Zwi­schen Zy­nis­mus und Zärt­lich­keit

Sun­na Huy­gen ver­mengt Kri­ti­sches zu Po­li­tik und Ge­sell­schaft mit Poe­sie im Rah­men der Les­bi­sch­wu­len Kul­tur­ta­ge auf der Büh­ne des Apex

Eichsfelder Tageblatt - - KULTUR - Von Jörg Linn­hoff

Göt­tin­gen. Sun­na Huy­gen ist der Mei­nung, dass ei­ne or­dent­li­che Por­ti­on Ka­ba­ret­tis­mus durch­aus för­der­lich sei, um als Frau im Hand­werk geis­tig ge­sund zu blei­ben. Mit ih­rem Pro­gramm „Ho­ri­zont, ge­schnit­ten oder am Stück“war sie im Rah­men der Les­bi­sch­wu­len Kul­tur­ta­ge 2018 zu Gast im gut be­such­ten Apex.

Huy­gen ist ge­lern­te Tisch­le­rin. Auf ih­rer an­schlie­ßen­den tra­di­tio­nel­len Wan­der­schaft trifft sie un­ter an­de­rem auch auf „ge­sell­schaft­li­che Aus­wüch­se wie Ras­sis­mus, Se­xis­mus, Lo­kal­po­li­tik, Fuß­ball­welt­meis­ter­schaf­ten und Rast­stät­ten­es­sen“. Die Er­fah­rung, dass „wü­tend sein auf der Büh­ne mehr Spaß macht als al­lein in der Kü­che, und Hu­mor ei­ne gu­te Mög­lich­keit des Um­gangs mit Wahn­sinn ist“, bringt sie letzt­end­lich zum Ka­ba­rett.

Live-ba­cken mit He­fe­ku­chen ist zu Be­ginn die De­vi­se, ver­bun­den mit der Fra­ge, ob Ba­cken nicht auch Poe­sie sei? Nuy­gen taucht ein in ih­re reich­hal­ti­ge Ge­dan­ken­welt, jagt mit flin­ker, spit­zer Zun­ge durch ih­ren un­er­schöpf­li­chen, oft ak­tu­el­len The­men- und Fra­gen­ka­ta­log in­klu­si­ve „Zy­nis­mus­an­fall“und for­dert das Pu­bli­kum im gut ge­füll­ten Apex zum auf­merk­sa­men Zu­hö­ren. Es geht um die Mög­lich­kei­ten, nach rechts, links und über den Tel­ler hin­aus zu bli­cken. Und wenn sie nicht mehr wis­se, wo oben und un­ten sei, dann ba­cke sie Schwarz-weiss-ge­bäck, so Huy­gen.

Vor­über­ge­hen­de Ab­schaf­fung des Männerwahl­rechts

Trump und die AFD, Hei­mat­mi­nis­ter, die es vor­her noch nicht gab, Ra­ke­ten im Moor, Rechts­po­pu­lis­mus und Fa­schis­mus im Ge­den­ken an 80 Jah­re Reichs­po­grom­nacht, all die­se The­men fin­den Platz in ih­ren Aus­füh­run­gen. Sie for­dert aus Gleich­be­rech­ti­gungs­grün­den die vor­ü­fest­zu­stel­len, ber­ge­hen­de Ab­schaf­fung des all­ge­mei­nen Männerwahl­rechts. Der Kli­ma­wan­del sei nun auch in Eu­ro­pa an­ge­kom­men, was zu der prak­ti­schen Tat­sa­che füh­re, dass man nur Sun­na Nuy­gen, Ka­ba­ret­tis­tin noch Som­mer- und Win­ter­klei­dung be­nö­ti­ge. An­ne­gret Kramp-kar­ren­bau­er ist ein ums an­de­re Mal ihr Ziel, und sie stellt die Fra­ge nach Flucht­ur­sa­chen, um letzt­end­lich dass ihr Ver­hal­ten wie ei­ne Flucht­ur­sa­che sei.

Auf aben­teu­er­li­che Wei­se ins Un­ge­wis­se

Und wenn ihr das al­les zu viel wird, geht sie schwim­men. Bei ihr auf dem Land ma­che al­ler­dings so­gar das Schwimm­bad ei­ne Mit­tags­pau­se. Bäuch­lings auf dem Tisch, mit Schwimm­bril­le und Ba­de­kap­pe „schwimmt sie im­mer den Ka­cheln nach“. Da­bei lan­det sie in ih­rer ganz ei­ge­nen Welt mit Ham­mer­hai­en und Kreb­sen, und der Weg führt auf aben­teu­er­li­che Wei­se ins Un­ge­wis­se. Zu­rück in der Rea­li­tät sind es noch lan­ge 25 Me­ter, aber ih­re Mit­be­woh­ne­rin braucht das Au­to.

Zwi­schen­durch über­fällt sie Zärt­lich­keit. Es wird wei­ter ge­ba­cken, der Teig ge­floch­ten und ei­ner Be­su­che­rin über­ge­ben, da Nuy­gen bei ei­nem Zwi­schen­stopp in Han­no­ver ih­ren Ofen am Bahn­hof ha­be ste­hen las­sen. Ehr­li­cher Ka­pi­ta­lis­mus sei ihr lie­ber als schein­hei­li­ge Christ­de­mo­kra­ten, sie spricht über schlüs­sel­fer­ti­ge Bom­ben­fa­bri­ken, für de­ren Exis­tenz sich nie­mand ver­ant­wort­lich fühlt. Als Brit­ney und An­ge­hö­ri­ge der An­ti­pa wird sie zu ei­nem Li­vePo­lit­talk zum The­ma Pa­tri­ar­chat ge­la­den. Ei­ne Grün­der­zeit­vil­la in der Süd­stadt ist ih­re Ein­sam­keit und sie be­gibt sich er­neut auf ei­ne aben­teu­er­li­che Rei­se, dies­mal auf dem Rü­cken ei­ner klei­nen kit­schi­gen Put­te, die ih­re Rei­se­zie­le aus Nuy­gens Adress­buch wählt.

Zum Ab­schluss ih­res in­halts­rei­chen Vor­trags geht es noch mal poe­tisch um die Reich­wei­te un­se­res Ho­ri­zonts. Letzt­end­lich „wird uns ein klei­nes Pa­ket zu­ge­stellt, auf dem dann steht: Dein per­sön­li­cher Ho­ri­zont, je­de be­kommt, was sie ver­dient...“. Nuy­gen en­det mit den Wor­ten: „Wir ja­gen die Angst fort, die Angst vor den Men­schen. Da­zu brau­chen wir nur Zärt­lich­keit und Brot und Glück “. Ap­plaus oh­ne Zy­nis­mus und Iro­nie!

Hu­mor ist ei­ne gu­te Mög­lich­keit des Um­gangs mit Wahn­sinn.

FO­TO: LINHOFF

Sun­na Nuy­gen ver­mischt Ge­sell­schafts­kri­tik mit Poe­sie auf der Büh­ne des Apex.

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