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„Wir ha­ben zu we­nig Zeit für die Kin­der“

Per­so­nal­man­gel ist das größ­te Pro­blem in Sach­sens Kin­der­ta­ges­stät­ten, so die Er­geb­nis­se aus dem „Fa­mi­li­en­kom­pass 2020“. Für des En­ga­ge­ment der Er­zie­her ver­ge­ben die El­tern aber ei­ne Best­no­te.

- Von Su­san­ne Ple­cher Parenting · Family · Lifestyle · Dresden · Saxony · Zwickau · Zwickau · Sindh · Telecom Personal · Franziska Giffey

Dres­den. „Für mich als Mut­ter wä­re das Wich­tigs­te, dass ich mei­ne Kin­der in der Kin­der­ta­ges­ein­rich­tung stets gut ver­sorgt wüss­te“, hat ei­ne Dresd­ne­rin in das Kom­men­tar­feld ge­schrie­ben. Die 34-Jäh­ri­ge ge­hört zu den 15000 Sach­sen, die den „Fa­mi­li­en­kom­pass“-fra­ge­bo­gen be­ant­wor­tet ha­ben. „Lei­der ist der Per­so­nal­man­gel so hoch, dass die vor­han­de­nen Mit­ar­bei­ter an ih­re Gren­zen ge­hen, krank­heits­be­dingt lan­ge aus­fal­len und die Si­tua­ti­on im­mer pre­kä­rer wird“, kri­ti­siert die zwei­fa­che Mut­ter.

So wie die jun­ge Frau den­ken of­fen­sicht­lich vie­le Sach­sen. Denn die Fra­ge, ob sie den Per­so­nal­schlüs­sel in Krip­pen, Kin­der­gär­ten und Hor­ten als aus­rei­chend emp­fin­den, be­ant­wor­ten 46 Pro­zent der Be­frag­ten mit Nein und ver­ge­ben ei­ne Ge­samt­no­te von 3,4. Nur drei der 101 ab­ge­frag­ten fa­mi­li­en­re­le­van­ten The­men schnei­den noch schlech­ter ab: das Woh­nungs­an­ge­bot, der Schul­weg mit dem Rad und der Platz beim Wunsch­kin­der­arzt.

Un­ab­hän­gig da­von mei­nen die meis­ten El­tern, dass die Ki­tas gut or­ga­ni­siert sind. Die bes­te No­te des ge­sam­ten Fa­mi­li­en­kom­pas­ses aber er­hält mit ei­ner 1,89 das En­ga­ge­ment der Er­zie­her.

Nir­gend­wo in Sach­sen wird de­ren Ein­satz für die Kin­der bes­ser be­wer­tet als im Land­kreis Zwi­ckau. An­ge­la

Bret­schnei­der lei­tet die Ki­ta „Was­ser­tröpf­chen“im Zwi­ckau­er Stadt­teil Eckers­bach, ei­ne Kn­eipp-ki­ta mit Tret­be­cken, Sau­na und Was­ser­mat­sch­an­la­ge. „Ei­ne gu­te Er­zie­he­rin kann mit dem Her­zen se­hen“, sagt sie. „Sie hat ei­nen Be­zug zum Kind, kommt mit ihm ins Ge­spräch, nimmt sei­ne Be­dürf­nis­se wahr und hat gleich­zei­tig ei­nen Blick fürs Gan­ze.“

Die Leh­ren des Na­tur­heil­kund­lers Kn­eipp ba­sie­ren auf fünf Säu­len. Die un­ters­te, die al­les trägt, ist das Wohl­be­fin­den. „Oh­ne das geht gar nichts“, sagt Bret­schnei­der und meint nicht nur op­ti­ma­le Ent­wick­lungs­be­din­gun­gen für die Kin­der, son­dern auch den Zu­sam­men­halt im Team und den re­gel­mä­ßi­gen Aus­tausch mit den El­tern. Sind die Grup­pen zu groß, sind al­le ge­stresst. „Wir Er­zie­her ha­ben zu we­nig Zeit für die Kin­der. Wir wol­len un­se­re Ar­beit gut machen, aber das braucht Zeit. Des­halb wün­sche ich mir mehr Wert­schät­zung in Form von Zeit.“Sach­sen bei Be­treu­ung auf vor­letz­tem Platz Be­treu­ungs­schlüs­sel ist das Stichwort. Der liegt in säch­si­schen Krip­pen bei 1:5 und in Kin­der­gär­ten bei 1:12. Das be­deu­tet, dass ei­ne Er­zie­he­rin fünf be­zie­hungs­wei­se zwölf Kin­der be­treut, ih­nen zu­hört, mit ih­nen singt, bas­telt, spielt, ih­nen Es­sen auf­tischt, den Po ab­wischt, sie zum Mit­tags­schlaf hin­legt, sie trös­tet, um­armt und zur Ord­nung ruft. Bun­des­weit liegt Sach­sen da­mit auf dem vor­letz­ten Platz. Nur in Meck­len­burg-vor­pom­mern ist das Ver­hält­nis noch schlech­ter. Im Bun­des­schnitt kom­men 4,2 Krip­pen­kin­der oder 7,8

Kin­der­gar­ten­kin­der auf ei­ne Er­zie­he­rin. Ge­ne­rell ist der Schlüs­sel in den Ost-bun­des­län­dern hö­her als in den West-län­dern.

