Dresdner Neueste Nachrichten

Tem­pe­ra­ment und Ge­fühl

Phil­har­mo­nie un­ter Kr­zy­sz­tof Ur­bań­ski

- Von Ma­rei­le Hanns Arts · Joseph Haydn · Franz Liszt · Male, Belgium · Ludwig van Beethoven · Felix Mendelssohn-Bartholdy · Mendelssohn family

Über ein Kon­zert der Dresd­ner Phil­har­mo­nie im Kul­tur­pa­last gilt es zu be­rich­ten, das man ein­fach nur hei­ter und be­schwingt ver­ließ. Die Prot­ago­nis­ten des­sel­ben – der Pia­nist Jan Li­siecki und der pol­ni­sche Di­ri­gent Kr­zy­sz­tof Urban­ski – sind noch jung und ab­so­lu­te Aus­nah­me­kön­ner in ih­rem Fach. Und den­noch prä­sen­tier­ten sie sich we­der als Tas­ten­a­kro­bat noch als Pult­lö­we. Nein, es galt der Mu­sik und nur die­ser, mit al­ler ge­bo­te­nen Ernst­haf­tig­keit, un­ei­tel, mit ei­nem Kön­nen, das in die Tie­fe der Wer­ke lo­te­te und ganz selbst­ver­ständ­lich wirk­te. Bei­de be­fan­den sich auf ei­ner mu­si­ka­li­schen Wel­len­län­ge, in die sich die Dresd­ner Phil­har­mo­nie als glück­li­cher Drit­te oh­ne je­den Ab­strich ein­klink­te.

Den An­fang mach­te Dmi­tri Schosta­ko­witschs 1. Kla­vier­kon­zert in c-moll op. 35, das die­ser als jun­ger Mann 1933 schrieb. Es ist ein Werk vol­ler Witz, pracht­vol­ler Ef­fek­te und vor al­lem mit Kon­tras­ten ge­spickt, die den Hö­rer in ih­rer oft ab­rup­ten Viel­falt re­gel­recht über­rum­peln. Da hat Schosta­ko­witsch wohl ge­le­gent­lich an Haydn ge­dacht, schweb­te der Geist von Beet­ho­ven dar­über, gab es vir­tuo­sen Glanz wie bei Liszt, selbst­ver­ständ­lich nicht als Ko­pie, son­dern im­mer ganz Schosta­ko­witsch, dop­pel­bö­dig und in fas­zi­nie­ren­der Bunt­heit.

Ra­s­anz und pia­nis­ti­sche Dif­fe­ren­zie­rung

Jan Li­siecki be­wies in sei­ner hin­rei­ßen­den Wie­der­ga­be mit Nach­druck, dass sich blit­zen­de Ra­s­anz und pia­nis­ti­sche, sog­fäl­ti­ge Dif­fe­ren­zie­rung nicht aus­schlie­ßen müs­sen – wenn man es kann. Und Li­siecki, der mit ei­ner blen­den­den Tech­nik, ei­nem un­glaub­lich fle­xi­blen An­schlag und ge­stal­te­ri­scher Glaub­haf­tig­keit ge­seg­net ist, kann so et­was eben. See­len­lo­ses Tas­ten­ge­don­ne­re ist Li­sie­ckis Sa­che nicht (glück­li­cher­wei­se), so per­fekt vir­tu­os er z.b. auch den irr­wit­zi­gen Schluss­satz zu Ge­hör brach­te.

Der phil­har­mo­ni­sche So­lo­trom­pe­ter Andre­as Jainz – Schosta­ko­witsch 1. Kla­vier­kon­zert sieht als zwei­ten So­lis­ten ei­nen Trom­pe­ter vor – brach­te sich als glanz­vol­ler, fa­cet­ten­reich und un­er­müd­lich auf­spie­len­der Part­ner ein. Die Dresd­ner Phil­har­mo­ni­ker und Kr­zy­sz­tof Urban­ski lie­ßen sich vom Ver­ve, vom Tem­pe­ra­ment der In­ter­pre­ta­ti­on mit­rei­ßen und ris­sen sel­ber mit. Punkt­ge­nau, wie aus ei­nem Guss! Kein Wun­der, dass der letz­te Satz wie­der­holt werden muss­te. Schosta­ko­witsch und die Dresd­ner Phil­har­mo­nie – das passt zu­sam­men, wie auch die­se Wie­der­ga­be deut­lich zeig­te.

Kei­ne gro­ßen, über­bor­den­den Ges­ten

Hat­te Kr­zy­sz­tof Urban­ski schon bei Schosta­ko­witsch mit sei­ner un­auf­ge­reg­ten Aus­strah­lung über­zeugt, mit dem Ein­druck, wie sehr er die auf­zu­füh­ren­de Mu­sik ver­in­ner­licht hat, ihr zu­ge­tan ist, so gilt das auch und ganz be­son­ders für Fe­lix Men­dels­sohn Bar­thol­dys le­bens­sprü­hen­de 4. Sin­fo­nie A-dur op. 90, der „Ita­lie­ni­schen“. Urban­ski brauch­te kei­ne gro­ßen, über­bor­den­den Ges­ten, um die Phil­har­mo­ni­ker auf sei­ne in­ter­pre­ta­to­ri­sche Sei­te zu zie­hen. Ele­ganz, Fein­sinn und De­tail­be­wusst­sein sind seins, spru­delnd, tem­pe­ra­ment­voll, vol­ler Plas­ti­zi­tät.

Das Orches­ter ging mit En­ga­ge­ment und Klang­schön­heit aus sich her­aus. Herr­lich die Blä­ser, sam­ten und fle­xi­bel der Strei­cher­tep­pich! So arg stra­pa­ziert Men­dels­sohn Bar­thol­dys 4. Sin­fo­nie in den di­ver­sen Kon­zert­pro­gram­men auch ist, wenn sie so un­ge­bremst le­ben­dig und prä­zi­se mu­si­ziert wird, nicht hek­tisch (Fi­na­le) und so un­ge­heu­er schmei­chelnd im An­dan­te, so herr­lich le­ben­dig im Kopf­satz – meint man sie zum ers­ten Ma­le zu hö­ren.

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