Dresdner Neueste Nachrichten

Fa­cet­ten­reich wie lan­ge nicht mehr

Die ak­tu­el­le Di­plom­aus­stel­lung an der Hoch­schu­le für Bil­den­de Kunst Dres­den kann über­zeu­gen.

- Von Adi­na Rieck­mann Arts · Pentagon · Dresden · Unilever NV · Alva Noto · Dresden Academy of Fine Arts · Hochschule für bildende Künste Hamburg

Ein lee­rer Raum, an den Wän­den acht Pa­nee­le, ei­ne Pe­da­le am Bo­den. Wer sei­nen Fuß dar­auf setzt, ist mit­ten­drin in dem Sound, ist ihm ge­ra­de­zu aus­ge­lie­fert. Kin­der­schreie, Droh­nen, Bau­stel­len­lärm, was auch im­mer. Wer sich die­sen zehn Mi­nu­ten aus­setzt, macht ei­ne span­nen­de kör­per­li­che Er­fah­rung. Es scheint, als wür­de man sich in ei­nem bild­haue­ri­schen Ma­te­ri­al be­we­gen, als sei man Teil da­von. Aus je­dem der selbst­ge­bau­ten wei­ßen Ka­nä­le kommt ein an­de­rer Klang, man schreibt so­zu­sa­gen sei­ne ei­ge­ne Ins­ze­nie­rung.

Fe­lix Er­ma­co­ra ist mit sei­ner Klang­plas­tik „Im­plo­si­on“im Ate­lier 103 et­was sehr Be­mer­kens­wer­tes ge­lun­gen. Wer Ent­gren­zung am ei­ge­nen Leib er­fah­ren will, hier ist es mög­lich. Denn al­le fes­ten Struk­tu­ren sind auf­ge­ho­ben, Raum und Zeit auf­ge­löst. Und so er­zeugt die­se Klang­plas­tik un­be­ding­ten Hand­lungs­druck, zwingt ei­nen ge­ra­de­zu zur ei­ge­nen Po­si­ti­ons­be­stim­mung.

Pro­jek­ti­ons­flä­chen

Hund. Wan­ne. Gru­ben­wa­gen. St­ei­ne. Sen­sen. Bom­ber­ja­cken. Das ist das, was man sieht im Ok­to­gon. Der Rest ist das ur­al­te Spiel, ich se­he das, was du nicht siehst, und das ist: Ge­walt. Der Hund fletscht die Zäh­ne, gleich wird er ei­nen an­sprin­gen. Wie die Sen­sen­män­ner mit den Bom­ber­ja­cken. Mar­tia­lisch ste­hen sie da, war­ten nur auf das Si­gnal. Dann schla­gen sie los – ins Ge­sicht, in die Weich­tei­le, im­mer und im­mer wie­der. Ir­gend­ei­ner greift sich die St­ei­ne und fängt an zu wer­fen. Mit­ten in die Men­ge hin­ein. Schreie gel­len durch den Raum. Wun­den klaf­fen, Blut, wo­hin man sieht.

Blut? Wo? Man sieht nur Erd­beer­saft oder was auch im­mer, aber kein Blut. Der Hund soll ge­fähr­lich sein? Der? Die­ses far­ben­fro­he Et­was? Nie­mals. „Pas­siv/ag­gres­siv“heißt der Ti­tel die­ser Ar­beit von Wil­ly Schulz, und sie zwingt da­zu, al­te Denk­mus­ter bei­sei­te zu schie­ben, Pro­jek­ti­ons­flä­chen neu zu den­ken.

Wel­len über Wel­len – vom Meer, vom Wind, vom Rau­schen. Drei über­di­men­sio­na­le Blät­ter, ein rie­si­ger Ra­dio­graph mit­ten im Pen­ta­gon Ost. Hin­ge­stellt hat ihn Ste­fan Schleup­ner. Er kon­fron­tiert den Be­trach­ter mit nichts Ge­rin­ge­rem als mit dem, was wir Men­schen nicht fas­sen kön­nen, nicht ver­ste­hen. Sei­ne Ma­schi­ne zeich­net Ra­dio­lang­wel­len auf elek­tro­ma­gne­ti­sche Wel­len mit Wel­len­län­gen zwi­schen 1000 und 10 000 Me­tern. In­ter­na­tio­nal werden die Lang­wel­len­sen­der all­mäh­lich ab­ge­schal­tet. Der Deutsch­land­funk zum Bei­spiel stell­te die Aus­strah­lung auf 153 khz zum 31. De­zem­ber 2014 ein. Nur we­ni­ge In­sti­tu­tio­nen, wie Ge­heim­diens­te, nut­zen den Lang­wel­len­be­reich noch. So kommt, dass man haupt­säch­lich nur noch kos­mi­sches Rau­schen und elek­tro­ma­gne­ti­sche Win­de hö­ren kann, ge­nau­er ge­sagt, emp­fängt. Die­ses Rau­schen aber, das ist das, was die Ma­schi­ne von Ste­fan Schleup­ner auf­zeich­net. Wer sich auf die­ses Ge­dan­ken­spiel, auf sei­ne Ar­beit „Ra­dio-pro­fil“ein­lässt, der liest das, was aus­sieht wie Mee­res­wel­len, als ei­nen Gruß aus dem Uni­ver­sum. Ei­ne fas­zi­nie­ren­de Vor­stel­lung.