Doch der Ver­gleich hin­ke, meint Su­sann Meer­heim vom Kul­tus­mi­nis­te­ri­um. „Es ist schlicht­weg falsch, le­dig­lich den Blick auf den Per­so­nal­schlüs­sel zu rich­ten und die deut­lich hö­he­ren Be­treu­ungs­quo­ten au­ßer Acht zu las­sen“, sagt sie. In den al­ten Län­dern wird nur gut je­des drit­te Kind un­ter drei Jah­ren be­treut, im Os­ten mehr als je­des Zwei­te. Um sie zu ver­sor­gen, brau­chen die Län­der mehr Platz Per­so­nal und Geld.

An­ge­la Bret­schnei­der mit ih­rer 16-jäh­ri­gen Lei­tungs­er­fah­rung will den west­deut­schen Be­treu­ungs­schlüs­sel gar nicht ha­ben. Für sie wä­re ein Ver­hält­nis von 1:10 im Kin­der­gar­ten­be­reich und 1:4 in der Krip­pe ide­al. „Wenn ich mir et­was wün­schen dürf­te, dann wä­re es das“, sagt sie. Aber die­ser Wunsch ist teu­er.

Es ist nicht so, dass in Sach­sen dies­be­züg­lich nichts pas­sie­ren wür­de. Seit fünf Jah­ren ist der Be­treu­ungs­schlüs­sel schritt­wei­se ver­bes­sert wor­den. Zu­dem macht das Gu­te­ki­ta-ge­setz von Fa­mi­li­en­mi­nis­te­rin Fran­zis­ka Gif­fey (SPD) Bun­des­geld für zwei wö­chent­li­che Vor- und Nach­be­ar­bei­tungs­stun­den der Er­zie­her frei. Denn mit Spie­len und Sin­gen ist der Job bei Wei­tem nicht ge­tan. Knapp 4000 Voll­zeit­stel­len sind al­lein we­gen die­ser Maß­nah­men in Sach­sen ge­schaf­fen wor­den. Sie kos­ten jähr­lich 200 Mil­lio­nen Eu­ro. 1200 of­fe­ne Stel­len in Sach­sens Ki­tas

Und dann ist da noch der Fach­kräf­te­man­gel. Et­wa 800 Stel­len müs­sen in säch­si­schen Ki­tas je­des Jahr neu be­setzt werden, weil Er­zie­her in Ren­te ge­hen. Schwan­ger­schaft, lan­ge Krank­heit, Um­zug oder Teil­zeit­ar­beit – das Kul­tus­mi­nis­te­ri­um schätzt den Be­darf auf rund 1200 neue Er­zie­her pro Jahr. Rein rech­ne­risch könn­te der aus ei­ge­ner Kraft ge­deckt werden, denn jähr­lich ver­las­sen 2000 Ab­sol­ven­ten die 61 Fach­schu­len Sach­sens.

Aber zu we­ni­ge kä­men in den Ki­tas an, so das Mi­nis­te­ri­um. Des­halb in­ves­tiert das Land ak­tu­ell mehr als fünf Mil­lio­nen Eu­ro in die Um­schu­lung zum Er­zie­her und hat 200 zu­sätz­li­che Aus­bil­dungs­plät­ze ge­schaf­fen. Im „Was­ser­tröpf­chen“in Zwi­ckau-eckers­bach sind die frei­en Plät­ze „fast naht­los“neu be­setzt wor­den. „Wir hat­ten das Glück, dass ge­nü­gend Be­wer­ber da wa­ren“, sagt die Ki­ta-lei­te­rin Bret­schnei­der.

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 ?? FO­TO: RALPH KOEHLER/PROPICTURE ?? Na­tur­nah in der Zwi­ckau­er Ki­ta „Was­ser­tröpf­chen“: Er­zie­he­rin San­dra Nowak hilft Kin­dern beim Pflan­zen von Wei­den­steck­lin­gen, aus de­nen ein Wei­den­haus wach­sen soll.
FO­TO: RALPH KOEHLER/PROPICTURE Na­tur­nah in der Zwi­ckau­er Ki­ta „Was­ser­tröpf­chen“: Er­zie­he­rin San­dra Nowak hilft Kin­dern beim Pflan­zen von Wei­den­steck­lin­gen, aus de­nen ein Wei­den­haus wach­sen soll.
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