Dresdner Neueste Nachrichten

Wan­del­kunst, mi­ni­mal­ge­formt

Die Säch­si­sche Aka­de­mie der Küns­te wid­me­te sich „Künst­li­chen Pa­ra­die­sen“.

- Von Alex­an­der Keuk www.sadk.de Arts · Paris · Dresden Academy of Fine Arts · Dresden · Charles Baudelaire

In Ar­thur Schnitz­lers „Grü­nem Kaka­du“wird in ei­ner Spe­lun­ke die Traum- und Thea­ter­welt be­schwört, wäh­rend drau­ßen die Re­vo­lu­ti­on in Pa­ris vor­bei­tobt. Chef der Knei­pe ist ein ehe­ma­li­ger Thea­ter­di­rek­tor, und die Be­su­cher schlüp­fen in al­ler­hand Rol­len. Da­mit wird das Drau­ßen er­trag­bar, zu­min­dest so­lan­ge man die Il­lu­si­on eines „künst­li­chen Pa­ra­die­ses“drin­nen auf­recht er­hal­ten kann.

Se lebt noch, die Kunst – im Wan­deln er­fah­ren

Auch wenn bei der mul­ti­per­fo­ma­ti­ven Ver­an­stal­tung der Säch­si­schen Aka­de­mie der Küns­te in den Kunst­samm­lun­gen im Ja­pa­ni­schen Pa­lais am Sonn­abend eher Bau­de­lai­re mit sei­nem gleich­na­mi­gen Es­say­band be­schwo­ren und ge­wür­digt wur­de – Oda Pretz­sch­ner und Lars Jung mit ei­ner star­ken Per­for­mance –, wa­ren auch Schnitz­lers Wel­ten nicht weit ent­fernt. Für ei­ne Gro­tes­ke hät­te al­ler­dings noch mehr Ab­sei­ti­ges, Pro­vo­kan­tes oder Ka­ri­kie­ren­des an­ge­bo­ten werden müs­sen, doch Aka­de­mie­prä­si­dent Holk Frey­tag war in sei­ner Be­grü­ßung zu­nächst ein­mal heil­froh, dass sich an­ge­sichts von Auf­la­gen und Be­stim­mun­gen die Kunst an die­sem Abend ent­fal­ten durf­te.

Da nur ei­ne Hun­dert­schaft In­ter­es­sier­te sich über­haupt auf die Räu­me ver­tei­len durf­te, um­weh­te ei­ne Wol­ke des ex­klu­si­ven Kunst­ge­nus­ses den gan­zen Abend und ging das Statt­fin­den des klei­nen Kunst­fes­tes ein­her mit ei­ner Wan­del­kon­zep­ti­on: Sän­ge­rin­nen und Sän­ger des En­sem­bles Au­di­tiv­vo­kal Dres­den führ­ten das Pu­bli­kum durch die Räu­me der ak­tu­el­len Aus­stel­lung „In­spi­ra­ti­on Hand­werk“, die durch et­wa ein Dut­zend Per­for­man­ces – vor­wie­gend ge­stal­tet durch Mit­glie­der der Aka­de­mie – be­lebt und teil­wei­se auch kom­men­tiert oder ge­spie­gelt wur­den.

Der Hauch ei­ner Gro­tes­ke blieb dann doch den gan­zen Abend be­ste­hen, wenn­gleich nicht im­mer ab­sichts­voll. Im Hof zwei­felt Schrift­stel­ler Vol­ker Braun noch ne­ben ei­nem Heiz­pilz ste­hend: „Soll ich hier wirk­lich le­sen?“Er kann über­zeugt werden und bringt Ver­se aus sei­nem Zy­klus „Gro­ße Fu­ge“zu Ge­hör – ei­ne Art ly­ri­scher Ver­schlag­wor­tung eines aus ak­tu­el­len Er­eig­nis­sen ge­bo­re­nen Wort­schat­zes, den wir seit ei­nem hal­ben Jahr ken­nen, fol­gen und (be-) fürch­ten ler­nen.

Vom Bal­kon des von Clau­dia Reh pracht­voll il­lu­mi­nier­ten Pa­lais tönt das Volks­lied „Ach Els­lein“, der Ca­te­rer bie­tet „Mou­se au cho­co­lat“und „Win­ter­grüt­ze“an. Im Haus tanzt Kat­ja Er­furth zu Flo­ri­an May­ers Gei­gen­klän­gen, die Hel­mut Oeh­ring aufs Pa­pier ge­bracht hat. Ei­ne span­nen­de vi­su­el­le Ebe­ne bil­det der im Hin­ter­grund ge­zeig­te Film von Do­na­ta Wen­ders über die Tra­di­ti­on des Web­stuhl­hand­werks, der viel­fäl­ti­ge As­so­zia­tio­nen zu Fä­den, Sai­ten und Kör­pern zu­lässt.

Drau­ßen klopft Kom­po­nist und Per­cus­sio­nist Ma­nos Ts­an­ga­ris der­weil an den Hoch­bee­ten die neu­es­te Ly­rik von Mar­cel Bey­er („Dä­mo­nen­räum­dienst“) auf klang­li­che Qua­li­tä­ten ab, das ist so schön ne­ben­bei per­formt, dass man sich schließ­lich doch beim Zu­hö­ren er­wischt. Beim Tanz von Ni­co­la Brock­mann („Lee­re und Form“von Wolf­gang H Scholz), die sich aus ei­ner Plas­tik­fo­lie schält, soll ich mich bit­te hin­set­zen, man sä­he ja gar nichts.

Fünf Ly­ri­ker ha­ben sich drin­nen in­zwi­schen den un­ge­müt­lichs­ten Raum hin­ter dem Mu­se­ums­shop ge­wählt und ver­tei­len am Steh­pult eher we­nig pa­ra­die­si­sche Wor­te, zum Teil aus dem Os­terz­ge­bir­ge. Sehr in­tim wird es auch im Raum von Su­san­ne Stock, die kur­ze So­lo­stü­cke auf dem Ak­kor­de­on spielt, die aber, wie et­wa „Jour­nal Nr. 6“von An­net­te Schlünz, sehr fein­ge­web­te Struk­tu­ren und Cha­rak­te­re ha­ben und in groß­ar­ti­ger Span­nung er­klin­gen. In der Mu­sik ver­lie­ren, das geht al­so noch. Drau­ßen steht Vol­ker Braun auf der Büh­ne und sagt „Ich bre­che jetzt ab.“

In merk­wür­di­ger Wei­se zur der­zei­ti­gen Welt­z­ä­sur pas­send

Um zehn ist das klei­ne Kunst­fest zu En­de; sie lebt noch, die Kunst – im Wan­deln er­fah­ren und in Räu­me ver­zurrt, mi­ni­mal­ge­formt. Dass ei­ne Tanz­per­for­mance von Iri­na Pauls da­bei im Hof marsch­ma­schi­nell auf der Stel­le trat, pass­te in merk­wür­di­ger Wei­se zur der­zei­ti­gen Welt­z­ä­sur. Die „künst­li­chen Pa­ra­die­se“in­des gilt es wei­ter zu be­wah­ren, aber auch zu be­fra­gen.

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