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Wer sich ge­gen Po­cken imp­fen ließ, be­kam in Zit­tau einst ei­ne Me­dail­le

Neu­es Ober­lau­sit­zer Haus­buch 2021 war­tet ein­mal mehr mit ei­ner Fül­le von Bei­trä­gen auf.

- Von Chris­ti­an Ruf Gorlitz · Australia · Texas · Czech Republic · Dresden · Stuttgart · Lake Constance · Napoleon Bonaparte · Saint Helena · Zittau · George IV of the United Kingdom · Augustus II the Strong · Edward Jenner · Augustus, Elector of Saxony · Frederick Augustus II, Grand Duke of Oldenburg · Meissen · Bautzen · Moravian Church · Paris, Texas · John George IV, Elector of Saxony

Zit­tau. Als man ab et­wa 1820 in Zit­tau dar­an ging, die Stadt­mau­er nie­der­zu­rei­ßen, war al­len klar, dass sie kei­ne ver­tei­di­gungs­tech­ni­sche Be­deu­tung mehr hat­te. Durch den Ab­riss er­hoff­ten sich die „In­woh­ner“aber auch künf­tig mehr Frisch­luft ge­gen „Übel und Krank­hei­ten“in der Stadt.

Zu den Krank­hei­ten, die ei­ne la­ten­te Ge­fahr bil­de­ten, ge­hör­ten sei­ner­zeit die Po­cken, die da­mals meist „Blat­tern“hie­ßen. En­de des 18. Jahr­hun­derts starb et­wa je­des zehn­te Kind an die­ser Krank­heit. Und wer die Po­cken über­leb­te, blieb nicht sel­ten fürs Le­ben ge­zeich­net – durch die Nar­ben der Pus­teln im Ge­sicht so­wie an Bei­nen und Ar­men.

Goe­the hat­te Glück: In sei­ner Au­to­bio­gra­fie „Dich­tung und Wahr­heit“hielt er be­züg­lich sei­ner Er­kran­kung als Kind fest: „Das Übel be­traf nun auch un­ser Haus und über­fiel mich mit ganz be­son­de­rer Hef­tig­keit. Der gan­ze Kör­per war mit Blat­tern über­sät, das Ge­sicht zu­ge­deckt, und ich lag meh­re­re Ta­ge blind und in gro­ßen Lei­den … End­lich … fiel es mir wie ei­ne Mas­ke vom Ge­sicht … Ich selbst war zu­frie­den …, nach und nach die fle­cki­ge Haut zu ver­lie­ren.“

Die Blat­tern raff­ten den jun­gen Kur­fürs­ten da­hin

Den Blat­tern zum Op­fer fiel hin­ge­gen im April 1694 Sach­sens ge­ra­de mal 25-jäh­ri­ger Kur­fürst Jo­hann Ge­org IV., was sei­nem jün­ge­ren Bru­der, der als Au­gust der Star­ke in die Ge­schichts­bü­cher ein­ge­hen soll­te, den Weg zum Thron eb­ne­te.

Aber schließ­lich und end­lich fand 1796 der eng­li­sche Arzt Ed­ward Jen­ner ein Mit­tel ge­gen Po­cken: Er impf­te ei­nen Jun­gen zu­nächst mit den mehr oder min­der harm­lo­sen Kuh­po­cken und Mo­na­te spä­ter mit dem Po­cken­vi­rus. Der Jun­ge zeig­te dank der Imp­fung kei­ner­lei Sym­pto­me.

In Zit­tau, ja in der gan­zen süd­li­chen Ober­lau­sitz, war es der Arzt Wil­helm Lud­wig Hirt (1761–1827), der sich Ver­diens­te um die Aus­rot­tung der Blat­tern er­warb. 1801 führ­te Hirt erst­mals in Zit­tau die Schutz­imp­fung mit Kuh­po­cken durch. Da­für, aber auch ob all sei­ner an­de­ren Leis­tung als Arzt in der Re­gi­on um Zit­tau, ver­lieh ihm der säch­si­sche Kö­nig Fried­rich Au­gust I. im Jahr 1812 die „Gro­ße Gol­de­ne Ci­vil­dienst-me­dail­le“.

Hirt hat­te üb­ri­gens auf ei­ge­ne Kos­ten auch Kin­der-me­dail­len her­stel­len las­sen – die dien­ten als An­reiz und Aus­zeich­nung für die­je­ni­gen Mäd­chen und Jun­gen, die sich bei ihm ge­gen die Blat­tern imp­fen lie­ßen. Für Impf­geg­ner, die es auch zu Zei­ten Hirts gab, ein kla­rer Fall von Be­ste­chung. Aber letzt­lich sprach sich in der Land­be­völ­ke­rung her­um, dass man Kin­der, wenn man sie denn be­hal­ten woll­te (un­ent­stellt und auch sonst ge­sund an Leib und See­le), doch bes­ser impf­te.

