Dresdner Neueste Nachrichten

Ei­ne Pas­sa­gier­lis­te in die Emi­gra­ti­on

Die Staat­li­chen Samm­lun­gen für Kunst und Wis­sen­schaft 1933-45

- Von Ka­trin Nitzsch­ke Arts · Dresden · Adolf Hitler · Hitler family · Auch · Linz · Germany · United States of America · Vienna · Cologne · Weimar · Böhlau Verlag · Nazi Party

Der Ein­band lässt zu­nächst auf ein „bio­gra­phi­sches Hand­buch“– so die Be­zeich­nung im Vor­wort der Ver­fas­se­rin – schlie­ßen, aber das Buch ist viel­mehr als das. Ka­rin Mül­ler-kel­wing ist es ge­lun­gen, im Zu­sam­men­hang mit der Pro­ve­ni­en­z­for­schung an den Staat­li­chen Kunst­samm­lun­gen ei­ne wich­ti­ge Etap­pe Dresd­ner Kul­tur­ge­schich­te zu un­ter­su­chen und so­mit ei­nen Ein­blick in den All­tag der Dresd­ner Vor­läu­fer­in­sti­tu­ti­on der heu­ti­gen Staat­li­chen Kunst­samm­lun­gen Dres­den im „Drit­ten Reich“zu ver­mit­teln.

Durch die vor­lie­gen­den Do­ku­men­te konn­te der Ein­fluss des na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Staa­tes auf die Ar­beit der Mu­se­en eben­so nach­ge­wie­sen werden wie das Wir­ken ein­zel­ner Mit­ar­bei­ter – vom über­zeug­ten Par­tei­ge­nos­sen über die Mit­läu­fer bis zu den Aus­ge­grenz­ten, dar­un­ter zäh­len auch die so ge­nann­ten „nich­ta­ri­schen“An­ge­stell­ten.

Wö­chent­li­che Ap­pel­le der „Ge­folg­schaft“, das Auf­stel­len der Hit­ler-büs­ten und das ge­mein­sa­me Hö­ren der „Füh­rer­re­den“im Ra­dio be­stimm­ten die Ar­beit eben­so wie auch die z. T. ideo­lo­gisch ori­en­tier­ten Aus­stel­lun­gen. Auch Mo­der­ni­sie­run­gen, die bis heu­te zur Pra­xis der Samm­lun­gen ge­hö­ren, werden be­nannt wie die Mu­se­ums­wo­che oder der Ein­satz von Fil­men wäh­rend der Aus­stel­lun­gen. Die Ver­fas­se­rin be­lässt es aber nicht da­bei.

Der Ver­qui­ckung des Lei­ters der Ge­mäl­de­ga­le­rie Hans Pos­se wird hier bei­spiels­wei­se nach­ge­gan­gen, der als „Son­der­be­auf­trag­ter des Füh­rers“durch ein eu­ro­pa­wei­tes (Um)ver­tei­lungs­pro­gramm be­schlag­nahm­ter, aber auch an­ge­kauf­ter Kunst­wer­ke das in Linz ge­plan­te „Füh­rer­mu­se­um“auf­bau­en soll­te und da­durch zu ei­nem Haupt­ver­ant­wort­li­chen des na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Kun­straubs wur­de, aber auch der Ver­fol­gung nicht li­ni­en­treu­er Mit­ar­bei­ter. Dies wird vor al­lem im zwei­ten Teil des opu­len­ten Ban­des deut­lich, der ein aus­führ­li­ches Per­so­nen­ver­zeich­nis ent­hält.

Hier be­schränkt sich die Au­to­rin nicht auf rein bio­gra­phi­sche An­ga­ben. Sie fügt zu je­der Per­son ei­ne aus­führ­li­che Be­schrei­bung hin­zu, so­weit es die Qu­el­len­la­ge zu­lässt. So­mit kann der Le­ser nach­voll­zie­hen, wie die ein­zel­nen Mit­ar­bei­ter sich dem Ns-sys­tem ge­gen­über ver­hiel­ten: alt­ge­dien­te Par­tei­ge­nos­sen, die nach 1933 Kar­rie­re mach­ten, we­gen des be­ruf­li­chen Vor­an­kom­mens in die NSDAP ein­ge­tre­te­ne und we­gen ih­rer Her­kunft und Über­zeu­gung dis­kri­mi­nier­te. Mül­ler­kel­wing be­lässt es aber nicht da­mit, son­dern ver­folgt de­ren Weg nach 1945.

Da­bei wird deut­lich, dass die Ent­wick­lung im Kul­tur­be­trieb an­de­ren Be­rei­chen im Nach­kriegs­deutsch­land gleicht. Vie­le Mit­ar­bei­ter, die we­gen ih­rer Ar­beit bzw. Par­tei­mit­glied­schaft mit Ent­las­sung bzw. Straf­ver­fol­gung rech­nen muss­ten, gin­gen nach West­deutsch­land. Dort mach­ten vie­le von ih­nen Kar­rie­re, in­dem sie ih­re Ver­gan­gen­heit ver­schwie­gen bzw. ver­harm­los­ten. Die­je­ni­gen, die in Dres­den blie­ben und sich kei­nes Ver­ge­hens schul­dig ge­macht hat­ten, aber Mit­glied der NDSAP wa­ren, wur­den ent­las­sen und ka­men in der Re­gel nicht mehr in den öf­fent­li­chen Dienst.

Un­ter den 29 Per­so­nen, die auf dem Um­schlag ab­ge­bil­det wur­den, be­fin­den sich zwei Frau­en, da­von in der un­te­ren Rei­he An­na Lö­wen­thal. Sie muss­te ih­re Tä­tig­keit in der Säch­si­schen Lan­des­bi­blio­thek, die da­mals zu den Staat­li­chen Samm­lun­gen zähl­te, we­gen ih­rer jü­di­schen Her­kunft auf­ge­ben. Ka­rin Mül­ler-kel­wing ge­lang es, die Pas­sa­gier­lis­te des Damp­fers aus­fin­dig zu machen, mit dem die Bi­b­lio­the­ka­rin in letz­ter Mi­nu­te Deutsch­land ver­las­sen und in die USA emi­grie­ren konn­te – ein Bei­spiel für das be­rüh­ren­de Schick­sal und die akri­bi­sche Au­f­ar­bei­tung.

Ka­rin Mül­ler-kel­wing: Zwi­schen Kunst, Wis­sen­schaft und Po­li­tik. Die Staat­li­chen Samm­lun­gen für Kunst und Wis­sen­schaft in Dres­den und ih­re Mit­ar­bei­ter im Na­tio­nal­so­zia­lis­mus, her­aus­ge­ge­ben von den Staat­li­chen Kunst­samm­lun­gen Dres­den und Gil­bert Lup­fer. – Wi­en, Köln, Wei­mar: Böhlau, 2020 ISBN: 978-3-412-51863-9

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