Dresdner Neueste Nachrichten

Letz­te Mög­lich­keit zum Ge­gen­steu­ern

- Von Ste­ven Gey­er Coronavirus (COVID-19) · Angela Merkel

Die Deut­schen sind ein Volk der Vor­beu­ger. Sie schwö­ren auf ge­setz­li­che Grenz­wer­te für al­les Ge­sund­heits­schäd­li­che, auf staat­li­che Vor­sor­ge für Al­ter und Ge­sund­heit – und wür­den nie trotz Vor­war­nung vom Ver­kehrs­funk di­rekt in ei­nen Stau fah­ren. Ganz ähn­lich ist al­ler­dings ge­ra­de die hie­si­ge Co­ro­na-si­tua­ti­on: Früh war klar, dass wir oh­ne Kurs­än­de­rung am Jah­res­en­de wie­der in hand­fes­ten Pro­ble­men ste­cken. Nun se­hen wir schon die Warn­blink­lich­ter: Die Neu­in­fek­tio­nen er­rei­chen neue Re­kord­wer­te. Das Wachs­tum ver­läuft dy­na­misch. Mehr und mehr Ge­sund­heits­äm­ter dro­hen am Un­ter­bre­chen der In­fek­ti­ons­ket­ten zu schei­tern. Längst ste­cken sich wie­der mehr Äl­te­re an. In den Kli­ni­ken sind zwar die In­ten­siv­bet­ten nicht aus­ge­las­tet, aber es droht Per­so­nal­man­gel.

Schon ver­schärft auch die Bun­des­kanz­le­rin wie­der ih­ren Ton und ap­pel­liert an die Bür­ger, un­nö­ti­ge Kon­tak­te und Rei­sen zu ver­mei­den. Wäh­rend man­cher Mi­nis­ter­prä­si­dent zu­letzt feilsch­te, um grö­ße­re Ein­schnit­te in sei­nem Land zu ver­mei­den, klang Mer­kel fast ver­zwei­felt: als sei es die letz­te Chan­ce für ein ei­gen­ver­ant­wort­li­ches Ge­gen­steu­ern.

Um­fra­gen zei­gen: Zwi­schen 70 und 90 Pro­zent der Bür­ger wol­len stren­ge Auf­la­gen.

Die Al­ter­na­ti­ve stellt sie be­reits in den Raum: Wenn in den zehn Wo­chen bis Weih­nach­ten der stei­le An­stieg der In­fek­ti­ons­kur­ve nicht ge­bremst wird, ist das klas­si­sche Fa­mi­li­en­fest ge­fähr­det. Für vie­le Deut­sche dürf­te es kaum schmerz­vol­le­re Ein­schnit­te ge­ben als ei­nen De­zem­ber oh­ne Be­such aus an­de­ren Bun­des­län­dern und oh­ne ge­mein­sa­mes Fei­ern, Sin­gen und Ta­feln meh­re­rer Haus­stän­de.

Aber muss das wirk­lich sein? Man­cher fin­det, die Po­li­tik kön­ne selbst bei Re­kord­in­fek­ti­ons­zah­len auf all­zu stren­ge Re­geln ver­zich­ten, und ver­weist da­zu auf die Er­fah­run­gen aus dem Früh­jahr – Hams­ter­käu­fe, Schul­schlie­ßun­gen, Kon­takt­sper­ren – und die Er­in­ne­run­gen an den Som­mer, mit un­be­schwer­ten Rei­sen, nach­ge­hol­ten Fes­ten und dem Ge­fühl, Co­ro­na sei halb so schlimm und vie­le Sper­ren sei­en über­zo­gen. Nur passt es nicht zum Volk der Vor­beu­ger, un­ge­bremst aufs Stau­en­de zu­zu­fah­ren. Um­fra­gen zei­gen das: Zwi­schen 70 und 90 Pro­zent der Bür­ger wol­len stren­ge Auf­la­gen. Wenn al­ler­dings die gro­ße Mehr­heit stren­ge Re­geln will – war­um steigen die In­fek­tio­nen dann?

Wir ken­nen das aus der Kli­ma­de­bat­te: Der Ein­zel­ne hält sich nie für das Pro­blem. Des­halb macht die Po­li­tik es sich zu leicht, wenn sie den Ein­zel­nen in die Pflicht nimmt. Mit Ei­gen­ver­ant­wor­tung al­lein ist kei­ne Kri­se ab­zu­wen­den. Vor­aus­schau­end zu pla­nen ist Auf­ga­be der Po­li­tik. Sie muss in die Of­fen­si­ve ge­hen: die Ge­sund­heits­äm­ter auf­sto­cken, dro­hen­den Per­so­nal­man­gel auf In­ten­siv­sta­tio­nen ab­wen­den, un­bü­ro­kra­tisch bei Hy­gie­ne­kon­zep­ten in Gas­tro­no­mie und Schu­len hel­fen. Wer jetzt zu klei­ne Däm­me baut, dem ge­rät in ein paar Wo­chen al­les au­ßer Kon­trol­le.

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