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Föh­nen ver­bo­ten!

Mo­na­te­lang wa­ren die Schwimm­hal­len dicht, nun ist das Ge­drän­ge beim Schwimm­un­ter­richt um­so grö­ßer. Der Zeit­druck für die Kin­der ist enorm, so dass so­gar das Haa­re­trock­nen flach­fällt. El­tern fürch­ten des­halb um die Ge­sund­heit ih­rer Kin­der.

- Von Se­bas­ti­an Ko­sitz Lifestyle · Family · Parenting · Kids · Dresden

Nach dem Schwimm­un­ter­richt mit nas­sen Haa­ren nach Hau­se? Weil die Schwimm­hal­len über Mo­na­te ge­schlos­sen wa­ren, ist nun das Ge­drän­ge groß. Der Zeit­druck auch. El­tern fürch­ten um die Ge­sund­heit ih­rer Kin­der.

Schwim­men ist für die klei­ne Sa­rah* so ziem­lich mit das Größ­te. Schon im Kin­der­gar­ten­al­ter hat­te die Acht­jäh­ri­ge das Schwim­men ge­lernt. Jetzt, in der 2. Klas­se, ge­hört sie beim Schwimm­un­ter­richt zu den Bes­ten, die bei­den Dop­pel­stun­den am Frei­tag­vor­mit­tag sind für sie ge­wis­ser­ma­ßen das High­light der Schul­wo­che. Doch die Be­geis­te­rung über das Ver­gnü­gen des Nach­wuch­ses im kla­ren Nass ist bei ih­ren, aber auch vie­len an­de­ren El­tern ge­trübt – was al­len vor­an den be­son­de­ren Her­aus­for­de­run­gen in Zei­ten von Co­ro­na ge­schul­det ist.

Wenn Sa­rah und ih­re Mit­schü­ler nach dem Schwimm­un­ter­richt aus dem Be­cken in der Hal­le an der Frei­ber­ger Stra­ße stei­gen, muss es schnell ge­hen. Du­schen, ab­trock­nen und rein in die Stra­ßen­sa­chen. Denn vor der Hal­le war­ten schon die nächs­ten Kin­der. Ein en­ges Zeit­re­gime, in dem vor al­lem ei­nes kei­nen Platz fin­det: Das Haa­re­föh­nen. Und so kommt es, dass Sa­rah und all die an­de­ren Kin­der mit nas­sen Haa­ren die Hal­le ver­las­sen und mit der Stra­ßen­bahn zu­rück in ih­re Schu­le öst­lich vom Stadt­zen­trum fah­ren.

Für die El­tern der klei­nen Sa­rah ist das kein Zu­stand. „Schon nach dem ers­ten Un­ter­richt war sie ver­schnupft“, klagt ihr Va­ter. Und auch an­de­re El­tern in der Klas­se kön­nen ähn­li­ches be­rich­ten. „Bis­her wa­ren die Tem­pe­ra­tu­ren ja noch an­nehm­bar. Doch nun wird es deut­lich käl­ter“, er­klärt der Va­ter die Sor­ge. Des­halb hät­ten ei­ni­ge El­tern in der Klas­se nun so­gar schon er­wo­gen, ih­re Kin­der aus dem Schwimmun

ter­richt zu neh­men. Ei­ne Pro­ble­ma­tik, die im zu­stän­di­gen Säch­si­schen Kul­tus­mi­nis­te­ri­um durch­aus bes­tens be­kannt ist, wie Spre­cher Dirk Reelfs be­stä­tigt. Doch hin­ter dem Föhn­ver­bot steckt ein gro­ßes Di­lem­ma. „We­gen Co­ro­na fand im ver­gan­ge­nen zwei­ten Halb­jahr gar kein Schwimm­un­ter­richt mehr statt“, er­klärt Dirk Reelfs. Mit Be­ginn des neu­en Schul­jahrs ist das nun wie­der mög­lich. „Es gab zu­hauf Kri­tik dar­an, dass der Un­ter­richt aus­ge­fal­len ist“, so der Spre­cher. Des­halb sei ent­schie­den wor­den, dass der jetzt nach­ge­holt wird.

