Dresdner Neueste Nachrichten

Fa­cet­ten ei­ner Kul­tur­land­schaft

Das neue Jahr­buch des Lan­des­am­tes für Denk­mal­pfle­ge war­tet mit vie­len in­ter­es­san­ten Auf­sät­zen zu den un­ter­schied­lichs­ten The­men auf. Im Fo­kus steht auch ein schwie­ri­ges Er­be: Kriegs­denk­mä­ler.

- Von Chris­ti­an Ruf Arts · Weimar Republic · Stein, St. Gallen · Dresden · Chemnitz · Auch · Martin · East Germany · Saxony · Russia · Ukraine · Berlin · Leipzig · Gorlitz · Meissen · Colditz · Radebeul · Wurzen · Vladimir Lenin · Sandstein Verlag · Rotha · Schilling & Graebner

Die äs­the­ti­sche Form eines Denk­mals kam be­reits in der An­ti­ke auf. In Band III sei­ner „Theo­rie der Gar­ten­kunst“hielt Chris­ti­an Cay Lo­renz Hirsch­feld 1780 schon fest: „Mo­nu­men­te oder Denk­mä­ler sind wirk­sa­me Mit­tel, das An­den­ken ei­ner Per­son oder ei­ner Be­ge­ben­heit für die Nach­kom­men­schaft zu er­hal­ten... al­lein die Grie­chen be­sa­ßen sie in ei­ner Men­ge und Schön­heit, als vor ih­nen noch kei­ne, von den Küns­ten auf­ge­klär­te, Na­ti­on sie ge­se­hen hat­te. Schon früh be­lohn­ten sie Stär­ke und Tap­fer­keit mit Sta­tu­en und an­de­ren öf­fent­li­chen Eh­ren­mäh­lern ...“

Die Qu­el­len des Denk­mals wa­ren Re­li­gi­on, Ruhm und To­ten­kult. Die­se Tri­as war auch die Ba­sis für all die Kriegs­denk­mä­ler, die nach dem Ers­ten Welt­krieg (1914–1918) ent­stan­den, so­wohl bei den Ver­lie­rern als auch den Sie­gern des vier­jäh­ri­gen Ge­met­zels, in das bei­de Sei­ten an­fangs mit viel Hur­ra (das Bild sug­ge­rier­te je­den­falls die Pro­pa­gan­da) ge­zo­gen wa­ren.

Zu­min­dest in der Bun­des­re­pu­blik, wo, von Aus­nah­men ab­ge­se­hen, die Ge­schichts­ver­ges­sen­heit gras­siert, sind die Krie­ger­denk­mä­ler, die wäh­rend der Wei­ma­rer Re­pu­blik ent­stan­den, mitt­ler­wei­le ein eher un­ge­lieb­tes Er­be. Nicht sel­ten sind sie nicht nur ver­ges­sen, son­dern auch ver­wit­tert und ver­fal­len. Nun lässt sich über die Funk­tio­na­li­sie­rung von To­ten und ei­ne un­kri­ti­sche Hel­den­ver­eh­rung ge­wiss dis­ku­tie­ren, aber Krie­ger­denk­mä­ler kön­nen nach­fol­gen­den Ge­ne­ra­tio­nen ins Be­wusst­sein ru­fen, dass ein Krieg nichts Abs­trak­tes ist, son­dern sehr rea­le Wun­den in Fa­mi­li­en und Ort­schaf­ten hin­ter­lässt. Je­der Na­me eines Kriegs­to­ten steht für ein kon­kre­tes Schick­sal. Mag sein, dass ein in St­ein ge­mei­ßel­tes oder Bron­ze ge­gos­se­nes Ge­den­ken an­ti­quiert ist. Aber selbst wenn es so wä­re: Auch wie frü­he­re Ge­ne­ra­tio­nen mit der Er­in­ne­rung um­ge­gan­gen sind, ge­hört zu un­se­rem kul­tu­rel­len Er­be.

