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Wa­cker­b­arth ent­deckt letz­ten DDR-SEKT wie­der

Im Wein­ar­chiv wur­de „Die letz­te Ddr-fla­sche“ge­fun­den. Nach 30 Jah­ren er­zählt die Fla­sche von der da­ma­li­gen Zeit und ei­ner un­ge­wis­sen Zu­kunft.

- Von Sö­ren Hin­ze Alcoholic Drinks · Wine · Schloss Groß-Siegharts · Martin · Berlin · Rhine · France · Hamm · Suhl · Rostock · Italy · Spain · East Germany · Radebeul

Ra­de­beul. Beim Auf­räu­men im Wein­ar­chiv hat ei­ne Mit­ar­bei­tern des Staats­wein­gu­tes Wa­cker­b­arth die mut­maß­lich letz­te Sekt­fla­sche wie­der­ge­fun­den, die zu Ddr-zei­ten im Ra­de­beu­ler Be­trieb ab­ge­füllt wur­de. Statt den al­ten Scham­pus zu kos­ten wol­len die Wein­freun­de die Fla­sche fort­an im Schloss Wa­cker­b­arth aus­stel­len.

Ra­de­beul. „Al­so ich ha­be das da nicht drauf­ge­schrie­ben“, sagt der 67-jäh­ri­ge Kon­rad Scheer­baum mit ei­nem Lä­cheln auf den Lip­pen. Ei­ne Mit­ar­bei­te­rin mach­te erst vor we­ni­gen Wo­chen den ei­gen­ar­ti­gen Fund. Beim Auf­räu­men des haus­ei­ge­nen Wein­ar­chivs ent­deck­te sie ei­ne mit Sekt­ver­schluss ver­drah­te­te brau­ne Fla­sche. Um sie zu­zu­ord­nen­den, fehl­te dem mut­maß­li­chen Sekt je­doch das Eti­kett. Statt­des­sen haf­tet am Fla­schen­bauch ein brau­nes Kle­be­pa­pier. Auf die­sem steht in dün­ner Hand­schrift „Die letz­te Ddr-fla­sche“. „So et­was fin­det man nicht je­den Tag“, meint Wa­cker­b­arth-spre­cher Mar­tin Jun­ge. „Ganz un­er­war­tet hat uns die­se Fla­sche in ei­nem Wein­kar­ton an­ge­lacht“, be­rich­tet er.

Das sei auf je­den Fall ei­ne Ddrglas­fla­sche, sagt Kon­rad Scheer­baum. Er ist seit über 50 Jah­ren auf Schloss Wa­cker­b­arth tä­tig. Aus dem Glas­werk Ber­lin Stralau wur­den da­mals sei­ne Veb-kol­le­gen und er mit ge­nau sol­chen Fla­schen ver­sorgt. An­schei­nend schlum­mer­te „Die letz­te Ddr-fla­sche“an die 30 Jah­re un­ent­deckt auf Schloss Wa­cker­b­arth. Bei Kon­rad Scheer­baum lässt der Fund Er­in­ne­run­gen auf­le­ben. „Ich woll­te da­mals die Wie­der­ver­ei­ni­gung, denn ich konn­te end­lich an den Rhein, an die Mo­sel, nach Frank­reich, in die Cham­pa­gne. Da­hin, wo es Fla­schen­gär­sekt gab und ich noch ei­ni­ges ler­nen konn­te“, ent­sinnt sich der heu­ti­ge Wein­meis­ter. „Aber es gab be­stimmt auch Kol­le­gen, die dem nach­ge­trau­ert ha­ben. Was wird jetzt aus uns?“, fügt er hin­zu.

Bis zum Herbst 1990 wur­de auf Schloss Wa­cker­b­arth DDR-SEKT her­ge­stellt. Da­mals noch mit dem so ge­nann­ten Groß­raum­ver­fah­ren. Statt in ein­zel­nen Fla­schen ar­bei­te­te die He­fe in Tanks. Die­se Be­häl­ter fass­ten rund 110 000 Li­ter und wa­ren für den ge­schlos­se­nen zwei­ten Gär­pro­zess vor­ge­se­hen. In den si­loähn­li­chen Tanks stieg der Al­ko­hol­ge­halt des Grund­wei­nes von et­wa zehn auf 13 Vo­lu­men­pro­zent und es ent­stand die pri­ckeln­de Koh­len­säu­re. Auf die­se Me­tho­de grei­fen noch heu­te Pro­du­zen­ten zu­rück, um gro­ße Men­gen Schaum­wein güns­tig her­zu­stel­len.

Die Mas­sen­wa­re von Wa­cker­b­arth hieß da­mals „Schloss­berg Sekt“. Zum Preis von statt­li­chen 15 Mark und auf­wärts ging der Schaum­wein über die La­den­the­ke. Das sei bei ei­nem Mo­nats­lohn von 600 bis 750 Mark ei­ne kost­ba­re Wa­re ge­we­sen, be­merkt Scheer­baum. Den­noch war der DDR-SEKT be­liebt. Kun­den von Suhl bis Ros­tock grif­fen ger­ne zum Wa­cker­b­arth-sekt, der auch im so­zia­lis­ti­schen Aus­land be­liebt war. Nur in den Wes­ten wur­de der Sekt nie ex­por­tiert.