Ob die­ser Weg – die en­ge Wen­del­trep­pe hin­un­ter – schon zur Ar­beit von Ron­ja Som­mer ge­hört? Und was er­war­tet ei­nen dort un­ten – in die­sem ge­schlos­se­nen drei­ecki­gen Hof? Con­tai­ner über Con­tai­ner. Erst hört man die Klopf­zei­chen, dann die Alt­stim­me, den sa­kra­len Ge­sang. Dann sieht man die of­fe­ne Tür. Und man weiß schon vor­her, hier war­tet das Schreck­li­che auf ei­nen, das, was man nie se­hen möch­te, gern ver­drän­gen will. Ein al­tes Schwarz-weiß-fo­to stark ver­grö­ßert: Göt­ter in Weiß, as­sis­tiert von drei Frau­en, ste­hen um ei­nen Tisch, auf dem ein Leich­nam liegt. So­fort stel­len sich As­so­zia­tio­nen ein. „Hid­den Angles“heißt die­se star­ke Ar­beit, die im Be­trach­ter ein un­be­hag­li­ches Schwin­gen aus­löst.

Ei­ne Art Su­che

Fünf Holz­rah­men ste­hen auf So­ckel­fü­ßen frei hin­ter­ein­an­der im Pen­ta­gon Ost. Die Rah­men sind mit Kett­fä­den aus creme­wei­ßem Baum­woll­garn be­spannt und mit meh­re­ren For­men in bun­ter Wol­le be­webt. Man kann sie als abs­trak­te Zeich­nun­gen le­sen, die al­le zu­sam­men ein Raum­bild er­ge­ben. Man kann aber auch dem Ti­tel fol­gen: „See­king The Sphe­res To Con­nect Them“(„Auf der Su­che nach den Sphä­ren, um sie zu ver­bin­den“). Dann ent­deckt man in den Mus­tern nicht nur ei­nen Rhyth­mus , son­dern auch ge­web­te Mu­sik, Com­pu­ter­codes und Chif­fren. Na­di­ne Glas hat sich von ei­ner Zei­le aus dem Walt Whit­mans Ge­dicht „A noi­se­l­ess pa­ti­ent Spi­der“in­spi­rie­ren las­sen und bie­tet mit ih­rer Ar­beit ei­ne Art Su­che an. Die Künst­le­rin be­zieht den Be­trach­ter mit ein, macht ihn zum Teil des Spiels. Je nach­dem, von wel­chem Stand­punkt aus man die Holz­rah­men be­trach­tet, ver­we­ben sich die Chif­fren zu neu­en Bil­dern, zu neu­en Er­klä­rungs­mus­tern.

Die­se fünf Ar­bei­ten von Schü­lern aus den Klas­sen von Cars­ten Ni­co­lai, Wil­helm Mundt, Su­san Phi­lipsz und An­ton Hen­ning ste­hen für die ho­he Qua­li­tät der dies­jäh­ri­gen Di­plom­aus­stel­lung der Hoch­schu­le für Bil­den­de Küns­te Dres­den. 36 Ab­sol­ven­tin­nen und Ab­sol­ven­ten zei­gen auf un­ter­schied­li­che Art und Wei­se, was sie in­ter­es­siert, an­treibt und be­wegt. Nun, es muss ei­nem nicht al­les ge­fal­len, man­ches scheint zu viel ge­wollt, zu we­nig ein­ge­löst, zu pom­pös, gar sim­pel.

