„Ja, sind die Men­schen ra­send ge­wor­den?“

Pe­ter Si­mo­ni­schek über den Film „Der Dol­met­scher“,rechts­po­pu­lis­ten und den Ver­bleib sei­ner „To­ni Erd­mann“-ha­sen­zäh­ne

Eichsfelder Tageblatt - - KULTUR -

Herr Si­mo­ni­schek, was hat sich in Ih­rem Le­ben seit dem sen­sa­tio­nel­len „To­ni Erd­mann“-er­folg ge­än­dert?

Ich be­kom­me bes­se­re Dreh­bü­cher! Je­den­falls mehr als vor „To­ni Erd­mann“. Ich ha­be zum Bei­spiel den Thril­ler „Kursk“ge­dreht mit dem dä­ni­schen Re­gis­seur Tho­mas Vin­ter­berg über den Un­ter­gang ei­nes rus­si­schen Atom-u-boots in der Ba­r­ents­see. Wich­tig ist mir auch „Cre­scen­do“: Da spie­le ich den Di­ri­gen­ten ei­nes is­rae­lisch-pa­läs­ti­nen­si­schen Ju­gend­or­ches­ters, das am Rand ei­ner Nahost-frie­dens­kon­fe­renz ein Kon­zert in Süd­ti­rol ge­ben soll - ge­cas­tet wur­den tat­säch­lich Is­rae­lis und Pa­läs­ti­nen­ser. Und dann ist da na­tür­lich „Der Dol­met­scher“.

Und bei dem ist end­gül­tig Schluss mit lus­tig: Der Sohn ei­nes Ns-tä­ters reist in die Slo­wa­kei, um mehr über die Ver­bre­chen sei­nes Va­ters her­aus­zu­fin­den. Wie­so ge­ra­de jetzt so ein Film?

Da­hin­ter steckt die Be­ob­ach­tung, dass vie­ler­orts der Ver­such ge­star­tet wird, die Ver­gan­gen­heit zu ma­ni­pu­lie­ren – auch in der Slo­wa­kei. Dort wird, ge­nau wie et­wa in Po­len, Ge­schichts­klit­te­rung be­trie­ben.

Rechts­po­pu­lis­ten gibt es nicht nur im Os­ten Eu­ro­pas.

Wir Ös­ter­rei­cher ken­nen uns da aus: Ich er­in­ne­re nur an den Skan­dal um un­se­ren Prä­si­den­ten Kurt Wald­heim in den Acht­zi­gern. Die Ös­ter­rei­cher ha­ben nach dem Zwei­ten Welt­krieg sehr gern die Sicht­wei­se der Al­li­ier­ten über­nom­men, wo­nach wir die ers­ten Op­fer des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus wa­ren. Beim so­ge­nann­ten An­schluss 1938 ans Deut­sche Reich sah es al­ler­dings gar nicht nach Zwang aus.

Ver­ste­hen Sie den „Dol­met­scher“als ei­ne Auf­for­de­rung, noch ein­mal bei El­tern und Groß­el­tern nach­zu­fra­gen, be­vor es zu spät ist?

Der pen­sio­nier­te Wie­ner Leh­rer, den ich spie­le, ver­kör­pert ei­ne ty­pisch ös­ter­rei­chi­sche Men­ta­li­tät. Der Mann hat sich lan­ge mit den Ns-ver­bre­chen sei­nes Va­ters ar­ran­giert. Wir ha­ben da ei­ne schö­ne For­mu­lie­rung: „Mei, des geht sich eh aus.” Aber durch die Kon­fron­ta­ti­on mit dem Sohn ei­nes Op­fers - der ihn dann als Dol­met­scher auf der Slo­wa­kei-rei­se be­glei­tet - kann er nicht mehr län­ger ver­drän­gen. Die­ser Film sagt: Es ist nie zu spät, sich um die Ver­gan­gen­heit zu küm­mern.

Ob Ihr Film da­zu mo­ti­viert, es zu ver­su­chen?

Ich kom­me ge­ra­de vom Jü­di­schen Film­fes­ti­val in New Brunswick in den USA. Dort soll­te ich Aus­kunft ge­ben über den „Dol­met­scher“, aber ei­gent­lich war ich ein ler­nen­der

Der Schau­spie­ler Pe­ter Si­mo­ni­schek spielt in Ma­ren Ades Tra­gi­ko­mö­die „To­ni Erd­mann“mit.

Zu­hö­rer: Ei­ne Frau er­zähl­te, wie das für sie war, mit Kin­dern von Na­zi­grö­ßen bei ei­ner Art Work­shop zu­sam­men­zu­tref­fen. Ein Tä­ter-sohn sag­te ihr: „Wis­sen Sie ei­gent­lich, wie das ist, wenn der ei­ge­ne Va­ter ein Mas­sen­mör­der ist?“Bis da­hin hat­te sie nie die Mög­lich­keit, Em­pa­thie zu ent­wi­ckeln für sol­che Men­schen. Und doch ist es na­tür­lich ei­ne An­ma­ßung, so et­was je­man­dem an den Kopf zu wer­fen, der sei­ne Fa­mi­lie im KZ ver­lo­ren hat.