Ver­ar­bei­tet wur­den so­wohl ost­eu­ro­päi­sche als auch zu­ge­kauf­te Grund­wei­ne. Sie ka­men aus Frank­reich, Ita­li­en und Spa­ni­en – al­so aus Län­dern, die Ddr-bür­ger nicht be­rei­sen durf­ten. „Das macht mich auch ein biss­chen stolz“, re­sü­miert Scheer­baum. „Dass ich da­mals Wein aus Feind­län­dern, so wur­den wir ja er­zo­gen, mit ost­eu­ro­päi­schen Wei­nen zu Sekt ver­mäh­len konn­te.“

Die Pro­duk­ti­on war ef­fek­tiv. In den Acht­zi­gern füll­ten die Wa­cker­b­arth-mit­ar­bei­ter pro Werk­tag bis zu 20 000 Fla­schen mit dem be­lieb­ten Fei­er­ge­tränk. Heu­te stellt Wa­cker­b­arth jähr­lich nur noch rund 250 000 Li­ter Sekt her. Da­für wird heu­te aber auch mit der auf­wen­di­gen Fla­schen­gä­rung statt im gro­ßen Tank pro­du­ziert.

Von je­dem Tank wur­den da­mals ein­zel­ne Rück­stell­pro­ben des Sek­tes ent­nom­men. Die­se Pro­be wur­den im haus­ei­ge­nen La­bor ver­kos­tet und ana­ly­siert. „Und das muss eben ei­ne der letz­ten Sekt­fla­schen ge­we­sen sein, be­vor die deut­sche Ein­heit – der 3. Ok­to­ber – kam, die ei­ne Kol­le­gin oder ein Kol­le­ge zur Sei­te ge­stellt hat“, schluss­fol­gert Scheer­baum. Wa­cker­b­arth-spre­cher Mar­tin Jun­ge ver­mu­tet: „Ehr­li­cher­wei­se er­in­nert uns die Hand­schrift eher an ei­ne fi­li­gra­ne Frau­en­hand­schrift.“Lei­der ist es bei­den bis­lang nicht ge­lun­gen, her­aus­zu­fin­den, wer sich vor rund 30 Jah­ren den Scherz er­laubt hat. Denn auch wenn die Fla­sche heu­te ei­ne ge­wis­se Nost­al­gie aus­strahlt, sind sich bei­de ei­nig: Die Fla­sche wur­de da­mals nicht als his­to­ri­scher Akt zur Sei­te ge­nom­men.

Mitt­ler­wei­le hat der DDR-SEKT sei­nen Ge­schmack ein­ge­büßt, mut­maßt Scheer­baum. Wahr­schein­lich ha­be er sich gold­gelb, bern­stein­far­ben ge­färbt und sein fein­fruch­ti­ges, sprit­zi­ges Aro­ma ver­lo­ren. Oh­ne­hin soll­te Sekt eher frisch ge­trun­ken werden, rät er. Da­mit der Zau­ber der letz­ten Ddr-fla­sche nicht ver­fliegt, wer­de sie we­der ge­öff­net noch aus­ge­trun­ken, er­klärt Mar­tin Jun­ge. Die Fla­sche eig­ne sich viel bes­ser, um von den Ve­rän­de­run­gen auf Schloss Wa­cker­b­arth zu er­zäh­len. Als stil­ler Zeit­zeu­ge der säch­si­schen Wein­ge­schich­te er­hält die „Die letz­te Ddr-fla­sche“bald ei­nen öf­fent­li­chen Eh­ren­platz auf Schloss Wa­cker­b­arth.

So et­was fin­det man nicht je­den Tag.

Mar­tin Jun­ge Spre­cher von Wa­cker­b­arth

 ?? FO­TO: NOR­BERT MILLAUER ?? Zwi­schen Rüt­tel­pul­ten prä­sen­tiert Kon­rad Scheer­baum „Die letz­te Ddr-fla­sche".
FO­TO: NOR­BERT MILLAUER Zwi­schen Rüt­tel­pul­ten prä­sen­tiert Kon­rad Scheer­baum „Die letz­te Ddr-fla­sche".
 ?? FO­TO: AR­CHIV/SCHLOSS WA­CKER­B­ARTH ?? So sah ei­ne Sekt-pro­duk­ti­ons­stra­ße auf Schloss Wa­cker­b­arth zu Ddr-zei­ten aus.
FO­TO: AR­CHIV/SCHLOSS WA­CKER­B­ARTH So sah ei­ne Sekt-pro­duk­ti­ons­stra­ße auf Schloss Wa­cker­b­arth zu Ddr-zei­ten aus.

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