Dresdner Neueste Nachrichten

Zwei Ein­ak­ter

Dop­pel­pre­mie­re an den Lan­des­büh­nen

- Von Andre­as Schwar­ze Arts · Saxony · Leonard Bernstein · Bernstein (Wunsiedel) · National Assembly of South Korea · Prince

Über­ra­schung, Be­geis­te­rung, Nach­denk­lich­keit und ge­spann­te Auf­merk­sam­keit – all das konn­te man in den Ge­sich­tern des Pu­bli­kums die­ser in je­der Be­zie­hung ge­lun­ge­nen und an­re­gen­den Mu­sik­thea­ter­pre­mie­re der Lan­des­büh­nen Sach­sen in Ra­de­beul le­sen. Re­gis­seur, Aus­stat­ter und Licht­zau­be­rer Se­bas­ti­an Rit­schel emp­fängt die Be­su­cher mit den leuch­ten­den Far­ben un­se­rer all­ge­gen­wär­ti­gen Dis­plays, durch de­ren Rah­men wir in­zwi­schen un­ser Le­ben zu se­hen ge­wohnt sind. Da­hin­ter dreht sich die Welt in Form eines ma­gi­schen leuch­ten­den Wür­fels, der die Il­lu­sio­nen ver­schie­de­ner Uni­ver­sen in sich birgt. Die meis­ter­haft ein­ge­setz­te Tech­nik ist im Zu­sam­men­spiel mit den agie­ren­den Sän­gern und Mu­si­kern wahr­haft thea­tra­lisch und be­för­dert die mensch­li­che Kunst­aus­übung über­ra­gend.

Zwei gänz­lich un­ter­schied­li­che Stü­cke er­ge­ben in die­sem Rah­men ei­ne im Nach­klang ab­so­lut lo­gi­sche Fol­ge über die Ab­sur­di­tä­ten und Schwie­rig­kei­ten des Zu­sam­men­le­bens. Jac­ques Of­fen­bachs Ein­ak­ter „Die In­sel Tu­lip­a­tan“steht da­bei an ers­ter Stel­le und kommt als knall­bun­te, gro­tes­ke Ins­ta­gramm-pos­se da­her. Den Text der schon 1868 ge­wag­ten Ko­mö­die über Ge­schlech­te­ri­den­ti­tä­ten würz­ten Se­bas­ti­an Rit­schel und Ron­ny Scholz mit sa­ti­ri­schem Pfef­fer kräf­tig nach. Ge­gen die Lie­be ist eben kein Kraut ge­wach­sen, auch wenn man gar nicht so recht weiß, wer Männ­lein oder Wei­b­lein ist.

Ant­je Kahn, Kirs­ten Labon­te, Kay Fren­zel, Andre­as Pet­zoldt und Flo­ri­an Neu­bau­er sin­gen, spie­len, tan­zen und ka­lau­ern sich durch den Dschun­gel der Ge­füh­le, dass es ei­ne Freu­de ist. Au­ßer ih­rem Kön­nen, der aus­ge­zeich­ne­ten Text­ver­ständ­lich­keit und den glit­zern­den, herr­lich ver­rück­ten Ko­s­tü­men reißt die Mu­sik die Zu­schau­er zu Bei­falls­stür­men hin. Ka­pell­meis­ter Hans-pe­ter Preu hat Of­fen­bachs Kom­po­si­ti­on mit sei­nem hier erst­auf­ge­führ­ten Ar­ran­ge­ment für Kam­mer­en­sem­ble nicht nur ent­staubt, son­dern ei­ne fas­zi­nie­ren­de pfif­fi­ge Form für die zeit­ge­mä­ße Dar­bie­tung von Of­fen­bachs Wer­ken ge­fun­den.

Be­tritt man nach der Pau­se den Zu­schau­er­raum, sind Pal­me und Dschun­gel­blät­ter ver­schwun­den, der Re­gen­wald der Ro­man­tik wur­de qua­si ab­ge­holzt. Der Wür­fel scheint die Bo­den­haf­tung ver­lo­ren zu ha­ben und mit­un­ter schwe­re­los zu schwe­ben.

Was sich nun im ge­pfleg­ten vor­stadt-pa­ra­di­si­schen Wohn­ge­fäng­nis des Ehe­paa­res Di­nah und Sam ab­spielt, ist kal­ter Krieg der Ge­schlech­ter. In der Kurz­oper „Trou­ble in Ta­hi­ti“ver­ar­bei­te­te Leo­nard Bern­stein 1951 Au­to­bio­gra­fi­sches und schuf gleich­zei­tig ein Werk von ho­her All­ge­mein­gül­tig­keit für die west­li­che Zi­vi­li­sa­ti­on des aus­ge­hen­den 20. Jahr­hun­derts.

Als Prot­ago­nis­ten bie­ten Yl­va Gru­en und Paul Guk­hoe Song ein in­ten­si­ves, an­rüh­rend-be­drü­cken­des Kam­mer­spiel über die Wahr­heit hin­ter den Fas­sa­den der Leis­tungs­ge­sell­schaft, die ein­zig ret­ten­de In­sel der Phan­ta­sie und die nicht­hei­len­de Wir­kung von Welt­flucht. Mu­si­ka­lisch und stimm­lich ist auch die­ser Teil ei­ne glän­zen­de Leis­tung, die El­b­land Phil­har­mo­nie Sach­sen prä­sen­tiert sich un­ter Lei­tung von Hans-pe­ter Preu in Best­form.

Das exis­ten­zi­el­le The­ma der Ein­sam­keit wird viel­leicht in fer­ner Zu­kunft ein­mal als ar­cha­isch für un­se­re Zeit an­ge­se­hen werden. So er­schien dem Kom­po­nis­ten der Auf­tritt eines dem griechisch­en Dra­ma ent­lehn­ten, kom­men­tie­ren­den Cho­res durch­aus an­ge­bracht. Die­se Auf­ga­be über­neh­men Kirs­ten Labon­te, Flo­ri­an Neu­bau­er und Be­ne­dikt Eder ge­sang­lich bril­lant und mit tän­ze­ri­scher Hin­ga­be, ge­führt von Ma­rie-chris­tin Zeis­set, die für die ein­falls­rei­chen und den­noch hy­gie­ne­kon­for­men Cho­reo­gra­fi­en bei­der Ins­ze­nie­run­gen ver­ant­wort­lich zeich­net.

Wäh­rend des gan­zen Abends be­glei­tet die Zu­schau­er das Mys­te­ri­um der Ana­nas. Die be­kann­ter­ma­ßen sehr ge­sun­de Frucht schwebt zu­wei­len über­di­men­sio­nal über der Sze­ne­rie. Exo­ti­sches Sym­bol der In­sel? Dis­co­ku­gel, Atom­bom­be oder gar Ab­riss­bir­ne der Zi­vi­li­sa­ti­on? Wer weiß.

Nächs­te Vor­stel­lun­gen:

25. Ok­to­ber, 19 Uhr;

12./13. No­vem­ber, 19.30 Uhr, Lan­des­büh­nen Sach­sen in Ra­de­beul www.lan­des­bue­h­nen-sach­sen.de

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FO­TOS (2): PA­WEL SOSNOWSKI „Die In­sel Tu­lip­a­tan“mit Ant­je Kahn, Andre­as Pet­zoldt und Kay Fren­zel (v.l.)
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„Trou­ble in Ta­hi­ti“mit Yl­va Gru­en, Be­ne­dikt Eder, Kirs­ten Labon­te und Flo­ri­an Neu­bau­er (v.l.)

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