­bei­ten war ei­ne Freu­de, denn da­rin steck­te die Ge­wiss­heit: Wir wer­den vor der Ka­me­ra schon et­was Be­son­de­res fin­den. Lars gibt in je­der Sze­ne al­les, auch wenn er gar nicht im Bild zu se­hen ist – und das ist be­son­ders wich­tig für das Ge­gen­über.

Lars Ei­din­ger spielt in Ih­rem Film ei­nen Schau­büh­nen-star, des­sen Pa­ra­de­rol­le „Ham­let“ist – was auch auf Lars Ei­din­ger im wirk­li­chen Le­ben zu­trifft: Wie viel Ei­din­ger steckt denn in Sven?

Ach, ich weiß nicht. Klar hat Lars den „Ham­let“schon ei­ni­ge Hun­dert Mal ge­spielt und kennt die Rol­le in­und aus­wen­dig. Aber in die­sem Film spielt er ei­nen krebs­kran­ken Schau­spie­ler, der den Text spricht. Schon un­ter die­ser Be­din­gung ist es nicht mehr Lars. Das ver­än­dert al­les. Viel­leicht ver­schwimmt in dem Film et­was, aber das soll­te man kei­nes­falls zu hoch hän­gen.

Den fik­ti­ven Schau­büh­nen-in­ten­dan­ten Da­vid im Film spielt der ech­te Schau­büh­nen-in­ten­dant Tho­mas Os­ter­mei­er. War das noch aus­ein­an­der­zu­hal­ten?

Wir ha­ben uns über die­se Si­tua­ti­on mit viel Spaß aus­ge­tauscht. In kei­nem Mo­ment aber hat­te ich das Ge­fühl, mit dem Re­gis­seur Os­ter­mei­er vor der Ka­me­ra zu ste­hen, mit dem ich schon so vie­le Stü­cke er­ar­bei­tet ha­be. Tho­mas hät­te es auch nie in Er­wä­gung ge­zo­gen, ei­nen Schwer­kran­ken auf die Büh­ne zu stel­len, so wie es sei­ne Film­fi­gur zu­nächst plant.

Nach al­lem, was Sie ge­sagt ha­ben: Wie schwer ist es, sich dem Tod im Ki­no oder auf der Büh­ne zu stel­len?

Mo­ment, für mich ist dies nicht bloß ein Film übers Ster­ben, das ist kein üb­li­ches Krebsster­be­dra­ma. Es geht dar­um, sich auf ei­nen ge­mein­sa­men letz­ten Weg zu be­ge­ben. Die Schwes­ter und der Bru­der ge­hen durch so vie­le Pha­sen, zum Bei­spiel durch die der Leug­nung und der Re­bel­li­on. Erst da­nach kommt der Mo­ment der Ak­zep­tanz. Und die­ser Au­gen­blick kann in dem, der den Tod des an­de­ren be­glei­tet, Un­glaub­li­ches aus­lö­sen. Die, die zu­rück­blei­ben, neh­men das Le­ben wo­mög­lich noch mal ganz an­ders wahr und dann auch in An­griff. Es kann sein, dass sie ei­ne merk­wür­di­ge Kraft spü­ren, weil sie se­hen, wie kurz und zer­brech­lich, wie zart und kost­bar das Le­ben ist.

Pas­siert das Ih­rer Film­fi­gur Li­sa?

Die Thea­ter­au­to­rin Li­sa ent­deckt ih­re Pas­si­on des Schrei­bens wie­der, die sie lan­ge ver­nach­läs­sigt hat. Bis da­hin hat sie sich im­mer da­mit ge­trös­tet, dass das Schrei­ben schon von al­lein zu­rück­keh­ren wird. Tat­säch­lich hat sie je­den Tag aufs Neue igno­riert, was sie aus­macht: Li­sa küm­mer­te sich um Ehe­mann und Kin­der und auch um ih­ren tod­kran­ken Bru­der. Im An­ge­sicht des To­des aber er­kennt sie: Wenn sie den Mo­ment der Ve­rän­de­rung im­mer wei­ter auf­schiebt, wird sich nie et­was tun. Sie muss han­deln, und das hat Sven in ihr aus­ge­löst.

Kann aus dem Tod ei­ne Be­frei­ung er­wach­sen?

Mit Blick auf den Tod mei­ner El­tern ha­be ich mal ge­sagt: Der al­ler­letz­te Atem­zug hat et­was Leich­tes. Mei­ne Mut­ter ha­be ich lan­ge ge­pflegt, sie war schwer krank. Ich bin den Weg mit ihr zu En­de ge­gan­gen. Da­durch, dass ich da­vor nicht zu­rück­ge­scheut bin, ha­be ich be­grif­fen, dass es nicht schlimm ist, wo wir hin­ge­hen – wo­hin auch im­mer das nun sein mag, wer weiß das schon. Der letz­te Mo­ment war wie ein Lä­cheln. Aber du kannst die­sen Mo­ment nur in die­ser Wei­se er­le­ben, wenn du den Weg da­hin mit al­len Aufs und Abs ge­gan­gen bist. Am En­de die­ser Rei­se ist der Tod nicht mehr der gro­ße Hor­ror. Man kann sich ge­gen­sei­tig los­las­sen. Wie heißt es so schön: Ge­he in Frie­den.

