Dresdner Neueste Nachrichten

Au­then­tisch, echt, le­bens­nah

Chris­ti­an Thiele­mann und die Säch­si­sche Staats­ka­pel­le Dres­den ze­le­brie­ren ih­re drit­ten Beet­ho­ven-abend.

- Von Wolf­ram Qu­ell­malz Ludwig van Beethoven · Dresden

Mit der Auf­füh­rung der 6. und 7. Sin­fo­nie setzt Chris­ti­an Thiele­mann der­zeit sei­nen Beet­ho­ven-zy­klus mit der Staats­ka­pel­le Dres­den in der Sem­per­oper fort. „Ein epi­sches Mai­en­grün und ent­fes­sel­te Ener­gi­en“hat er das Pro­gramm in sei­nem ge­ra­de er­schie­ne­nen Buch „Mei­ne Rei­se zu Beet­ho­ven“über­ti­telt (DNN be­rich­te­ten), und sagt es da­mit so tref­fend, wie sich aus die­ser Sicht ein In­ter­pre­ta­ti­ons­an­satz ab­lei­ten lässt (bzw. zwei). Mit dem Ti­ta­nen Beet­ho­ven muss man um­sich­tig um­ge­hen, darf we­der zu viel Ge­schrei in den Tri­umph le­gen noch zu viel Kuh­glo­cken­ge­läut ins Pas­to­ra­le. Nach dem Ge­wit­ter (6. Sin­fo­nie) dür­fe man „nicht zu viel hin­ein­ge­heim­nis­sen“, ver­rät Thiele­mann un­ter an­de­rem.

Und so ge­rät Beet­ho­ven un­ter sei­nen Hän­den nicht in Ge­fahr, zu bild­haft zu er­schei­nen, trotz An­kunft auf dem Lan­de, Bach, Ge­wit­ter und Ge­tier. Auf den Wohl­klang al­lein kommt es dem Di­ri­gen­ten nicht an – er ver­fügt dar­über, setzt ihn ein, lockt ihn her­vor, formt ihn – im­mer­zu neu. Die „An­kunft auf dem Lan­de“ist we­ni­ger Na­tur­schil­de­rung denn Akt der Be­frei­ung, des Au­f­at­mens – der Blick wei­tet sich. Ge­ra­de in der Gestal­tung von Tem­po und Dy­na­mik zeig­te sich der Chef­di­ri­gent der Staats­ka­pel­le wie­der als Meis­ter, ließ das Al­le­gro ma non trop­po wach­sen, form­te das Cre­scen­do sau­ber aus, über dem Flö­te (Sa­bi­ne Kit­tel) und Oboe (Cé­li­ne Moi­net) schweb­ten, oh­ne dass es da­zu Kraft be­durft hät­te. Spä­ter wur­de der Klang von Hör­nern ver­gol­det, doch selbst im Tut­ti er­hielt Thiele­mann ei­ne präch­ti­ge und poin­tier­te Leich­tig­keit, die je­des ma­le­ri­sche Idyll an­ge­staubt er­schei­nen ließ.

Den zwei­ten Satz nahm er ge­las­sen, über die ge­sam­te Län­ge schien er ein we­nig ge­tra­gen, doch fo­kus­sier­te Thiele­mann sein Orches­ter mit ei­ner win­zi­gen Fer­ma­te, oh­ne ei­nen Mo­ment des Still­stands zu pro­vo­zie­ren. Köst­lich klan­gen Oboe, Flö­te, Kla­ri­net­te und Fa­gott im Quar­tett über den Strei­chern! Ge­schlos­sen, schlüs­sig dann die Sät­ze drei bis fünf, die wei­te We­ge (oder vie­le Bil­der) um­fass­ten, vom Zu­sam­men­sein der Land­leu­te über ein Ge­wit­ter in ein Son­nen­strah­len­tre­mo­lo voll fro­her, dank­ba­rer Ge­füh­le mün­de­ten.

Auch die 7. Sin­fo­nie bot die Ka­pel­le nicht ein­di­men­sio­nal „po­si­tiv“, son­dern als va­ri­an­ten­rei­che, feu­ri­ge und mit­rei­ßen­de Idee. Ge­ra­de­zu ka­val­le­ris­tisch (im po­si­ti­ven Sinn) war das Be­gin­nen der schnel­le­ren Sät­ze, der zwei­te hob leicht und recht flott an – ein Al­le­gret­to ist eben kein Ad­a­gio, zeig­te Thiele­mann und nahm von hier An­lauf, die Va­ria­tio­nen reich zu ge­stal­ten. In nu­an­cier­ten Stu­fun­gen ging er her­ab, ver­hielt ein­mal in fast tra­gi­schem Ges­tus – um­stür­zen­de Mo­men­te wie je­ne Zeit der Ent­ste­hung

der Sin­fo­nie wol­len durch­dacht, be­dacht sein. Was die Va­ria­tio­nen be­rei­cher­te, war, dass sie nicht von den Kon­tras­ten al­lein leb­ten. Die Staats­ka­pel­le folg­te je­der Ve­räs­te­lung bis ins Feins­te, das Pres­to un­ter­strich den po­si­ti­ven Cha­rak­ter mit fröh­li­cher Hand vor dem tri­um­pha­len Fi­na­le.

Und die Tem­pi? Ge­ra­de dar­aus, sich nicht al­lein auf de­ren An­pas­sung, auf Be­schleu­ni­gung und Ver­lang­sa­mung zu ver­las­sen und ein schnell = laut oder lang­sam = lei­se zu ver­mei­den, folg­ten sub­stan­ti­ell ge­stal­te­ri­sche Mo­men­te. Thiele­manns Beet­ho­ven lässt sich nicht mit ei­ner Cha­rak­te­ri­sie­rung al­lein fest­le­gen, er ist au­then­tisch, echt, le­bens­nah.

Noch­mal heu­te und mor­gen, je­weils 20 Uhr, Sem­per­oper.

MDR Kul­tur über­trägt das drit­te Kon­zert am Di­ens­tag ab 20.05 Uhr.

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