Al­te Kir­chen mu­tier­ten zu Ge­dächt­nis­kir­chen für Ge­fal­le­ne Mit – zu­min­dest ei­ni­gen – Ge­denk­stät­ten für die Ge­fal­le­nen des Ers­ten Welt­krie­ges in Sach­sens setzt sich nun der Kunst­his­to­ri­ker und lang­jäh­ri­ge säch­si­sche Lan­des­kon­ser­va­tor Hein­rich Ma­gi­ri­us in ei­nem Auf­satz aus­ein­an­der, der im un­längst er­schie­ne­nen Jahr­buch 2019 des Lan­des­am­tes für Denk­mal­pfle­ge Sach­sen er­schie­nen ist. In der Pu­bli­ka­ti­on be­rich­ten in be­währ­ter Ma­nier Kunst­his­to­ri­ker, Ar­chi­tek­ten, Land­schafts­ar­chi­tek­ten und Re­stau­ra­to­ren über Kul­tur­denk­mä­ler der säch­si­schen Kul­tur­land­schaft, wo­bei ne­ben den Groß­städ­ten Dres­den, Leip­zig und Chem­nitz auch der länd­li­che Raum durch ein­drucks­vol­le Denk­mä­ler ver­tre­ten ist.

Ma­gi­ri­us je­den­falls ver­mit­telt, dass schon in den ers­ten Kriegs­jah­ren sei­tens der Mit­glie­der des Lan­des­ver­eins Säch­si­scher Hei­mat­schutz über­legt wur­de, wie man wohl der Ge­fal­le­nen in der Hei­mat ge­den­ken könn­te. Klar war rasch, dass man auf Sie­ges­mo­nu­men­te in Form von Py­ra­mi­den, Säu­len und Obe­lis­ken, wie sie für die Krie­ger von 1870/71 en vogue ge­we­sen wa­ren, nicht zu­grei­fen woll­te. Auch das Über­maß der Pflan­zung von „deut­schen“Bäu­men, vor al­lem Ei­chen, emp­fand man als un­zu­rei­chend. Schon früh schlug man die Ver­wen­dung von Zweit­kir­chen als Ge­dächt­nis­kir­chen vor – vor al­lem in rasch ge­wach­se­nen (In­dus­trie-)or­ten hat­te man ja oft neue Kir­chen er­baut, wäh­rend die his­to­risch ei­gent­lich in­ter­es­san­te­re Kir­che mehr oder min­der leer stand. So­wohl die Ni­ko­lai­kir­che in Gör­litz als auch die in Mei­ßen wur­de dann als Krie­ger­ge­dächt­nis­kir­che um­ge­stal­tet, eben­so die in Col­ditz, wo­bei es in die­sem Fall der Dresd­ner Ar­chi­tekt Os­win Hem­pel war, der die Ni­ko­lai­kir­che um­ge­stal­te­te.

Was fi­gür­li­che Krie­ger­denk­mä­ler an­geht, wid­met sich Ma­gi­ri­us u.a. dem Denk­mal an der Mar­tin-lu­ther­kir­che in Dres­den so­wie auch dem vom Bild­hau­er Ge­org Wr­ba und dem Ar­chi­tek­ten Emil Högg ge­schaf­fe­nen Eh­ren­hain an der Lu­ther­kir­che in Ra­de­beul. Von Wr­ba stammt auch das 1930 ein­ge­weih­te Bron­ze­denk­mal eines auf­ge­bahr­ten Krie­gers in Wur­zen am Bahn­hofs­vor­platz, wo­bei die ar­chi­tek­to­ni­sche Gestal­tung des als Pfei­ler­hal­le ge­stal­te­ten Ge­samt­mo­nu­ments auf den schon er­wähn­ten Os­win Hem­pel zu­rück­geht und trotz ein­deu­tig pa­trio­ti­scher Bot­schaft al­le Bil­der­stür­me über­stan­den hat, so­gar die DDR-ZEIT, in der sonst so vie­les „ge­schlif­fen“wur­de, was ideo­lo­gisch nicht ins Kon­zept pass­te.

Fest­ge­hal­ten wird von Ma­gi­ri­us auch, dass sich in Sach­sen nur sel­ten der in den 1920er- und 39er-jah­ren am häu­figs­ten ver­wen­de­te Ty­pus eines Krie­ger­denk­mals fin­det, der auf­ge­bahr­te Sol­da­ten in vol­ler Uni­form und mit Stahl­helm zeigt. Mit Be­frem­den nimmt Ma­gi­ri­us den „Miss­brauch von Bi­bel­sprü­chen“zur Kennt­nis, was von Zeit­ge­nos­sen da­mals mit Si­cher­heit mit­nich­ten als sol­cher emp­fun­den wor­den sein dürf­te. Und wenn Ma­gi­ri­us ob Denk­mä­lern in Gestalt „jun­ger Kraft­prot­ze mit Waf­fen“in der Hand schreibt „Auch durch­aus po­ten­te Bild­hau­er wie Ge­org Kol­be wa­ren sich nicht zu scha­de, solche Denk­mä­ler zu pro­du­zie­ren“, zeigt sich, wie sehr er die Vor­stel­lun­gen des heu­ti­gen, durch­aus auch sei­ne ei­ge­nen Dog­men set­zen­den Zeit­geists ver­in­ner­licht hat.