Ein Le­ben oh­ne Ki­no und Büh­ne, so wie es den Schau­spie­ler Sven im Film trifft: Könn­ten Sie sich das vor­stel­len?

Na ja, in den zu­rück­lie­gen­den Co­ro­na-zei­ten war ich da ja ziem­lich na­he dran – da konn­te ich nicht be­son­ders viel ma­chen. Über je­dem Schau­spie­ler schwebt aber auch die Angst, dass er aus ge­sund­heit­li­chen Grün­den nicht mehr ar­bei­ten kann. Aber so wie man das Nach­den­ken über den Tod aus­schal­tet, schal­tet man auch die­se Über­le­gung aus. Es bringt ei­nem ja nichts, in dau­ern­der Angst zu le­ben. Man­che Kol­le­gen wür­den viel­leicht sa­gen, dass sie das Be­gehrt­wer­den durchs Pu­bli­kum am meis­ten ver­mis­sen wür­den, da­von ist ja auch im Film die Re­de.

Was wür­den Sie denn ver­mis­sen?

Für mich wä­re es schreck­lich, auf den per­sön­li­chen Aus­druck zu ver­zich­ten. Schau­spie­ler ha­ben kei­ne Lein­wand, son­dern be­nut­zen ih­ren Kör­per, um Din­ge zu in­ter­pre­tie­ren. Und wenn dir ge­nom­men wird, was dir am meis­ten Freu­de macht und was dir auch Kraft gibt, dann ver­lierst du ver­mut­lich schnel­ler den Le­bens­mut. Des­halb wür­de ich genau wie Sven im Film im­mer dar­um kämp­fen, wie­der zu spie­len, auch im Thea­ter. Auf die Büh­ne zu tre­ten, das Pu­bli­kum vor sich zu se­hen: Das sind Mo­men­te, in de­nen Ad­re­na­lin aus­ge­schüt­tet wird.

An­geb­lich wol­len Schau­spie­ler so­gar auf der Büh­ne ster­ben ...

So pa­the­tisch wür­de ich das jetzt nicht aus­drü­cken. Das ist nicht un­ser al­ler Fan­ta­sie. Aber je­der Schau­spie­ler wür­de wohl ein biss­chen Le­bens­zeit ge­gen ei­nen er­ha­be­nen Mo­ment vor Zu­schau­ern ein­tau­schen.

Sie kom­men aus ei­nem po­li­ti­schen El­tern­haus, en­ga­gie­ren sich für den bra­si­lia­ni­schen Re­gen­wald und ge­gen die Ge­ni­tal­ver­stüm­me­lung von Frau­en: Ha­ben Sie mal dar­über nach­ge­dacht, et­was ganz an­de­res zu ma­chen? Sie könn­ten sich hand­fest ein­mi­schen, nicht nur mit den Mit­teln ei­ner Schau­spie­le­rin.

Ja, aber ich ha­be im­mer das Ge­fühl, dass die Din­ge auf ei­nen zu­kom­men, wenn sie denn pas­sie­ren sol­len. Wenn ich an Pro­jek­ten ar­bei­te, bin ich ei­gent­lich im­mer in ei­nem en­ga­gier­ten Um­feld. Man dis­ku­tiert über Po­li­tik – über­legt zum Bei­spiel der­zeit, wie man die Men­schen wie­der in ei­ne of­fe­ne Dis­kus­si­on brin­gen kann, oh­ne dass sie den an­de­ren ab­kan­zeln oder ver­leum­den. Dass wir ein­an­der wie­der mehr zu­hö­ren. Es scheint mir we­nig hilf­reich, den ei­ge­nen Le­bens­weg nur aus ei­nem mo­ra­li­schen Druck her­aus zu ver­las­sen. Wenn man ei­ne in­ne­re Auf­for­de­rung da­zu ver­spürt, dann fin­det man auch We­ge, sich zu en­ga­gie­ren – je­der auf sei­ne Wei­se.

Das klingt jetzt nicht ge­ra­de so, als wür­den Sie son­der­lich op­ti­mis­tisch aufs Zu­sam­men­le­ben der Men­schen schau­en.

Es brennt an al­len En­den und Ecken auf die­sem Pla­ne­ten, nicht nur in Eu­ro­pa. Ich ha­be im­mer die Hoff­nung, dass der Mensch trotz al­ler Ka­ta­stro­phen und Krie­ge nach dem Licht sucht. Ob die Zu­kunft sich zum Bes­se­ren wen­det oder ob es der Mensch­heit an den Kra­gen ge­hen wird, das weiß ich lei­der auch nicht. Im Mo­ment schei­nen wir hier in ei­ner Art Bla­se zu le­ben, viel­leicht fliegt uns das al­les noch um die Oh­ren, was wir auf die­sem Pla­ne­ten ver­zap­fen – wirk­lich op­ti­mis­tisch bin ich nicht. Wenn es nicht so kommt, um­so bes­ser. Ich du­cke mich aber nicht vol­ler Angst und Sor­gen weg, son­dern ste­cke vol­ler Ta­ten­drang.

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