Der Blick geht so­gar über den Ober­lau­sit­zer Tel­ler­rand

Hirt ist ei­ne der Per­sön­lich­kei­ten, an die im Ober­lau­sit­zer Haus­buch 2021 er­in­nert wird. Da­zu ge­hört aber auch der ka­tho­li­sche Bi­schof Franz Löb­mann, dem die Neu­grün­dung des Bis­tums Mei­ßen mit Sitz in Baut­zen an­no 1921 maß­geb­lich zu ver­dan­ken ist. Oder da wä­re der dich­ten­de Uhys­ter Förs­ter Gott­fried Un­ter­dör­fer, des­sen 100. Ge­burts­tag sich am 21. März 2021 zum 100. Mal jährt. Ge­wür­digt wird auch der ge­bür­ti­ge Gör­lit­zer Hans Jür­gen „Di­xie“Dör­ner, der zu den ganz Gro­ßen des deut­schen Fuß­balls zählt und des­sen Na­me selbst de­nen ein Be­griff sein soll­te, die, als sie sich an Lie­ge­stüt­zen ver­such­ten, zur Er­kennt­nis ka­men: „Lie­gen kann ich. Stüt­zen nicht.“

Das Haus­buch ver­mit­telt, wel­che Ju­bi­lä­en Ober­lau­sit­zer Or­te 2021 fei­ern kön­nen (vor 950 Jah­ren wur­de Gör­litz et­wa erst­mals ur­kund­lich er­wähnt), aber auch, wo zur Kirmst (Kirch­weih) ge­la­den wird und wel­che Ge­denk- und Ak­ti­ons­ta­ge im kom­men­den Jahr an­ste­hen. Al­so: Am 13. März steht der nicht zu ver­schla­fen­de Welt­tag des Schla­fes an, am 6. Ju­li ist Welt­kuss­tag und am 15.10. der Welt­tag des Hän­de­wa­schens, was man be­kannt­lich auch dann ge­le­gent­lich tun soll­te, wenn es nicht ums Wa­schen der Hän­de in Un­schuld oder Un­fug geht.

Ne­ben ka­len­da­ri­schen In­for­ma­tio­nen prä­sen­tiert die Pu­bli­ka­ti­on ei­nen bun­ten Rei­gen span­nen­der und kurz­wei­li­ger Er­zäh­lun­gen zu Ge­schich­te und Ge­gen­wart, Kunst und Kul­tur, Na­tur und Brauch­tum. Sie ist al­so selbst in­ter­es­sant für Le­ser, die nicht in der Ober­lau­sitz le­ben, ihr aber wie auch im­mer ver­bun­den sind.

Die Bei­trä­ge be­zie­hen al­le Re­gio­nen der Ober­lau­sitz ein. Der Blick schweift aber auch über den Tel­ler­rand hin­aus und manch­mal weit in die Fer­ne. Da reist bei­spiels­wei­se Trud­la Ma­lin­ko­wa nach Hoch­kirch (heu­te: Tar­ring­ton) in Aus­tra­li­en und Hoch­kirch (heu­te: Noack) in Te­xas, zwei Or­te, die einst sor­bi­sche Aus­wan­de­rer im 19. Jahr­hun­derts ge­grün­det hat­ten. Man er­fährt, was es mit dem Baut­zener Brot­markt auf sich hat, war­um 1945 in Zit­tau gro­ßer Hand­wa­gen­man­gel herrsch­te und in ei­nem Be­richt ver­merkt wur­de: „Die Be­schaf­fung der be­nö­tig­ten Fahr­zeu­ge stellt die Stadt­ver­wal­tung vor ei­ne schwe­re und so­fort zu lö­sen­de Auf­ga­be... Auf An­ord­nung des Ober­bür­ger­meis­ters muß­ten die Be­zirks­vor­ste­her ge­brauch­te, aber noch ver­wen­dungs­fä­hi­ge Wa­gen von Zit­tau­er Ein­woh­nern be­schlag­nah­men, von de­nen bis­her 160 an ab­zie­hen­de Flücht­lin­ge mit­ge­ge­ben wur­den.“

Neu­es Fas­ten­tuch für die Zit­tau­er Mu­se­en

In der Rei­he „Böh­mi­sche Ex­kla­ven in der Ober­lau­sitz“steht die­ses Mal Ul­lers­dorf im Fo­kus, ein Stra­ßen­dorf, das im 13. Jahr­hun­dert im Zu­ge der deut­schen Ost­sied­lung ent­stand und heu­te, da öst­lich der Nei­ße ge­le­gen, zu Tsche­chi­en ge­hört. Di­ver­se Mun­d­art-epi­so­den be­schwö­ren Lo­kal­ko­lo­rit und ver­mit­teln, dass für vie­le Hei­mat(-ge­fühl) mit Dia­lekt ver­bun­den ist.