Noch ein ganz an­ders ge­ar­te­tes Denk­mal steht dann im Fo­kus des Bei­trags von Tim Tep­per: Näm­lich das an sich für das Staats­zen­trum der DDR in (Ost-)ber­lin ge­dach­te Mar­xen­gels-denk­mal, das heu­te den Platz der Op­fer des Fa­schis­mus in Chem­nitz „schmückt“. Wäh­rend in der von Russ­land an­ge­grif­fe­nen Ukrai­ne in jüngs­ter Zeit über 1300 Le­nin-denk­mä­ler und sons­ti­ge Göt­zen der So­wjet­dik­ta­tur von Ak­ti­vis­ten vom So­ckel ge­holt oder per Stadt­rats­be­schluss ent­sorgt so­wie über 50 000 Stra­ßen um­be­nannt wur­den, auf dass sie nicht mehr an die von den meis­ten nur noch als un­se­lig emp­fun­de­ne kom­mu­nis­ti­sche Ver­gan­gen­heit er­in­nern, hat in Chem­nitz nicht nur der „Ni­schel“die Zei­ten über­dau­ert, son­dern auch die­se künst­le­risch al­len­falls mä­ßig über­zeu­gen­de Dop­pel­sta­tue. Tep­per er­ör­tert, wie es ge­ne­rell um Denk­mä­ler als Me­di­um und Pro­dukt der Sys­te­maus­ein­an­der­set­zung zu Zei­ten des Kal­ten Krie­ges be­stellt war, und ver­mit­telt, wie es da­zu kam, dass das, was qua­si als „Na­tio­nal­denk­mal“, als sym­bo­li­sche Über­hö­hung des Staats­zen­trums kon­zi­piert wur­de, „le­dig­lich als bild­künst­le­ri­sche Be­stü­ckung ei­ner Be­zirks­stadt en­de­te.“

Sach­sens be­deu­tends­ter Wand­ma­le­rei­zy­klus

Auch sonst ist das Spek­trum an The­men in der reich il­lus­trier­ten Pu­bli­ka­ti­on des Lan­des­am­tes für Denk­mal breit ge­fä­chert. Wer mit­tel­al­ter­li­cher Kunst et­was ab­ge­win­nen kann, wird vom Bei­trag über die go­ti­sche Aus­ma­lung der St. Just-kir­che zu Ka­menz un­ge­mein ent­zückt sein. Es han­delt sich „um den be­deu­tends­ten Wand­ma­le­rei­zy­klus in Sach­sen“, so­wohl nach Al­ter als auch nach Voll­stän­dig­keit und Er­hal­tungs­zu­stand, wo­bei die Ge­wöl­be­kap­pen mit En­geln be­malt sind und an den Wän­den die christ­li­che Heils­bot­schaft wie­der­ge­ge­ben ist. Es geht we­ni­ger um ei­ne kunst­his­to­ri­sche Be­trach­tung, son­dern viel­mehr um die Ent­de­ckung die­ser Cho­r­aus­ma­lung und die Schwie­rig­kei­ten ih­rer Er­hal­tung.