Ha­ben Sie mal Ih­rer ei­ge­nen Fa­mi­li­en­ge­schich­te nach­ge­spürt?

Mein Va­ter war sechs Jah­re lang bei der Deut­schen Wehr­macht. Er war Den­tist und ver­brach­te die letz­ten zwei, drei Jah­re hin­ter der Front in der Zahn­sta­ti­on ei­nes La­za­retts. Zu­vor war er beim Frank­reich-feld­zug und auf der Krim da­bei.

Hat er vom Krieg er­zählt?

Von den schlimms­ten Ns-ver­bre­chen er­fuhr ich als Zwölf­jäh­ri­ger: Mein Groß­va­ter nahm mich mit ins Ki­no in ei­nen Do­ku­men­tar­film, den die Ame­ri­ka­ner nach der Be­frei­ung von Au­schwitz ge­dreht hat­ten. Ber­ge von Lei­chen ha­be ich dar­in ge­se­hen. Mei­ne Fa­mi­lie hat das mei­nem Groß­va­ter, ei­nem über­zeug­ten So­zi­al­de­mo­kra­ten, übel ge­nom­men, aber er sag­te: Der Jun­ge kann das gar nicht früh ge­nug er­fah­ren. Ich bin ihm da­für dank­bar.

Macht man sich mit ei­nem Film wie „Der Dol­met­scher“Freun­de bei je­ner Be­völ­ke­rungs­hälf­te, die heu­te so laut „Ös­ter­reich First“schreit?

Für die­se Hälf­te ist das The­ma Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung Schnee von ges­tern. Die­se Leu­te ge­hen ga­ran­tiert nicht in so ei­nen Film.

In Deutsch­land hat jüngst ein rechts­po­pu­lis­ti­scher Po­li­ti­ker die Ns-zeit als „Flie­gen­schiss der Ge­schich­te“be­zeich­net: Wie ge­hen Sie mit ähn­li­chen Sprü­chen in Ös­ter­reich um?

Wis­sen Sie, wenn Sie je­den Blöd­sinn zu kon­tern ver­su­chen, der da aus die­sen Mäu­lern her­vor­spru­delt, dann kom­men Sie gar nicht mehr nach. In­zwi­schen ist es ja sa­lon­fä­hig ge­wor­den, ganz be­wusst mit der Un­wahr­heit zu pro­vo­zie­ren. Und zwar über­all auf der Welt: In Bra­si­li­en wird je­mand Prä­si­dent, der die Dik­ta­tur ver­herr­licht. Was ist das für ei­ne ir­re Welt! Ja, sind die Men­schen ra­send ge­wor­den?

Las­sen Sie im Wie­ner Burg­thea­ter manch­mal den Blick übers Pu­bli­kum wan­dern und fra­gen sich, wel­che Ho­no­ra­tio­ren da un­ten wohl die FPÖ wäh­len?

Was ein Fpö­ler denkt, ist mir wurscht. Die­sen ganz rech­ten Ty­pen be­geg­ne ich auch gar nicht, die ken­ne ich nicht. Die tau­chen ir­gend­wie nicht wirk­lich auf.

Zu­min­dest in Deutsch­land er­wacht ge­ra­de die ge­sell­schaft­li­che Mit­te, die ihr Land ge­gen rechts ver­tei­di­gen will. Auch in Ös­ter­reich?

Wir krie­gen vi­el­leicht nicht ei­ne Vier­tel­mil­li­on auf die Stra­ße wie neu­lich bei Ih­nen in Ber­lin. Aber auch hier gibt es im­mer mehr Ak­tio­nen für die De­mo­kra­tie. Zum Bei­spiel wird ge­ra­de ge­gen die Ab­sicht der ös­ter­rei­chi­schen Re­gie­rung mo­bi­li­siert, sich aus dem Un-mi­gra­ti­ons­pakt zu­rück­zu­zie­hen. Die Em­pö­rung ist ge­wal­tig.

Wird der Pro­test Er­folg ha­ben?

Je­den­falls glau­be ich im­mer noch, dass es in Ös­ter­reich ei­ne pro­eu­opäi­sche Mehr­heit gibt. Der Rechts­ruck in die­sem Land ist nicht so stark, wie das manch­mal im Aus­land er­schei­nen mag. Ich hof­fe, dass ich da nicht blau­äu­gig bin.

Die Slo­wa­ken ha­ben den „Dol­met­scher“für den Aus­lands-os­car ins Ren­nen ge­schickt: Flie­gen Sie bald wie­der nach Hol­ly­wood, so wie mit „To­ni Erd­mann“?

Ich wa­ge da kei­ne Pro­gno­se. 85 Län­der be­wer­ben sich um den Aus­land­sos­car, das sind ganz schön vie­le.

Ha­ben Sie ei­gent­lich noch Ih­re „To­ni Erd­mann“-ha­sen­zäh­ne?

Na­tür­lich! Und zwar al­le acht Pro­the­sen, die ich da­mals beim Dre­hen brauch­te. Da kann ja auch kein an­de­rer was mit an­fan­gen. Die pas­sen nur mir. Aber be­vor Sie fra­gen: Ich tra­ge Sie nicht mehr, auch nicht heim­lich zu Hau­se. In­ter­view: Ste­fan Stosch

FO­TO: HAUS­NER

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