Genau das führt nun al­ler­dings zu der schwie­ri­gen Si­tua­ti­on. Weil Schwimm­hal­len in Dres­den oh­ne­hin sehr rar ge­sät sind, er­gibt sich ein ech­tes Ka­pa­zi­täts­pro­blem. „Wir ha­ben die Schü­ler der 2. Klas­sen­stu­fe

und die, die es jetzt nach­ho­len müs­sen“, sagt Dirk Reelfs. Das brin­ge Ein­schrän­kun­gen der Schwimm­zei­ten mit sich. Al­so ent­schie­den die Ver­ant­wort­li­chen, das zeit­in­ten­si­ve Föh­nen weg­zu­las­sen. Die ein­fa­che For­mel lau­tet statt­des­sen: An­zie­hen, raus aus der Schwimm­hal­le – und dann vor al­lem Müt­ze auf!

Doch so ein­fach ist es aus Sicht der El­tern der be­trof­fe­nen Kin­der dann doch nicht. Im Fall von Sa­rahs Klas­se sit­zen die Schü­ler an­schlie­ßend noch im Un­ter­richt. „Wir ha­ben dann beim El­tern­abend ent­schie­den, mit Geld aus der Klas­sen­kas­se zwei Föh­ne zu be­schaf­fen“, sagt Sa­rahs Va­ter. Dass sei­ne Toch­ter ei­ne Müt­ze trägt sei selbst­ver­ständ­lich, auch ei­ne Ba­de­kap­pe, die be­son­ders gut vor Was­ser schützt, ha­ben die El­tern in­zwi­schen ge­kauft. Aber: „Vie­le Mäd­chen ha­ben al­ler­dings ver­gleichs­wei­se lan­ge und dich­te Haa­re. Da hel­fen Ba­de­kap­pen und Müt­zen nur be­dingt.“

Dass die Ge­sund­heit des Kin­des mög­li­cher­wei­se ge­fähr­det wird, ist das ei­ne. Was die be­trof­fe­nen El­tern zu­sätz­lich sorgt, ist die Fra­ge, wie sie han­deln sol­len, wenn die Kin­der dann tat­säch­lich er­käl­tet sind. Denn es liegt in der Na­tur der Sa­che, dass sich die Sym­pto­me von Co­vid-19 und ei­ner Er­käl­tung äh­neln. „Was ma­chen wir denn, wenn das Kind hus­tet, sich schlapp fühlt und es im Hals kratzt?“, fragt Sa­rahs Va­ter.

Spre­cher Dirk Reelfs ver­weist in die­sem Fall auf den so ge­nann­ten Schnup­fen­plan, ei­ne ge­mein­sa­me Hand­rei­chung des säch­si­schen Kul­tus- und des Ge­sund­heits­mi­nis­te­ri­ums, die als Ori­en­tie­rungs­hil­fe für El­tern die­nen soll. Dort ist nach­zu­le­sen, dass die Kin­der bei leich­ten Krank­heits­sym­pto­men wie et­wa ge­le­gent­li­chem Hus­ten oder Räus­pern die Ki­ta oder die Schu­le wei­ter­hin be­su­chen dür­fen. Bei ei­nem all­ge­mei­nen Krank­heits­ge­fühl, Fie­ber, Er­bre­chen oder Hus­ten sind Müt­ter und Vä­ter hin­ge­gen an­ge­hal­ten, bei ei­nem Arzt vor­bei­zu­schau­en.

„Letzt­lich bleibt es im­mer ein Ab­wä­gen“, sagt Sa­rahs Va­ter. Und ein gro­ßes Ab­wä­gen bleibt es mit dem Schwimm­un­ter­richt eben auch ge­ra­de des­halb, weil es sei­ner klei­nen Toch­ter so gro­ße Freu­de macht. Des­halb wol­len Sa­rahs El­tern ihr die Teil­nah­me un­gern ver­bie­ten – und ap­pel­lie­ren des­halb um so dring­li­cher an die Ver­ant­wort­li­chen, noch ein­mal über mög­li­che Lö­sun­gen für das Pro­blem nach­zu­den­ken. An­sons­ten kön­nen sie und an­de­re Be­trof­fe­ne nur ab­war­ten und die La­ge wei­ter be­ob­ach­ten. Was in die­sen Zei­ten für El­tern mit klei­nen Kin­dern eben so oft gilt.

* Na­me von der Re­dak­ti­on ge­än­dert

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FO­TO: ANDRE­AS DOERING
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FO­TO: AR­CHIV/STE­PHA­NIE PILICK/DPA Kin­der beim Schwimm­un­ter­richt.
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