Dresdner Neueste Nachrichten

Bru­ce Wil­lis’ klei­ne Schwes­ter

Zdf-er­mitt­le­rin No­ra Weiss prü­gelt sich oh­ne je­des Zei­chen von Em­pa­thie durch ih­ren Fall „Schlaf­los“– legt da­bei aber im­mer­hin ein ho­hes Tem­po vor

- Von Ernst Corinth Bruce Willis · ZDF · Schleswig · Kamera · Sweden · Maria Heland · Anastasios Soulis · Rainer Bock

Die Frau­en­power nimmt zu – auch in deut­schen Fern­seh­kri­mis, in de­nen im­mer öf­ter weib­li­che Er­mitt­le­rin­nen das Sa­gen ha­ben. Auf die­sen Trend setzt auch das ZDF mit sei­ner Rei­he „So­lo für Weiss“, die al­ler­dings nur ein­mal im Jahr ei­nen Fall lö­sen darf.

Im Mit­tel­punkt steht die Kie­ler Lka-ziel­fahn­de­rin No­ra Weiss (An­na Ma­ria Mü­he). Ei­ne leicht au­tis­ti­sche Frau, die sich um Di­enst­vor­schrif­ten we­nig küm­mert, für die Em­pa­thie nur ein Fremd­wort ist und die so eis­kalt agiert, dass es als Zu­schau­er recht schwer­fällt, mit die­sem mensch­li­chen Eis­block mit­zu­fie­bern oder gar mit­zu­lei­den.

In ih­rem ak­tu­el­len Fall „Schlaf­los“, dem ins­ge­samt fünf­ten seit 2016, tritt Weiss auf, als wä­re sie die klei­ne Schwes­ter des „Stirb lang­sam“-stars Bru­ce Wil­lis. Ähn­lich wie der schlaf­lo­se US-COP schießt und prü­gelt sie sich durch die Ge­schich­te. Ver­let­zun­gen, see­li­scher oder auch phy­si­scher Na­tur, kümmern sie nicht – manch­mal al­ler­dings voll­bringt sie zwi­schen­durch klei­ne me­di­zi­ni­sche Wun­der. Haupt­sa­che, sie kann den schwer psy­cho­pa­thi­schen Ober­schur­ken am En­de ding­fest machen.

Mit all dem kann man als Kri­mi­und Thril­ler­freund gut le­ben, zu­min­dest wenn es halb­wegs un­ter­halt­sam ist. Doch steckt die­se Ge­schich­te vol­ler Lo­gik­feh­ler und er­zäh­le­ri­schen Son­der­bar­kei­ten, ge­le­gent­lich wirkt das Ge­sche­hen so­gar un­frei­wil­lig ko­misch.

Da­für aber ist die­ser Mum­pitz so atem­be­rau­bend ra­sant von Re­gis­seu­rin Ma­ria von He­land in­sze­niert und ge­schnit­ten, dass man der Sto­ry vor al­lem in der zwei­ten Hälf­te kaum noch fol­gen kann. Da sieht man bei­spiels­wei­se in ei­ner Sze­ne, wie Weiss in ei­ner Au­to­bahn­toi­let­te ih­re blu­ten­de Schuss­wun­de ver­sorgt, dann folgt ein Schnitt – und so­fort da­nach ist sie mit­ten in ei­nem Po­li­zei­ein­satz zu ent­de­cken. Das be­kommt nur Bru­ce Wil­lis‘ klei­ne Schwes­ter hin.

Lang­wei­lig ist „Schlaf­los“je­den­falls nicht, da­für viel zu viel in kür­zes­ter Zeit – al­ler­dings auf hu­mor­lo­se Wei­se. Schon der Be­ginn hat es in sich.

Der schwe­di­sche Dro­gen­händ­ler Je­sper Alm (Ana­st­a­si­os Sou­lis) soll bei ei­ner Po­li­zei­ak­ti­on im Ha­fen fest­ge­nom­men werden. Doch der Ein­satz, bei dem sich der Ein­satz­trupp düm­mer an­stellt, als es die Po­li­zei auch in Schles­wig-hol­stein er­laubt, geht jäm­mer­lich schief. Alm kann nicht nur auf ei­nem von ihm of­fen­bar vor­sorg­lich gut ver­steck­ten Mo­tor­rad flie­hen, er er­schießt auch noch ei­ne von zwei jun­gen Frau­en, die ihn aus bis zum Schluss rät­sel­haf­ten Grün­den be­glei­ten. Die To­te ist die Toch­ter ei­ner rei­chen Fa­mi­lie, die mit No­ras Va­ter, dem Pas­tor Rai­ner Weiss (Rai­ner Bock), be­freun­det ist.

Das macht so­gar Eis­zap­fen Weiss be­trof­fen, zu­min­dest ein klei­nes biss­chen. Em­pa­thie ist halt nicht ihr Ding, wie sie kur­ze Zeit spä­ter gleich be­weist, als sie wäh­rend der To­ten­fei­er un­ge­rührt die Fa­mi­lie der Er­schos­se­nen zur Tat be­fragt.

„So­lo für Weiss“/ ZDF Mit An­na Ma­ria Mü­he Heu­te, 20.15 Uhr ★★★★★

Da­bei tun sich Ab­grün­de auf, wie man sie in Fern­seh­fil­men nur in wirk­lich wohl­ha­ben­den Fa­mi­li­en­dy­nas­ti­en fin­det. Zwi­schen­durch wird Weiss‘ Va­ter mit­samt Haus­häl­te­rin ent­führt, schwe­di­sche Ope­ret­ten­na­zis tre­ten auf, und die Er­mitt­le­rin sperrt ih­ren Vor­ge­setz­ten (Han­nes Hellmann) in die As­ser­va­ten­kam­mer. Das sind nur drei von vie­len wun­der­sa­men Din­gen, die hier in nur 90 Mi­nu­ten ge­sche­hen – und auf die man ent­we­der mit Kopf­schüt­teln oder mit Er­hei­te­rung re­agiert.

Was sich die Dreh­buch­au­to­ren Kath­rin Rich­ter und Jür­gen Schla­gen­hof bei die­ser un­fass­bar wil­den Mix­tur ge­dacht ha­ben, bleibt ihr Ge­heim­nis. Glaub­haft ist das al­les auch nicht an­satz­wei­se, aber da­für ist es gut ge­filmt (Ka­me­ra: Cris­ti­an Pir­jol).

So kor­re­spon­diert die Käl­te der win­ter­li­chen Bil­der ex­zel­lent mit der in­ner­li­chen Fros­tig­keit der Haupt­dar­stel­le­rin. Da­zu gibt es schö­ne Road­mo­vie­sze­nen beim Aus­flug des Film­teams nach Schwe­den – ob­wohl die­ser Trip er­zäh­le­risch gänz­lich über­flüs­sig ist.

 ?? FO­TO: CHRIS­TI­NE SCHRO­EDER/ZDF ?? Klei­ner, aber oho: No­ra Weiss (An­na Ma­ria Mü­he) zwi­schen Jan Geiss­ler (Pe­ter Jor­dan, links) und Si­mon Brandt (Jan Krau­ter).
FO­TO: CHRIS­TI­NE SCHRO­EDER/ZDF Klei­ner, aber oho: No­ra Weiss (An­na Ma­ria Mü­he) zwi­schen Jan Geiss­ler (Pe­ter Jor­dan, links) und Si­mon Brandt (Jan Krau­ter).

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