An gar­ten­denk­mal­pfle­ge­ri­schen The­men werden die Schloss­parks von Rö­tha und von Tie­fenau be­han­delt, die Schlös­ser selbst gibt es nicht mehr – sie wur­den zu Ddr-zei­ten ab­ge­ris­sen, wo­durch die säch­si­sche Kul­tur­land­schaft ein­mal mehr un­ter der Ägi­de des So­zia­lis­mus um kunst­his­to­risch be­deu­ten­de wie ge­schichts­träch­ti­ge Or­te är­mer wur­de. Fest­ge­hal­ten wird u.a., dass nicht zu­letzt der Rötha­er Lust­gar­ten Aus­druck eines an­spruchs­vol­len Le­bens­stils und der Ori­en­tie­rung an der Dresd­ner hö­fi­schen Gar­ten­kul­tur war, auch wenn er zu­nächst hin­sicht­lich sei­ner Glie­de­rung und Gar­ten­ele­men­te, die dem üb­li­chen Gestal­tungs­ka­non ba­ro­cker Lust­gar­ten ent­spra­chen, „als we­nig in­no­va­tiv an­zu­se­hen ist.“Aber nicht zu­letzt dank der Viel­zahl der Skulp­tu­ren als auch ob des Vor­han­den­seins von drei gro­ßen Was­ser­be­cken „mit Fon­tai­nen, die auf den ho­hen Anspruch der Gar­ten­be­sit­zer ver­wei­sen“, ha­be der Rötha­er Lust­gar­ten „zwei­fels­oh­ne Qua­li­tä­ten“auf­ge­wie­sen, „die über je­ne vie­le an­de­rer Guts­gär­ten im Kur­fürs­ten­tum hin­aus­reich­ten.“

In den Blick ge­nom­men wird auch die Schin­kel­wa­che am Dresd­ner Thea­ter­platz, die ei­ner­seits ein „Werk des Ber­li­ner Klas­si­zis­mus“sei und in der sich wie auch bei der Neu­en Wa­che in Ber­lin Schin­kels Ta­lent zei­ge, sei­ne Bau­ten „in die Um­ge­bung zu stel­len.“Als The­men des 20. Jahr­hun­derts werden – ne­ben den Ge­denk­stät­ten für die Ge­fal­le­nen des Ers­ten Welt­krie­ges – zu­dem das His­to­ri­en­ge­mäl­de im ehe­ma­li­gen Leh­rer­se­mi­nar zu Fran­ken­berg so­wie die von Schil­ling & Gra­eb­ner ent­wor­fe­ne Lei­chen­hal­le auf dem Dresd­ner St. Pau­li-fried­hof auf­ge­grif­fen.

Der In­dus­trie- und Ver­kehrs­ge­schich­te Sach­sens wid­men sich Bei­trä­ge zum ei­sen­bahn­his­to­ri­schen Are­al Chem­nitz-hil­bers­dorf und den in Leip­zig er­hal­te­nen äl­tes­ten deut­schen Bau­ten für die Luft­fahrt. Ein Auf­satz be­han­delt die durch den Kli­ma­wan­del stei­gen­de Be­deu­tung des Licht­schut­zes für Kunst- und Kul­tur­gut, in­for­miert wird zu­dem über die für die re­gio­na­le Ge­schich­te wich­ti­gen Zeug­nis­se der Kar­ten­ge­schich­te: die Vier­mei­len­blät­ter der Ober­lau­sitz, die im Kon­text der da­ma­li­gen po­li­ti­schen Ver­hält­nis­se und der an­de­ren da­mals er­folg­ten Lan­des­ver­mes­sung zu be­trach­ten sind. Ein­fach war die Ver­mes­sung nicht ge­we­sen – al­lein des­halb nicht, weil die Si­gnal­stan­gen, die man für die Tri­an­gu­la­ti­on auf­stell­te, oft ge­stoh­len wur­den und da­durch die Ver­mes­sungs­punk­te ih­res Stand­or­tes ver­lus­tig gin­gen. In­for­ma­tio­nen über Ver­an­stal­tun­gen, Aus­stel­lun­gen so­wie Per­so­na­lia run­den die­ses Jahr­buch in­halt­lich ab.

Lan­des­amt für Denk­mal­pfle­ge (Hg.): Denk­mal­pfle­ge in Sach­sen. Jahr­buch 2019. Sand­stein Ver­lag, 176 Sei­ten mit zahl­rei­chen, meist farb. Ab­bil­dun­gen, 15 Eu­ro, ISBN 978-3-95498-549-4

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FO­TOS (3): AUS „JAHR­BUCH DENK­MAL­PFLE­GE“ Haupt­schau­fas­sa­de der Lei­chen­hal­le des St.-pau­li Fried­hofs um 1970.
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Das Krie­ger­denk­mal hin­ter dem Chor der Dresd­ner Lu­ther­kir­che von Au­gust Scheit­mül­ler im Jahr 1929.
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De­tail­auf­nah­me der Chor­süd­wand der Ka­men­zer St. Just-kir­che. Blind­fens­ter nach der Re­stau­rie­rung 1937.

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