Doch eines kann man die­sem Jahr­gang nicht ab­spre­chen: Ernst­haf­tig­keit für sein ei­ge­nes Tun und Schaf­fen, Mut zum Ri­si­ko, zu Groß­for­ma­ten und auch zu ge­sell­schafts­re­le­van­ten The­men. Co­ro­nabe­dingt wur­de die Di­plom­aus­stel­lung auf den Herbst ver­scho­ben, fast scheint das ein Glücks­fall zu sein. So kon­zen­triert, fa­cet­ten­reich, span­nend hat die Au­to­rin schon lan­ge nicht mehr ein Di­plom an der Dresd­ner Kunst­hoch­schu­le ge­se­hen.

Auch nicht solch ei­nen wun­der­bar ku­ra­tier­ten Raum wie den Pen­ta­gon Süd. Drei star­ke Ar­bei­ten von Stu­den­tin­nen aus den Klas­sen Chris­ti­an Ma­cketanz, Chris­ti­an Se­ry und Cars­ten Ni­co­lai. Von un­glaub­lich ma­le­ri­scher Qua­li­tät die Sand­stein­for­ma­tio­nen von Eri­ka Rich­ter, prä­zis, emo­tio­nal auf­ge­la­den zugleich. Hier wird sehr schnell klar, die Künst­le­rin will al­les zei­gen, nur nicht das Post­kar­ten­mo­tiv, die schö­ne Land­schaft. Ih­re „Ero­sio­nen“sind statt­des­sen nichts an­de­res als Por­träts – von Stein­for­ma­tio­nen zu ver­schie­de­nen Jah­res­zei­ten. Das Por­trät aber macht die ver­stei­ner­te Ewig­keit zu ei­nem Mo­ment, hält die gi­gan­ti­sche Zeit­span­ne fest.

Sol Nam­gung bril­liert mit ei­ner ganz ei­ge­nen, fri­schen Über­set­zung des Vo­ka­bu­lars der Abs­trak­ti­on der klas­si­schen Mo­der­ne, mit Ge­mäl­den mit selt­sa­men Ti­teln wie „Früh­stück“, „Ego 2020“oder „Guck­kas­ten“. Zu se­hen sind re­du­zier­te, aber far­ben­fro­he Ge­mäl­de, die geo­me­tri­sche, fi­gür­li­che und künst­lich or­ga­nisch an­mu­ten­de Ele­men­te kom­bi­nie­ren. Künst­ler­exis­ten­zen Un­ter­schied­li­cher kön­nen ma­le­ri­sche Po­si­tio­nen kaum sein. Bei­de aber fü­gen sich – wie da­für ge­macht – in das Di­plom von Vik­to­ria Kur­ni­cki ein. „Im­mer nur ei­ne An­nä­he­rung“nennt sie ih­re Spie­gel-schrift-in­stal­la­ti­on. Sie zeigt nichts an­de­res als die Län­ge eines Ge­dan­ken­flus­ses, als ei­ne um­ge­setz­te Re­fle­xi­on über die ei­ge­ne Ar­beit. Wenn man es ge­nau nimmt, ist die Künst­le­rin die erste an der Aka­de­mie, die über ihr Di­plom schreibt – Zei­le für Zei­le, Satz für Satz, Ge­dan­ke für Ge­dan­ke.

Der dies­jäh­ri­ge Di­plom­preis des Freun­des­krei­ses der Hoch­schu­le ging üb­ri­gens an Lea Zepf aus der Klas­se Mar­tin Ho­nert für „Das Drit­te Stand­bein“, ei­ne In­stal­la­ti­on frei nach dem Sur­rea­lis­ten Re­né Mag­rit­te, ein Nach­den­ken über Künst­ler­exis­ten­zen im Heu­te 2020. Ver­dient hät­ten ihn in die­sem Jahr – so die Au­to­rin – meh­re­re Ab­sol­ven­tin­nen und Ab­sol­ven­ten. Über­zeu­gen da­von kann man sich noch bis zum 1. No­vem­ber.

Di­plom­aus­stel­lung 2020, Ok­to­gon. Kunst­hal­le der HFBK Dres­den, Zu­gang über Ge­org-treu-platz, Di- So 11-18 Uhr www.hfbk-dres­den.de

 ?? FO­TO: ADI­NA RIECK­MANN ?? „Im­mer nur ei­ne An­nä­he­rung“nennt Vik­to­ria Kur­ni­cki ih­re Spie­gel-schrift-in­stal­la­ti­on
FO­TO: ADI­NA RIECK­MANN „Im­mer nur ei­ne An­nä­he­rung“nennt Vik­to­ria Kur­ni­cki ih­re Spie­gel-schrift-in­stal­la­ti­on

Newspapers in German

Newspapers from Germany