Dresdner Neueste Nachrichten

Die klei­nen Ris­se be­ob­ach­ten

Da­nie­la Danz stellt ih­ren neu­en Ge­dicht­band „Wild­niß“in Dres­den vor.

- Von Patrick Beck Arts · Poetry · Literature · Auch · Thuringia · Chernobyl · Ford Motor Company · Nice · Berlin · Dresden · Chernobyl Nuclear Power Plant

Wie groß die Vor­rä­te auch sind, ir­gend­wann sind sie auf­ge­braucht. So sehr man auch sucht, nichts ist mehr zu fin­den. Auch die Vor­rä­te, die uns die Er­de bie­tet, werden ir­gend­wann ver­braucht sein. Die Erd­öl­vor­kom­men werden ir­gend­wann er­lö­schen, die Re­gen­wäl­der werden ab­ge­holt sein, die Mee­re leer­ge­fischt, das Land ver­strahlt und al­ler Sau­er­stoff in Koh­len­di­oxid ver­wan­delt. Zu­rück bleibt ein ge­plün­der­ter Wüs­ten­pla­net, ein kos­mi­sches Brach­land.

Die in Kra­nich­feld in Thü­rin­gen le­ben­de Au­to­rin Da­nie­la Danz nutzt in ih­rem neu­en Ge­dicht­band „Wild­niß“die Welt als St­ein­bruch für ih­re Ge­dich­te. Das be­ginnt be­reits beim Ti­tel „Wild­niß“. Da­nie­la Danz hat ihn, wie im Buch nach­zu­le­sen ist, Fried­rich Höl­der­lins hym­ni­schen Ge­dicht­ent­wurf „Wenn aber die Himm­li­schen ...“ent­nom­men: „Und dem Bran­de gleich, / Der Häu­ßer ver­zeh­ret, schlägt / Em­por, acht­los, und scho­net / Den Raum nicht, und die Pfa­de be­de­ket, / Weit­gäh­rend, ein damp­fend Ge­wölk / die un­be­hol­fe­ne Wild­niß…“Die­ses Zi­tat stellt Da­nie­la Danz ih­rem Ka­pi­tel „Kas­ka­den“vor­an. Da­bei lässt sie al­ler­dings Höl­der­lins nächs­te Zei­le weg, und das ist die ent­schei­den­de Zei­le: „So will es gött­lich schei­nen.“In den Ge­dich­ten von Da­nie­la Danz fin­det sich al­ler­dings nichts Gött­li­ches, nichts Tran­szen­den­tes. Höl­der­lins „Wild­niß“bleibt hier nur ein Ma­te­ri­al­stein­bruch.

Wei­te­res Ma­te­ri­al fin­det Da­nie­la Danz et­wa in der ukrai­ni­schen Stadt Pry­pjat, ur­sprüng­lich, wie in den An­mer­kun­gen auf­ge­führt, die „Ar­bei­ter­stadt für das Kern­kraft­werk Tscher­no­byl, ... seit dem Re­ak­tor­un­glück 1986 we­gen der ho­hen Strah­len­be­las­tung ver­las­sen“. Im Ge­dicht schreibt sie: „wir ha­ben kei­nen Na­men sonst für die Kie­fern / de­ren Stäm­me nicht ver­rot­ten für das un­term Gras / ver­bor­ge­ne nu­klea­re Ma­te­ri­al wir ha­ben über­haupt / zu we­nig Na­men um was wir se­hen zu be­nen­nen“. Ein wei­te­res Ge­dicht the­ma­ti­siert das Us-ame­ri­ka­ni­sche Pro­ject West Ford, zu dem die An­mer­kun­gen er­klä­ren: „ex­pe­ri­men­tel­les Kom­mu­ni­ka­ti­ons­sys­tem, bei dem in den Jah­ren 1961-63 480 Mil­lio­nen win­zi­ger Kup­fer-di­po­l­an­ten­nen im Welt­raum aus­ge­setzt wur­den“. Im Ge­dicht heißt es: „ich schi­cke dir das Bild / auf dem die Er­de un­ter dir blau und wun­der­bar / und ma­le­risch von un­se­rem Schrott ge­rahmt ist“.

Ein gan­zes Lang­ge­dicht mit dem Ti­tel „Stadt der Avant­gar­de“, das ein ei­ge­nes Ka­pi­tel des Bu­ches ein­nimmt, the­ma­ti­siert die rus­si­sche Stadt Be­res­ni­ki. Un­ter­höhlt von ei­nem Ka­li­berg­werk, kommt es im­mer wie­der zu Ta­ges­brü­chen, senkt sich die Stadt im­mer wei­ter ab. „sit­zen bis zum Ver­rückt­wer­den, die klei­nen Ris­se be­ob­ach­ten“, schreibt Da­nie­la Danz. Eben­so fin­den sich in dem Band Ge­dich­te zur Zer­stö­rung der Rui­nen Nim­ruds durch den IS, zu den mit ei­nem LKW ver­üb­ten An­schlä­gen von Niz­za und Ber­lin, so­wie, ob­wohl das Buch ge­ra­de erst er­schie­nen ist, vier Co­ro­na-ge­dich­te. Hier er­kennt man ei­ne Ein­heit zwi­schen dem In­halt der Ge­dich­te und ih­rem Ma­te­ri­al: So wie die Er­de oh­ne Rück­sicht auf die Fol­gen mehr und mehr aus­ge­beu­tet wird, so werden die Er­eig­nis­se der heu­ti­gen Zeit als St­ein­bruch für die Ge­dich­te, als blo­ßes Ma­te­ri­al ver­wen­det. Oder, an­ders ge­wen­det, vie­le Ge­dich­te ba­sie­ren auf von den Me­di­en ver­mit­tel­ten In­for­ma­tio­nen.

Wild­nis, das ist in die­sen Ge­dich­ten we­ni­ger die von den Men­schen un­be­rührt ge­blie­be­ne Na­tur. Die Wild­nis ist da zu fin­den, wo der Mensch glaubt, die to­ta­le Kon­trol­le über sein Han­deln und über die Fol­gen sei­nes Han­delns zu ha­ben, tat­säch­lich aber be­reits die Grund­la­ge für un­be­herrsch­ba­ren Fol­gen sei­nes Tuns legt. In­so­fern sind die Ge­dich­te von Da­nie­la Danz von Me­lan­cho­lie und Welt­schmerz be­stimmt. „wir stö­ren al­les im­mer­zu“, schreibt sie im Ge­dicht.

Am Di­ens­tag, 19.30 Uhr, liest Da­nie­la Danz im Land­haus Dres­den in der Rei­he „Li­te­ra­ri­sche Al­pha­be­te“

 ??  ?? Da­nie­la Danz: „Wild­niß“, Ge­dich­te, Wall­stein Ver­lag, 86 Sei­ten, 18 Eu­ro
Da­nie­la Danz: „Wild­niß“, Ge­dich­te, Wall­stein Ver­lag, 86 Sei­ten, 18 Eu­ro

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