An­ne­lies Schulz er­in­nert sich, wie in ih­rer Kind­heit Kir­mes ge­fei­ert wur­de. Vor­ge­stellt wird auch – als Denk­mal der mo­der­nen Ar­chi­tek­tur­ge­schich­te – das Neuei­bau­er Schul­ge­bäu­de, das als Aus­druck der Re­form­be­we­gung in et­wa zur glei­chen Zeit wie die eben­falls von den Ide­en des Werk­bunds ge­präg­te Gar­ten­stadt (Dres­den-)hel­lerau er­rich­tet wur­de.

Auch er­fährt man, dass die städ­ti­schen Mu­se­en Zit­tau im Früh­jahr die­sen Jah­res auf ei­ner Kun­st­auk­ti­on in Stutt­gart ein neu­es Fas­ten­tuch er­wer­ben konn­ten. Es ist 1,92 mal 1,50 Me­ter groß. Im Ver­gleich zu den bei­den Fas­ten­tü­chern, für die Zit­tau bis­lang be­rühmt ist, ist es al­so ver­gleichs­wei­se klein. Es stammt aus Betz­nau am Bo­den­see und zeigt nur ei­ne Sze­ne: den mit ei­nem Krö­nungs­man­tel be­klei­de­ten Je­sus um­ge­ben von rö­mi­schen Sol­da­ten.

In­for­ma­tio­nen gibt es dar­über hin­aus zur Fa­mi­lie des kläg­lich ge­schei­ter­ten Na­po­le­on-at­ten­tä­ters Ernst von der Sah­la auf Soh­land. Die­ser trat üb­ri­gens im Mai 1810 in Dres­den zum ka­tho­li­schen Glau­ben über, nach­dem er vor­her Mit­glied der Herrn­hu­ter Brü­der­ge­mei­ne ge­we­sen war. Na­po­le­on starb letzt­lich am 5. Mai 1821 auf der klei­nen In­sel St. He­le­na im Süd­at­lan­tik, Ernst von der Sah­la im Au­gust 1815 in der Cha­rité in Pa­ris, wo­hin der mit­tel­lo­se At­ten­tä­ter ge­bracht wor­den war, nach­dem ein Selbst­mord­ver­such in der Sei­ne miss­glückt war.

Prof. Dr. Bern­hard Klaus­nit­zer stellt in der Rei­he „12 für’s Jahr“die­ses Mal Wan­zen vor. Al­les in al­lem kom­men über 500 Wan­zen-ar­ten vor. Ob­wohl Wan­zen harm­los sind, die meis­ten nu­ckeln an Pflan­zen, we­ni­ge sau­gen an­de­re In­sek­ten aus, hat die Spe­zi­es ei­nen schlech­ten Ruf – we­gen der nacht­ak­ti­ven Bett­wan­ze. Mag Goe­the auch das Zi­tat „Flöh’ und Wan­zen ge­hö­ren auch zum Gan­zen“zu­ge­schrie­ben werden – fak­tisch kann der Mensch die (Bett-)wan­ze nicht ab. Al­len­falls im Kin­der­lied „Auf der Mau­er, auf der Lau­er sitzt ’ne klei­ne Wan­ze“ge­steht er ihr Da­seins­be­rech­ti­gung zu.

Lars-arne Dan­nenerg, Mat­thi­as Do­nath (Hrsg.): Neu­es Ober­lau­sit­zer Haus­buch 2021, Via Re­gia Ver­lag, 190 Sei­ten, durch­gän­gig far­big be­bil­dert, 8,90 Eu­ro, ISBN 978-3-944104-37-9

 ?? RE­PRO­DUK­TI­ON AUS: „NEU­ES OBER­LAU­SITZ-BUCH 2021“ ?? Die­ses Fas­ten­tuch konn­ten die städ­ti­schen Mu­se­en Zit­tau auf ei­ner Auk­ti­on er­stei­gern.
RE­PRO­DUK­TI­ON AUS: „NEU­ES OBER­LAU­SITZ-BUCH 2021“ Die­ses Fas­ten­tuch konn­ten die städ­ti­schen Mu­se­en Zit­tau auf ei­ner Auk­ti­on er­stei­gern.
 ?? RE­PRO­DUK­TI­ON AUS: „NEU­ES OBER­LAU­SITZ-BUCH 2021“ ?? Blick auf Ul­lers­dorf mit der Dorf­kir­che Obe­rul­lers­dorf, Li­tho­gra­phie, um 1840.
RE­PRO­DUK­TI­ON AUS: „NEU­ES OBER­LAU­SITZ-BUCH 2021“ Blick auf Ul­lers­dorf mit der Dorf­kir­che Obe­rul­lers­dorf, Li­tho­gra­phie, um 1840.

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